Samstag, 1. September 2012

Darkwing Duck: Campaign Carnage

Dieser Artikel enthält Spoiler zu The Duck Knight Returns und F.O.W.L. Disposition.


Disneys Übernahme des Comicgiganten Marvel bot mehrmals Anlass zur Freude. Weltweit sitzt nun ein von Disney vertriebener Film auf Rang drei der Kinocharts, in den USA machen die Avengers sogar Hatz auf Titanic, Marvel-Attraktionen sind im Gespräch, den Walt Disney Studios Park aufzumöbeln und überhaupt passen beide Marken erstaunlich gut zusammen. Was gibt's da eigentlich zu klagen?

Einen großen Wermutstropfen hat die Ehe zwischen Disney und Marvel tatsächlich: Da der Disney-Konzern es als unsinnig betrachtete, einen Comicverlag zu besitzen und zugleich einem anderen Verlag die US-Lizenzen an seinen eigenen Figuren zu geben, ließ man die Einigung mit den Boom!Studios auslaufen. Während dies bei den von Kritikern geringschätzten DuckTales-Comics einer Erlösung gleichkam, war es im Falle der populären Darkwing Duck-Comicbände eine echte Schande. Und das nicht nur generell betrachtet, sondern insbesondere unter Berücksichtigung des Storyarcs Campaign Carnage, welcher offenbart, wie viel Schöpfungsreichtum noch in den Verantwortlichen steckte. Denn Darkwings vierter großer Comic-Handlungsfaden deutete an, dass die Boom!Studios mit ihm noch eigenständige, weit vorausgeplante Abenteuer hätten erzählen können. Statt aber nach den drei wilden "Wow, wir haben tatsächlich die Darkwing-Lizenz, lasst uns was damit anstellen!"-Fanfantasien eine neue Ära des Titels einzuleiten, wurde Campaign Carnage zum vorletzten Boom!Studios-Arc mit dem Schrecken, der die Nacht durchflattert.

Seit er seine Geliebte Morgana an irgendein Paralleluniversum verlor, tingelt Darkwing Duck von Medium zu Medium, hoffend, dass eines von ihnen eine Verbindung zur verschwundenen Hexendame aufbauen kann. Diese Hoffnungen werden allerdings durchwegs enttäuscht, was Darkwings Kampfeswillen nach und nach zerstört. In der Zwischenzeit verliert auch der Baseball-Pitcher Carmichael Q. Anthony seinen Antrieb: Während eines wichtigen Spiels verwandeln sich seine Bälle in diverse Gegenstände, weshalb er nervlich zusammenbricht und vom Platz gestellt werden muss. Weil er sich das Geschehene nicht erklären kann, steigert er sich in eine manische Phase hinein, die letztlich in seinen Wandel zu einem Superschurken mündet. Als er den Bürgermeister von St. Erpelsburg angreift, sieht dieser es als Anlass, von seinem Amt abzudanken. Darkwing, in einem Anflug der Überheblichkeit, fasst vor diesem Hintergrund einen exzentrischen Plan: Wenn er sich zum Bürgermeister wählen lässt, kann er noch effektiver gegen das Böse kämpfen, um so den Verlust weiterer seiner Lieben zu vermeiden. Aber der Einzug ins Rathaus wird nicht nur durch eine gehässige Gegenkandidatin, sondern auch durch Darkwings Freunde und neue Superschurken erschwert.

Womöglich wird es so manchen Leser enttäuschen, dass der vorletzte Darkwing Duck-Comicarc die Megalomanie seiner Vorläufer abstreift, statt auf dem Weg zum Finale hin weiter aufzudrehen. Betrachtet man Campaign Carnage allerdings alleinstehend oder aus der Warte, welche Richtung die Boom!Studios für künftige Bände einschlagen wollten, so zeigt sich dieser Hauch der Bescheidenheit als die korrekte Entscheidung. Der Weltuntergangsplot von F.O.W.L. Disposition drohte, die Darkwing-Comics zu erdrücken, darüber hinaus hätte ein weiterer Storyarc mit eskalierender Verrücktheit schnell langweilig werden können. Nicht zu vergessen, dass die ersten drei Darkwing Duck-Comicbände bei mir gen Schluss stets diesen Fanfic-Beigeschmack hatten. Das ist zum Start einer solchen Reihe noch vergnüglich und sympathisch, aber der Drang, größer, schneller, weiter, wilder als die Original-Fernsehserie zu sein, kann keine langlebige Reihe tragen. In F.O.W.L. Disposition fand ich sogar James Silvanis Disney-Cameos langsam ermüdend, sofern sie nicht zur cleveren Kategorie gehörten, wie die Drachen-Gravuren auf dem Duckthulhu-Schrein.

Campaign Carnage wendet sich von dieser Attitüde ab, die Gastauftritte von anderen Disney-Figuren beschränken sich auf eine Anzahl, die die eigentliche Geschichte nicht überrollen, längere Gastauftritte sind nur Figuren vergönnt, welche auch die Handlung vorantreiben und inhaltlich schlüssig sind. Bloß, dass in dne ikonischen St. Erpelsburger Turm das Dornröschenschloss eingearbeitet ist, war mir persönlich zu aufgesetzt.

Entscheidender ist allerdings die Story, welche deutlich besser aufgebaut und erzählt ist, als in F.O.W.L. Disposition, dessen unkonzentriertes Pacing der Geschichte viel Spannung und Schwung kostete. Jedes der vier Kapitel von Campaign Carnage (beziehungsweise jedes der in diesem Paperback zusammengefassten Hefte) verfügt über einen eigenen, flotten Spannungsbogen, wie er für eine überdurchschnittlich vergnügliche Darkwing Duck-Episode gut gewesen wäre. Durch den klaren roten Faden und eine sich stets zuspitzende Dramatik, welche erfreulicherweise nicht derart ausartet wie in den vorherigen Darkwing Duck-Paperbacks, ergibt sich aus den vier Einzelcomics eine spaßige, erfrischende und spannende Gesamtgeschichte. Auch wenn einige altbekannte Widersacher aus den Darkwing-Comics und dem größeren Disney-Comic-Universum darin vorkommen, so lenken sie nicht von den originellen neuen Schurken ab, die für diesen Storyarc erfunden wurden. Sie alle haben eine einfallsreiche "Wie ich zum Bösen wurde"-Hintergrundgeschichte und der wahnsinnig gewordene Pitcher Carmichael Q. Anthony unterhält zudem mit seiner Masche, unendlich viele Gegenstände werfen zu können - aber jeden nur einmal.

Darkwings Bestreben, Bürgermeister zu werden, ermöglicht eine atypische Geschichte, so wie auch in der Fernsehserie ab und an vom typischen Konzept abgewichen wurde. Zwar ist Darkwings Motivation sehr sprunghaft, obwohl sich Autor Ian Brill in den Boom!Comics um eine detaillierter erzählte Charakterisierung bemüht, doch sie ist noch immer plausibel und vollkommen "in character". Schließlich verrennt sich der gute Darkwing gerne in Ideen außerhalb seiner Fachkompetenz. Die politischen Seitenhiebe sind weitestgehend zeitlos und nehmen sich bloß die Absurditäten der US-Wahlkämpfe zur Zielscheibe. Dies, sowie die eigendynamische Rivalität zwischen Darkwing ("Ich muss das schaffen!") und Quack ("Ich weiß, was für Darkwing besser ist, und setze das hoffentlich um!"), liefern zahlreiche Steilvorlagen für großartigen Dialogwitz, der haargenau das Wesen der Figuren trifft und sich ab und an auch kleine selbstironische Angriffe erlaubt.

Weniger kann manchmal mehr sein: Der ambitionierte Funken eines Fanprojekts bleibt in Campaign Carnage bestehen, statt allerdings in einem Wahn möglichst viel Pulver zu verschießen und möglichst bombastische Comic-Slapstickaction zu zelebrieren, beherrschen sich die Comicmacher nun stärker und setzen auf ein kontrollierteres Pacing sowie eine leicht verschrobene, nicht zu weitschweifige Story. Diese ist nicht derart überwältigend wie die vorherigen Darkwing Duck-Storyarcs, dafür aber effektiver erzählt und dank einer gesunden Mischung aus Albernheit, Ernst, Action und Sprachwitz viel vergnüglicher als das überambitionierte Durcheinander von F.O.W.L. Disposition. Hätte die Darkwing Duck-Fernsehserie einen roten Faden gehabt, genau so wie dieser Band hätte der Einstieg in eine starke Staffel aussehen können.

Siehe auch:

1 Kommentare:

corny hat gesagt…

Vielen Dank für die tollen Darkwing Duck Reviews!!!
Jetzt muss nur endlich mal die Serie in Deutschland auf DVD rauskommen!

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