Dienstag, 26. März 2013

"Do the Harlem Shake!" -"Why Should I?" "Because!"

Der Hype um den dank seines abstrusen Musikvideos zum Welthit avancierte, massenhaft parodierte Gangnam Style war noch nicht völlig abgeklungen, da riss schon der nächste Internethype die Aufmerksamkeit der webaffinen Bevölkerung an sich. Der Harlem Shake. Im Gegensatz zum koreanischen Rapsong von Psy, der immerhin einen ohrwurmtauglichen Refrain hatte, kommt der Harlem Shake mit einem ziemlich kakophonischen Elektro-Trap-Beat daher. Und statt eines in seiner gewollten Albernheit ikonischen Musikvideos, das inklusive seiner einprägsamen Tanzschritte imitiert und persifliert wurde, macht sich nun ungeordnetes Gezappel im weltweiten Web breit.

Für all jene, die ein ähnlich selektives Internetmediennutzungsverhalten hegen und pflegen wie ich und deswegen am Harlem Shake vorbeigeschlittert sind oder ihn aufgrund von Übersättigung längst wieder aus ihrem Erinnerungsvermögen verbannt haben, seien hier zur Illustrierung ein paar Beispiele vorgeführt:









Auf die Gefahr hin, meine Internet-Nerd-Karte zu verspielen, gestehe ich gerne, dass mich der Harlem Shake anfangs völlig kalt ließ. Nicht nur, dass die zuvor genannten Vorzüge (um das Wort "Qualitäten" zu vermeiden) des Gangnam Style fehlten, ich sah auch keine Pointe in ihm. Insbesondere die Massenvideos irritierten mich völlig. Sie erinnern zunächst aufgrund der Größe der Teilnehmerzahlen an Tanz-Flashmobs, unterscheiden sich aber in einem ganz wichtigen Aspekt: Solche Flashmobvideos sind entweder beeindruckend, weil zahlreiche Menschen einer exakt geplanten Choreographie folgen oder sie sind witzig, weil die eingeweihten Teilnehmer auf ahnungslose Passanten treffen und deren Reaktionen ebenfalls eingefangen werden. Beim Harlem Shake lässt sich nicht bestaunen, wie Amateure aufwändige Tanzschritte makellos und unisono abliefern, und gleichwohl mangelt es an irritierten, ratlosen Beobachtern.

Kurzum gesagt: Meine erste Reaktion glich der des Nostalgia Critics ...

Es ist nicht witzig! Es ist einfach nur dämlich!

Das aus dem Ruhestand zurückkehrte Alter Ego des Internetpromis Doug Walker dürfte für seine Ansicht nun wesentlich mehr Rückendeckung erhalten als zu Beginn des Hypes. YouTube bietet mittlerweile mehrere über eine Stunde andauernde Zusammenstellungen an Harlem Shake-Videos und die schnelllebige, sich in ihrer Exklusivität aalende Gemeinde an Internet-Trendsettern hat in Konsequenz dessen dieser Meme längst abgeschworen, weil sie "zu mainstream" geworden ist. Derweil ist der Durchschnittswebkonsument einfach nur von der Masse an Videos und Referenzen auf den Harlem Shake übermüdet, und da nun mehr und mehr Fernsehsendungen diesen (wieder abflauenden) Trend für sich entdecken, nervt er zudem durch die größer werdende Unvermeidlichkeit, ihm zu begegnen. Da häufen sich rasch solche Kommentare wie "Es gibt nichts traurigeres auf der Welt als im Fernsehen Dinge aus dem Internet nach".

Zustimmung findet der sich ausbreitende Harlem Shake-Frust bei mir insofern, als dass es zahlreiche witzigere Memes gibt und Internet-Trends, die sich deutlich vielfältiger umsetzen lassen, weil bei ihnen überraschende Wendungen möglich sind. Der Harlem Shake dagegen ist eintönig, da er stets dem gleichen Muster folgt. Allerdings muss ich zu meinem eigenen Erstauen auch genau deshalb statuieren: Allmählich glaube ich zu wissen, weshalb sich der Harlem Shake wie ein Lauffeuer verbreitete und nicht nur die übliche Zielgruppe der Teenager in seinen Bann zog, sondern ein schichtenübergreifendes Phänomen wurde.

Was der Harlem Shake-Meme zugrunde liegt, ist ihr perplexes Regelwerk: Es wird stets der gleiche Songschnipsel verwendet, 15 Sekunden lang tanzt eine einzelne Person unbeachtet aus der Reihe, ehe daraufhin eine ganze Gruppe sich zum Hampel macht, mit unkontrollierten Bewegungen, skurrilen Verkleidungen oder Accessoires und einem generell schrillem Auftreten. Weitere 15 Sekunden später endet der Exzess. Mit dieser Template für ein Harlem Shake-Video stellt dieser Internet-Gag einen uniformierten Ausdruck von Individualität dar, oder anders ausgedrückt, einen durch Konformität modelierten, vermeintlich unkontrollierten Wahnwitz. Jeder Teilnehmer am Harlem Shake hat seinen eigenen Tanz, seine eigene extrovertierte Erscheinung – und dennoch verfolgt das Gesamtwerk einer gestrengen Regulierung.

Nicht bloß, dass dieses Paradox (wie nahezu jedes Auftauchen einer funktionierenden Widersprüchlichkeit) faszinierend ist, und somit die Popularität des Harlem Shake förderte. Es steht zugleich sinnbildlich für die Lage unserer sozialvernetzten Gesellschaft kurz nach der globalen Wirtschaftskrise, welche sich vom Ende der vergangenen Dekade bis in die Anfänge dieses Jahrzehnts zog und die noch immer nicht vollauf überwunden ist.

Arbeitsstellen sind härter umkämpft denn je, die Anforderungen an Ausbildungen, schulische sowie universitäre Leistungen und Praktikumsleistungen steigen ins Unermessliche, während weltweit die Mittelschicht wegbröckelt und Löhne ungerecht verteilt werden. Als wäre der Kampf um einen begehrenswerten Arbeitsplatz deshalb nicht wichtig und schwer genug, mutiert die (westliche) Gesellschaft zu einem Kollektivum aus gläsernen Bürgern. Soziale Netzwerke und Kommunikationstechnologien machen uns leichter erreichbarer und durchschaubarer. Sich Facebook, What's App und Co. zu verweigern, ist je nach sozialem Milieu und beruflichem Hintergrund unmöglich, da in kreativen Berufen der Umgang mit Social Media ebenso zu den Grundvoraussetzungen für eine Anstellung zählt wie die Fähigkeit, Textdokumente zu erstellen und eigene Ideen zu haben. Gleichermaßen wickeln zunehmend mehr Universitäten und Ausbildungsstätten ihre logistischen Fragestellungen über Facebook ab. Wer etwas auf sich hält, wird geradezu gezwungen, eine digitale Präsenz zu haben. Wer über die Kommunikationswege des Web 2.0 verfügt, diese allerdings nur sporadisch nutzt, gilt in manchen Kreisen gleich als suspekt. Die digitale Selbstinszenierung ist eine gesellschaftliche Grundübung geworden. Dessen ungeachtet darf diese Selbstdarstellung nicht zu weit reichen, da Personalchefs und andere Autoritätspersonen ebenfalls wissen, mit diesen Kanälen umzugehen und radikal jeden aussieben, der im Internet zu auffällig, zu eigen, zu ausgelassen daherkommt.

In den frühen 2010ern überlagert sich einerseits der Drang zur Individualisierung und Extrovertiertheit mit der Vorgabe, anpassungsfähig und massenkonform zu sein, anderereits. Die Gesellschaft zersplittert sich, obschon Unternehmen immer mehr darauf schielen, jeden abzudecken. Daher die Markenfixierung, der Franchise-Boom im Kino, der Trend zur Generalisierung. All dies trotz sich immer besser organisierender Subkulturen.

Der Harlem Shake nimmt diese widersprüchlichen Anforderungen an das zeitgenössische Mitglied einer Industrienation und zwängt diese in ein rundum abgeschlossenes Paket. Er erlaubt es, individuell, verrückt, schöpferisch zu sein, ohne auch nur gegen eine einzige Regel zu verstoßen. Schließlich hält sich all dieser Irrsinn an ein eng umfasstes Korsett von Grundbestimmungen, die für Harlem Shake-Videos gültig sind.

Bescheuert und eigensinnig sein, ohne Grenzen zu durchbrechen. Es ist der (nicht selbst auserwählte) Zeitgeist nicht bloß einer Generation, sondern ganzer Gesellschaftsschichten. Und darum machen wir den Harlem Shake. Egal, ob wir verstehen weshalb, oder nicht; ganz gleich, ob wir es möchten oder lieber sein lassen wollen.

2 Kommentare:

DMJ hat gesagt…

Interessante Analyse und klingt durchaus plausibel!
Nun würde ich gern bildungsprollen, habe aber gerade einen Blackout, wer es noch war, an dessen Theorien (damals noch anhand der Industrialsieriung) du damit gewissermaßen anschließt...

Wie dem auch sei: An mir ist der Harlem Shake bislang auch vorbei gegangen. Habe immer wieder von ihm gehört, ihn aber nie gesehen. Nun frage ich mich direkt, ob ich das anhand der hiesigen Videos ändern sollte, obwohl er jetzt ja schon veraltet ist...

Anonym hat gesagt…

Lohnt es sich wirklich, auf solchen Unfug Gedanken zu verschwenden?

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