Donnerstag, 15. Oktober 2015

Tötet Mrs. Tingle!


Wir schreiben die späten 90er Jahre: Drehbuchautor Kevin Williamson darf sich als neuer König des Teenie-Horrors betrachten. Mit dem von ihm geschriebenen Slasher Scream trat er nicht nur eine neue Filmreihe los, sondern auch eine Welle an jugendorientierten Horrorfilmen. Zudem machte er den Meta-Witz im Genrekino endgültig salonfähig. Mit Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast und The Faculty folgten zwei weitere Teenie-Schauergeschichten, die schwarze Zahlen geschrieben haben. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis ihn jemand auch auf dem Regiestuhl Platz nehmen ließ. Dieser Jemand war letztlich das Produzenten-Duo Bob & Harvey Weinstein, die schon hinter den Scream-Filmen und dem von Robert Rodriguez inszenierten Faculty standen. Heraus kam die Dimension-Films-Produktion Tötet Mrs. Tingle!, die für die Titelrolle immerhin Helen Mirren gewinnen konnte - und sonst recht wenig zu bieten hat.

Mit seiner ersten und bislang letzten Regiearbeit versuchte sich Williamson an einem Spagat: Einerseits ist Tötet Mrs. Tingle! als Suspense und Humor mischende Geschichte über High-School-Teenies firm in Williamsons Komfortzone verortet. Andererseits drosselte der Autor deutlich den Gewaltgehalt: In den USA wurde es Williamsons erster Film mit einem PG-13-Rating, in Deutschland reichte es für eine lockere FSK-Freigabe ab 12 Jahren. Der im Kino sonst so sehr auf Blut setzende Williamson kompensierte dies jedoch nicht etwa mit den melodramatischen, ernst behandelten Jugendproblemen, die er im Fernsehen mit Dawson's Creek anpackte. Stattdessen verzapfte er mit Tötet Mrs. Tingle! eine schwarzhumorige Komödie, die sich in dramatische Plattitüden und lasche Thrillerpassagen verirrt.

Die "Heldin" des Films ist Katie Holmes (damals bekannt für ihre Rolle in Dawson's Creek, und noch nicht für ihre kurze Ehe mit Tom Cruise) in der Rolle der bald ihren Abschluss machenden Schülerin Leigh Ann Watson. Die Spitzenschülerin träumt davon, ihren ärmlichen Verhältnissen zu entkommen, indem sie ein Stipendium erhält und auf ein großes College geht. Ihre Chancen auf diesen Studienzuschuss stehen jedoch auf der Kippe. Daher muss eine Eins in Geschichte her, was sich aufgrund der strengen Art der Geschichtslehrerin Mrs. Tingle als nahezu unmöglich erweist. Als Leigh Ann ungewollt in den Besitz der Prüfungsunterlagen gelangt und von der gestrengen Lehrerin erwischt wird, scheinen die Zukunftsaussichten der verzweifelten Schülerin endgültig zerstört. Daher begeben sich Leigh Ann und ihre Freunde Jo Lynn (Marisa Coughlan) und Luke (Barry Watson) abends ins Haus er Lehrerin, um auf sie einzureden. Die Debatte eskaliert und Mrs. Tingle wird verletzt. Voller Panik greifen sich die Teenager ihre Lehrerin und fesseln sie an ihr Bett. Ein reiner Psychokrieg entsteht ...

So, wie Williamsons Film strukturiert ist und seinen Fokus darauf legt, Leigh Ann als Identifikationsfigur aufzubauen, liegt die intendierte Lesart dieses Thrillers auf der Hand: Die Protagonisten sind als Helden zu betrachten, leben einen Teenie-Traum aus, werden von einer garstigen Lehrerin tormentiert und letzten Endes geht es darum, wie das "Biest" bezwungen wird. Jedoch geht diese Rechnung aus diversen Gründen nicht auf. Sobald man als Zuschauer mitdenkt, verschieben sich die Allianzen: Tingle wird als unausstehliches, unbarmherziges Monster dargestellt. Aber davon abgesehen, dass Helen Mirren als einzige Person in diesem Film glaubwürdig und wie ein echter Mensch spielt und sich daher gewaltige Sympathiepunkte verdient, ist sie einfach nur eine normale Lehrerin. Während ihre Schüler aus einer schlechten Teeniekomödie entflohen sind: In ihren Geschichtsreferaten geben sie sich zwar bei der Präsentation Mühe, versäumen es aber, Quellen zu nennen oder bringen wichtige Fakten durcheinander. Dass Tingle schnippische Kommentare abgibt, ist nicht die feine Art, ihre Noten sind aber an realen Maßstäben gemessen sogar gnädig. Daher in ihrem Haus einzudringen und sie niederzustrecken, ist absurd. Und die "Es ist nur ein Film, genieße doch einfach den Ritt"-Herangehensweise an Tötet Mrs. Tingle! scheitert total, da Holmes und ihre gleichaltrigen Kollegen zu blass bleiben, als dass sie einen auf ihre Seite ziehen könnten.

Wenn Tingle die Schüler im Mittelpunkt gegeneinander aufbringt, indem sie vorgibt, ihre persönlichen Geheimnisse zu durchschauen, deutet sich an, Williamson würde die Kurve kriegen und enthüllen, dass Tingle eine Lehrerin vom Schlage eines "Drill Sergeant mit Herz aus Gold" sei: Sie will mit ihrer schroffen Art bloß das Beste aus den Schülern kitzeln. Das wäre zwar klischeehaft, würde der Story aber ein tragfähiges Fundament verleihen. Dann aber wird dies als Finte enthüllt, um ein lachhaftes Finale zu kreieren. Auf dem Weg dorthin gibt es eine Sexszene nach dem Schema F für züchtige, möchtegernpikante Teeniefilme, viel Gekeife und immerhin ein paar nette Sprüche, die Williamsons ans fesche Feder in Scream 1 und 2 erinnert. Diese genügen aber nicht, um Tötet Mrs. Tingle! davor zu bewahren, als qualitativer Totalausfall zu enden.

Fazit: Das ist nur was für leidgeprüfte Helen-Mirren-Komplettisten und Miramax-Nostalgiker, die sich an die mageren Auswüchse der Teenie-Horror-Phase erinnern wollen, die die Weinstein-Brüder durchgemacht haben.

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