Donnerstag, 24. März 2016

The Program – Um jeden Preis




Stephen Frears zählt zu den ganz Großen unter den britischen Regisseuren. Der zweifache Oscar-Anwärter bereicherte die Filmwelt mit solchen Kleinoden wie Mein wunderbarer Waschsalon und auch mit Kultfilmen wie High Fidelity. Und auch mit Dramen basierend auf wahren Begebenheiten kennt sich der Regieveteran aus. Man denke nur an die Nacherzählung einer Woche voll adliger Darstellungsprobleme namens Die Queen. Auch in The Program betätigt sich Frears als dramatisierender Chronist eines Stücks Zeitgeschichte: Basierend auf dem Enthüllungsbuch „Seven Deadly Sins“ des Sportjournalisten David Walsh erzählt diese britisch-französische Koproduktion von der Radsportkarriere Lance Armstrongs. Und somit zwangsweise von dessen massivem Missbrauch leistungssteigernder Mittel:


Die Erzählung setzt 1993 ein, als Sportreporter David Walsh (sympathisch, aber zu wenig zu sehen: Chris O‘Dowd) für die Londoner Sunday Times einmal mehr über die von ihm geliebte Tour de France berichtet. In diesem Jahr lernt er einen 21-jährigen Ehrgeizling aus den USA kennen: Lance Armstrong (Ben Foster), der trotz seines unvorteilhaften Körperbaus ganz groß rauskommen möchte. Walsh traut ihm zwar keinen Gesamtsieg zu, rechnet aber damit, dass er auf bestimmten Etappen bestechen könnte. Und tatsächlich: Armstrong wird schon im selben Jahr Straßenweltmeister. Der allmähliche Aufstieg Armstrongs im Radsport nimmt 1996  aber aufgrund einer Schockdiagnose ein vorzeitiges Ende: Der Amerikaner hat Hodenkrebs im fortgeschrittenen Stadium. Dies stoppt ihn jedoch nicht: Mit eisernem Willen und aggressiver Chemotherapie besiegt er die lebensbedrohliche Erkrankung – bald danach schwingt er sich wieder auf den Drahtesel. 1999 gewinnt der Texaner seine erste Tour de France, Jahr für Jahr wiederholt er seinen Triumph.


Während ihn die Weltpresse aufgrund seiner unfassbaren Comebackstory feiert, hat Walsh Zweifel an dieser wundersamen Leistungssteigerung. Und so beginnt er, gegen Armstrong zu recherchieren. Womit er auf der richtigen Fährte ist, denn Armstrong und sein Team US Postal machen sich in abartigem Ausmaße des Dopings schuldig. Armstrongs strenggläubiger Teamkollege Floyd Landis (als einziger im Cast ansatzweise vielschichtig: Jesse Plemons) hat daher Gewissensbisse …

Armstrongs ausuferndes Doping bei der Tour de France zählt längst zum Allgemeinwissen und die Details dieser in ihren Ausmaßen wohl beispiellosen Betrugsstory sind mittlerweile sehr gut dokumentiert. Daher ist es nicht notwendig, das Geschehen in Form einer nachgestellten Dokumentation auf die Leinwand zu bringen. Entweder weiß der Kinogänger bereits, was wann passiert ist, oder er kann seinen Informationsdurst mit rein faktenorientierten Sachbüchern, Artikeln und Dokumentationen stillen. Ein auf gemeinhin bekannten, wahren Begebenheiten basierendes Drama hat viel mehr die Aufgabe, das zu bieten, was eine nüchterne Chronik nicht leisten kann. Sie kann das Vergangene in einen größeren Kontext setzen, auf eine brennende Frage herunterbrechen oder den Fokus auf die Emotionen der handelnden Personen legen. 


Frears leistete dies einst mit Die Queen: Dass Lady Di, „die Prinzessin der Herzen“, 1997 verstorben ist und sich das Königshaus eingangs mit Trauerbekundungen schwer getan hat, wurde damals in den Medien breit getreten. Ein einfaches Eckdatenabklappern hätte daher in einen wenig reizvollen Spielfilm resultiert. Frears aber lenkte die Aufmerksamkeit des Publikums auf den inneren Konflikt der Queen und schuf so ein ergiebiges, durchaus auch berührendes Drama.

So sehr Die Queen ein Positivbeispiel für diese Form der Kinounterhaltung darstellt, dient The Program – Um jeden Preis jedoch als Negativbeispiel. Das Drehbuch von John Hodge (Trance) konzentriert sich darauf, die wichtigsten Punkte der Karriere Lance Armstrongs in einer Laufzeit von weniger als zwei Stunden abzuklappern. Und selbst wenn Hauptdarsteller Ben Foster alles gibt, um sich in seine Rolle hineinzuversetzen, gelingt es ihm aufgrund der einseitig geschriebenen Skriptvorlage nicht, den Sportler zu einer bemerkenswerten Leinwandpersönlichkeit zu erheben. Foster, der während des Drehs zu Recherchezwecken leistungssteigernde Mittel zu sich genommen hat, spielt effektiv und wirklichkeitsgetreu die Note „egozentrischer Prahler“, mit nur verschwindend geringen Akzenten von Einfühlsamkeit. Einblicke in die Gedanken- und Gefühlswelt Armstrongs bleiben indes aus.


Dies wäre vernachlässigbar, würde die Koproduktion der Häuser Anton Capital Entertainment, StudioCanal und Working Title andere Aspekte in den Vordergrund rücken. Etwa den durchaus spannenden Rechtsstreit zwischen Armstrong und seinem einstigen Befürworter Walsh, der im Zentrum sehr weniger Szenen steht. Oder den Adrenalinrausch des Radsports – die Faszination der Tour de Force wird aufgrund der handwerklich soliden, doch den nötigen Reiz an Geschwindigkeit missenden Inszenierung aber nicht nachvollziehbar. Kurzum: Alles, was etwa Ron Howards Formel-eins-Drama Rush – Alles für den Sieg ausgemacht hat, fehlt hier. Also atemberaubende Rennsequenzen, komplexe Charakterzeichnungen und packendes Kräftemessen. Was bleibt, ist ein verbissen agierender, den Skriptschwächen zum Trotz respektable Arbeit leistender Forster und eine adäquate Schnitt- und Kameraarbeit, die diesen nachgespielten XL-Nachrichtenbeitrag gerade so davon abhalten, jeglichen Anspruch auf eine Kinoauswertung zu verlieren.


Fazit: Dieser Film guckt sich wie ein Wikipedia-Artikel: Ein guter Cast und ein fähiger Regisseur verschwenden ihre Zeit, um Häkchen hinter die Stationen in Lance Armstrongs Schaffen zu setzen!

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