Freitag, 15. April 2016

Die Tribute von Panem – Mockingay: Teil II


Mit der von Suzanne Collins erdachten Dystopie Die Tribute von Panem führt sich der Trend fort, Verfilmungen populärer Buchreihen über die eigentliche Anzahl an Bänden hinaus zu dehnen. Das Twilight-Franchise widmete seiner letzten Buchvorlage zwei Filme, Harry Potter verfolgte diese Herangehensweise mit Buch sieben. Peter Jacksons Mittelerde-Reise besteht indes aus drei Herr der Ringe-Teilen sowie drei Der Hobbit-Filmen, obwohl Tolkien die gesamte Hobbit-Odyssee in nur einem relativ kompakten Jugendbuch untergebracht hat.

Qualitativ fielen diese Versuche, zusätzliche Filme aus einer literarischen Reihe zu quetschen, bislang sehr unterschiedlich aus. Vor allem Jacksons Hobbit-Adaptionen sorgen ungebrochen für hitzige Debatten unter Cineasten. Doch auch im Falle von Tribute von Panem herrscht Uneinigkeit: Die Mehrheit der Kritiker sah in Teil drei einen Rückschritt gegenüber dem gemeinhin deutlich stärker gefeierten zweiten Teil. Ebenso kam es an den weltweiten Kinokassen zu einer negativen Entwicklung: Holte Die Tribute von Panem – Catching Fire insgesamt 864,57 Millionen Dollar, erreichte der erste Part von Die Tribute von Panem – Mockingjay 752,10 Millionen Dollar.

Dessen ungeachtet gibt es Stimmen, die den dritten Film rund um die unfreiwillige Revolutionsführerin Katniss Everdeen als den bis dahin besten feiern (darunter zähle ich mich selbst): Aus der Abenteuerfilmreihe mit medien- und gesellschaftskritischen Zwischentönen entwickelte sich in Mockingjay: Teil I eine jugendaffine, eindrucksvolle Geschichte über gegenwärtige Kriegsmechanismen – inklusive einer starken zentralen Performance von Jennifer Lawrence und wirkungsvollen Bildern. Dass die Handlung eines einzelnen Romans gesplittet wurde, lässt sich der dritte Tribute von Panem-Teil außerdem kaum anmerken: Das Skript von Danny Strong und Peter Craig ist dramaturgisch ausgereift, und wirkt im Gegensatz zu den einzelnen Hobbit-Teilen nicht wie ein überdehnter Akt einer mit aller Macht ausgeschlachteten Story.

Die Tribute von Panem – Mockingjay: Teil II führt den zugegebenermaßen leicht forcierten Vergleich mit Jacksons Hobbit-Trilogie zu einem zwiespältigen Abschluss: Anders als das Hobbit-Finale stellt Katniss Everdeens viertes Leinwandabenteuer nicht bloß einen über zwei Stunden andauernden, überreizten Klimax dar. Allerdings flattert der zweite Mockingjay längst nicht so unproblematisch durch seine Laufzeit wie der erste – mehr als einmal geht dem kleinen Spotttölpel auf der Zielgeraden die Puste aus. Dank einiger geglückter Aspekte kommt es erfreulicherweise nicht zum totalen Absturz, so dass ein konsequenter, solider Abschluss erreicht wird. Das Potential zu einem triumphalen Finale verschenken die Tribute von Panem-Macher trotzdem … 

Ohne Rücksicht auf etwaige Neuzugänge im Publikum eröffnet die 137-minütige Produktion direkt nach dem misslungenen Mordanschlag an Katniss Everdeen (Jennifer Lawrence), der Teil drei beendet hat. Mit Blessuren und nahezu verstummt schleppt sich das wandelnde Symbol der Revolution gegen das diktatorische Regime von Präsident Snow (Donald Sutherland) durch ihre Behandlung – sowie durch strategische Konferenzen der Revolutionäre. Anführerin Alma Coin (Julianne Moore) hat sehr konkrete Vorstellungen, wie Katniss in diesem Bürgerkrieg helfen kann, doch nur selten stimmt sie den Vorhaben Coins und ihres Beraters Plutarch Heavensbee (Philip Seymour Hoffman) zu. Als Katniss zusammen mit einer kleinen Elitetruppe, zu der neben einigen Topsoldaten der frisch zum Kriegsstrategen aufgestiegene Gale Hawthorne (Liam Hemsworth) und Hungerspiele-Veteran Finnick Odair (Sam Claflin) zählen, trotzdem auf einen Einsatz geschickt wird, folgt für sie die nächste Enttäuschung: Sie kämpft nicht ganz vorne mit, sondern soll in Frontnähe weitere Propagandavideos für Cressidas (Natalie Dormer) TV-Crew drehen. In der Zwischenzeit kämpft Katniss' früherer Weggefährte Peeta (Josh Hutcherson) gegen die Hirnwäsche an, die ihm das Kapitol verpasst hat … 

Obwohl Katniss und ihre Teammitglieder mit diversen heimtückischen Fallen zu kämpfen haben, die das Kapitol installiert hat, um die Revolution aufzuhalten, ist Mockingjay: Teil II ein actionarmer Abschluss für die Tribute von Panem-Erzählung. Filmfreunde, die also auf einen wilden letzten Ritt gewartet haben, dürften enttäuscht werden. Allerdings haben die Filmemacher Respekt für ihre Entscheidung verdient – eine Filmreihe, die sich in ihrer kritischen Haltung gegenüber Gewalt konsequent steigerte, als selbstgefälliges Schlachtengemälde zu beenden, wäre geschmacklos und doppelzüngig. Die wenige Action, die Regisseur Francis Lawrence hier auf die Leinwand bannt, besteht aus dramatischen Hindernissen, die Katniss und Anhang zu überstehen haben, sowie aus einigen, wenigen Gewaltspitzen, die in ihrer Drastik und emotionalen Schwere die Grenzen der FSK-ab-12-Freigabe ausloten.

Statt knalligen Popcorn-Abenteueractionspaß zu bieten, spinnt dieses Franchise-Finale den in Mockingjay: Teil I deutlich gewordenen Gedanken weiter, diese Story als futuristisches Kriegsdrama zu erzählen. Was den Drehbuchautoren zugute gehalten werden muss: Beide Teile der Mockingjay-Adaption weisen einen anderen Schwerpunkt auf, womit sich die Zweiteilung des Stoffs durchaus rechtfertigen lässt. Handelte der dritte Die Tribute von Panem-Film hauptsächlich von Propagandamethoden und moralisch komplexen Entscheidungen, die in Konferenzräumen getroffen werden können, rückt Teil vier deutlich näher an seine Protagonistin: Wie verloren fühlt man sich an der Front, wie schwer ist es im Kriegsgetümmel, an Informationen heranzukommen? Und vor allem: Was macht der Krieg mit Katniss, wie verändert er sie – und wie kann sie den Kriegsverlauf ändern, sollte sie ihn überhaupt verändern können?

Francis Lawrence unterstreicht diesen inhaltlichen Wandel, indem er den Betrachter auch visuell in die Position der verlorenen Heldin versetzt: Wo Mockingjay: Teil I mit imposanten Totalen und kraftvollen Luftaufnahmen punktet, wählen Lawrence und sein Kameramann Jo Willems in der Fortsetzung deutlich engere Einstellungen. Wiederholt schwenkt die Kamera außerdem über Katniss' Schulter, so dass die Ereignisse aus ihrer Subjektive verfolgt werden können, des Weiteren sind die Nahaufnahmen der (stark aufspielenden) Hauptdarstellerin Jennifer Lawrence beengender, detaillierter, zeigen ihre Regungen subtiler. Aufgrund dessen, sowie wegen der Auslassung wertvoller inhaltlicher Informationen, gleicht sich Mockingjay: Teil II zu großen Stücken den Collins-Romanen an, die allesamt aus Katniss' Ich-Perspektive erzählt sind.

Ob beabsichtigt oder nicht: Die Tribute von Panem-Filme gehen inhaltlich und inszenatorisch/narrativ eine komplett entgegengesetzte Richtung – der Film mit den
intimsten Ereignissen (Katniss' Teilnahme bei den tödlichen Hungerspielen) wird global in Szene gesetzt. Teil zwei und Teil drei lassen dieses Verhältnis allmählich kippen, und die entscheidenden Augenblicke der Revolution bekommt das Kinopublikum schlussendlich mit Katniss' Augen zu sehen. Später entfleuchen die größeren, politischen Punkte sogar gänzlich aus dem Fokus, um dagegen allein das Befinden der Hauptfigur zu zeigen. Diese graduelle Verschiebung des Fokus ist zwar ungewöhnlich, aber geistreich: Über diesen Weg unterstreicht Die Tribute von Panem, dass jeder Einzelne von politischen Missständen betroffen ist – und erlaubt sich in Mockingjay: Teil II zudem Unklarheiten. Die daher gegebene moralische Ambiguität in allerlei Detailfragen provoziert einen für Teenager-Buchverfilmungen selten gesehenen ethischen Anspruch – wer aus dieser Filmreihe mit wachsendem Blutdurst schreitet und in weltpolitischen Fragen unreflektiertes Handeln feiert, dem ist auch nicht mehr zu helfen.

Dass diesen Aspekten zum Trotz Mockingjay: Teil II kein Volltreffer ist, liegt an der, gemessen am gebotenen Inhalt, viel zu langen Laufzeit. Es wäre überhaupt nicht nötig gewesen, das Finale der Reihe  ausführlicher zu gestalten als dessen Vorläufer: Da die Grundkonstellation klar ist, wäre ein behutsamer, aber zielstrebiger Marsch hin zum konsequenten, gehaltvollen Ende empfehlenswert gewesen. Doch das Autorenteam Strong und Craig streckt den Abend der Revolution mittels zahlreicher Wiederholungen – sei es, dass im Mittelteil alle paar Minuten ein Lageplan gezeigt und analysiert wird oder sich Figuren über die Fallhöhe ihres Handelns unterhalten. Einmal drückt Squad-Leader Boggs, gespielt von Mahershala Ali, innerhalb eines einzigen Monologs sogar drei Mal in stets neuen Worten aus, welche Gefahren auf sein Team warten. All diese Wiederholungen ziehen das Skript in Sachen Effizienz und Spannung enorm herunter, weswegen das in der Theorie dramatische Finale leider ein in der Praxis zwischendurch sehr zähes Finale darstellt.

Das ist auch deshalb besonders schade, weil dank der diffizilen Figurenkonstellation sogar das Liebesdreieck reizvoller ist als bislang: Der in Teil eins und Teil zwei wenig geforderte Josh Hutcherson gibt als an sich und Katniss zweifelnde Ex-Geisel des Kapitols seine bisher komplexeste Leistung ab – und wäre der Film insgesamt zügiger erzählt, käme diese Darbietung auch besser zur Geltung. Gleichermaßen legt der, bisher eh schon herrlich fiese, Donald Sutherland in seiner Rolle des diabolischen Snow enorm zu, während der Rest der Nebendarsteller so sehr an den Rand gedrängt wird, dass er dem Film kaum einen Stempel aufdrücken kann. Auf ästhetischer Seite, zu guter Letzt, zeigt sich Mockingjay: Teil II karg, trostlos, betrüblich – versehen mit einer gelegentlichen Note vorsichtiger Hoffnung in Form von James Newton Howards thematisch variabler Filmmusik.

Fazit: Neuzugänger werden verloren sein, Fans bekommen ein plausibles, konsequentes und moralisch aussagekräftiges Finale spendiert: Die Tribute von Panem – Mockingjay: Teil II führt die Reihe an Bestseller-Adaptionen zu einem durchdachten Abschluss. Bloß ist der Weg zu den besten Augenblicken dieses Films ein teils sehr zäher. 15 bis 25 Filmminuten weniger hätten es auch getan.

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