Samstag, 9. April 2016

The Walk


„Ich habe den Abgrund gesehen … und bin einen Schritt weiter gegangen!“ Nur wenige Menschen können dies von sich behaupten. Und noch weniger Menschen können von sich behaupten, dies wortwörtlich zu meinen und dabei ehrlich zu sein. Philippe Petit aber hat einen über 400 Meter tiefen Abgrund erblickt. Und ihn dann zu Fuß überquert. Seine Geschichte ging daraufhin rund um den Globus und inspirierte Millionen von Menschen. Und gab den Einwohnern von New York City den nötigen Schubs, um zwei überdimensionierte Bürogebäude lieben zu lernen: 1974 spannte der französische Artist ein Drahtseil zwischen den Twin Towers, um den spektakulärsten Drahtseilakt der Weltgeschichte zu begehen. Wann immer er gefragt wird, wieso er sich diesen lebensbedrohlichen Coup ausgedacht hat, hat er nur eine Antwort parat: Er musste es einfach tun. Es war seine Berufung als Künstler.

Auch Regisseur Robert Zemeckis folgte im Laufe seiner Karriere zwischenzeitlich halsbrecherischen Eingebungen. Was für Petit der Drahtseilakt zwischen den Türmen des World Trade Centers war, war für Zemeckis wohl das Wagnis, einen nicht unerheblichen Teil seiner Karriere der Produktion reiner Motion-Capturing-Filme zu widmen. Für Zemeckis machte sich das Risiko allerdings weitaus weniger bezahlt als für Petit. Der Polarexpress, Beowulf und Eine Weihnachtsgeschichte kamen beim Publikum bestenfalls durchwachsen an. 2012 kehrte der Spielberg-Lehrling endlich zum Realfilm zurück. Das Drama Flight erntete zwar keine lauten Lobeshymnen, wohl aber zumeist wohlwollende Reaktionen seitens der Kritiker und des zahlenden Publikums. Mit seiner Verfilmung von Petits großem Kunststück wagt sich Zemeckis nun aber nicht nur inhaltlich ein weiteres Mal in luftige Höhen. Dieses Mal erreicht der Regisseur auch qualitativ wieder beachtliche Sphären.

Womöglich liegt es daran, dass es sich bei The Walk um eine Herzensangelegenheit handelt. Denn als Zemeckis von Petits Geschichte hörte, so behauptet der Filmemacher, hatte er nur noch einen Gedanken: Ich muss einen Film darüber machen! Gut unterrichtete Filmfreunde wissen zwar, dass es mit der Oscar-gekrönten Produktion Man on Wire zwar bereits eine Dokumentation über Petits atemberaubendes Kunststück gibt. Allerdings kann ein Spielfilm reale Ereignisse auf ganz andere, ganz eigene Weise auf die Leinwand bringen. So auch bei The Walk: Während die geniale, zurecht gefeierte Dokumentation von James Marsh das Geschehen zwangsweise aus der Distanz betrachtet, versetzt Zemeckis' humorvolles Biopic das Publikum in Petits Schuhe. Und in viele andere Perspektiven: Im schwindelerregenden Finale gibt es Petits Kunststück von unten, von der Seite, von oben und aus der Sicht des Drahtseilkünstlers persönlich zu sehen.

Dank überzeugender Computereffekte, die nahtlos in reale Setbauten übergehen, und brillanter Verwendung der 3D-Technologie verschaffen Zemeckis und Kameramann Dariusz Wolski (Der Marsianer – Rettet Mark Watney) dem Kinogänger einen Anblick, der einem den Atem stocken lässt.  Es wäre allerdings nicht gerecht, diese 35-Millionen-Dollar-Produktion auf ihr famoses Finale zu reduzieren. Denn die Autoren Zemeckis und Christopher Browne illustrieren die Vorgeschichte des titelgebenden Kunststücks auf unerwartet spaßige Weise – sowie mit bemerkenswerter Leichtigkeit. Es werden durchaus Erinnerungen an den frühen Zemeckis wach, der Klassiker wie Forrest Gump oder die Zurück in die Zukunft verantwortet hat.  Schon die ersten Augenblicke des in den USA ungerechtfertigt gefloppten Films geben den Takt an:

In der Rolle von Philippe Petit spricht Joseph Gordon-Levitt direkt zum Publikum, während er auf der höchsten Plattform der Freiheitsstatue mit selbstzufriedenem, aber respektvollem Grinsen Straßenkünstlertricks fortführt. Dann nimmt der Mätzchen machende Petit, der vor Charisma fast schon trieft, den Zuschauer von dieser leicht surreal anmutenden Szene aus zurück zu seinen Anfängen als Artist im pittoresken Frankreich. Die Art mit der Gordon-Levitt alias Petit seinen Werdegang erzählt, gleicht fast schon einer modernen Fabel. Zemeckis unterstreicht diesen Tonfall, indem er Bilder entwirft, die mit einem Fuß in der Wirklichkeit stehen, aber märchenhaft zusammengestellt werden. Komponist Alan Silvestri stützt diese Herangehensweise mit einem verträumten, optimistischen Score.

So wird The Walk zu einer inspirierenden Parabel darüber, dass Künstler und Träumer ihren Ideen folgen sollen, die sie in ihrem tiefsten Inneren vernehmen und sich rational kaum erklären lassen. Entsprechend dieser Bilderbuch-Erzählweise sind die Figuren rund um Petit von exakt einem Charakterzug geprägt. Die Darsteller, darunter Ben Kingsley, Steve Valentine, James Badge Dale und Charlotte Le Bon, rattern ihre Performances allerdings nicht herunter, sondern eignen sich ihre schlichten Parts mit Vergnügen an.

Die Petit unterstützende Truppe sorgt mit pfiffigen Onelinern und flockiger Situationskomik zudem dafür, dass The Walk bei aller Fabelhaftigkeit viel von einer Heist-Komödie hat: Ein Team findet zueinander und heckt einen nahezu unmöglichen Plan aus – und als Zuschauer darf man schmunzelnd Mäuschen spielen. Die beschwingt-muntere Art von The Walk bringen Regie und Cast mit so bezirzender Behändigkeit rüber, dass die raren Versuche, Dramatik zu erzeugen und Petits Innenleben zu beleuchten, fast schon ein Dorn im Auge sind. Wenn Petit kurz vor seinem bedeutenden Tag keine Ruhe findet, ist das selbstredend plausibel, aber Zemeckis taucht diesen Moment in so viel Theatralik, dass er wie aus einem anderen Film entliehen scheint. Im Gegensatz zum mit Donnerschlägen und schattigem Licht gehüllten Moment des Zweifels ist der bittersüße Schluss gelungen – mit freundlicher Melancholie kennt sich Zemeckis ja auch aus. Statt nach Petits Akt auf die Tränendrüse zu drücken, zollt The Walk nur kurz, und trotzdem rührend der Historie ihren Tribut, ehe der Abspann beginnt.

Wer eine Charakerstudie, ein Zeitgeistporträt oder den in den ersten Trailern angedeuteten Abenteuerthriller erwartet, könnte vom wahren Gesicht enttäuscht sein, dass die Verantwortlichen The Walk gegeben haben. Als schelmisches Loblied auf künstlerische Antriebskraft und eine nur im notwendigsten Maß sentimentale Erinnerung an die Twin Towers ist Zemeckis 3D-Prachtwerk dafür äußerst empfehlenswert.

Fazit: Ein immens sympathischer Hauptdarsteller, eine vergnügliche Erzählweise, sehr gute Tricktechnik und ungeheuerlich gutes 3D machen The Walk zu einer inspirierenden Komödie mit dem Extra an schwindelerregenden Bildern.

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