Mittwoch, 5. Juli 2017

Snowden


Oliver Stone ist zurück. Vier Jahre nach seinem konfusen Ganovenfilm Savages widmet sich der gebürtige New Yorker einem Metier, das ihm stärker liegt und erzählt eine hoch politisierte Geschichte: Er zeichnet den Werdegang Edward Snowdens nach, vom kurzzeitigen Soldaten über seine Stelle als IT-Genie innerhalb der US-Geheimdienste hin zum weltweit berühmten Whistleblower. Dabei bemüht sich Stone gar nicht erst um eine neutrale, beide Seiten der Snowden-Leak-Debatte beleuchtende Erzählweise. Stattdessen skizziert der Regisseur und Drehbuchautor ohne nennenswerte, einlenkende Einschübe die Position seines Titelhelden nach.

Dies dürfte Kenner des mehrfachen Oscar-Preisträgers keinesfalls überraschen, nutzt dieser das Filmmedium doch seit jeher offen dazu, seine politischen Sichtweisen zu erläutern. Wenn er nicht gerade explizit seine Zeit an der Front im Vietnamkrieg verarbeitet, dann kreiert Stone meist Szenarien, die von den Folgen dieses Nationaltraumas handeln. Oder er setzt seine Vietnamerfahrungen in einen modernen Kontext – so in diesem Politdrama: Die von Joseph Gordon-Levitt ((500) Days of Summer) mit Bravour gespielte Leinwandinterpretation Snowdens ist nämlich ein Protagonist, der sich bis zu gewissem Grade als politischer Zwilling Stones bezeichnen lässt.

Vom kampfbereiten Fahnenschwenkerpatrioten zum kämpferischen Patriotismus-Idealisten
3. Juni 2013: Insgeheim trifft sich NSA-Mitarbeiter Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) mit Dokumentarfilmerin Laura Poitras (Melissa Leo) sowie den britischen Journalisten Glenn Greenwald (Zachary Quinto) und Ewen MacAskill (Tom Wilkinson). Er gibt ihnen sensationelles Material darüber, wie die verschiedenen US-Geheimdienste den Kampf gegen den Terror als Ausrede nutzen, während sie die Privatsphäre von Menschen innerhalb sowie außerhalb der Vereinigten Staaten mit Füßen treten. Er weiht seine Gesprächspartner auch ein, wie er in die Verwendung fragwürdiger Überwachungsprogramme hineingeriet: Einst wollte er als Soldat seinem Land dienen, doch ein gehöriges Missgeschick macht ihn unfähig. Angesichts seiner hohen Informatikkenntnisse meldet er sich bei der CIA, wo er rasch zum Liebling des Ausbilders Corbin O'Brian (Rhys Ifans) aufsteigt.

Parallel dazu lernt Snowden die George W. Bush kritisierende Fotografin Lindsay Mills (Shailene Woodley) kennen, durch die der sein Land nie hinterfragende Patriot Einblick in ein anderes Verständnis von Vaterlandsliebe erhält: Mills glaubt, dass Amerika für Ideale steht, die im Kampf gegen den Terror ins Hintertreffen gerieten. Schritt für Schritt eignet sich Snowden diese Sichtweise an, während die US-Geheimdienste immer unsensibler mit Daten umgehen …

In wenige Zeilen zusammengefasst wirkt der Charakterwandel des durch Stones Brille betrachteten Edward Snowden womöglich klischeehaft und schlicht. Doch der Platoon-Regisseur nutzt die ausführliche Laufzeit sehr wohl für eine detaillierte Darstellung einer facettenreichen Persönlichkeit: Von einem in seiner Rolle versinkenden Joseph Gordon-Levitt mit Einfühlsamkeit sowie einer kleinen Prise trockenen Witz gespielt, ist die Filmvariante Snowdens ein in Gesprächen verschüchterter, zurückhaltender Computernerd, aus dem unregelmäßig arrogante Spitzen darüber rausrutschen, wie überragend er sei.

Anfangs tritt er als sturer, konservativer Patriot auf und riskiert daher Zoff mit seiner von Shailene Woodley mit einer an Teenagerromanzen erinnernden Flippigkeit gespielten Herzensdame. Der Gesinnungswandel erfolgt schrittweise – Gordon-Levitts Blick verdunkelt sich, wenn durch Vorgesetzte im Namen der Sicherheit die Freiheit riskiert wird, andere Male hält er sich in Gesprächen ängstlich zurück, um bloß nicht aufzufallen und nach seiner Meinung gefragt zu werden. Nach und nach wächst Snowden ein Rückgrat, das zwar seinen Charakter nicht einschneidend ändert, aber sein Handeln bestimmt.

Dadurch ergibt sich im stressigen Zusammenspiel mit seiner Freundin Mills sowie den mal zurückhaltenden, mal herrischen Verhandlungen mit den Journalisten in der Rahmengeschichte ein umfangreiches, Ecken und Kanten aufweisendes Psychogramm. Wegen dieser charakterbezogenen Erzählweise ist Snowden auch für Kenner der deutlich informativeren Dokumentation Citizenfour sehenswert, zieht Stone die Geschichte doch von einer persönlicheren und somit emotionaleren, wenngleich auch befangenen Seite auf.

Anfeuernde Inszenierung, doch nicht vollkommen manisch
Nach dem übermäßig verspielt inszenierten Savages drosselt sich Stone in Snowden wieder etwas. Gelegentlich kostet der Regisseur durch lange Überblenden oder exzentrische Kameraeinstellungen zwar sehr wohl das Symbolhafte der Ereignisse teils penetrant aus – etwa wenn Snowdens Abkehr von der NSA als langer Gang ins Licht gezeigt wird. Insgesamt findet Stone allerdings eine der Stimmung dieser Story entgegenwirkende Balance aus dynamischen Kamerafahrten sowie starken Farbkontrasten einerseits und übersichtlichem Erzähltempo andererseits. Solche Schnellfeuermontagen wie aus Natural Born Killers bleiben aus, dafür versinnbildlicht Stone die Funktionsweise des CIA-Programms XKeyscore in einer optisch reizvollen Digitalgrafik.

Abgesehen davon, wenn Snowdens Epilepsie den Erzählfluss ausbremst oder sein früherer Vorgesetzter via übergroßer Chatübertragung völlig unsubtil den Großen Bruder gibt, konzentriert sich Stone darauf, seine Mimen ins richtige Licht zu rücken. Neben Gordon-Levitt besticht etwa Nicolas Cage als technikvernarrter, aber kritisch seinen Arbeitgeber hinterfragender Mentor Snowdens – bedauerlicherweise verschwindet Cages Rolle schon kurz nach ihrer Einführung, dennoch hinterlassen seine feurigen, trocken-humorigen Dialogzeilen bleibenden Eindruck. Auch Melissa Leo macht viel aus ihren übersichtlichen Szenen als von Snowden faszinierte Dokumentarfilmerin, genauso wie die zahlreichen Arbeitskollegen Snowdens im Laufe seines Werdeganges auf effektive Weise eine große Bandbreite von geltungssüchtig über betriebsblind bis hin zu nerdig-albern abdecken und stets eine gute Leinwandchemie mit Gordon-Levitt aufweisen.

Trotz der Begleitung durch einen elektrisierenden Soundtrack zieht sich Snowden gegen Ende jedoch: Nach dem (stark fiktionalisierten, sehr spannenden) NSA-Datenklau des Whistleblowers und seiner auf ihre Eckpunkte reduzierten Flucht quer um den Erdball fasst Stone die Aussagen seines Dramas nicht griffig genug zusammen, um es auf seinem gefühlten Höhepunkt zu beenden. Ein ungelenker Cameo des realen Snowdens nimmt zudem dem Abschluss etwas von seiner Emotionalität – dennoch stellt Snowden eine Rückkehr des alten, polemisierenden, meinungsstarken Oliver Stone dar, der seine Position in einen charaktergestützten, aufreibenden Film zu formen versteht.

Fazit: Dramatisch, gut gespielt und sehr subjektiv: Snowden ist ein waschechter Oliver-Stone-Film.

Diese Kritik erschien zuerst bei Quotenmeter.de

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