Mittwoch, 27. September 2017

Es


Der gigantische Wälzer Es dürfte zu den berühmtesten Werken des horrorerfahrenen Schriftstellers Stephen Kings gehören: Eine Gruppe Kinder stellt sich einem furchteinflößenden Wesen, das bevorzugt die Form eines Clowns annimmt und in der Kanalisation lebt – und 27 Jahre später müssen sie sich als von ihrem gemeinsamen Kindheitserlebnis stark beeinflusste Erwachsene erneut dem tödlichen Ding stellen. Der Fernseh-Zweiteiler mit Tim Curry als fieser Clown Pennywise ist längst Kult und hat dank seiner zahlreichen TV-Wiederholungen auch abseits der USA quasi eine ganze Generation erreicht. Dass das Buch einige von Kings erzählerischen Macken formidabel vorführt und der Zweiteiler ziemlich altbacken ist, tat dem Ruhm dieser Geschichte keinen Abbruch.
Und fortan dürfte ihr ein noch prominenterer Platz in der Popkultur vergönnt sein – denn mit der Kinoverfilmung durch Mama-Regisseur Andrés Muschietti ist ein gigantischer Horrorfilm-Erfolg entstanden, der nicht nur in den USA Rekorde bricht. Und obendrein hat sich Muschiettis Es diese starke Publikumsreaktion redlich verdient. Zwar dürften Nostalgie, das gute Marketing und der Stranger Things-Effekt (2016 sorgte die von Es inspirierte Serie für Furore, Es startet vor der zweiten Staffel, stillt also einen medialen Appetit) die Besucherzahlen gepusht haben, trotzdem ist die 35-Millionen-Dollar-Produktion ein äußerst gelungener Horrorfilm, der fast genauso gut als übernatürliche Coming-of-Age-Geschichte durchgeht.

Oktober 1988: Der kleine Georgie Denbrough wollte einfach nur im Regen spielen, als er eine Begegnung mit einer sonderbaren Gestalt hat. Diese stellt sich als der freundliche Clown Pennywise vor und versucht, Georgie in die Kanalisation seiner Heimatstadt Derry, Maine zu locken. Georgie ist zögerlich, doch letztlich ist die Überzeugungsarbeit eh nicht mehr wichtig. Pennywise beißt Georgie einfach einen Arm ab und zieht ihn zu sich. Es gibt keine Zeugen …
Monate später: Bill hat das Verschwinden seines kleinen Bruders noch nicht überwunden und will die Sommerferien daher mit der Suche nach ihm verbringen. Er glaubt, dass Georgie vom intensiven Regen am Tag seines Verschwindens erfasst und in die Kanalisation gespült wurde. Bill hofft, dass seine Freunde ihn bei der Suche nach Georgie unterstützen: Stanley Uris, der wegen seiner bevorstehende Bar Mitzwa nervös ist, der unter der Fettel seiner überfürsorglichen Mutter stehende Eddie Kaspbrak und Richie Tozier, der gerne Komiker wäre, aber in Wahrheit einfach nur eine große Klappe hat.
Die Gruppe wächst durch Zufälle weiter an – um die schlagfertige Beverly Marsh, über die in der Schule allerlei Gerüchte erzählt werden und deren Vater Alkoholiker ist, den Einzelgänger Mike Hanlon und Ben Hanscom, der introvertierte, übergewichtige Neue in der Stadt. Was die Kinder schnell zusammenschweißt: Sie sehen sich selbst als Verlierer, die andauernd von den restlichen Teenies gepeinigt werden – vor allem vom keinerlei Grenzen kennenden Henry Bowers. Doch diese Alltagsangst, verprügelt und/oder gedemütigt zu werden, wird alsbald von etwas Grausigerem in den Schatten gestellt: Sonderbare Erscheinungen bedrohen den "Klub der Verlierer" und machen diesen einschneidenden Sommer zur reinsten Qual …

Das Rückgrat von Muschiettis sich auf die (von den 50ern in die 80er verlegte) Kinder-Handlung beschränkende Es-Adaption ist ganz klar das tolle Spiel der Jungdarsteller. Am stärksten sticht Sophia Lillis hervor, die als Beverly Marsch scheinbar mühelos von frohgemut-unschuldiger Querdenkerin zu forsch flirtend zu keinerlei Spaß verstehender, junger Frau, die ordentlich austeilt schwenken kann. Und wenn eben diese sympathische, aufgeweckte Beverly dann sehr wohl verängstigt ist, sei es durch ihren abartigen Vater oder die Schreckensvisionen Pennywises, dann bleibt einem einfach der Atem stocken – eine großartige Performance!

Eine etwas weniger magnetische, sondern zurückhaltendere Darbietung gibt Jaeden Lieberher ab, der als schüchterner, stotternder Bill mitunter von Beverly, Pennywise und dem Filmhandwerk übertönt wird. Das soll Lieberhers Leistung aber nicht schmälern, da es durchaus zur Figur passt, dass Bill einen großen Charakterwandel vom sich selbst etwas vormachenden Duckmäuser zu einem mutigen, Initiative ergreifenden Jugendlichen durchmacht – aber in so kleinen Schritten, dass es einem erst bewusst wird, wenn man konkret darüber nachdenkt. Lieberher bringt diesen sukzessiven Wandel mit kleinen Anpassungen seines Gestus rüber – ähnlich, wie Jeremy Ray Taylor als Ben einen sehr überzeugenden Spagat zwischen völlig verschüchtert und introvertiert, aber eloquent begeht.

Der Rest des Verliererklubs bekommt trotz der Überlänge des Films eher weniger Aufmerksamkeit geschenkt, so dass ihre Darsteller keine Gelegenheit erhalten, zu glänzen – trotzdem fallen sie als fähige Kinderdarsteller auf, die gut miteinander harmonieren und die emotionale Achterbahnfahrt ihrer Figuren glaubhaft machen. Nur Finn Wolfhard als Richie Tozier hat ein paar Takes, in denen als liebevolle Neckereien gedachte Sprüche zu sehr ins Niedermachen der Filmfreunde rutscht.

Die vielleicht schwierigste Aufgabe in Es kam derweil Bill Skarsgård zu, der sich als Pennywise mit der ikonischen Performance von Tim Curry in der ansonsten wenig denkwürdigen TV-Adaption messen lassen muss. Skarsgård tritt jedoch zügig aus Currys Schatten: Während sich Currys Version von Pennywise mehr bemüht, die Kinder mit TV-Clown-Charme anzusprechen und dann durch Sonderbarkeit zu verschrecken, ist Skarsgårds viel stärker als seltsames Raubtier im Clownsgewand angelegt, dass sich durch Psychospielchen ernährt und daher sein Gegenüber verschreckt, locker lässt, wieder verschreckt, durch seltsames, aber ungefährliches Verhalten Spannung aufbaut, verschreckt, etc. …
Mit einem magnetischen Sprachduktus und hypnotischem Schielen ist der ikonisch geschminkte Skarsgård ein sehr spannender Fiesling, dem es schon gelingt, dadurch, ab und zu ein Wort nur etwas lauter oder schlicht schräger zu betonen, für kleine Schrecken zu sorgen.

Dieser Darbietung zum Trotz: Im ersten Viertel des Films setzt Muschietti relativ häufig auf sehr klassische Jump Scares – lange Kameraeinstellungen, die eine schattige Kulisse zeigen, eine allmählich still werdende Tonspur, zack, stark aufgedrehte Soundeffekte und ein schneidender Tusch oder jaulende Violinen als Musikuntermalung. Diese "Ich will euch mit Lärm erschrecken, statt durch kreative Ideen oder inhaltliche Entwicklungen zu verängstigen"-Einstellung legt der Regisseur allerdings ab, sobald sich der Klub der Verlierer formt. Ab dann geht es Muschietti mehr darum, diese melancholische Geschichte über Freundschaft und diese einschneidende Phase im Leben von Kindern, wenn man erstmals umfassendere Gedanken über Ängste und Sorgen formt, durch gelegentlichen Schauer aus dem Gleichgewicht zu bringen. Dies können stark auf die jeweiligen Kinder zugeschnittene, ekelhafte Erscheinungen, zynische Streiche Pennywises oder auch verwinkelte Psychospielchen sein.

Mit kleinen, humoristischen Einschüben und einem faszinierenden Score von Benjamin Wallfisch (A Cure for Wellness), der sich dezent von schaurigem Lärm zu atmosphärischer Untermalung hin zu sich behutsam zusammensetzenden melodischen Themen entwickelt, und hochwertigem Look (dank Die Taschendiebin-Kameramann Chung-Hoon Chung) rundet sich Es zu einem hochqualitativen Horrorfilm ab. Er wird zwar das unerschrockene Genrepublikum nicht gerade wimmern lassen, dafür hallt er durch sein starkes Storytelling und seine liebenswerten Figuren nach. Nun heißt es, bis Herbst 2019 auf Teil zwei zu warten …

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