
Von Legenden zu historischen Ereignissen, von Märchen bis zu klassischer Literatur - die Zauberkünstler von Disney haben sich der vielfältigsten Quellen bedient, um Stoff für ihre Filme zu finden. Gemein haben sie jedoch alle, dass das Ursprungsmaterial nicht ohne Veränderung in den Disney-Kanon eingeflossen ist.
Diese Reihe von Im Schatten der Maus befasst sich mit dem Entstehungsprozess einiger dieser Meisterwerke:
Die Quellen der Disneyfilme
Die kleine Meerjungfrau hat nicht nur als Inbegriff des Schaffens des Dichters Unsterblichkeit erlangt, sie läutete auch eine Veränderung der Meerjungfrauengestalt ein, die sich bis heute nur immer weiter zementiert hat. Mehr als auf den mörderischen Sirenen der Antike oder anderen klassischen Meerwesen basiert Andersens Nixe nämlich auf der Sagengestalt der Undine; eine in Waldseen und Flüssen lebende Nymphe, die sich nach den Menschen sehnt und nur durch die Vermählung mit einem Menschenmann eine Seele erlangen kann - dem untreuen Gatten bringt sie jedoch den Tod. Die berühmteste direkte Verarbeitung ist wohl Undine von Friedrich de la Motte Fouqué von 1811. Undine gelingt es zwar, den geliebten Ritter für sich zu gewinnen, doch er bleibt ihr nicht treu, und wie die meisten dieser Legenden endet die Geschichte damit, dass Undine ihren Geliebten durch einen Kuss tötet.
Man könnte meinen, damit sei diese Erzählung zu Andersens Zeit zu genüge ausgereizt gewesen, aber im Gegenteil stellt dieses Ende, dass in der kleinen Meerjungfrau eine so andere Betonung hat, gerade den alles entscheidenden Unterschied dar: Im Gegensatz zu ihren geistigen Vorgängerinnen und den Erwartungen ihrer Schwestern entscheidet sich Andersens Meerjungfrau gegen die ihr zustehende Vergeltung und opfert sich eher selbst, als dass ihrem Liebsten etwas zustoßen möge.
Diese Version des Mythos ist mehr als eine tragische Liebesgeschichte, sie greift vielmehr die grundlegenden Gedanken so vieler Andersen-Märchen auf: Die Suche nach dem Schönen, Perfekten, nach einer besseren Realität, und die dafür notwendige Selbstwandlung bis hin zur Aufgabe des früheren Ichs, und für diese Thematik stellt Die kleine Meerjungfrau in gewisser Weise ein Inbild dar.
In der Geschichte ist es eine langsame Steigerung und Hinwendung, die die titelgebende Meeresprinzessin immer weiter an die unbekannte Landwelt bindet. Schon zu Beginn des Märchens ist sie durchdrungen von der Sehnsucht nach der Oberwelt, nach dem Fremden und gleichzeitig so einladenden Leben der Menschen. Durch ihre einseitige Begegnung mit dem Prinzen und die Gelegenheit, ihm das Leben zu retten, wandelt sich diese Faszination in Liebe, zu dem Königssohn im Speziellen und zu der gesamten Menschenwelt im Allgemeinen. Erst als Allerletztes kommt die Sehnsucht nach einer unsterblichen Seele mit dazu, eine Seele, wie sie eine Meerjungfrau nur durch die Liebe eines Menschen gewinnen kann.
Mit Hilfe der Meerhexe gelingt es ihr, eine menschliche Form zu erlangen, auch wenn sie dafür nicht nur ihre Stimme und ihre ganze Welt opfern muss, sondern zusätzlich an den Prinzen gebunden ist, der sie unwissentlich vernichtet, sollte er eine andere heiraten. Sie gelangt in seine Nähe, wo sie für ihn allerdings nicht mehr bedeutet als ein „liebes Kind“, auch wenn er ab und an ganz nebenbei davon redet, dass er sie womöglich einmal heiraten könnte. Doch ehe es dazu kommen kan, trifft der Prinz unerwartet auf die Prinzessin, die ihn damals am Strand gefunden hat und somit das nur halbwegs verdiente Lob für seine Rettung erhält, und die beiden heiraten. Gerade hier zeigt sich der Unterschied der kleinen Meerjungfrau zu den früheren Versionen der Geschichte, denn so gleichgültig der Prinz bei Andersen auch dargestellt wird, so trifft ihn in der ganzen Geschichte doch keinerlei bewusste Schuld. Er hat nie etwas Besonderes für die Meerjungfrau empfunden und weiß nicht einmal um ihre wahren Gefühle für ihn.
Sie liebt ihn aber nichtsdestotrotz weiter, so sehr, dass sie ihre letzte Chance auf Rettung aufgibt - sie könnte ihn töten, um ins Meer zurückzukehren, aber stattdessen opfert sie sich selbst um seinetwillen. Spätestens hier wird klar, dass die Liebe zu dem Prinzen für die kleine Meerjungfrau noch um einiges stärker wiegt als ihre Seele, die sie in diesem Moment so oder so verloren glaubt. Dass sie schließlich doch noch eine Möglichkeit erhält, sich ihr ewiges Leben zu erwirken, ist für sie völlig unvorhersehbar, auch wenn diese Entwicklung für Andersen, vom romantisch-christlichen Standpunkt aus gesehen, nur konsequent erscheint, als himmlische Belohnung für das selbstlose Opfer. Auf diese Weise gelingt es dem Märchen, trotz allem auf einer spirituell positiven und tröstlichen Note zu enden.
Als sich Disney Ende der achtziger Jahre in einem erneuten Adaptionsversuch des Stoffes annahm, sollte Arielle, die Meerjungfrau das erste Disney-Märchen seit 30 Jahren werden. Seit Dornröschens niederschmetternder Rezeption hatte man sich nicht mehr an klassische Märchenstoffe getraut - umso stärker der Druck, der allgemein auf diesem, wie man befürchtete, „Mädchenfilm“ lag und umso größer die Sorge, aus Andersens bittersüßem Märchen einen allgemeintauglichen Familienfilm zu generieren.
Es gibt einige eher unbedeutende faktische Unterschiede zum Original, wie die Zahl der Meerestöchter und die Rolle der Mutter des Meerkönigs. Statt der selbstverständlichen Erlaubnis, an die Oberfläche zu schwimmen, tritt im Film ein strenges Verbot und die Meerhexe wird in Gestalt von Ursula zu einer klassischen Schurkin mit eigener Agenda und Vorgeschichte ausgebaut, aber auch das sind nur „typische“ Adaptions-Erweiterungen, die sich noch ganz im Rahmen der Geschichte bewegen. Dass Triton die Menschenwelt fanatisch hasst, schafft zusätzliche Möglichkeiten zum Konflikt und gibt Arielle Grund, sich ihrem Vater zu widersetzen. Genauso sorgt der Hintergrund Ursulas und die offene Rivalität der Meerhexe mit Triton für eine Verstärkung des Konfliktpotentials und bildet nebenbei die Saat für ein bombastisches Finale.
Man könnte sagen, die Meerhexe sei im Original, wo sie in einer einzigen Szene vorkommt und erklärtermaßen nur um des Bösen willen handelt, düsterer angelegt als bei Disney, oder man könnte es schlicht als eindimensional bezeichnen - diese Entscheidung ist wohl Geschmacksfrage. Auf jeden Fall nimmt die Hexe in Andersens Geschichte mehr die Rolle einer Naturgewalt ein, so wie auch die ganze Unterwasserwelt eine abgehobene, unwirklichere Stimmung innehat. Bei Disney ist die Meeresumgebung trotz der Farbenfreude doch sehr viel realistischer und bodenständiger angelegt, was schon damit beginnt, dass hier - im Gegensatz zu der betont namenlosen Märchenwelt - alle Figuren feste Namen haben.
Auch das Zusammenspiel von Triton und Arielle sorgt für eine derartige Perspektivenverschiebung der Realität der Geschichte. Während die Liebe der kleinen Meerjungfrau im Märchen einen fatalistischen Anstrich hat, wird sie bei Disney durch das „menschlichere“ Verhalten der Meeresbewohner zu einer realistischen Verknalltheit eines Teenagers. So betrachtet ist es nur logisch, dass Arielles vorschneller und unüberlegter Handel mit Ursula unter den Zuschauern häufige Kritik erweckt, umso mehr, als sie nichts aus ihren „Erfahrungen“ zu lernen scheint.
Doch all diese kleinen Unterschiede ändern nichts an dem Prinzip, oder vielleicht besser ausgedrückt, der Seele von Andersens Geschichte. Dafür sehr viel interessanter ist die zweite Hälfte, in der Arielle an Land versucht, ohne die Hilfe der Sprache Erics Liebe zu erlangen.
Der alles überschattende Unterschied zwischen Märchen und Film liegt natürlich im Ende und in der Frage, ob die Bemühungen der Meerjungfrau von Erfolg gekrönt sind, doch diese Abweichung manifestiert sich schon die gesamte Zeit in der völlig anderen Rolle, die Eric im Disneyfilm zuteilwird. An seiner Charakterisierung hängt der gesamte Ausgang, und damit ist das der eigentliche Kontrast zwischen Original und Adaption: Bei Disney handelt es sich bei Arielles Gefühlen nicht um eine unerfüllte, sondern von Anfang an um eine beidseitige Liebe - auch wenn Eric das erst relativ spät klar wird.
Diese Liebe auf den ersten Blick ist auch der Grund, warum Arielle für das Erreichen ihres Zieles von Ursula ein strenges Zeitlimit gesetzt wird, denn sonst wäre ihre Aufgabe in der Tat zu einfach; immerhin muss sie Eric nur an seine schon bestehenden Gefühle für sie „erinnern“. Dieses Wiedererwecken der Liebe ist für Disney-Verhältnisse sogar erstaunlich intensiv und realistisch dargestellt, denn zu dem märchenartigen „ersten Blick“ kommt hier eine echte Kennenlernzeit - es mag sich nur um drei Tage handeln, doch diese Entwicklung ist trotz ihrer Kürze überzeugend dargestellt.
Gerade während dieser Zeit erinnert Arielle stark an ihre schriftliche Vorlage; sie ist verliebt, glücklich, in der Nähe ihres Prinzen zu sein, und trotz der knappen Frist zeigt sie sich erstaunlich vertrauensvoll auf ihr Schicksal. Auch dass es Ursula selbst ist, die Eric in Gestalt von Vanessa bezirzt und zur Heirat bringt, macht aus Arielles Perspektive anfangs keinen Unterschied. Für die Geschichte ist diese Veränderung natürlich wichtig, um Erics Rolle als würdiger Partner für Arielle nicht zu schmälern, für die es nötig ist, dass er seinen freien Willen kurzzeitig verliert. Aber die Gefühle von Arielle selbst sind in dieser Version die gleichen; obwohl am Boden zerstört, akzeptiert sie doch ihr Schicksal so ergeben wie in der Originalgeschichte, und beginnt erst etwas gegen die Hochzeit zu unternehmen, als sie die Wahrheit über Vanessa erfährt. Man könnte sagen, dass in dieser Szene das Opfer, das sie im Märchen für den Prinzen zu geben bereit ist, noch ansatzweise vorhanden scheint.
Bis zu diesem Moment wäre es wohl noch theoretisch vorstellbar, den Film mit dem tragischeren Ende des Märchens zu beschließen; die schlichte Dramatik würde sehr wohl zum allgemeinen Charakteraufbau von Arielle passen, und es wäre nur Eric, für den solch ein Ende störend aufstoßen würde. Doch natürlich folgt im Disneyfilm ein großes Finale, das nichts mehr mit dem Original zu tun hat. Ursula gelingt es, sich Tritons Macht über die Meere zu erhandeln, Eric darf sich in einem großangelegten Showdown als aufopfernder Held etablieren und die Hexe besiegen, und schließlich lernt auch Triton seine Lektion und schenkt Arielle die so tief ersehnte Menschengestalt.
Betrachtet man den Film aus Disney-Sicht mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass er notwendigerweise gut enden muss, dann ist diese Aufgabe mit Sicherheit gut gelöst worden. Der Film baut in dem Konflikt zwischen Triton und Ursula (und zweitrangig zwischen Triton und Arielle) eine neue Hauptproblematik auf, die die ursprüngliche Fragestellung der hoffnungslosen Sehnsucht nach einer fremden Welt überschattet, und diese offensichtlichere Schlacht von Gut und Böse wird zu einem befriedigenden Ende geführt. Trotzdem ist der andere Fokus aus dem Märchen nicht völlig verschwunden; Arielles fatalistische Liebe, ihre Sehnsucht und Opferbereitschaft sind eindeutig vorhanden, auch wenn sie von dem spektakulären guten Ende verschluckt werden. Vielleicht rührt daher eine leichte Befremdung, die von dem Happyend ausgehen mag: Der charakterliche Aufbau gerade der Hauptfigur wäre sehr wohl auch für Andersens Tragik geeignet, und aus dieser Perspektive scheint die Geschichte bei Disney vielleicht zu einfach aufgelöst.
Natürlich ist es eine wirklich interessante Überlegung, wie der Film mit einem andern Schluss aussehen würde - was, wenn auf die generell positive Stimmung eine bittersüße Auflösung folgen würde? Die Vorstellung klingt auf ersten Blick aberwitzig, aber zumindest Arielles Figur nach wäre solch eine Entwicklung wirklich vorstellbar. Nur die betont kinderfreundliche Inszenierung (vor allem in Gestalt von Sebastian und Fabius) würden dabei wohl herausstechen wie die Wasserspeier im Glöckner von Notre Dame.
Aber ein derartiges Ende war wohl für Disney von Anfang an keine wirkliche Option. Anders als in Kurzfilmen, wo sich das Studio in seltenen Fällen doch an eine dramatischere Adaption trauen mag, war die Allgemeintauglichkeit von Arielle, die Meerjungfrau eine zu zwingende Anforderung für derartige Experimente, und trotz allen eventuellen Bedauerns muss man zugeben, dass das Ergebnis seine Möglichkeiten voll und ganz ausgeschöpft hat.
Man könnte meinen, damit sei diese Erzählung zu Andersens Zeit zu genüge ausgereizt gewesen, aber im Gegenteil stellt dieses Ende, dass in der kleinen Meerjungfrau eine so andere Betonung hat, gerade den alles entscheidenden Unterschied dar: Im Gegensatz zu ihren geistigen Vorgängerinnen und den Erwartungen ihrer Schwestern entscheidet sich Andersens Meerjungfrau gegen die ihr zustehende Vergeltung und opfert sich eher selbst, als dass ihrem Liebsten etwas zustoßen möge.

In der Geschichte ist es eine langsame Steigerung und Hinwendung, die die titelgebende Meeresprinzessin immer weiter an die unbekannte Landwelt bindet. Schon zu Beginn des Märchens ist sie durchdrungen von der Sehnsucht nach der Oberwelt, nach dem Fremden und gleichzeitig so einladenden Leben der Menschen. Durch ihre einseitige Begegnung mit dem Prinzen und die Gelegenheit, ihm das Leben zu retten, wandelt sich diese Faszination in Liebe, zu dem Königssohn im Speziellen und zu der gesamten Menschenwelt im Allgemeinen. Erst als Allerletztes kommt die Sehnsucht nach einer unsterblichen Seele mit dazu, eine Seele, wie sie eine Meerjungfrau nur durch die Liebe eines Menschen gewinnen kann.
Mit Hilfe der Meerhexe gelingt es ihr, eine menschliche Form zu erlangen, auch wenn sie dafür nicht nur ihre Stimme und ihre ganze Welt opfern muss, sondern zusätzlich an den Prinzen gebunden ist, der sie unwissentlich vernichtet, sollte er eine andere heiraten. Sie gelangt in seine Nähe, wo sie für ihn allerdings nicht mehr bedeutet als ein „liebes Kind“, auch wenn er ab und an ganz nebenbei davon redet, dass er sie womöglich einmal heiraten könnte. Doch ehe es dazu kommen kan, trifft der Prinz unerwartet auf die Prinzessin, die ihn damals am Strand gefunden hat und somit das nur halbwegs verdiente Lob für seine Rettung erhält, und die beiden heiraten. Gerade hier zeigt sich der Unterschied der kleinen Meerjungfrau zu den früheren Versionen der Geschichte, denn so gleichgültig der Prinz bei Andersen auch dargestellt wird, so trifft ihn in der ganzen Geschichte doch keinerlei bewusste Schuld. Er hat nie etwas Besonderes für die Meerjungfrau empfunden und weiß nicht einmal um ihre wahren Gefühle für ihn.
Sie liebt ihn aber nichtsdestotrotz weiter, so sehr, dass sie ihre letzte Chance auf Rettung aufgibt - sie könnte ihn töten, um ins Meer zurückzukehren, aber stattdessen opfert sie sich selbst um seinetwillen. Spätestens hier wird klar, dass die Liebe zu dem Prinzen für die kleine Meerjungfrau noch um einiges stärker wiegt als ihre Seele, die sie in diesem Moment so oder so verloren glaubt. Dass sie schließlich doch noch eine Möglichkeit erhält, sich ihr ewiges Leben zu erwirken, ist für sie völlig unvorhersehbar, auch wenn diese Entwicklung für Andersen, vom romantisch-christlichen Standpunkt aus gesehen, nur konsequent erscheint, als himmlische Belohnung für das selbstlose Opfer. Auf diese Weise gelingt es dem Märchen, trotz allem auf einer spirituell positiven und tröstlichen Note zu enden.

Als sich Disney Ende der achtziger Jahre in einem erneuten Adaptionsversuch des Stoffes annahm, sollte Arielle, die Meerjungfrau das erste Disney-Märchen seit 30 Jahren werden. Seit Dornröschens niederschmetternder Rezeption hatte man sich nicht mehr an klassische Märchenstoffe getraut - umso stärker der Druck, der allgemein auf diesem, wie man befürchtete, „Mädchenfilm“ lag und umso größer die Sorge, aus Andersens bittersüßem Märchen einen allgemeintauglichen Familienfilm zu generieren.
Es gibt einige eher unbedeutende faktische Unterschiede zum Original, wie die Zahl der Meerestöchter und die Rolle der Mutter des Meerkönigs. Statt der selbstverständlichen Erlaubnis, an die Oberfläche zu schwimmen, tritt im Film ein strenges Verbot und die Meerhexe wird in Gestalt von Ursula zu einer klassischen Schurkin mit eigener Agenda und Vorgeschichte ausgebaut, aber auch das sind nur „typische“ Adaptions-Erweiterungen, die sich noch ganz im Rahmen der Geschichte bewegen. Dass Triton die Menschenwelt fanatisch hasst, schafft zusätzliche Möglichkeiten zum Konflikt und gibt Arielle Grund, sich ihrem Vater zu widersetzen. Genauso sorgt der Hintergrund Ursulas und die offene Rivalität der Meerhexe mit Triton für eine Verstärkung des Konfliktpotentials und bildet nebenbei die Saat für ein bombastisches Finale.


Doch all diese kleinen Unterschiede ändern nichts an dem Prinzip, oder vielleicht besser ausgedrückt, der Seele von Andersens Geschichte. Dafür sehr viel interessanter ist die zweite Hälfte, in der Arielle an Land versucht, ohne die Hilfe der Sprache Erics Liebe zu erlangen.

Diese Liebe auf den ersten Blick ist auch der Grund, warum Arielle für das Erreichen ihres Zieles von Ursula ein strenges Zeitlimit gesetzt wird, denn sonst wäre ihre Aufgabe in der Tat zu einfach; immerhin muss sie Eric nur an seine schon bestehenden Gefühle für sie „erinnern“. Dieses Wiedererwecken der Liebe ist für Disney-Verhältnisse sogar erstaunlich intensiv und realistisch dargestellt, denn zu dem märchenartigen „ersten Blick“ kommt hier eine echte Kennenlernzeit - es mag sich nur um drei Tage handeln, doch diese Entwicklung ist trotz ihrer Kürze überzeugend dargestellt.


Bis zu diesem Moment wäre es wohl noch theoretisch vorstellbar, den Film mit dem tragischeren Ende des Märchens zu beschließen; die schlichte Dramatik würde sehr wohl zum allgemeinen Charakteraufbau von Arielle passen, und es wäre nur Eric, für den solch ein Ende störend aufstoßen würde. Doch natürlich folgt im Disneyfilm ein großes Finale, das nichts mehr mit dem Original zu tun hat. Ursula gelingt es, sich Tritons Macht über die Meere zu erhandeln, Eric darf sich in einem großangelegten Showdown als aufopfernder Held etablieren und die Hexe besiegen, und schließlich lernt auch Triton seine Lektion und schenkt Arielle die so tief ersehnte Menschengestalt.


Natürlich ist es eine wirklich interessante Überlegung, wie der Film mit einem andern Schluss aussehen würde - was, wenn auf die generell positive Stimmung eine bittersüße Auflösung folgen würde? Die Vorstellung klingt auf ersten Blick aberwitzig, aber zumindest Arielles Figur nach wäre solch eine Entwicklung wirklich vorstellbar. Nur die betont kinderfreundliche Inszenierung (vor allem in Gestalt von Sebastian und Fabius) würden dabei wohl herausstechen wie die Wasserspeier im Glöckner von Notre Dame.
Aber ein derartiges Ende war wohl für Disney von Anfang an keine wirkliche Option. Anders als in Kurzfilmen, wo sich das Studio in seltenen Fällen doch an eine dramatischere Adaption trauen mag, war die Allgemeintauglichkeit von Arielle, die Meerjungfrau eine zu zwingende Anforderung für derartige Experimente, und trotz allen eventuellen Bedauerns muss man zugeben, dass das Ergebnis seine Möglichkeiten voll und ganz ausgeschöpft hat.