Dienstag, 7. April 2015

Interstellar


Christopher Nolan steht, wohl mehr als jeder andere derzeit aktive Filmemacher, synonym für ambitioniertes Unterhaltungskino, dem Intellekt innewohnt. Der Regisseur, Produzent und Autor führte sein Publikum unter anderem in eine grimme Vision der Comic-Metropole Gotham, in der Batman alias The Dark Knight vorführt, welche Konsequenzen Vigilantismus nach sich zieht. Außerdem erzählte er mit Prestige eine verschachtelt-mysteriöse Geschichte über viktorianische Illusionisten, die nicht nur künstlerische Passion sowie Opferungsbereitschaft hinterfragt, sondern obendrein auch dem Betrachter auf den Zahn fühlt: Wie gewillt ist er, wegzuschauen, um sich verzaubern zu lassen? Mit dem 2010 gestarteten Blockbuster Inception wiederum unternahm Nolan eine introspektive Reise „in die Architektur des Verstandes“. Der mehrfach prämierte Big-Budget-Streifen macht Trauer, Verzweiflung und Zielstrebigkeit durch opulente Bilder, kraftvolle Musik und energetische Actionszenen spürbar und lässt den Zuschauer dank seiner trickreichen Narrative zudem grübelnd zurück.

Der 165 Millionen Dollar schwere Science-Fiction-Film Interstellar eröffnet dem Briten einen neuen, umfangreichen Schauplatz: Die überwältigenden Weiten des Weltraums. Mit diesem Setting geht in der von Christopher Nolan und seinem Bruder Jonathan geschriebenen Geschichte über menschlichen Pioniersgeist und Überlebenswillen ein gigantischer Ehrgeiz einher. Keine Regiearbeit des Memento-Schöpfers sah spektakulärer aus und setzte sich eine höhere Bandbreite an thematischen Ziele. Gestützt wird der Wetteifer, der dieser Zukunftserzählung zugrunde liegt, durch die wissenschaftlichen Theorien des angesehenen Astrophysikers Kip Thorne. Der enge Freund Stephen Hawkings und frühere Professor am ehrwürdigen California Institute of Technology diente mit seinen Abhandlungen über Wurmlöcher, schwarze Löcher und die Relativität der Zeit nicht nur als Ideengeber dieses Projekts, sondern wirkte zudem als wissenschaftlicher Berater und ausführender Produzent mit.

Entstanden ist dabei ein beachtenswertes Unterfangen von einem Film: Interstellar ist sowohl ein cineastisches Essay als auch ein audiovisuelles Spektakel, ein Epos, das sich gleichermaßen emotionell wie kopflastig gestaltet.

Tatendrang
In der nahen Zukunft sorgen veränderte klimatische Bedingungen und ein immens erhöhtes Aufkommen an Pflanzenkrankheiten für eine weltumspannende Lebensmittelknappheit – und dies, obwohl bereits die Mehrheit der Bevölkerung in der Landwirtschaft arbeitet. Die Konsumgesellschaft befindet sich dagegen ebenso auf dem Rückzug wie die Wissenschaft: Da nahezu jeder Cent in die Ernährung der allmählich dahinsterbenden Menschheit gesteckt wird, bleiben kaum Ressourcen für Forschung und Fortschrittsdenken übrig. Daher verschließt der Staat auch den gesellschaftlichen Weg nach oben, sehr zum Frust des Witwers und zweifachen Vaters Cooper (Matthew McConaughey), der einst NASA-Pilot war und sich für seinen Sohn eine Zukunft als Ingenieur ersehnt. Als Coopers aufgeweckte Tochter Murph von rätselhaften Vorfällen berichtet, macht sich das stoische Raubein, dessen Weltsicht zwischen Idealismus und Pragmatismus pendelt, auf die Suche nach dem Ursprung dieser Geschehnisse. Dabei stolpert er über ein ganz anderes Geheimnis: Die NASA existiert weiterhin und arbeitet an einer streng geheimen Mission, um die menschliche Art davor zu retten, gemeinsam mit ihrem Heimatplaneten unterzugehen …

Der Tatendrang des von McConaughey mit ruppiger Einfachheit verkörperten Protagonisten spiegelt sich auf der Produktionsseite wider. Hoyte van Hoytemas prachtvolle Landschaftsaufnahmen – zu großen Teilen im IMAX-Format gedreht und entgegen des gewohnten Nolan-Stils weitestgehend lichtdurchflutet – und die immensen Kulissen erschaffen hier einen real wirkenden Ausblick auf eine mögliche Zukunft. So real, dass Interstellar phasenweise auf optischer Ebene auch als äußerst kostspielige Dokumentation durch ginge. Wären da nicht die fernen Welten, die mit ihrer eindrücklichen Gestaltung und dank makelloser Verquickung praktischer und digitaler Effekte sowie Trickfotografie zu erstaunen und verwundern wissen. In diese mühevoll erschaffenen Filmwelt fügen sich sogar die vielleicht unterhaltsamsten Roboter nahtlos ein, die es im ernsten Sci-Fi-Kino je zu sehen gab: Die minimalistischen, schwarzen Quader, die Cooper auf seiner Reise begleiten, verleihen Interstellar nicht nur eine gute Dosis Humor, ohne die Stimmung des Films zu unterwandern, sondern dienen zudem als Element der steten Weltenerschaffung.


Zukunftsgedanken
Die 169-minütige Laufzeit dieser aufwändigen Produktion liegt zwar zum Teil darin begründet, dass Nolan viel Spannung aus behutsamer Beobachtung und detailliert ausgebreiteten Szenen generiert. Jedoch spielt diesbezüglich die Fülle an angerissenen Themen eine genauso große Rolle: So schneiden die Nolan-Brüder in ihrem Drehbuch eine Debatte über den Wert der Weltraumforschung an – und das mit einer Versiertheit, die das übersteigt, was in einer solchen Geschichte nötig wäre. Dies ist wohl kaum ein Zufall, bedenkt man, dass sich Christopher Nolan vor allem für das 2006 noch als Steven-Spielberg-Regiearbeit gedachte Projekt interessierte, weil es ihm die Möglichkeit gab, ein Plädoyer für die bemannte Raumfahrt zu halten.

Zu diesem Zweck vermengen die Autoren wissenschaftliche Fakten, plausible Spekulationen und künstlerisch-dramaturgische Freiheiten. Manche Details könnten es Interstellar also schwer machen, frei von ergänzenden Kommentaren in einer Astrophysik-Vorlesung vorgeführt zu werden – als durchdachtes, geistreiches Science-Fiction-Kino erschafft Nolans bislang längster Film dennoch ein in sich kohärentes sowie konstantes Regelwerk. Dessen wichtigste Stütze, Kip Thornes Abhandlung darüber, welche astrophysischen Phänomene Reisen in andere Galaxien ermöglichen könnten, führt zudem nicht nur weitere Gedankenansätze ein, sondern den zentralen Spannungskniff dieser Story: Die Relativität der Zeit. Während für die Astronauten nur Tage vergehen, verstreichen auf der Erde Jahrzehnte, in denen sich die Verfassung des Planeten kontinuierlich verschlechtert. Daher gilt es für die Weltraumreisenden nicht nur über das zentrale Ziel ihrer Mission zu streiten – und dies, typisch für Nolan, in Monologen und Dialogen die weniger von schnöder Alltagssprache haben, sondern von geschliffenen, einprägsamen Ansprachen. Insbesondere gilt es für sie, jeden einzelnen Schritt abzuwägen, um keine Zeit zu vergeuden, denn diese Ressource rennt zwar nicht ihnen davon, sehr wohl aber jenen auf der Erde.

Durch die von Anne Hathaway gespielte Amelia Brand findet außerdem ein weiterer Gedankenanstoß Eingang in den Film: In der aufreibendsten Szene der in Interstellar sonst eher weniger auffälligen Aktrice debattiert ihre Figur über den sozialen und wissenschaftlichen Wert der Liebe. Ob Gefühle eine höhere Auswirkung auf das menschliche Schicksal und Handeln haben, als die Wissenschaft es derzeit in Worte fassen kann, ist schlussendlich gar eines der zentralen Motive dieser Handlung. Selbst wenn sich dies größtenteils in Form von achtsam vorbereiteten Handlungswenden und narrativen Klammern äußert. Hathaways Monolog trennt letztlich beim Publikum die zynische Spreu vom wie Nolan tickenden Weizen: Egal wie verkopft seine Figuren oft sein mögen, egal wie finster die Situationen, in die sie geraten – beim Regisseur herrscht unterm Strich trotzdem eine romantisierte Weltsicht vor. Wer auf dieser Wellenlänge liegt, dürfte von Amelia Brands Gefühlsaufbruch noch enger an die Interstellar-Handlung gebunden werden – anderweitig droht durch die unverblühmte Emotionalität der Figur eine entnervte Abwendung von ihr sowie der von ihr angesprochenen Sub-Thematik.

Weitreichende Emotionen
Man sieht: Obwohl Interstellar gedankenschwer ist, ist diese Geschichte mehr an menschlichen Emotionen interessiert als bisherige Nolan-Werke. Selbst wenn die Figuren für sich genommen nur so viel Profil aufweisen wie nötig, und so den zahlreichen wissenschaftlichen und moralischen Inhalten Raum geben, legt der Regisseur großes Augenmerk auf die Dynamik zwischen den handelnden Personen. So sehr, dass ihre Gefühle zueinander das Grundgerüst dieses Films darstellen. Dies wird etwa deutlich, wann immer die auf der Erde gebliebenen Wissenschaftler (darunter ein routinierter Michael Caine) rapide alternd Botschaften an die mit der Rettung der Menschheit beauftragten Astronauten senden. Wenn sich McConaughey alias Cooper die Videonachrichten seiner Familie anschaut, bleibt dank der präzise geschriebenen Dialoge, des effektiven Schnitts und der minutiösen Darbietungen der Atem des Zuschauers stocken. Und während Murph in jungen Jahren von Mackenzie Foy eine Spur zu ungeduldig und quengelig angelegt ist, erweist sie sich später durch Jessica Chastains Leistung als stets zwischen Rationalität und Bauchgefühl kämpfende, ebenbürtige Hauptfigur direkt neben McConaugheys Cooper. Ein später Subplot, getragen von einem in jeglichen PR-Materialien geheim gehaltenen Hollywoodstar, mischt wiederum alle zuvor aufgebauten Konstellationen auf und dreht dabei etwas überdeutlich an der Spannungsschraube. Allerdings führt er darüber hinaus griffig vor, wie Überlebenswillen und Wut menschliches Handeln steuern.

Die Emotionalität dieses dramatischen Science-Fiction-Abenteuers äußert sich allerdings am gewaltigsten in der Gänsehaut erzeugenden Originalmusik. Hans Zimmer lässt die tiefen Bässe, die rasanten Streicher-Ostinati und wuchtigen Percussion-Einsätze seiner vergangenen Nolan-Zusammenarbeiten hinter sich, um in Interstellar völlig andere Wege zu beschreiten. Und diese führen den Oscar-Preisträger zu esoterisch angehauchten Orgelstücken, lang nachhallenden Noten und einer insgesamt sehr komplexen, hellen Klangästhetik. Die Melodien in Interstellar sind hochemotional, vermitteln Gefühle wie Einsamkeit, Sehnsucht nach Familie und Heimat oder auch schieres Erstaunen. Gleichwohl sind diese potentiell fragilen, zarten Kompositionen mit einer derartigen Kraft arrangiert, dass sie sich zu einem den Film energisch dominierenden Kraftakt formen.

Und diese Klangkraft hat Methode: Die Toningenieure Gregg Landaker und Gary Rizzo geben Zimmers Musik streckenweise eine höhere Priorität als den Dialogen und der restlichen Klangpalette. Nicht zuletzt durch diese akustische Opulenz positioniert sich Nolans Weltallepos trotz seiner thematischen Schwerpunkte vornehmlich als bildliches und klangliches Erlebnis – und weniger als wissenschaftliche Abhandlung im fiktionalen Kleid. Dies lässt Interstellar auch abseits seiner gelegentlichen, prägnanten Referenzen in die Nähe von 2001: Odyssee im Weltraum rücken. Der hohe Stellenwert, den das Skript der Cooper-Familiengeschichte einräumt, der niedrige Grad an Stilisierung der irdischen Filmsequenzen und die emotionale Aufladung der Filmmusik Zimmers hingegen distanzieren diesen Trip von Stanley Kubricks Meilenstein. Paradox, aber es geht auf: Ist Kubricks Klassiker primär als allegorisch-vieldeutig angelegt, legt Nolans Raumfahrtmär größere Akzente auf den Affekt und charaktergetragene Dramatik.

Fazit: Überwältigend! Christopher Nolan gelang mit diesem aufwändigen wie komplexen Science-Fiction-Abenteuer ein weiterer Geniestreich.

Diese Kritik basiert auf meiner Quotenmeter.de-Kinobesprechung

Sonntag, 5. April 2015

Der Hobbit: Die Schlacht der fünf Heere


Als Ende 2003 das herausragende Finale der Herr der Ringe-Trilogie in die Kinos kam, bestand Grund zur Annahme, dass sich Fantasyfreunde für immer von der filmischen Darstellung Mittelerdes verabschieden müssen. Selbst nachdem sich sämtliche Rechtsstreitigkeiten aufklärten, die einer Adaption des Tolkien-Romans Der Hobbit im Wege standen, sah es vorerst bitter aus für das Prequel zur Ringe-Saga. New Line Cinema versuchte zwischenzeitlich, Peter Jackson aus dem Projekt raus zu halten, die an der Produktion beteiligten MGM Studios bestanden dagegen auf sein Mitwirken. Schließlich erhielt Guillermo del Toro den Auftrag, Regie zu führen, während Jackson als ausführender Produzent und Ko-Autor angeheuert wurde. Die finanziellen Probleme MGMs verzögerten die Vorproduktion aber in enormen Maße, weshalb del Toro, der beim Filmdreh intensiven Gebrauch praktischer Effekte machen wollte, letztlich ausstieg.

Bekanntlich war dies jedoch nicht das Ende vom Lied. Peter Jackson willigte ein, doch den Regieposten zu übernehmen, die Finanzen MGMs stabilisierten sich und im März 2011 fiel dann endlich die erste Klappe. Zu diesem Zeitpunkt war die Verfilmung des kinderfreundlichen Tolkien-Klassikers noch als Zweiteiler geplant, im Juli 2012 ließen Warner Bros., New Line Cinema, MGM und Peter Jackson allerdings die Bombe platzen: Nach eifriger Überlegung wolle man letzten Endes eine Hobbit-Trilogie realisieren. Ein Entschluss, der ebenso oft umjubelt wie beklagt wurde. Vor allem Part eins litt in den Augen vieler Kritiker an Längen, Teil zwei dagegen kam bei der schreibenden Zunft dank der geschilderten Charakterentwicklung und sehr dynamischer Action wieder besser an. Die dritte und abschließende Runde präsentiert sich wiederum als opulentes Schlachtengemälde – aber als gebührender (erneuter) Abschied von Mittelerde bleibt sie klar hinter ihren Möglichkeiten. Selbst wenn es zügiger erzählt und daher nicht derart dröge ist wie Part eins, kann dieses Finale nämlich die Probleme der restlichen Hobbit-Filme nicht abschütteln.

Hin und wieder zurück
Es finden sich zudem neue Problemchen: Anders als die bisherigen Herr der Ringe- und Der Hobbit-Filme verzichtet dieses Abschlusskapitel auf einen Prolog, der die Themen dieses Films einführt und als atmosphärische Einstimmung dient. Stattdessen wirft Peter Jackson den Zuschauer direkt ins Geschehen – und dieses knüpft genau da an, wo Der Hobbit: Smaugs Einöde endete. Der sinistre Drache Smaug kreist über Seestadt, die er mit unbändiger Zerstörungslust in Brand setzt. Die ansässigen Menschen versuchen zu fliehen, einzig und allein der Bogenschütze Bard (Luke Evans) wagt einen Kampf gegen die Feuerechse. Die Attacke des gigantischen Schuppenviehs auf das beschauliche Städtchen ist eine effekttechnische Tour de Force, die nicht zuletzt dank des imposanten Drachen zu erstaunen weiß. Cutter Jabez Olssen findet jedoch im ersten Abschnitt dieses 144-minütigen Fantasyabenteuers keinen flüssigen Rhythmus, der Drachenangriff holpert daher tösend vor sich hin und funktioniert allein als stolzes Effektgewitter. Eine runde Grundstimmung entsteht erst nach dem Kampf Bards gegen Smaug, wenn kurzfristig die Dialoge und der Erzählfluss Oberhand gewinnen.

Während sich allmählich das magische Mittelerde-Gefühl einstellt, lässt das Autoren-Quartett Peter Jackson, Fran Walsh, Philippa Boyens und Guillermo del Toro die letzten Puzzleteile zusammenfallen, um das Grundthema der Vorlage auf der Leinwand abzubilden: Das rund 400-seitige Kinderbuch ist primär eine vor Gier warnende Anti-Kriegsparabel, was auch Der Hobbit: Die Schlacht der fünf Heere nach seinem feurigen Intro mittelfristig spürbar macht. Zwergenführer Thorin Eichenschild (Richard Armitage) verfällt im zurückeroberten Einsamen Berg der „Drachenkrankheit“, die ihn mit Allmachtsfantasien erfüllt und Schätze über Menschlichkeit stellen lässt. Davon besessen lässt er den Eingang zu Erebor verbarrikadieren, so dass die Flüchtlinge aus der zerstörten Seestadt vor den Toren verharren müssen. Diese pochen aber darauf, dass Thorin sein einst gegebenes Wort hält und ihnen Zuflucht gewährt sowie einen Anteil auf die in Erebor geborgenen Reichtümer abgibt. Die Elben unter dem stoischen König Thranduil (Lee Pace) schlagen sich auf die Seite der Menschen – nicht nur, da sie als Erzfeinde der Zwerge jede Gelegenheit ergreifen, ihnen das Leben schwer zu machen, sondern auch, weil sich im mächtigen Berg auch Juwelen von hohem sentimentalen Wert befinden. Unterdessen macht der abscheuliche Ork Azog (Manu Bennett) seine gigantischen Armeen gen Erebor ziehen. Eine kolossale Schlacht steht bevor und der friedliche Hobbit Bilbo (Martin Freeman) sucht verzweifelt nach einem Weg, sie abzuwenden …

Kleine Helden, große Emotionen?
Im Vergleich zu den beiden Vorläufern ist das martialische Finale der Hobbit-Trilogie ein zweischneidiges Schwert. Einerseits kommt es dank der wuchtig in Szene gesetzten Kämpfe trotz massig Füllmaterial kaum zu derartigen Durchhängern wie in Eine unerwartete Reise, andererseits präsentiert sich dieses Fantasy-Schlachtenepos inhaltlich wie auch visuell einseitiger als Smaugs Einöde. Bilbos Charakterwandlung wurde bereits im mittleren Teil deutlich, ein Gros der Entwicklung Thorins liegt ebenso bereits hinter uns, so dass für Die Schlacht der fünf Heere allein der Schlussakkord übrigbleibt. Und auch wenn Jacksons erstaunliches Händchen für mitreißende Scharmützel ordentlich Kurzweil erlaubt, steckt somit weniger Substanz hinter diesem Fantasy-Epos, als die Laufzeit rechtfertigen würde. Der ursprünglich geplante Zweiteiler wäre höchstwahrscheinlich pointierter geraten.

Größter Leidtragender der gesteigerten Filmdauer ist Richard Armitrage als Thorin Eichenschild: Schon in den ersten beiden Filmen ein wenig sympathischer Zeitgenosse, wird aus dem arroganten Oberzwerg in Die Schlacht der fünf Heere ein besessener Betonkopf ohne jegliches Charisma. Dramatische Fallhöhe ist für diese Figur im Trilogiefinale durch ihre wenig einnehmende Zeichnung in den Vorläufern also nicht gegeben – wie soll man die Korruption eines Charakters bedauern, der schon von Beginn an wenig erfreulich war? Dass Thorins Wahn nunmehr in minutenlangen Monologen wiederholt unterstrichen wird und Jackson Armitrage mit großen, bösen Augen durch die Szenerie laufen lässt, grenzt dann an eine Farce. Weniger ist manchmal halt mehr – so wie es von Jackson letzten Endes umgesetzt wurde, ist Thorin nämlich kein tragisch-heroischer Charakter, sondern nur nervtötend. Wesentlich besser ist die Charakterisierung des bereits ergrauten, weisen Zwergs Balin (Ken Scott) geraten, der sich im Laufe der Filme langsam zu einem Vertrauten Bilbos entwickelte und in diesem Part Bedenken an Thorins Führungsstil äußern darf. Scott verleiht seiner Figur mit ausdrucksstarkem, aber nie überzeichneten Spiel Charakter und lässt ihn so aus der sonst arg eintönig skizzierten Masse kleinwüchsiger Bartträger herausstechen.

Auch Freeman verdient sich als junger Bilbo Beutlin erneut großes Lob, selbst wenn er im finalen Kapitel seiner Geschichte über lange Strecken zur Randfigur verkommt. Wenn Freeman aber auftaucht, ist dies jedes Mal eine wahre Freude: Mit Witz und Esprit belebt er jede seiner Szenen, gleichzeitig gelingt es ihm, durch ein sich schleichend veränderndes Mienenspiel aufzuzeigen, wie der Besitz des Einen Rings und die brutalen Ereignisse seiner unerwarteten Reise grundlegende Auswirkungen auf den Halbling haben. Wäre doch nur die Bilbo-Dosis durch das ganze Getöse dieser aufgeblähten Erzählung nicht dermaßen verwässert …


Auf in den Kampf!
Das Herzstück dieses Epos ist aber, wie der Untertitel verspricht, die in aller Ausführlichkeit erzählte Schlacht um Erebor. Egal, ob sich der agile Legolas (Orlando Bloom) alle Mühe gibt, seine faszinierenden Kampfchoreografien aus der Herr der Ringe-Trilogie mit neuen stylischen Kniffen zu übertreffen, oder ob Thorin Eichenschild in einem abwechslungsreich gestalteten Zweikampf seine Kräfte mit dem Anführer der Orks misst: Jackson versteht es, der Action dank zahlreicher „Wow!“-Momente einen hohen Unterhaltungsfaktor zu verleihen, ohne sie sie zu reinen Spaßnummern verkommen zu lassen. Durch Eskalation und dramatische Wenden gewinnt das Kampfgetümmel seine eigene, respektable Spannungskurve. Hinzu kommt, dass Jackson und Kameramann Andrew Lesnie durch imposante Total- sowie Großaufnahmen immer wieder die Imposanz (und Gefährlichkeit) des Ganzen zur Geltung bringen. Selbst wenn die überbordende Quantität der Schlachtszenen deutlich geringer ist als ihre inhaltliche Relevanz.

Das 3D, wohl das stärkste der Trilogie, tut sein übriges, und das detailverliebte, aufwändige Produktionsdesign ist – von den Orks abgesehen - über fast jeden Zweifel erhaben. Störend ist aber, wie schon in den ersten beiden Filmen, dass Jackson vor allem in turbulenten Augenblicken zu sehr auf Werkzeuge aus der Computertrickkiste zurückgreift, als dass das Aufeinandertreffen der fünf Heere an die Grandeur der alten Herr der Ringe-Filme heranreichen könnte. Wie zu erwarten war, komponierte Howard Shore aber auch dieses Mal einen Gänsehaut-Score, der atmosphärisch und fesselnd ist, so dass das fehlende dramaturgische Gewicht der Pixelmassen teilweise aufgewogen wird.

Ob Der Hobbit: Die Schlacht der fünf Heere, oder die Hobbit-Trilogie generell, auch die Rückkehr weiterer Mittelerde-Veteranen wie Cate Blanchett, Hugo Weaving und Christopher Lee gebraucht hätte, ist hingegen fraglich. Denn obschon das Wiedersehen mit ihren ikonischen Figuren ein klarer Service an große Fans der Original-Trilogie darstellt, bereichert es die Prequel-Trilogie auf inhaltlicher Ebene nahezu überhaupt nicht – womit sie letztlich sogar Ballast darstellen. Schlussendlich besagen die Szenen rund um den Weißen Rat, der ein Aufbegehren Saurons befürchtet, nämlich allein, dass alle Erkenntnisse aus den Herr der Ringe-Filmen ohne weiteren Kommentar Gültigkeit haben. Ohne einen Erkenntnisgewinn dienen die Ratsszenen also nur dem Selbstzweck – wenngleich sie in Der Hobbit: Die Schlacht der fünf Heere dann und wann optisch interessant und mit launigen Einfällen daherkommen.


Allen Ärgernissen zum Trotz: Sobald Bilbo und Gandalf Abschied voneinander nehmen und sich die Erzählung des kleinen Hobbits ihrem Ende nähert, fällt es schwer, nicht wehmütig werden. Aber Trost ist ja gegeben: Orientiert man sich nämlich an der inhaltlichen Chronologie, fängt das wahre Abenteuer erst noch an. Und anders als der erste Teil dieser Trilogie, die niemals eine Trilogie hätte werden dürfen, macht Der Hobbit: Die Schlacht der fünf Heere tatsächlich Lust darauf, schnellstmöglich (wieder) staunend die Herr der Ringe-Reihe zu begutachten.

Diese Kritik basiert auf meiner Quotenmeter.de-Kinobesprechung des Films