Samstag, 13. Juni 2015

Herz aus Stahl


Für das am Genre desinteressierte Publikum mag es zunächst schwer begreiflich sein. Doch die unaufhörlich wachsende Gattung des US-amerikanischen Kriegsfilms lässt sich mühelos weiter aufteilen – und erlaubt sogar Rückschlüsse darauf, wie diverse Kriege in den Vereinigten Staaten aufgefasst werden. Die in ihrer cineastischen Verarbeitung wohl am weitesten voneinander entfernt stehenden Feldzüge sind dabei der Zweite Weltkrieg und der Vietnamkrieg. Mit bezeichnenden Titeln wie Apocalypse Now oder Die durch die Hölle gehen wird selbst bei oberflächlicher Betrachtung klar, dass der Vietnamkonflikt nahezu ausnahmslos als falsch und ungerecht, gar als diabolisch gezeichnet wird. Anders der Zweite Weltkrieg: Die Schlagzahl an patriotischen Eskapaden mag variieren, ebenso wie der Gewaltgrad. Die Fronten sind indes klar: Die Alliierten sind Helden. Zweifel an den verwendeten Mitteln, geschweige denn der Ehrbarkeit der gegen die deutschen Heere kämpfenden Soldaten, sind in Filmen über den Zweiten Weltkrieg rar gesät.

Der Drehbuchautor und Regisseur David Ayer ist allerdings wenig an klaren Rollenverteilungen interessiert, wie er bereits mit dem Skript zu Training Day oder mit dem von ihm geschriebenen sowie inszenierten Found-Footage-Actiondrama End of Watch vorführte. Eben jener Linie bleibt Ayer auch in Herz aus Stahl treu. Es lässt sich sogar das Argument machen, dass er sich nach dem gemeinhin verrissenen Sabotage selber übertrifft: Trotz Superstar Brad Pitt in der Hauptrolle und endlos scheinenden Passagen reiner Zerstörungswut ist diese Weltkriegs-Geschichte desolater, intensiver und ambivalenter als Ayers bisheriges Schaffen.

Der eindrucksvollste Abschnitt dieser desperaten Erzählung ist die Zäsur zwischen den einleitenden und abschließenden Panzer-Actionpassagen. Der erzählerische Wende- und Mittelpunkt von Herz aus Stahl führt die zwei zentralen Figuren, den erfahrenen Panzerführer Don 'Wardaddy' Collier (Brad Pitt), und seinen erst kürzlich rekrutierten Schützling Norman Ellison (Logan Lerman), in die Wohnung zweier deutscher Zivilistinnen. Es sind die letzten Tage des Krieges, und genauso, wie Wardaddy bereits der Schmerz und die emotionale Abstumpfung der vergangenen Monate ins Gesicht geschrieben stehen, sind die jungen Frauen (Anamaria Marinca und Alicia von Rittberg) sichtlich von Angst erfüllt. Angst vorm Regime, das kurz zuvor Kriegsverweigerer in ihrem Heimatdorf exekutierte. Angst davor, als Kollateralschaden zu enden. Und Angst vor der bislang unbekannten Variabel, die die Alliierten darstellen. Was folgt, ist eine nach all dem Kampfgetümmel und visuellen, garstigen Schrecken bewusst entschleunigte Gesprächssequenz, die nach außen hin einen fragilen Frieden ausspielt. Unter der Oberfläche brodelt es allerdings. Die zwei Soldaten misstrauen den Deutschen, diese wiederum sind vom Geschehen überfordert, beäugen jede Geste der zwei so verschieden in den Raum tretenden Amerikaner.

Sobald Ayer, vermeintlich, der Anspannung eine Möglichkeit gibt, sich zu entladen, konterkarieren die trostlose Ausstattung, das Fehlen entsprechend positiver Filmmusik und die distanziert-kühle Kameraarbeit Roman Vasyanovs diesen Handlungsschritt. Norman und die jüngere der beiden Frauen bandeln miteinander an. Aber die übliche Bild- und Klangästhetik, die im US-Historienkino markiert, dass so eben ein Moment des Trosts in tristen Zeiten eingefangen wird, bleibt aus. Ebenso das andere Extrem. Keine sinistren Orchesterklänge. Keine grimmen Schatten, die verbildlichen, wie sehr ein unschuldiger Bube zum Schurken verkommt, der seine Machtposition gegenüber verängstigten Frauen ausnutzt. Ayer lässt das Geschehen stehen. Romantik fehlt, es wird jedoch auch keine explizite Anklage erhoben. Nur zwischen den Zeilen wird das diskutiert, was parallel dazu in den Köpfen wohl vieler Zuschauer vorgeht. Ist es eine Vergewaltigung? Die etwas ältere Cousine blickt gestreng in Richtung Schlafzimmer, Wardaddy entlockt seiner steinernen Miene ein entschuldigendes Lächeln: „Sie sind jung“, so als sei es zweifelsfrei auf Beidseitigkeit beruhender Leichtsinn.

Herz aus Stahl reißt somit auf exzellente Weise ein Thema an, das im Kino bislang monoton behandelt wurde. Es gibt bereits eine kleine Tradition an Tragikomödien, die romantisiert auf Beziehungen deutscher Frauen mit alliierten Soldaten zurückblicken. Frau Ella gehört beispielsweise dazu – und völlig daneben liegen diese Filme nicht, sind langjährige Liebesaffären und auch Ehen dieser Art sehr wohl verbucht. Filme über andere Kriege kennen derweil allein das Bild animalischer Soldaten, die sich nehmen, was sie wollen – ein ebenso reales wie abscheuliches Bild. Dass für spätere Generationen viel Unklarheit herrscht, welche realen Vorfälle in welche Schublade gehören, wurde dagegen bislang kaum adressiert. Ayer verherrlicht die Tat keineswegs, da er sie allerdings in einem sehr dunklen Grau zeichnet, fängt er besagte Debatte lang nachhallend ein. Und stärkt so seinen Film. Er lässt in Mitten seines Films das Übel in der Vorstellung des Betrachters entstehen, nachdem er zuvor mit schonungslosen Bildern gearbeitet hat. Somit entsteht eine explosive, nachhallende Mischung.

Im Anschluss an diesen Vorfall dreht Ayer die Schraube der Anspannung sogar noch fester zu. Während eines improvisierten, kärglichen Mahls ruft er in Erinnerung, dass Wardaddys Truppe noch aus weiteren Männern besteht. Wurden diese zuvor nur flüchtig eingeführt, zeigen sie nun nicht etwa im Kampf, sondern ausgerechnet in einem Moment der Stille ihre wahren Gesichter. Jon Bernthal, Michael Peña und vor allem Shia LaBeouf dürfen nun weitere Facetten ihrer Rollen zeigen, verstören, Mitleid erregen, verwirren. Und dann endet dieser Film im Film, der mit seinen starken Dialogen in ähnlicher Form problemlos auch ein Inglourious Basterds-Kapitel hätte darstellen können, mit einem Paukenschlag. Betrachter wie auch die handelnden Figuren befinden sich erneut im schwarz-matschbraunen, ohrenbetäubenden Kriegsalltag, der knapp zwei Drittel von Herz aus Stahl ausfüllt.


Die Schlachten reichen zwar nicht an die Komplexität, emotionale Zerrissenheit und resolute Regieführung des Mittelteils heran. Trotzdem sind sie überaus intensiv und machen durch gekonnt in Szene gesetztes Chaos und verstörende Momentaufnahmen spürbar, wieso innerhalb weniger Tage aus dem naiven, unverbrauchten Norman ein völlig ausgebrannter Recke werden kann. Ayers Gewaltspitzen und Ekeleskapaden verkommen dadurch nie zum Selbstzweck, sondern dienen stets der Erzählung und brennen sich somit langfristig in Erinnerung. Die Panzerkämpfe zeigen zudem die Wucht, mit der diese Gerätschaften durchs Land bretterten, ohne den Film zäh zu gestalten. Die ersten Feldzüge sind daher sogar mitreißender und visuell ungewöhnlicher als das sich auf einen Ort beschränkende Finale. Dies liegt auch an einem weiteren Aspekt: Obwohl hier der aufkeimende Heroismus der Figuren als selbsteingeredet unterstrichen wird, überreizt die letzte Schlacht ihren Spannungsbogen minimal. Umso stärker präsentiert sich dafür der Gänsehaut-Score aus der Feder des Gravity-Komponisten Steven Price, durch den die aussichtslose Stimmung des Films auch in den unsicherer gespielten Augenblicken aufrecht gehalten wird.

Dienstag, 9. Juni 2015

Auf den Erpel, der besser schnattert, als alle anderen


Die meisten Menschen feiern ihren Geburtstag jedes Jahr, und nicht nur, wenn ein Meilenstein ansteht. Manche Feiern fallen zwar größer aus als andere, doch der Umstand, dass sie stattfinden, gilt gemeinhin als normal. Unseren fiktionalen Helden ist eine alljährliche Feier hingegen nicht garantiert. Vergangenes Jahr überschlugen sich die Medien mit Glückwünschen für den besten aller Pechvögel, Donald Duck. Dachte aber alle Welt an den watschelnden Disney-Star, als er 80 Jahre alt wurde, so bleiben dieses Jahr vielerorts die Gratulationen aus. Ich finde, dass dies bekämpft werden muss! Und da ein simples Alles Gute, Donald! nicht ausreicht, nutze ich Donalds Wiegenfest, um mich mal in seinem Namen ungeheuerlich über eine ärgerliche Sache ... äh ... zu ärgern!

Es geht um die allseits beliebte Zeichentrickserie DuckTales. Versteht mich nicht falsch, auch ich liebe diesen Klassiker unter Disneys animierten Abenteuerserien, da das Storytelling zumeist mit einer zügigen, aber wirksamen Dramaturgie vonstatten geht, weil Dagobert hier ausnahmsweise mal recht konstant (und sympathisch) charakterisiert wird und oftmals auch das Design und die Musik zu gefallen wissen. Aber es gibt nunmal einige Episoden, die mich ungeheuerlich nerven. Und dies sind nicht unbedingt die direkten Carl-Barks-Adaptionen. Denn anders als einige Comic-Jünger, die DuckTales nicht mögen, weil die verfilmten Geschichten des zurecht gefeierten Enten-Künstlers inhaltlich von den Vorlagen abweichen, komme ich damit klar. Fernsehen ist ein anderes Medium als Comichefte, daher sind Abweichungen unvermeidlich.

Womit ich aber nicht d'accord gehe, ist die Darstellung Donalds in der Serie. Dass der Erpel Nummero uno kaum eine Rolle spielt, kann ich verstehen. Damals war er in den USA noch ungleich populärer als heutzutage, und angeblich hatten die Storykünstler Angst, er würde die Abenteuer in der Serie überschatten. Daher zogen sie es vor, mit eher sekundären sowie neuen Figuren zu arbeiten, weil so das Augenmerk der Zuschauer auf die Geschichten fiele. Für jene Zeit eine nachvollziehbare Entscheidung. Dass man die gelegentlichen Folgen, in denen Donald auftaucht, aber nahezu durchgehend mit einem einzelnen Running Gag bestreitet, bringt mich auf die Palme: Ohhhh, Donald brabbelt Schwachsinn und ist obendrein schwer zu verstehen!

Ja, Donalds heisere Stimme war schon zu Walts Zeiten Thema, man denke etwa an den Cartoon Donald's Dream Voice. Allerdings sind Geschichten, laut denen Donald für sein Umfeld als nahezu unverständlich dargestellt wird, eine Seltenheit. Zumeist wird er von anderen Figuren sehr wohl verstanden, und je nach Autor wird er auch als recht schlagfertig gezeichnet - und das nicht nur im nonverbalen Sinne. Wenn Donald in DuckTales also als dumm und sprachbehindert durch seine Episoden gereicht wird, grenzt das an Majestätsbeleidigung. Dass er in der Folge Sphinx for the Memories respektive Mein Gott, Donald eine der peppigsten Zeilen der ganzen Serie quaken darf, ehe er für den Rest der Episode den Deppen gibt, ist da ein ungewöhnlicher, aber nicht ausreichender Trost. In der englischen Originalfassung sagt Matrose Donald, ehe er Landgang hat: "The night is young, and I'm old enough!" Du toller Hecht, du ...

Für das angekündigte DuckTales-Revival wünsche ich mir, und natürlich auch dem heutigen Geburtstagskind, dass er wieder ins Hauptensemble aufgenommen wird. Mittlerweile hat es Donald in den USA ja leider durchaus nötig. Und wenn Donald schon regelmäßig aufkreuzt, so soll er bitte nicht weiter auf seine Aussprache reduziert werden - aber sein Genuschel dafür verwenden dürfen, öfter frechere Kommentare zu bringen. Halt so, wie zu seinen besten animierten Zeiten.