Donnerstag, 6. Oktober 2016
Ente gut! Mädchen allein zu Haus
Wer Hollywood vorwirft, nur noch Remakes, Adaptionen und Fortsetzungen auf den Markt zu werfen, sollte einmal dem deutschen Markt für Kinder- und Jugendfilmen an die Nase fassen: Ob es nun die x-te Heidi-Verfilmung ist oder der jüngste Teil der auf Werken aus anderen Medien basierenden Filmreihen Bibi & Tina, Die wilden Kerle und Konsorten – frisch für die Leinwand wird in Deutschland kaum ein Jugendfilmstoff gesponnen. Um diesen Umstand zu beheben, haben die deutsche Filmwirtschaft, die hiesigen Sendeanstalten und Filmförderer die Initiative „Der besondere Kinderfilm“ ins Leben gerufen. Diese ruft zur Entwicklung speziell für die Leinwand erdachter Geschichten auf, die sich an den Publikumsnachwuchs richten. Nach André Erkaus Winnetous Sohn ist Norbert Lechners Ente gut! Mädchen allein zu Haus erst der zweite Film, der aus dieser Initiative heraus den Weg auf die deutschen Leinwände findet – aber er zeichnet definitiv ein positives Bild. Nicht nur hinsichtlich dessen, wie gut Kinder auf eigenen Beinen stehen können und hinsichtlich Integrationsfragen, sondern auch, was die Zukunft des deutschen Kinderkinos anbelangt.
Die Geschichte kommt in Gang, als die wegen ihrer roten Haare und ihres Klempnervaters von Mitschülern drangsalierte Pauline (Lisa Bahati Wihstutz) ihre Nachbarn ausspioniert und feststellt, dass die Mutter der Schwestern Linh (Lynn Dortschack) und Tien (Linda Phuong Anh Dang) verschwunden ist. Die von Detektivgeschichten besessene, neunmalkluge Pauline sieht die Gelegenheit gekommen, einmal den Spieß umzudrehen und selber als Pöbel aufzutreten: Sie erpresst die Kinder der vietnamesischen Einwanderin Thuy (Chieu Xuan Nguyen Thi) und droht, den Behörden mitzuteilen, dass hier klar ein Verstoß gegen die elterlichen Aufsichtspflichten besteht. Aus dem Erpresser-Opfer-Spiel wird alsbald eine komplizierte Freundschaft: Pauline lernt die Probleme der Immigrantenkinder kennen, die strenge Linh lernt, endlich einmal Spaß zu haben und Tien … naja, sie ist halt ein störrisches Kind. Es könnte eine schöne Zeit für die drei Mädels sein. Dumm nur, dass sich die wegen eines familiären Notfalls verreiste Mutter der beiden Schwestern mit ihrer Heimkehr Zeit lässt und nicht nur die Lehrkörper der Sturmfreiheit genießenden Kids, sondern obendrein die Polizei sowie das Jugendamt allmählich Verdacht schöpfen …
Die größte Stärke dieses kleinen, nicht ganz alltäglichen Abenteuers ist zweifelsfrei die Interaktion zwischen den drei jungen Hauptdarstellerinnen: Wihstutz, Dortschack und Dang sind nicht nur sehr sympathisch, sondern entwickeln im Zusammenspiel eine großartige Chemie. Anfangs in ihrer Interaktion reserviert, tauen die Mädchen immer weiter auf und machen es somit äußerst glaubwürdig, dass hier Freundschaften entstehen, die damit umzugehen wissen, dass man sich teils auch gegenseitig das Leben schwer macht. Sehr angenehm ist auch, dass keine ernstzunehmenden Vorurteile zwischen den Kinderfiguren stehen, die überkommen werden müssen. Lechner und die Autorinnen Antonia Rothe-Liermann und Katrin Milhahn suggerieren ihrem jungen Publikum somit, dass wir uns auf Augenhöhe begegnen sollten. Dass sich Pauline, Linh und Tien anfangs kabbeln, liegt eher in Paulines Versuch, eine Freundschaft zu erzwingen, Linhs Verbissenheit und Tiens Hang zum Chaos begründet.
Dessen ungeachtet blenden die Ente gut!-Macher reale Missstände nicht etwa aus, sondern pflegen sie behutsam und aussagekräftig in den Schabernack der drei Trubelkinder ein: Dass Thuy ihre Kinder alleine lässt, wird nie als verzeihliche Nachlässigkeit, dargestellt – Linh und Tien leiden sehr wohl darunter. Gleichwohl wird Thuy nicht als Rabenmutter gezeichnet: Als Alleinerziehende hat sie dafür gesorgt, dass Linh Verantwortung tragen kann und weit über ihre 11 Jahre hinaus gereift ist – im Angesicht eines Familiennotfalls überschätzt Thuy einfach, was sie Linh zutrauen kann. Und auch, dass die Kinder im Imbiss ihrer Mutter aushelfen, wird als Fehlentscheidung dargestellt, die aus einem guten Ziel entwachsen ist: Thuy lebt am Rande der Armut, und um ihren Kindern ein angenehmes Leben finanzieren zu können, braucht es helfende Hände – und dennoch wird während der Versuche der Mädchen-Clique, das Jugendamt abzuwimmeln, klar, dass Gesetze gegen Kinderarbeit ihren Sinn haben.
Einen klaren Schurken gibt es in dieser trotz des Plattenbau-Settings farbenfrohen Komödie nicht, nur Kinder, die mal falsche, mal solide Entscheidungen treffen und wohlmeinende Erwachsene, die aber nur selten das gesamte Bild sehen. Selbst die Polizei ist um das Wohl der Kinder besorgt, auch wenn ihre übereifrige Stränge nur für noch größeren Ärger sorgt. Einzig, dass die Polizei bei Menschen mit Migrationshintergrund extra genau hinschaut, wird klar als falsch skizziert, was davon träumen lässt, dass Filme wie Ente gut! dafür sorgen könnten, dass eine neue Generation heranwäschst, die überschnelle Abschiebeverfahren als ungerecht erkennt. Und da dieser ruhig geschnittene und gefilmte Kinospaß diese Aussage ohne erhobenen Zeigefinger vermittelt, sondern sich auf warmherzigen Spaß zwischen seinen Stars konzentriert, ist diese kleine Morallektion sogar sehr angenehm …
Fazit: Ente gut! Mädchen allein zu Haus ist eine liebenswerte Familienkomödie, die nicht auf den Kopf gefallen ist. Mehr davon!
Mittwoch, 5. Oktober 2016
Der Nachtmahr
Frenetisch flackern die Studiologos über die Leinwand, ehe eine Gruppe jugendlicher Freundinnen von derben Technobeats begleitet zu einer Party düst. Sie saufen, machen Scherze, sind fies zueinander. Die 16-jährige Tina (Carolyn Genzkow) bekommt einen dieser vermeintlichen Späße in den falschen Hals, was ihr direkt die Partylaune vermiest. Doch der sie und ihre Freundinnen lockende (illegale?) Rave in einem Freibad bei Berlin hämmert mit seinen kühlen, schnellen Sounds Tinas Gedankenwelt hinfort, versetzt sie mit einem desorientierenden Gewitter an farbenfrohen Blinklichtern in einen beklommenen Rausch. Losgelöste „Mir gehört die Welt!“-Stimmung sieht anders aus, Miesepeter-Laune aber auch. Doch dann überkommen sie in einem ruhigen Moment Panikattacken, die immense Wellen nach sich ziehen: Auch im sicheren Schoß ihres Kinderzimmers wird sie von Furcht und Angst geplagt, in Albträumen wird sie von einem seltsamen Fabelwesen heimgesucht. Tinas Eltern nehmen ihre Sorgen nicht ernst, vor ihren Freunden traut sie sich nicht, die Maske der abgeklärten Partymaus fallen zu lassen – und den Rat ihres Psychiaters, Kontakt zu diesem Monstrum aufzunehmen, findet sie absurd …
Der entfesselte, manische Einstieg, den Multitalent Akiz gewählt hat, ist nicht nur der größte Segen dieses mutigen, atypischen deutschen Kinoprojekts. Sondern zudem der Ursprung großer Missverständnisse: Nachdem Der Nachtmahr uraufgeführt wurde, machten auf diversen Filmportalen Berichte die Runde, es sei ein neuer, hemmungsloser Experimentalfilm entstanden, der sich idealerweise als verstörender Leinwandrave bezeichnen ließe. Selbst wenn diese Seele zweifelsohne in Akiz' tranceartiger Genreübung schlummert, so ist es ein Unding, Der Nachtmahr darauf zu beschränken. Denn abseits der heißblütigen, hemmungslosen Partyszenen pocht ein zweites Herz in diesem Film. Verwirrend geschnittene, mit hypnotischer Kameraführung verwirklichte Sequenzen, in denen lange unklar bleibt, ob Tina Albträume hat, in wachem Zustand Grimmiges fantasiert oder in Wirklichkeit von einem unförmigen Ding verfolgt wird, dienen als Übergang zu einem ruhigeren, dennoch spannenden Einblick ins pubertierende Gemüt.
Gerade dadurch, dass der Einstieg so exzessiv geraten ist und zudem vielerorts ein Bild von Der Nachtmahr gezeichnet wird, das keinen anderen Eindruck erlaubt, besteht die Gefahr, dass die späteren, einfühlsameren Passagen Teile des Publikums verlieren. Dabei sind sie es, die Akiz krassen Stil mit achtbarer Substanz stützen: Carolyn Genzkow blüht als verschreckte, nachdenkliche Teenagerin auf, liefert eine facettenreiche, verletzliche, trotzdem kesse Performance ab, durch die Tina weit mehr darstellt als das übliche, hohle Horrorfilmopfer. Selbst wenn ihr Umfeld sie gerne als ebensolches sehen möchte: Mitleidig, teils sehr mahnend, zeichnet Akiz ein Bild moderner Teen-Freundschaften, die nur daraus bestehen, gemeinsam abzuhängen. Solidarität scheint verpönt, während sich gut betuchte Eltern empathisch geben, aber nur nach simplen Lösungen greifen.
Je größer die Fallstricke in den tagsüber spielenden Szenen werden, desto heimeliger werden die Nachtsequenzen: Die titelgebende Gestalt, realisiert als extrem schlichter, haptischer Puppeneffekt, ist nicht mehr als ein hässlich-knuffiges Etwas. Eine Kreuzung aus einem abgetriebenen Embryo, einem schlecht gealterten E.T. und Gollum. Es gab schon scheußlichere Kinoungetüme – aber gerade dies gibt Akiz' ersten Teil eines filmischen Triptychons über Geburt, Liebe und Tod eine altmodische, effektvolle Spannung. Die spitze, aber billige „Ich will das eklige Monster nicht sehen!“-Furcht weicht einer profunden Angst diesbezüglich, wie Tina von ihrem Umfeld behandelt wird. Somit rückt Der Nachtmahr an das frühe, expressionistische deutsche Kino heran, als bis in die 20er-Jahre hinein Werke wie Der Golem oder Das Cabinet des Dr. Caligari monströse Ereignisse mit wehleidiger, dunkler Romantik oder introspektiver Melancholie versehen haben.
Dass der Cast um Genzkow herum zuweilen arg dick aufträgt und kurz vor dem Finale unter anderem eine kurze Englischstunde den Zuschauenden direkt eine der möglichen Interpretationen dieser Geschichte zur Hand reicht, trübt ein wenig den Gesamteindruck. Wenn der Abschluss erneut mit Wahn und Wirklichkeit spielt, dabei aber ruhiger geraten ist als das Intro, und Der Nachtmahr somit rund und in sich schlüssig endet, sind solche Schönheitsmakel aber schnell verziehen. Der Rave mag enden, die Faszination jedoch nicht.
Fazit: Der Nachtmahr ist der Urahn des klassischen, expressionistischen deutschen Horrors. Stylisch, melancholisch. Und auf ACID.
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