Freitag, 13. Februar 2009

ALF - Wo nostalgische Erinnerungen nicht enttäuschen

ALF. In den USA erfolgreich, aber nicht erfolgreich genug um ein zu frühes Ende zu vermeiden. In Deutschland ein Phänomen. Ein Kult. Kinder und Jugendliche der späten 80er und frühen 90er sind mit ALFs Sprüchen aufgewachsen. Noch heute wird man genügend Leute finden, die einen verstehen, wenn man völlig aus dem Kontext gerissen anfängt ALF zu zitieren.

Ob durch die Serie oder durch die Hörkassetten, ALF lebte uns vor, wie man mit Witz, Frechheit und Liebenswürdigkeit kontert, und dass auf dem Melmac Katzen fast jedermanns Leibspeise waren.
Ich, als in den späten 80ern geborener, lernte ALF zusammen mit den Simpsons im Kinder- und Jugendblock nachmittags auf ZDF kennen. Ja, ALF und die Simpsons gingen damals noch als Kindersendungen durch, schließlich ist die eine Serie gezeichnet und in der anderen kommt eine Puppe vor.
Mittlerweile hat sich das ja geändert, einerseits weil diejenigen die mit den Serien aufwuchsen nun erwachsen sind, zum anderen weil immer mehr Erwachsene die Serien neu für sich entdecken.

Meinem Empfinden nach wurde ALF aber noch vor den Simpsons als "normale" Serie akzeptiert - die ALF-Mania erwischte Kinder (die dann mit ALF-Stoffpuppen, -Comics, -Butterbrotdosen und mehr abgespeist wurden), Jugendliche (die nachts heimlich die Straßenschilder der Stadt "Alf" abmontierten und danach in der Disco zu Dancesongs von ALF-Sprecher Tommi Piper abtanzten) und Erwachsene (die bei der Arbeit den frechen Außerirdischen zitierten) gleichermaßen.

Für mich stellte sich jedoch nie die Frage nach einer Einsortierung ALFs in Kinder- oder Familienserie, oder "normaler" Sitcom. ALF war für mich einfach diese urkomische Serie mit dem sympatischsten und zugleich chaotischsten Außerirdischen der Film- und Fernsehgeschichte. Ich liebte es als Kind, als Teenager und heute liebe ich ALF sogar noch mehr als früher, da ich meine nostalgischen Gefühle für den Außerirdischen bestätigen konnte. Durch die aktuellen Tele 5-Ausstrahlungen kann ich die Serie derzeit wieder entdecken und finde sie noch witziger als ich sie in Erinnerung habe.

Was viele bei ALF nämlich gerne vergessen, und auch ich hatte es eine Zeit lang wieder aus dem Fokus verloren, ist dass bei ALF neben solchen zum Kult gewordenen, von Tommi Piper mit der übergenialen ALF-Stimme dahingebrüllten Krachern wie "Ich habe den Grill angesteckt! Am geilsten brennen die Räder!" auch typische, aber sehr gewitzte, Situationskomik und Dialogwitz vorkommen und die Serie gerne auch Mal herrliche, leise Seitenhiebe in die Richtung der Gesellschaft gemacht hat.
Generell ist die Serie nicht so übertrieben, wie man es vielleicht im Kopf hat. Wer erinnert sich nicht an ALFs Erklärung des Untergangs des Melmacs: "Wir haben alle gleichzeitig unseren Fön eingeschaltet" und sei deshalb explodiert. Dass der Kontext diese Aussage klar als Sarkasmus darstellt und sich ALF darüber lustig macht, wie viele Leute am Atomprogramm der USA festhalten wollen, das vergessen viele über die Jahre - sofern man es überhaupt je mitbekam, schließlich haben so manche ALF auch seit der Kindheit nicht mehr gesehen.

Und nicht nur ALF selbst war witzig, auch die anderen Figuren bringen einen immer wieder zum lachen, was die wahre Serie nochmal besser macht als unsere Erinnerung an sie.
Dabei war ALF bereits in der Erinnerung ein absolutes Fernsehhighlight, eine einmalige Kombination aus klassischer Sitcom und einem anarchischem Element mit braunem Fell.

Wer erinnert sich nicht an solche Highlights wie die Folge, in der ALF für Lynn einen Song schreibt. You're the one who's out of this world ist ein richtig geiles Rockvideo mit ALF in sämtlichen Rollen, inklusive passendem Outfit. Ob als abgedrehter Keyboarder, lässiger Leadsänger, Saxophonspieler im Anzug oder als ZZ Top-Klon, ALF machte diese Szene zu einem Spaß für die Augen und auch für die Ohren, denn der extra für die Serie eingespielte Song hätte sicherlich riesiges Hitpotential gehabt, wäre er doch nur veröffentlicht worden.

ALF haben wir aber zudem die wohl beste Clipshow der Sitcom-Geschichte zu verdanken. Sind diese kostensparenden Episoden normalerweise für Stammzuschauer lästig und zudem lieblos aus alten Folgen zusammengeschnipselt und bemüht in eine Rahmenfolge eingebettet ("Oh, ein Familienalbum, lasst uns reinsehen!"), so bildete sich der Außerirdische aufgrund eines Stromschlags ein, er sei Wayne Schlegel von der Michigan Lebens- und Unfallversicherung. Eine kultige Episode, die entgegen sonstiger Clipshows nicht von Fans der Serie verdrängt wurde, sondern bis heute im Gedächtnis haften blieb und auf eine Gelegenheit wartet wieder herauszuplatzen. Ich mein, Leute, wer könnte den seltsamen Fall des Wayne Schlegels vergessen, der von einer verrückten Familie gefangen gehalten wurde...? Und das alles nachdem sie ihm seine Hose stahl!

Keine Serie schuf bislang eine bessere Clipshow. Weder Hör mal, wer da hämmert (obwohl dort immerhin das dreiteilige Serienfinale mit Clips bestückt wurde), noch Die Dinos, die in den zwei Clipshows einen Archäologen begleitete, der sich an einer Ausgrabungsstätte herumschlug oder den Zuschauer im Stile einer Dauerwerbesendung für seine Arbeit interessieren wollte.
Nicht einmal Die Simpsons oder Scrubs, die in ihren Clipshows mit ein paar Seitenhieben auf dieses Folgenformat zielten, waren besser. Am ehesten kann man noch die Clipshow in der ersten Staffel von Alias loben, die gedreht wurde um Geld zu sparen (hat kaum geklappt) und Zuschauern den komplizierten Plot zu erklären. Mitten in der ersten Staffel! In der ERSTEN Staffel! Dabei war es zu dem Zeitpunkt noch ganz simpel! (Für JJ-Abrams-Verhältnisse)

Und wer erinnert sich nicht an Die Nacht in der die Pizza kam, in der ein Einbrecher von einem sprechenden Ding mit großer Nase in einem blauen Kleid bekehrt wurde und ALF seine Pizza unter einen Baum geliefert bekommen wollte. Und sich mit Willie über ein Puzzle stritt ("Es ist kaputt." -"Das ist Absicht. Du sollst es wieder zusammensetzen." "Wieso? Ich hab's doch nicht kaputt gemacht.").
Legendär auch die "Fenster zum Hof"-Folge, in der ALF glaubt gesehen zu haben, wie Nachbar Trevor seine Frau Raquel ermordete - selbst die Simpsons haben den Hitchcock-Klassiker nicht besser nachahmen können.

Unvergessen auch die Episode, in der ALF anfing auf Pferderennen zu wetten - für mich waren Buchmacher nach dieser Folge alle nur noch "Der Fisch". Generell waren Folgen mit Kates Mutter Dorthy - die ALF erst zum Wetten gebracht hatte - Höhepunkte der Serie. Ganz besonders wegen der Folge, in der ALF für eine schmierige und langweilige Seifenoper Drehbücher schrieb und sich großzügig beim Familienleben der Tanners bediente ("Du musst deine Mutter festnageln." -"Gute Idee, ich hol schonmal den Hammer.").

Einen noch größeren Einfluss auf mich als die Pferderenn-Folge hatte eine ganz andere: In Der blinde Passagier schließt sich ALF heimlich einem Kurzausflug der Tanners und Ockmanecks an. Und warum? Weil er unbedingt dem sprechenden Toaster des Hotels begegnen möchte. Tja, und ich kann einfach nicht wiederstehen und kommentiere noch heute beim Frühstück gern ganz für mich allein: "Toast runter" "Toast fertig."

Ich könnte wohl stundenlang weiterschwärmen:
ALF tanzt und singt zu "Stop! In the Name of Love" zwischen glühenden, rosa Flamingofiguren, glaubt an seine eigenen Zaubertricks und denkt er hätte Brian in ein Kanninchen verwandelt, ALF lässt sich in eine Kiste einsperren, weil er alle 75 Jahre verrückt wird (und bringt einen Tiger mit nach Hause), ALF manipuliert die Einschaltquoten seiner Lieblingsshow Polka Jamboree (etwas, das wohl jeder Liebhaber einer quotenschwachen Sendung gerne tun würde), eine Kakerlake aus ALFs Raumschiff wächst zu riesenhafter Größe heran und treibt sein gruseliges Unwesen im Hause der Tanners, ALF bricht beim neuen Nachbarn ein, weil er denkt er sei Elvis Presley (und bereitet ein Erdnussbutter-Bananen-Sandwich zu), ALF ist süchtig nach Baumwolle, ALF träumt davon ein Stand-Up-Comedian zu werden, ALF singt "Old Time Rock'n'Roll" in eine Gurke...

Eigentlich ist nahezu jede Folge ein kleines Highlight, und nur die schlechteren Folgen sind eine Seltenheit. Die kommen dann gehäuft gegen Ende der Serie vor (wenn es etwa zu sehr um den jungen Familiennachwuchs Eric geht). Dort verändert sich auch ein wenig der Umgangston zwischen ALF und den Tanners - dafür wird die übliche Sitcom-Dramaturgie stärker gebrochen und statt "Familienproblem tritt auf, Problem erkannt, Problem meistens von ALF gebannt" führt es die Tanners auf Schatzsuche in der Wüste (durch diese Folge lernte ich das Lied Oh my Darling Clementine kennen) oder aber ALF begegnet den Bewohnern eines Altersheims oder aber ALF stellt sich vor, wie das Leben aussähe, wenn Kate und Willie stark gealtert sind.
Das sollte die Serie in späteren jahren wohl noch frisch halten und ich selbst habe mit dieser Art von Folgen überhaupt kein Problem.

Eher stört mich, nachdem ich nach und nach von moderneren Serien mit Kontinuität verwöhnt wurde, wie locker man vor allem zu Beginn die Handlung nahm. In der ersten Woche trauert ALF seiner Melmac-Liebe Rhonda nach, dann ist er in Lynn verliebt und dann bandelt er mit der blinden Jodie an. So etwas würde es heute nicht mehr geben. Damals störte es aber niemanden und nach kurzer Umgewöhung nimmt man es wieder hin. Es ist halt doch noch eine 80er-Sitcom.

Typisch für Sitcoms der 80er und 90er ist ja auch die "Very Special Episode", eine Episode die mit dem üblichen Schema bricht und weniger auf Lachern setzt, sondern ein ernstes Thema behandeln möchte. Eine solch moralinsaure Episode, die mit lehrendem Zeigefinger die Zuschauer ermahnt und Kindesmissbrauch, Drogen oder ungeschützten Geschlechtsverkehr bespricht gab es bei ALF zwar nie, dafür gab es aber eine Doppelfolge, in der die Lacher bei Seite geschoben wurden und die Macher der Serie auf das Herz der Zuschauer zielten. Und wie sie es getroffen haben, denn die Weihnachts-Doppelfolge von ALF ist für mich die beste ernste bzw. traurige Folge einer ansonsten lustigen Serie sowie wohl meine absolut liebste ALF-Episode. Statt im üblichen Serienset gedreht führte diese Folge die Zuschauer, Familie Tanner und ALF auf einen kleinen Weihnachtsurlaub in einer Berghütte. Diese Episode, Wenn der Weihnachtsmann kommt, zeigt, wie ALF versehntlich zwischen den Geschenken für die Kinderstation in einem Krankenhaus landet und deshalb als übergroßes Weihnachtsgeschenk für die im sterben liegende Tiffany übergeben wird.
Was folgt ist eine rührende, herzliche und weihnachtlich-schöne Geschichte, die unter all den Weihnachtsepisoden in der Fernsehwelt ihresgleichen sucht.

Jedoch sollte hier noch erwähnt werden, dass sich all das Lob für ALF nur auf die deutsche Fassung beschränkt. Ein wenig spielt hier natürlich der Gewohnheits- und Nostalgiefaktor mit, doch im Falle von ALF verbesserte die Synchronisation die Serie tatsächlich. Da wäre zum einen Pipers geniale Stimme, die ALF nicht nur so unverwechselbar machte, sondern auch einen kratzigen Charme, ein liebenswürdiges Augenzwinkern verlieh, wenn er gemeiner wurde. Die Originalstimme (von Co-Erfinder, Produzent und Puppenspieler Paul Fusco) ist einfach nur dunkel und farblos, die Betonung erinnert an eine Packung Schlaftabletten.
Doch nicht nur die titelgebende Figur profitiert von der deutschen Bearbeitung, sondern die gesamte Atmosphäre. So liebenswürdig und charmant die Serie auch sein mag, hinter den Kulissen herrschte keine gute Stimmung. Die Drehbedingungen der Serie waren nicht die optimalsten (klar, wenn eine Puppe die Hauptfigur ist) und zwischen den Darstellern gab es große Spannungen am Set. Hinzu kam, dass sich die Schauspieler, vor allem Willie-Darsteller Max Wright, neidisch auf die hohe Gagdichte von ALFs Dialogzeilen waren und sich mit fortschreitender Laufzeit der Serie immer schlechter mit Paul Fusco verstanden und diese schlechte Laune wohl auch auf seine Figur projizierten. Das führt zu einem lieblosen O-Ton, den wir dank der guten deutschen bearbeitung nicht mehr zu spüren bekommen.

Somit ist ALF nicht nur ein gutes Beispiel für Kindheitserinnerungen, die nicht enttäuschen und die Qualität des heutzutage so in den Hintergrund gerückten Sitcom-Formats, sondern auch ein Schlag ins Gesicht all derjenigen, die Synchronisationen verteufeln und O-Ton-Pflicht mit optionalen Untertiteln fordern.

Mit diesem Fazit möchte ich meinen Blick zurück auf die Kultserie beenden. Ein paar Fragen bleiben allerdings weiterhin unbeantwortet: Wann wird uns Warner Bros. endlich mit einer deutschen DVD-Veröffentlichung beglücken? Welcher Spinner dachte, dass das Drehbuch von ALF - Der Film gut sei? Und wieso nimmt ALF es einfach so hin, dass Familie Tanner ihm einen neuen Namen verpasst, statt darauf zu bestehen weiterhin Gordon genannt zu werden?

Tut mir Leid, aber diese Informationen sind streng Ockmaneck, äh..., geheim.

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2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Schöner Artikel, werde jetzt doch wieder öfters mal reinschauen bei ALF. Hab nämlich auch noch in Erinnerung dass die Witze doch teilweise ziemlich derb waren, was mich heute im Erwachsenenalter sicher amüsieren wird :-)
Übrigens, die Folgen, die du erwähnt hast, habe ich bestimmt als Kind dutzende Male auf Kassette gehört, die Hörspielfolgen von ALF sind einfach klasse!

Markus hat gesagt…

Sehr schöner Artikel. Ich liebe ALF auch, nur dass du die Weihnachtsfolge so gut findest verstehe ich nicht ganz, ich mochte die nie..

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