Dienstag, 24. März 2009

Die Omnipräsenz des Captain Jack Sparrow...

... und die literaturwissenschaftliche Komplexizität von Fluch der Karibik.

Dieses Foto lässt Fluch der Karibik wie ein klassisches Kostümdrama aussehen. Welche der drei Figuren ist hier wohl die Hauptfigur?

Viele Kritiker zerrissen Pirates of the Caribbean - Am Ende der Welt, weil er zu kompliziert sei und die Einfachheit des ersten Teils vermissen lässt. Eine äußerst amüsante Kritik, bedenkt man, dass einige Kritiker bereits Fluch der Karibik zu kompliziert fanden und nach Sichtung von Pirates of the Caribbean - Fluch der Karibik 2 sich plötzlich wie ein Fähnchen im Wind drehten und an diesem Film bemängelten, dass er ja viel zu kompliziert sei und der einfache Spaß aus dem ersten Film fehlt.

Nicht ohne Grund scherzten die Autoren Ted Elliott und Terry Rossio: Der beste Grund einen vierten Teil zu drehen ist, dass dann die Leute endlich den dritten Film verstehen.

Fluch der Karibik ist viel komplexer und anspruchsvoller, als es viele Kritiker der Fortsetzungen eingestehen möchten. Bei der Bemängelung, die Fortsetzungen seien viel zu kompliziert und das Original wäre so schön simpel gewesen, übersehen sie, dass Fluch der Karibik bereits besser durchdacht und niveauvoller ist als der durchschnittliche Abenteuer- oder Actionfilm.
Vielleicht kommt dieser Irrtum zu Stande, weil man dank der über den kompletten Film gleichmäßig verteilten Actionszenen selbst ohne größere Aufmerksamkeit für Handlung und Charaktere hervorragend unterhalten wird.

Dies bedeutet jedoch keinesfalls, dass Fluch der Karibik auf die leichte Schulter genommen werden darf. Besonders wenn man ihn aus der Sicht eines Literatur- oder Filmwissenschaftlers betrachtet eröffnet sich dem geneigten Zuschauer ein beeindruckendes Komplex, das in solch einer Form selten im Genre des Action- und Abenteuerfilms anzutreffen ist.

Es beginnt noch harmlos mit dem durch einen geschickt gewählten Point of View verschobenen Verhältnis zwischen gut und böse. In Fluch der Karibik kämpft ein Halunke gegen einen anderen. Dass wir Jack Sparrow (eher) als den guten sehen liegt vornehmlich an der Erzählperspektive, die der Film einnimmt.
Dadurch werden die eigentlichen Guten, die Hüter von Recht und Ordnung, zu den Bösen - obwohl Commodore Norrington und seine Truppe der Royal Navy bloß das Gesetz behüten sind sie für den Zuschauer die Kontrahenten. Und selbst Will und Elizabeth, die klassischeren Figuren, die ganz eindeutig auf der richtigen Seite des Rechts stehen, müssen sich auf das Piratentum einlassen, um ihr Ziel zu erreichen.

Letztlich gipfelt der literatur- und filmwissenschaftliche Anspruch von Fluch der Karibik in der vergeblichen Aufgabe, einen einzelnen Charakter herauszusuchen, um ihn zum Mittelpunkt der Geschichte zu deklarieren. Je nachdem, welche Lehre man bevorzugt stellt nämlich entweder Jack Sparrow, Will Turner oder Elizabeth Swann den erzählerischen Mittelpunkt dieses Abenteuers dar.

Die naheliegendste Antwort wäre natürlich, dass Jack Sparrow im Mittelpunkt von Fluch der Karibik steht. Er erhält die volle Aufmerksamkeit des Publikums und konnte sich dank seiner Allgegenwärtigkeit in dessen Bewusstsein und Verständnis dieses Films einbrennen. Es sind nicht bloß die Szenen, in denen er vorkommt, die Sparrow dominiert, Sparrow beherrscht zusätzlich die komplette Rezeptionsgeschichte von Fluch der Karibik:
Es ist Johnny Depps darstellerische Leistung, die immer wieder von Kritikern herausgestellt wird, er ist es, der eine Oscar-Nomminierung für die beste Hauptrolle erhielt. Er hat den prominentesten Platz auf den Postern, die Teaserposter sind mit einem an ihn angelehnten Totenkopf verziert. Jack Sparrow ist die beliebteste Figur, sagt die meistzitierten Sprüche auf und hat in TV-Spots und Kinotrailern wohl die meiste Screentime. Und nicht zu letzt wären da noch die Unmengen an Merchandising. Nach bestem Hollywoodmaßstab ist Captain Jack Sparrow der Star dieses Films.

Wenn nicht er der Held von Fluch der Karibik ist, wer soll es denn bitte schön sein?

Will Turner! Ja. Will.

Nehmen wir für einen Moment die zahllosen, kreischenden Depp-Fangirls und die passionierten Verehrer Sparrows bei Seite, sowie all den Trubel, der um den Film herum geschah, und betrachten allein die werkimmanenten, also die innerhalb der Geschichte von Fluch der Karibik angesiedelten, Fakten. Konzentriert sich der Betrachter allein darauf, so ist Will Turner an den Maßstäben der klassischen Heldensage, großen Abenteuerromanen und, was besonders vermerkt werden sollte, selbst nach konventionellen Hollywood-Schemata gemessen der Held in Fluch der Karibik. Es ist Will Turner, der im Laufe dieses Abenteuers eine behutsam modernisierte Variation der mythologischen Heldenreise durchläuft, während Jack Sparrow, betrachtet man die Geschichte von Fluch der Karibik auf diese Weise, lediglich sein (durchaus eigensinniger) Gehilfe ist. Jack Sparrow ist bloß eine quirlige und einvernehmende Nebenfigur, die Will auf seiner Mission die entführte Gouverneurstochter zu retten und ihr so zu beweisen, dass sein Herz ihr gehört, hilft, wenngleich Jack Sparrow, in bester Disney-Tradition, dem eigentlichen Helden während dieses Abenteuers etwas von seinem Ru(h)m nimmt.

Jack Sparrow ist Will Turners betrunkener, unrechtschaffender und schlitzohriger Jiminy Grille. Der Dschinni mit halbphänomenalen, fastkosmischen Lug- und Trug-Kräften. Timon und Pumbaa in einer Person.
Das glaubt ihr mir nicht?
Dann vergessen wir kurz unser aller Liebe zu Captain Jack Sparrow und orientieren uns an den großen mythologischen Heldensagen und dem urtypischen Hollywood-Abenteuerfilm. Unter diesen Umständen betrachtet erzählt Fluch der Karibik folgende Geschichte:
Der junge und talentierte Waffenschmied Will Turner ist unsterblich in die Gouverneurstochter Elizabeth Swann verliebt, jedoch kennt er seinen Platz in der Gesellschaft und ist sich dessen bewusst, wie ungebührend es wäre mit ihr eine Beziehung einzugehen. Deshalb bleibt er in Gesprächen mit ihr stets förmlich, obwohl sie ihm immer wieder das gegenseitige "Du" anbietet.
Als eine schreckenerregende Piratenbande in die Stadt einfällt und Elizabeth entführt, muss Will Turner aus seinem geordneten Leben ausbrechen. Gemeinsam mit dem kuriosen Piratenkapitän Jack Sparrow macht er sich auf, die holde Maid aus den Klauen der finsteren Mannschaft zu befreien. Doch dazu müssen sie sich einem unheilvollen Fluch stellen...
Vor allem: Im Laufe dieser Geschichte macht Will eine Reise durch, äußerlich wie innerlich - so wie es sich für den typischen Helden solcher Stoffe geziemt. Will bricht nicht nur aus dem bildlichen Korsett aus, welches ihn zu Beginn dieser Reise umfasst, und erobert das hübsche Mädchen, sondern lernt auch seine Herkunft zu akzeptieren.
Jack Sparrow dagegen bleibt den ganzen Film über derselbe. Er verändert nicht sich, er hilft bloß Will dabei, sich selbst zu verändern.

Allerdings muss man zur Ehrenrettung Jacks einwerfen, dass er nicht erst durch die Rezeptionsgeschichte aus dem Schatten von Will Turner heraustrat.
Johnny Depps Schauspiel, das Jack Sparrow zum Schwerpunkt der Szenerie macht und den Eindruck vermittelt, dass hinter diesem Charakter noch eine weitreichende Geschichte steckt... Die Inszenierung Verbinskis, die Fluch der Karibik aus den Angeln eines konventionellen Abenteuerfilms hebt... Das Drehbuch von Ted Elliott und Terry Rossio, das Sparrow diese Sagenhaftigkeit verleiht und solch denkwürdigen Text in den Mund legt...

Nimmt man all diese Faktoren zusammen, liest sich Fluch der Karibik in der Zusammenfassung ganz anders:
Der sagenumwobene Captain Jack Sparrow läuft während seiner jahrelangen Suche nach Rache an dem berüchtigten Captain Barbossa, der vor zehn Jahren eine Meuterei gegen Sparrow anzettelte und ihm sein geliebtes Schiff entriss, in Port Royal ein. Dort rettet er die junge Gouverneurstochter Elizabeth Swann vor dem Ertrinken. Swann trägt ein Medaillon, welches offensichtlich Teil des verfluchten Schatzes von Cortez ist, nach dem Sparrow kurz vor der Meuterei gegen ihn suchte.
Sparrow wird von der Royal Navy gefasst, doch der in Elizabeth Swann verliebte Waffenschmied Will Turner befreit ihn aus dem Gefängnis, um mit seiner Hilfe seine große Liebe aus den Klauen von Barbossa und seiner Crew zu befreien. Swann wurde nämlich von der Mannschaft der Black Pearl entführt, weil auch sie das Goldstück wiedererkannte und es braucht um einen fürchterlichen Fluch zu brechen, der auf ihr liegt.
Für Sparrow erbietet sich endlich die perfekte Gelegenheit Rache zu üben und sein Schiff zurückzuerobern.
Auf einem inszenatorischen Standpunkt ist Jack mindestens mit Will gleichberechtigt, eher sogar bevorteilt, denn im durch Verbinskis Regieführung und Elliots und Rossios Vignetten reiches Drehbuch geförderten Subkontext werden Barbossa und Jack Sparrow fast schon wie auf der Erde wandelnde Halbgötter behandelt, womit wir uns der Struktur antiker Göttersagen nähern, in denen Jack Sparrow, welcher sich ja - größtenteils - auf die Seite der Guten schlägt, der Protagonist wäre.
Selbstverständlich kann man diese antike Erzählform nicht ohne weiteres auf Fluch der Karibik übertragen, zumal in einigen solcher Sagen die (Halb-)Götter bloß kaum beleuchtete Puppenspieler sind, die mit dem Schicksal Normalsterblicher herumspielen. Fluch der Karibik übernimmt die Gesetze dieser Form des Gesichtenerzählens und stellt sie bewusst quer, indem sie aufgrund des erhöhten Charismas der in dieser Geschichte vorkommenden Götterfiguren (die hier in der Form von Piratenkapitänen auftreten, statt als mythologische Götter) ihnen mehr Erzählzeit widmet und, behutsam modernisiert und dem Geschmack des zeitegnössischen Publikums angepasst, den "Sterblichen", also den zentralen Nichtpiraten der Handlung (Will und Elizabeth) mehr Entscheidungsfreiheit und Handlungseinfluss einräumt als es in einer griechischen Tragödie der Fall wäre.
Wie die Autoren Elliott und Rossio selbst bereits aufzeigten gleicht Fluch der Karibik in seiner Charakterdarstellung somit stark der Figurenkonstellation eines Spaghettiwesterns, wo markante Revolverhelden gottesgleich auf der Erde wandeln und das Leben normaler Menschen unerschrocken beeinflussen. Vor dem Hintergrund der endgültigen Inszenierung von Fluch der Karibik sowie des Eingangs erwähnten, Piraten favorisierenden Point of Views, lässt sich Jack Sparrow zweifellos als Protagonisten in einer Geschichte über den Kampf zweier verlogener Piratenkapitäne sehen, wobei der stete Wettkampf der tragenden Figuren Jack und Barbossa ganz beiläufig und wie selbstverständlich über Menschen wie Will Turner ausgetragen wird.

Schreckt man jedoch davor zurück, Jack Sparrow neben seiner Omnipräsenz im Fluch der Karibik-Filmuniversum und außerhalb des Werkes noch in der Publicity, dem so genannten "Fandom" und im Merchandising zusätzlich eine Art von Omnipotenz auf einer Metaebene innerhalb des Films zu zusprechen, so bleibt einem weiterhin die Figur der Elizabeth, welche die Position des Protagonisten für sich in Anspruch nimmt.Erneut lässt sich diese Behauptung auf den erzählstrukturtechnischen Lehren der alten Griechen stützen, laut denen nämlich der Protagonist schlicht und ergreifend "der Ersthandelnde" ist, die Figur, welche die gesamte Geschichte erst ins Rollen bringt.

Klappert man die Handlung von Fluch der Karibik ab, so ist es immer Elizabeth, durch deren Handlungen und Entscheidungen die Geschichte vorangetrieben wird: Sie eröffnet nicht bloß den Film, sondern entdeckt auch den im Wasser treibenden Will Turner. Elizabeth entschließt sich, Will das Medallion zu entreißen, wodurch ihm seine offensichtliche Piratenherkunft lange Zeit verschlossen beibt. Elizabeths Sturz von der Klippe führt dazu, dass Jack Sparrow nicht weiter die (von seinen Geschichten offenkundig beeindruckten) Marineoffiziere Murtogg und Mullroy einlullt, sondern Elizabeth rettet, was ihn über kurz oder lang ja ins Gefängnis brachte.
Es ist Elizabeths Faszination von Piraten, durch die sie vom Parlay-Recht erfuhr. Als sie von diesem Recht Gebrauch nimmt, wird sie von Pintel und Ragetti auf die Black Pearl geschleppt (ansonsten hätten sie wahrscheinlich bloß das Gold geraubt und die Geschichte wäre zum Erliegen gekommen). Weil Elizabeth entführt wird, muss Will Turner für ihre Rettung Jack Sparrow befreien. Elizabeth hat in der Seeschlacht zwischen der Interceptor und der Black Pearl den rettenden Einfall. Elizabeth verbrennt den Rum (und rettet somit sich und Jack Sparrow)...

Als moderner Hollywoodfilm, der sich wie bereits mehrmals erwähnt nicht gänzlich irgendwelchen Konventionen unterwerfen möchte, entfleucht Fluch der Karibik jedoch dem Stigma, dass bloß Elizabeth handelt. Während wohl in einem konventionellen Abenteuerfilm der 50er Jahre sie allein sämtliche rettenden Ideen im Film hat, so handeln in Fluch der Karibik auch Barbossa, Jack und Will, wodurch sie ihren Teil zum Lauf der Geschichte beitragen (ganz davon abgesehen, dass Elizabeth als emanzipierte Frau in einem solchen Abenteuerfilm eigentlich gar nicht vorkommen dürfte).
Aber auch an etwas moderneren Maßstäben gemessen rechtfertigt sich Elizabeth durchaus als die Protagonisten von Fluch der Karibik: Sie ist eine nicht in ihre Zeit passende Frau mit Abenteuerlust, die erst von Piraten entführt werden muss um ihre romantisierte Vorstellung von Piraten aufgeben zu können und zusehen zu dürfen, wie sich der von ihr geliebte Mann endlich weiterentwickelt und den Mut gewinnt, gegen die Ständeklausel zu rebellieren und um ihre Hand anzuhalten.
Wäre Fluch der Karibik ein modern erzählter, sich dennoch den gesellschaftlichen Konventionen der Zeit in der er angesiedelt ist, bewusst bleibender Abenteuerroman mit einer toughen Frau als handelnder Figur, so würde niemand daran zweifeln, dass sie wohl die Protagonistin ist.

Da hätten wir's also: Fluch der Karibik ist außerordentlich vielschichtig, und wenn man erst das gesamte Filmuniversum betrachtet und die ganze Trilogie abdeckt, dann wird es so richtig kompliziert.
Ist Teil 1 reine Exposition? Hat Jacks Suche nach seinem Schiff alles ausgelöst, was in der Trilogie geschieht? Oder war es doch Wills Entscheidung Jack vor dem Galgen zu retten? Hat jeder Film der Pirates of the Caribbean-Reihe seinen eigenen zentralen Charakter, oder bleiben die Figuren durchgehend gleich gewichtet?
Und was ist mit der Behauptung, Elizabeth mache über die gesamte Trilogie betrachtet die vollständige Heldenreise durch? Wird somit Wills Heldenreise in Fluch der Karibik zum simplen Handlungselement degradiert, welches bloß dazu da ist, Elizabeths zentrale Entwicklung anzukurbeln?
Wer ist dann bitte schön der Mittelpunkt des Pirates-Universums?

Tja, wenn ihr mich fragt, dann ist die Sache vollkommen klar. Elizabeth ist die Protagonistin, Captain Jack Sparrow die Hauptfigur und Will Turner der konventionelle "Held" der Trilogie. Diese originelle und anspruchsvolle Figurenkonstellation ist wirklich lobenswert und wird viel zu selten herausgestellt. Zumindest für mich macht sie einen Teil der Faszination an der Kinoreihe aus.

Schon allein deshalb freue ich mich bereits so sehr auf Teil IV, immerhin wird dessen Kinostart ein willkommener Anlass für weiteres Kopfzerbrechen sein.

Also eigentlich finde ich das alles sehr hübsch! Wir sind doch schließlich alle weitergekommen. Spirituell... dramatisch... menschlich!

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1 Kommentare:

Green Ninja hat gesagt…

Außerordentlich interessante Ausführungen. Persöhnlich hab ich die Trilogie einfach immer nur als schönen Actionfilm gesehen, aber solche Darstellungen zeigen doch immer wieder, dass Effi Briest nicht das einzige ist, würuber man ne Interpretation schreiben kann.
Ich hoffe nur Teil 4 wird nicht so ein Aussetzer wie Indy 4 :P

P.S.: ich hab in meinem Profil jetzt meine Email Adresse veröffentlicht. Schreib mich doch bitte mal privat an, wegen der ganzen FSK Geschichte und so.

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