Samstag, 28. März 2009

Es bringt Unglück, wenn man die Braut vor dem Freibeuter sieht

Selbst Ted und Terry können irren.
Die von mir ansonsten so gepriesenen Autoren von Aladdin, Der Schatzplanet, Shrek, Die Maske des Zorro sowie der kompletten Pirates of the Caribbean-Kinoreihe äußerten mehrmals einen gewissen Wehmut ob einer Entscheidung in Pirates of the Caribbean - Fluch der Karibik 2, die von Regisseur Gore Verbinski stammte und letztlich durchgesetzt wurde:

Die Reihenfolge der ersten zwei Sequenzen.
Ted Elliott und Terry Rossio wollten Dead Man's Chest (wie der Film fortan in diesem Artikel genannt wird) mit Gibbs beginnen, der in tiefschwarzer Nacht über das Deck der Pearl torkelt und Fünfzehn Mann auf des Toten Truh', Yo Ho Ho, und 'ne Buddel voll Rum. Versoffen und beim Deibel ist die ganze Crew. Yo Ho Ho, und 'ne Buddel voll Rum singt. Dadurch, dass Dead Man's Chest mit dem aus der Schatzinsel entliehenen Lied sowie der darauf folgenden ersten Szene mit Jack Sparrow zu beginnen, wollten die Autoren eine Tradition in der gesamten Trilogie herstellen: Jeder Film hätte mit einem Lied begonnen.
Erst nach Jacks Flucht aus dem türkischen Gefängnis und herzlicher Verwirrungen um Schlüssel, die Dinge aufschließen und schrecklich wirres Gerede hätte man zur ins Wasser gefallenen Hochzeit von Elizabeth und Will Turner übergeleitet.

Während Elliott und Rossio diese Reihenfolge aufgrund der gesungenen Filmeröffnung favorisierten, sah Gore Verbinski in ihr eine all zu große Stolperfalle für das Filmverständnis des Publikums. Das Unheil, welches Gibbs Aussagen in der als Eröffnung geplanten Sequenz zu Folge hinter Jack Sparrow her ist und auch für die Crew der Black Pearl nur schlechtes bedeutet ist der Kraken - im von Elliott und Rossio gewünschten Szenenablauf entsünde allerdings der Eindruck, dass Gibbs Elizabeth meint - was bei dem harten Gegenschnitt von der Verwirrung auf der Black Pearl zur misslungenen Hochzeit unfreiwillig komisch wirkt.

Um unmissverständlich klar zu machen, dass Gibbs in der Szene (eigentlich) Davy Jones' fürchterlichen Leviathan meinte, entschloss sich Gore Verbinski die Sequenzen auszutauschen und Dead Man's Chest in Port Royal zu beginnen, dem Ort, den die Zuschauer bereits aus Fluch der Karibik kennen. Etwas vertrautes sollte den Einstieg erleichtern, ohne die Bedrohlichkeit der Situation in Dead Man's Chest herunterzuspielen.

Der berechnende und eiskalte Lord Cutler Beckett lässt sich zu Pferde an Land rudern. Mir dieser Szene (Mann zu Pferd im Boot) erfüllte sich für die Autoren ein jahrelanger Wunsch.

Davon abgesehen, dass im Drehbuch die Hochzeit ursprünglich auf Jack Sparrows Eskapaden folgte, gab es auf Wunsch von Gore Verbinski im endgültigen Film weitere Veränderungen gegenüber ursprünglicher Pläne. Anfangs sah man vor die gescheiterte Hochzeit von Will und Elizabeth konventioneller umzusetzen. Die Sequenz war wortlastiger, ausführlicher. Während der Produktion änderte Verbinski jedoch seine Meinung, ihm schwebte für diese Sequenz ein leicht von Montagen inspirierte Anfang vor, er wollte sie impressionistischer gestalten. Statt den Ablauf der Hochzeitsvorbereitungen und den Einfall der East India Trading Company detaillierter aufzuzeichnen, wollte Verbinski, dass die Sequenz von Anfang an von ihrer Stimmung beherrscht wird und kurze, mosaikartige Aufnahmen sehr schnell zum Kern der Sequenz, die "Verhörung" durch Beckett, vorantreiben. Im Gegensatz zur neuen Szenenreihenfolge, die selbst in der letzten Drehbuchfassung weiterhin der Vision der Autoren entspricht, fand diese Änderung in spätere Drehbuchversionen ihren Eingang und lässt sich, in einer im Vergleich mit der Filmversion etwas weniger ausgeschmückten Fassung, im bei Wordplayer zum Download bereitgestellten Drehbuch nachlesen.

Wie ich finde versteifen sich Ted Elliott und Terry Rossio zu sehr auf die Kontinuität mit dem Gesangsopening, wenn sie dieses leichte Bedauern an der Umstellung zu Beginn von Dead Man's Chest äußern, denn diesen Teil der Pirates of the Caribbean-Saga mit einer impressionistischen Szene zu eröffnen, die den Zuschauer auf die mosaikartige Erzählstruktur des auf diese Sequenz folgenden Abenteuers vorbereitet und atmosphärisch sowie struktuell eine hervorragende Einstimmung liefert, finde ich sehr naheliegend und für die Aufnahme von Dead Man's Chest bedeutsam. Die Hochzeitssequenz repräsentiert den Film wesentlich besser als die darauf folgende Szene mit Jack Sparrow, womit sie als Eröffnungsszene viel funktionaler ist.

Davon abgesehen muss ich rückblickend Gore Verbinski aus ein paar zusätzlichen Gründen bei seiner Entscheidung beipflichten, denn durch das Verschieben des Piratensongs in Dead Man's Chest erlebte ich bei der Vorpremiere von Am Ende der Welt eine ungleich größere Überraschung, als es wohl der Fall gewesen wäre, hätten sich die Autoren durchgesetzt. In Vorfreude auf den vorläufigen Abschluss der Pirates-Saga analysierte ich mit Freunden immer wieder die ersten zwei Teile, um irgendwelche Rückschlüsse ziehen zu können, wie der dritte Film beginnen könnte.
Dadurch, dass Dead Man's Chest mit der fehlgelaufenen Hochzeit von Will und Elizabeth begann wurde eine Kontinuität zwischen Fluch der Karbik und seinem Nachfolger geschaffen: Beide beginnen mit einem bedeutsamen Moment in ihrem gemeinsamen Leben, weshalb wir uns in unseren Vermutungen, wie Am Ende der Welt beginnen könnte darauf versteiften, dass er wieder irgendwie mit den beiden anfangen wird. Der Bruch mit dieser Tradition in Am Ende der Welt sorgte für eine gepflegte Überraschung im Kino, gefolgt von großem Staunen. Ganz zu schweigen, dass das beste Intro der Trilogie (und das meiner Meinung nach beste Cold Open überhaupt) so viel stärker heraussticht.

Mir gefällt außerdem die dadurch gewonnene Kontinuität mit Jack: Trotz seiner Omnipräsenz beginnt keiner der drei Filme mit ihm, und man ist völlig gespannt, wann er endlich auftritt und den Film an sich reißt. Ein Ansatz, den ich gerne auch im vierten Teil wiedersehen möchte.

Zu guter letzt finde ich den für den endgültigen Film gewählten Einstieg einfach nur künstlerisch aufregender und stimmungsvoller als den anfangs geplanten.
Danke, Gore.

4 Kommentare:

Lutz hat gesagt…

"Wie ich finde versteifen sich Ted Elliott und Terry Rossio zu sehr auf die Kontinuität mit dem Gesangsopening, wenn sie dieses leichte Bedauern an der Umstellung zu Beginn von Dead Man's Chest äußern,"

Ohohohohoh... eigentlich halte ich dich für einen ziemlich guten Autor. Ich hoffe nur, dass das so bleibt und dass durch deine Nähe zu Quotenmeter.de Riednersche Sprachvergewaltigungen nicht auf dich abfärben. Wie kann man sich "versteifen", wenn man "leichtes Bedauern" äußert?

Ich finde, die Autoren haben jedes Recht dazu, zu äußern, dass ihnen die andere Lösung lieber gewesen wäre. Ich kenne zwar nur eine derartige Äußerung von ihnen (nämlich auf dem Audiokommentar der DVD), aber dort kommt es meiner Meinung nach nicht rüber wie "versteifen" oder beharren (was dem ja entsprechen würde), sondern eben nur wie ein leichtes Bedauern. Außerdem sagen sie ja nicht, dass der Film (oder auch die ganze Filmreihe) jetzt scheiße ist, sondern einfach, dass es ihnen andersrum lieber gewesen wäre. Ich sehe darin kein Problem.

Andererseits ist es natürlich dein gutes Recht, die Kritik zu kritisieren. Inhaltlich stehe ich da auch auf deiner Seite, ich denke ebenso, dass der Film so, wie er ist, besser funktioniert. Ein minimaler Einwand für die Ted & Terry Version wäre meiner Meinung nach allerdings, dass man sich noch weniger fragen würde, wie Jack in das Gefängnis kam, wenn die Szene gleich zu Anfang abgehandelt worden wäre. Das ist jetzt aber pure Mutmaßung und einfach mein Gefühl.

Generell finde ich, dass die Autoren in jedem der Filme einen klasse ersten Auftritt für Jack gefunden haben. Auch, wenn der erste Auftritt Jacks in "Curse of the black Pearl" gerade in Hinblick auf Film-Symbolik und Metaphorik sicher der Beste und durchdachteste ist,gefällt mir der erste Auftritt in "At World's End" eigentlich fast am Besten, weil er in seiner dadaistischen Sinnlosigkeit noch unerwarteter und überraschender ist und sich Ted & Terry und Verbinski trauen, diesen Moment auch noch über 5 Minuten auszukosten..

Sir Donnerbold hat gesagt…

Wie kann man sich "versteifen", wenn man "leichtes Bedauern" äußert?

Ich halte das eigentlich für möglich: Sie versteifen sich auf die Liederkontinuität (= sie sehen dies als einziges Argument bei der Entscheidung, wie der Film eröffnen sollte), äußern (wohl aus Respekt zu Verbinski) dennoch nur leichtes Bedauern. Nett und steif im scheinbaren Widerspruch vor der Beendigung eines Satzes fallen zu lassen sehe ich hier bloß als leicht amüsierte Schaukelei. Zum Oxymoron reicht es aufgrund der Syntax vielleicht nicht so ganz, und meinen Satz als Antithese zu verteidigen wäre zweifelsohne etwas hochgegriffen, mich gleich der Sprachvergewaltigung zu bezichtigen schießt allerdings mindestens ebenso sehr daneben.

Denn die Autoren versteifen sich ja nicht BEIM leichten Bedauern (was tatsächlich schwer zu handhaben wäre), sondern sie versteifen sich AUF die Kontinuität. Und bedauern dann. Sie versteifen sich während der Argumentation, nicht auf ihre Meinung...

Allerdings möchte ich mich für die Einschätzung als guten Autor bedanken - und ich hoffe, dass ich aufgrund der Verteidigung meiner Aussage nicht gleich als rechthaberisch erscheine.

Ansonsten will ich "Ted'n'Terry" ihr Recht auf Kritik und eine persönliche Meinung keineswegs streitig machen. Bloß wären Diskussionen und dieser Blog ziemlich gehaltsarm, müsste man es gleich dabei belassen. Mich dieser Sache anzunehmen und dann für Verbinski zu argumentieren (der in den meisten weiteren Fällen ja auf der Seite der Autoren war und eher gegen Disneys Einwände kämpfte) ist ja mehr oder weniger die Existenzgrundlage für diesen Beitrag.
Zwar soll dieser Blog nicht mit Haarspaltereien gefüllt werden, doch ob meiner PotC-Obsession und meiner Verehrung der Herren Rossio & Elliott ist ein "also, da müsst ihr einsehen, dass eure Lösung nicht ganz so optimal ist" Beitrag wie ich finde völlig erlaubt.

"Ein minimaler Einwand für die Ted & Terry Version wäre meiner Meinung nach allerdings, dass man sich noch weniger fragen würde, wie Jack in das Gefängnis kam, wenn die Szene gleich zu Anfang abgehandelt worden wäre."

Da ich bislang von Ted und Terry eben nur "alle Filme sollten mit Gesang eröffnen" gehört habe, und niemals eben diesen Einwand (und mir auch sonst keine Kritik bekannt ist, die sich an der Frage, wie Jack ins Gefängnis kam, aufhängte), glaube ich, dass man sich so oder so fragen (und die Antwort selbst ausmalen) soll.

Meinen Favoriten unter Jacks ersten Auftritten habe ich ebenfalls nicht finden können. Genau wie bei dir liegt Teil 2 hinten. Der ikonische "Jungferneinfahrt" des damals unbekannten Jacks gegen das herrlich eigensinnige und beharrlich gegen übliche Sehgewohnheiten wetternde dritte Mal... Puuuh... Da werde ich mich wohl nie entscheiden können.

Ach, und bevor ich es vergesse: Außerhalb des Audiokommentars meine ich irgendwo im Hinterkopf ein Interview und mindestens einen Forenpost von Ted und/oder Terry festhängen zu haben, wo auf die Musiksache eingegangen wurde.

Anonym hat gesagt…

Ich kann problemlos über eine Sache, die mich eigentlich nur ein kleines bisschen stört, richtig hitzig diskutieren. Wenn ich mir also vorstelle, mit wem zusammenzuarbeiten, und er ändert ein Detail (das mich nur ein wenig juckt), dann kann es dennoch sein, dass ich, wenn er mich fragt warum ich damit leicht unzufrieden bin, richtig ausführlich zu diskutieren anfange. Wenn ich dabei dann immer und immer wieder auf den selben Punkt poche (statt andere Gründe zu sehen), versteife ich mich in der Diskussion über den kleinen Störfaktor auf diesen Punkt. Obwohl ich im Gesamtbild seine Entscheidung nur ein wenig bedauere.

Weiß nicht ob ich emotional zu ausgebildet bin, zwei Sachen zugleich zu fühlen, aber bei mir ist das möglich.

Anonym hat gesagt…

Auf eine Argumentationsschiene versteifen, ob einer Sache, die man bloß leicht bedauert...

Das ist möglich. Und wie ich finde ansprechend formuliert. Die Widerprüchlichkeit der Lage wird sprachlich widergespiegelt. Ich hab' kein Problem.

Aber naja, manche wollen meckern. Und andere sind vielleicht zu geradlinig um zu sehen, was alles möglich ist...

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