Donnerstag, 16. April 2009

Crank 2: High Voltage

Wenn Hollywood einen rasanten, brutalen, verrückten und einfallsreichen Actionfilm fortsetzt, dann heißt es meistens, die Fortsetzung wäre "Teil 1 auf Drogen".

Nicht so bei Crank. Das Actiondestillat war nämlich bereits ein selbstironischer, extrem schneller und gewalt(tät)iger Actiontrip, der sowohl den Freund genüsslicher Genredestruktion zufrieden stellen konnte, als auch den nach einem kurzen, packevollen und anspruchslosen "Hirn aus, Bier rein, ablachen, das Testosteron kochen lassen"-Kick suchte... auf Droge. Das gnadenlose Tempo, der hochstylische Schnitt, die dynamische Kamera, die völlig verrückten Einfälle, die überspitzte Action und der knallharte, fiese Humor versetzten das Publikum in eine ähnliche Situation wie den bipolaren, masochistischen Gewaltfanatiker Chev Chelios (Jason Statham), seines Zeichens jüngst mit einer höchst kranken "Chinesen-Scheiße" vergifteter Auftragskiller, der seinen Tod nur durch unentwegte Adrenalin-, Ephedrin- und Epinephrinstöße verzögern kann und es sich zum Ziel setzte, Rache an seinen Mördern zu nehmen bevor er abkratzt.

Wie kann man das ganze also toppen? Ganz einfach: Mit Crank 2: High Voltage. Denn was das Autoren- und Regiesseursduo Mark Neveldine und Brian Taylor hier abfeuert ist "Crank unter Hochspannung". Wie sich ein vulgäres, selbstironisches, unter ADD leidendes, inhaltlich sowie formell ganz und gar destruktives Genredestillat unter Drogen und Hochspannung auf den Zuschauer auswirkt?
Also, zumindest ich bin wohlbehalten, überdreht, energiegeladen und grinsend aus dem Kino gehopst...

Gewalt, Sex, Hyperaktivität


Wie es da mit den hiesigen Medienhütern, Moralaposteln und Jugendschützern aussieht, ist dagegen eine andere Frage. Auch die intellektuelleren Schichten oder selbstverliebte cineastische Gourmets werden sich stärker an Crank 2: High Voltage reiben. Spielte Crank gößtenteils noch keine Rolle in Niveau-, Moral- und Gewaltdiskussionen, wird sich Crank 2: High Voltage früher oder später sicherlich rechtfertigen müssen. Kamen die meisten Freunde des Anspruchs aus oben genanntem Grund noch mit Crank klar (ob sie ihn dabei sogar mochten sei hier mal nicht behandelt), wird Crank 2: High Voltage mit seinem weiter gesteigerten Tempo und stärkeren B-Movie-Anleihen so manchem Conisseur, der Crank vielleicht als "dumm mit gelegentlichen klugen Einfällen, größtenteils harmlos" abtat, das kalte Grausen lehren.

Und die Cineasten machen sicherlich den kleinsten Ärger...
Crank verdiente seine FSK-Freigabe ab 18 Jahren. Immerhin war er blutig und zynisch, die sympatische Hauptfigur war ein Auftragskiller. Doch das war es auch. Ab 18, fertig. Bei Crank 2: High Voltage höre ich dagegen bereits jetzt ganz laut die DVD-Indizierung klopfen. Der Gewaltpegel ist viel höher, es gibt mehr nackte Tatsachen, aber vor allem: Er ist sadistisch. In Crank hatte Chelios ein in der durchschnittlichen Filmrealität völlig gerechtfertigtes Blutbad angerichtet. Er nahm dort Rache, wo Rache hingehörte. Sogar in Kinderfilmen bekommen wir gelehrt, dass (auf der anderen Seite der Leinwand) ganz fiese Menschen ruhig sterben können. Und selbst Filme ab 12 kommen sogar mit Blutrache davon. Crank 2: High Voltage geht dagegen weiter - Menschen werden mit Genuss gefoltert, gepeinigt und beleidigt. Unschuldige werden in Mitleidenschaft gezogen, Held und Saalpublikum lachen darüber.

Die Indizierung von From Dusk Till Dawn werde ich wohl nie nachvollziehen können. Bei Planet Terror war ich überrascht, als der Film auf dem Index landete. Hier warte ich dagegen fast schon darauf. Nicht, dass ich es mir wünsche, ich rechne bloß ganz fest damit.

Ob diese Feststellung für euch nun ein Abschreckungskriterium oder ein Qualitätsmerkmal ist, müsst ihr selbst entscheiden. Fest steht dagegen: Wer vor umständlichen Bestellvorgängen zurückschreckt, sollte am besten erstmal ins Kino gehen. Und dann die DVD sofort nach Veröffentlichung kaufen.

Künstliches Herz als Begründung und Entschuldigung für... naja, fast alles

Würde ich eine Indizierung von Crank 2 noch verstehen (nicht bejahen, sondern nachvollziehen im Vergleich zu anderen indizierten Unterhaltungsfilmen), so konnte ich mir eins nicht erklären: Die Einstufung von Crank 2: High Voltage als "nicht feiertagsfrei".
Oder denkt ihr, dass das hier mehr religiöse Gefühle verletzen wird, als noch die Story von Crank:
(Achtung, Spoiler für den ersten Teil, aber das hier gesagte verraten auch schon manche Trailer von Crank 2)

Nachdem Chev Chelios aus dem über Los Angeles kreisenden Hubschrauber stürzte, kommt eine chinesische Mafiagang in einem van abgebraust und kratzt den knallharten Kerl von der Straße. Chelios' unglaubliche Widerstandskraft hat sich bereits herumgesprochen und die Mafia möchte unbedingt sein scheinbar unzerstörbares Herz. In einer nicht gerade klinisch reinen Barracke entnehmen sie ihm sein Herz und pflanzen ihm stattdessen ein (in der Realität existierendes!) künstliches Herz ein, das mit einer Batterie betrieben wird.
Als die Mafiachirurgen ihm auch noch sein mächtig-prächtiges Genital entnehmen wollen, kann der schwach betäubte Chelios nicht länger zusehen. Er prügelt sich frei und macht sich auf die Suche nach seinem Herzen. Um auf dieser Hetzjagd nicht vom Sensemann überholt zu werden, muss Chev sich immer wieder elektrisch aufladen, denn nur so bleibt sein Batterieherz in Betrieb.
So beginnt ein reizüberflutender Massenangriff auf den Seh- und Gehörsinn, voller Stromstöße, Gewalt und... Reibung... Dass die Handlung nichts weiteres als eine Entschuldigung dafür ist, möglichst viele Verfolgungsjagden, abstruse "Strom-Auflade-Szenen", Sex, Schießereien, triefend coole Dialoge und knallharte Prügeleien einzubauen sollte jedem, der sich ein Kinoticket für Crank 2: High Voltage löst von Anfang an klar sein. Die Videospielanleihen des ersten Teils bleiben weiter vorhanden: Der Vorspann switcht wild zwischen Arcade-Videospiel und "Realität" umher, der Held muss seine Lebensenergie regelmäßig aufladen, die schmale Story ist dazu da, um sich von Level zu Level, beziehungsweise Szene zu Szene zu hangeln.
Wie sonst könnte er solch ein irrsinniges Tempo hinlegen und seinen völlig anarchischen Humor ausleben?
Medienkultureller Generalumschlag mit vollem Waffenarsenal

Neben all der Zerstörung von Autos und Moral, und zusätzlich zur ganzen comichaft-grafischen Gewalt an allem, was nicht rechtzeitig weit genug aus dem Bild rennen kann ist Crank 2: High Voltage vor allem ein wahres medienkulturelles Massaker. Passend zur unkonzentrierten, nervösen und vorantreibenden Inszenierung weigern sich Neveldine und Taylor standhaft länger als nötig bei irgendeinem Stil, Vorbild, Kult oder einer die mediennutzende Jugend beeinflussenden Strömung zu verweilen.

Egal ob Old-School-Arcadetitel, Stealth-Games a la Splinter Cell oder doch lieber das filmgewordene GTA im genüsslich actionreichem"Mach doch, was immer du willst"-Stil: Videospielästhetik und -logik lässt sich in Crank 2: High Voltage immer wieder finden. Mindestens ebenso wichtig ist der Einfluss von schnell geschnittenen Musikvideos und ganz besonders von Youtube. Bereits Crank war ein gutes Beispiel für den Actionfilm der Youtube-Generation, doch Teil 2 schröpft aus den Vollen.
Und als wäre es noch nicht genug, rammt Crank 2: High Voltage noch mit Vollgas gegen Nachrichtensendungen, [Spoiler]Godzilla-Filme, Nachmittagstalkshows mit besorgten Müttern und skandalösen Themen[/Spoiler], Exploitationfilme, moderne B-Actionmovies ohne Handlung, Sinn und Verstand (mit denen Crank 2 ja absoluuuuut üüüberhaupt nichts zu tun hat) und überhaupt das komplette Action(sequel)genre. Crank 2 haut alles in den Mixer, dampft es zusammen und verpasst sich dann von diesem ultrahochkonzentrierten Zeug gleichmal die doppelte Dosis.
Was dabei herauskommt ist so extrem und anarchisch, dass nicht nur die Geschichte von Crank 2 einem blutdürstigen Racheakt gleicht. Für denjenigen, der es schafft während Crank 2: High Voltage sein Gehirn eingeschaltet zu lassen, eröffnet sich ein gewaltiger und so abartig bös-absurder medialer Amoklauf, dass man vor Freude fast heulen muss.

Natürlich ist Crank 2: High Voltage keine Mediensatire, Gott bewahre, soviel haben die Autoren nun auch wieder nicht nachgedacht. Aber sie haben es geschafft (ohne bei Tarantinos und Rodriguez' Grindhouse abzugucken - obwohl es eine nette, offensichtliche Tarantino-Hommage gibt) unter der Oberfläche eines Adrenalin geladenen, mit Testosteron vollgepumpten Saufabendfilm einen gar nicht mal so dummen Medien-Molotowcocktail zu verpacken, der auf der Basis eines auf seine Grundprinzipien runtergerechneten Actionfilms die komplette Mediengewalt- und Medienrauschdiskussionen in hochexplosiven, für jeden offensichtlichen abstrusen Humor zu verpacken.

Bereits in Crank verliehen Elemtente, wie die mit dem Film "interagierenden" Untertitel der "B-Klopp- und Schießmovie"-Fassade sichtbare Risse. In Crank 2 jedoch zersprengen Medienzitate und audiovisuelle Umsetzung sämtliche Rahmen, danach trampelt der Film abartig lachend auf diesen Trümmern und jeglicher Moral herum, gibt seinen Opfern die Schuld daran, dass er zu dem wurde, was er ist... und dann holt er sich darauf einen runter und macht sich unbehelligt, nein, sogar mit noch größerer Schadenfreude und Zerstörungswut zurück an sein Tagwerk.
Und der Zuschauer, der Eskapismus, "crank"en Humor, halbnackte Weiber, coole Sprüche und Blut sucht, erhält dadurch halt witzige Bilder und coole Untertitel.

Mein liebstes "Fuck you" ist allerdings ein Mittelfinger ins Gesicht all derjenigen, die zuvor gejammert hatten, dass man Crank gar nicht fortsetzen könne. Mit der Erwähnung eines (realen, nicht gefakten) Youtube-Videos über einen unglücklichen Fallschirmspringer gibt sich Crank 2 selbst die Absolution. Nur um danach fröhlich jeden Realismus über den Haufen zu fahren und sich in seinen Eingeweiden zu wälzen.

Ebenfalls genial und zugleich Beispiel für Anarchie und Selbstironie in diesem Streifen: Mehrere Minuten lang sonnen sich die Regisseure in einer ausführlichen gleich mehrfach Parallelen zu Crank aufbauende Dialogszene, deren Schlusspointe noch vor ihrem Beginn jedem Zuschauer klar sein sollte. In den meisten Filmen wäre dies ein vorhersagbarer, schlecht geschriebener Gag. Aber hier wird der Zuschauer gezielt gereizt, es ist ein erkennbar absichtlich vorhersehbarer Gag, der mit den Erwartungen und der Geduld des Publikums spielt und gleichzeitig über miese Pointen und Vorhersagbarkeit durch in Fortsetzungen erzwungene Wiederholungen lustig macht.

[Spoiler]Und appropos Geduld des Zuschauers: Wenn ein für die unkonzentrierte Spaßgesellschaft gedrehter Film mit Schnitten im Sekundentakt zeigt, wie seine Hauptfigur zu Rennen beginnt, ein Schnitt folgt, in den Untertiteln "9 Sekunden später" eingeblendet wird und die Figur wieder stehen bleibt, worauf spielt das wohl an? Etwa darauf, dass der Film so schnell ist, dass 9 Sekunden Lauferei rausgeschnitten werden müssen? Dass wir so gewaltgeil sind, dass wir uns 9 Sekunden Laufen ohne zu schießen nicht mehr ansehen wollen?[/Spoiler]

Ein paar Szenen sind dann leider trotz aller Raserei zu lang geworden. Aber das ist Sekunden später schon verg... Oh, guck Mal, ein Eichhörnchen!

Größer, schneller, weiter, härter... "cranker"

Beinhaltete Crank alles, was ein waschechter Actionfilm unbedingt braucht und fügte etwas Selbstironie dazu, so ist Crank 2 die Quintessenz einer Actionfortsetzung. Weniger Handlung bzw. weniger rein den Plot antreibende Sequenzen, mehr Action, härtere Action, mehr Sex (Amy Smart darf schon wieder eine herrlich-peinlich-alberne Sexszene in der Öffentlichkeit über sich ergehen lassen), mehr obercoole Oneliner, mehr unrealistische Übertreibungen. Und was auch immer den ersten Film besonders machte (hier: die Selbstironie und der visuselle Stil), das wird mit sich selbst Mal genommen.

Deshalb ist Crank 2 so hochkonzentriert und so unverschämt nach neuinszenierbaren Szenen aus Teil 1 lauernd ("Hallo, Sexszene..." die in Crank 2 übrigens witziger ist als in Teil 1...), so irrwitzig und wahnsinnig, dass man ihn wahrscheinlich hassen oder lieben wird. Wer Crank als schnellen Actionfilm mochte und die verrückteren Ideen bloß hinnahm, sollte es mit Crank 2: High Voltage gar nicht erst versuchen.

Allen anderen Crank-Zuschauern, die nichts gegen einen zweiten Adrenalinkick mit Chev Chelios haben, sei Crank 2 dagegen wärmstens empfohlen, sowie jedem, der nichts gegen anarchischen Humor und härtere Gewaltszenen hat. Solch einen Rausch wird man dieses Jahr garantiert nicht mehr legalerweise im Kino erleben können!

Siehe auch:

7 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

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Sir Donnerbold hat gesagt…

Klappt es jetzt?

Anonym hat gesagt…

Super, ja jetzt klappt es wunderbar.
Ich muss aber auch gestehen, dass ich den Blog vorhin von meiner Wii aus aufgerufen habe...
Vielleicht konnte es daran gelegen haben?

Sir Donnerbold hat gesagt…

Ob's daran lag kann ich micht sagen, habe bislang keinerlei Erfahrungen über die Blogdarstellung auf der Wii.

Aber danke für den Hinweis eben, hab dann in der HTML was verändert und jetzt klappt's... So soll's sein. Wer weiß, wer sich alles über nicht funktionierende More-Tags ärgerte und nicht schrieb. So kann ich versuchen die Fehler zu beheben. :-)

Green Ninja hat gesagt…

Coole Kritik Donnerbold.
Hab mir den Film in der Premiere zu Gemüte geführt und war restlos begeistert. Kein Plan wie der es durch die Prüfstelle geschafft hat.

Andi hat gesagt…

Bleibt nur noch eine Frage: Wozu ist der ganze Scheiß gut?

Sir Donnerbold hat gesagt…

Das kann man doch bei jedem Film fragen...
Außerdem gehe ich in meiner Kritik ja wohl ausführlicher als die meisten Crank 2-Zuschauer auf den sarkastischen Umgang mit dem Medium und Genre ein. Der Film führt moderne Medien und den Actionfilm ad absurdum, während er mit Irrwitz zu unterhalten weiß. Das muss man nicht mögen - aber komplette Überflüssigkeit muss man ihm deshalb auch nicht unterstellen.

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