Sonntag, 16. August 2009

Coraline

Coralines Eltern arbeiten unter höchster Konzentration an einem Sachbuch über Gartenarbeit. Deshalb zogen sie weg aus der Stadt und hinaus auf's Land in ein altes Herrenhaus, welches "der pinke Palast" genannt wird. Der eigenwilligen und fantasiereichen Coraline passt das allerdings überhaupt nicht. Sie vermisst ihre alten Freunde, hasst die langweilige Gegend und mit ihren neuen Nachbarn möchte sie einfach nicht klar kommen. Dass ihre Eltern überhaupt keine Zeit für sie übrig haben und ihr auch kein Ohr leihen stürzt sie schließlich in noch tiefere Langeweile. Allerdings gibt es an ihrem neuen Heim durchaus auch interessante Aspekte: Der ständig quasselnde Nachbarsjunge Wybie etwa erzählt Coraline, dass seine Oma (die Besitzerin des pinken Palastes) normalerweise keine Familien mit Kindern in dieses Haus einziehen lässt, weil es viel zu gefährlich sei. In diesem Haus sollen seltsame Dinge vor sich gehen - doch das seltsamste was Coraline findet ist eine kleine Tür, über die drübertapeziert wurde.

Wesentlich mehr sei über die wunderbare Geschichte von Coraline an dieser Stelle nicht verraten, denn dieser Film funktioniert am besten, wenn man ohne jegliches Vorwissen über die Handlung in ihn hineinstolpert und sich einfach von ihr bezaubern lässt. Sofern es nicht schon zu spät sein sollte, rate ich auch dringlichst davon ab irgendwelche Trailer zu sehen, denn Henry Selicks Coraline ist ein Film, den man entdecken muss.

Selick, der bereits Regie bei The Nightmare before Christmas führte und deshalb all zu gerne mit Tim Burton verwechselt wird, fügt der Stop-Motion-Geschichte mit Coraline ein weiteres fabelhaftes Kapitel hinzu. Und auch wenn man Coraline sehr gut ansieht, weshalb Burton seinerzeit Selick mit der Regie bei seiner Halloween-Weihnachtsgeschichte beauftragte, so schafft es Selick in Coraline eine eigene Bildästhetik (mit besonders tollen Szenenübergängen) zu finden und somit weiter aus dem Schatten des großen Meisters herauszutreten.
Von nun an wird Selick wohl statt Verwechslungen mit Burton Vergleiche erwarten müssen, schließlich folgt nichtmal ein Jahr nach Selicks eigenem, fantasievollen Film über ein Mädchen und eine Parallelwelt Burtons Interpretation des Urklassikers in diesem Bereich. Die Unterschiede zwischen den jeweiligen Fantasiewelten in Coraline und Alice im Wunderland überwiegen dabei jedoch die Parallelen, so dass keiner der beiden Filme um seine Daseinsberechtigung bangen muss.
Coraline
erzählt seine ganz eigene Geschichte und brilliert dabei mit seiner schwelgerischen Dramaturgie. Statt einen hippen, auf sein jüngeres Publikum zugeschnittenen stigenten Sprint zu einem spektakulären Finale hinzulegen schaltet Selick in der hektischen Welt moderner Familienunterhaltung einen Gang zurück und lebt seine malerischen Szenen voll aus. Ein direktes Zielpublikum visiert Selick währenddessen nicht an - Kinder können Coraline ebenso genießen wie Erwachsene.

Entscheidend dafür ist auch die gelungene Aussage von Coraline: Genügend ähnlich thematisierte Filme machen Erwachsenen den Filmgenuss durch eine überbetonte, hypokratische Moral oder widersprüchliche Aussagen völlig kaputt. Coraline dagegen verfolgt seine berechtigte Intention konsequent, aber vollkommen subtil. Zudem teilt der Film zu Recht nach allen Seiten aus: So ätzend sich Coralines Eltern zuweilen auch Verhalten mögen, sind sie keinesfalls erziehungsunfähige Monster, und die charismatische Titelheldin ist bei aller Gewitztheit und Ausstrahlung auch ein schmollender und eigenwilliger Sturkopf.

Wunderbar ist auch die tiefsinnige Symbolik Coralines, die keinerlei vom Seherlebnis ablenkendes Sinnieren benötigt: Obwohl sich viel in die zahlreichen Details hineinlesen lässt, erklärt sich der Film durch seine vielsichtige Atmosphäre und die beeindruckende auf die Leinwand projiezierte Vorstellungskraft des Regisseurs Henry Selick völlig von selbst.

Besonders zeichnet sich Coraline durch seine lyrische Unschuld aus, welche von einer unterschwelligen Schaurigkeit unterstützt wird. Erst im Finale wird Coraline zunehmend grotesker, ohne dabei jedoch seine unvergleichliche Stimmung für billige Schreckeffekte zu opfern. Genauso wenig werden die malerischsten Szenenbilder in Selicks traumhaften Film ausgrund einfacher Effekthascherei eingesetzt - selbst die fantastischsten Momente sind in der Handlung verwurzelt. Dies ergibt im Zusammenspiel mit der zurückhaltenden, zugleich märchen- und geisterhaften Hintergrundmusik von Bruno Coulais (Die purpurnen Flüsse) eine schaurig-schöne Atmosphäre, die den Kinozuschauer alles andere vergessen lässt. Coraline wäre ein verdienter Anwärter auf eine Oscar-Nominierung in der Kategorie "Beste Musik" und Selicks Entscheidung, die ursprünglich geplanten Musicaleinlagen zu Musik von They Might Be Giants dieser atmosphärischen Musikuntermalung zu opfern, kann man nicht genug loben.

Die Animation ist schlichtweg herausragend, selten sah Stop-Motion flüssiger aus. Die insgesamt drei Jahre Produktionszeit zahlten sich vollkommen aus, und auch die 3D-Effekte in der 3D-Version sind willkommen subtil und qualitativ sehr gut. Coraline ist in dieser Fassung sehr räumlich, es wirkt fast so als sehe man sich ein Theaterstück an. Nur bei zwei oder drei kurzen, sehr schnellen Kamerafahrten wirkt das Bild mit aufgesetzter 3D-Brille leicht verwaschen.

Fazit: Coraline ist ein einfallsreicher Film, dessen Geschichte den Verstand fordert, dessen Inszenierung sein Publikum nie überfordert und der unsere Sinne zum Staunen auffordert. Henry Selick zaubert mit viel Liebe zum Detail und einer träumerischen Leichtigkeit in seiner Dramaturgie eine wunderbare Stop-Motion-Produktion, die garantiert zum Klassiker avanchieren wird. Wäre da nicht ein gewisses Studio mit einer Lampe im Logo, stünde der nächste Oscar-Gewinner für den besten Animationsfilm bereits fest.

Weitere Rezensionen:

5 Kommentare:

Andi hat gesagt…

Frag mich, inwieweit man eigentlich von Burtons Stop-Motion-Stil sprechen kann. Eigentlich ist ja nur "Corpse Bride" von ihm, bei TNBC hat er ja, wie du ja auch geschrieben hast, nur Scheinchen gezählt (produziert).

Sir Donnerbold hat gesagt…

Wir wollen Burtons Beitrag jetzt auch nicht unterschätzen: Die Geschichte stammt von ihm, und er war es, der die visuellen Grundsteine legte.

The Great Gonzo hat gesagt…

Wunderbare Kritik, der ich nur zustimmen kann.

Hab den ja schon vor ein paar Monaten gesehen und halte ihn für den bisher besten Film des Jahres.

Mortimer hat gesagt…

Richtig toller Artikel, fand den Film zauberhaft.

Marco Arndt hat gesagt…

Huch, erst jetzt gesehen dass du eine Review zum Film geschrieben hast, da ich ihn am Freitag sah will ich natürlich auch mal meine Meinung los werden.

Deiner Review schließe ich mich ohne bedenken an, finde aber das Coraline ein mieses Biest ist, zumindest wenn man ihren Umgang mit der Katze betrachtet. Auf der anderen Seite ist so eine Figur natürlich interessanter als so eine Strahleheldin die alles Perfekt hinkriegt und nie falsch handelt.

Und wenn man mal von der Videospielartigen Augensuche absieht ("es fehlen noch zwei Augen, suche weiter") ist der Film mehr als beeindrucken schön, vor allem für die grandiose Stop Motion Animation

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