Sonntag, 23. August 2009

Horst Schlämmer - Isch kandidiere

Noch jubelt der gute Horst. Doch droht die Seifenblase vom Wahlerfolg zu zerplatzen?

Hape Kerkelings 2005 für die RTL-Sendung Hape trifft entwickelte Kunstfigur erreichte ungeahnte Popularität. Vergessen war das vorlaute Kind Hannilein (welches ich persönlich nie mochte und als Hapes schwächste Rolle empfand) und Kerkelings Dauerrolle Sigi Schwäbli wurde an den Rand gedrängt. Schlämmer sollte es sein, der schmierige, dreiste und laute alte Mann vom Grevenbroicher Tagblatt. Mit Schnappatmung, ungepflegtem Bad, hervorstehender unregelmäßiger Kauleiste, angetrunken-dunkler Stimme und "Rücken!" sorgte Schlämmer für Verwirrungen bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein oder führte für seine Rubrik "knallhart nachjefragt" Interviews mit Prominenten. Schlämmer schlug beim Publikum ein wie eine Bombe, und durfte in späteren Folgen der Sendung gleich auch mehrere Lieder präsentieren. Schlämmer entwickelte ein Eigenleben und stellte schließlich in Sachen Popularität die Sendung, aus der er stammte, in den Schatten.

Schlämmer schickte Günther Jauch bei "Wer wird Millionär?" auf den Kandidatenstuhl und erhielt (unter anderem) dafür den deutschen Comedypreis sowie den deutschen Fernsehpreis.

Danach ging Horst Schlämmer neue Wege. In einem Onlinetagebuch machte er den Führerschein, er platzte in Hapes Live-Programm auf, und, und, und... So manchem ging Schlämmers hoch frquentiertes Auftreten bereits auf die Nerven, da kündigte sich sogar noch ein Kinofilm mit ihm in der Hauptrolle an. Und so laut diejenigen, die Hapes schnodderige Journalistenfigur, die andauernd ihre Attraktivität überschätzt und "lekkere Häselein" angräbt, satt haben auch aufstöhnen - die Masse empfing das Projekt mit offenen Armen.

Die Werbekampagne für Horst Schlämmer - Isch kandidiere platzte zeitlich perfekt abgestimmt mitten ins Sommerloch des Super-Wahljahres, und so berichteten nahezu sämtliche Radiostationen und Fernsehsender in Magazinen und Nachrichten über Horsts vermeintliche Kanzlerkandidatur, Zeitungen füllten mit ganz- und halbseitigen Artikeln ihre Ausgaben. Überall war sie präsent, die ockerfarbene, mit "Hasenpower" agierende HSP (Horst Schlämmer Partei). In Umfragen sagten 18% der Deutschen, dass sie Horst Schlämmer wählen würden und Schlämmers Wahlversprechen wurden in den Medien rauf und runtergebetet.

Alles scheint auf einen furiosen Erfolg hinzudeuten. Da Horst es im Gegensatz zur vom Satireblatt Titanic gegründeten Partei namens Die Partei in der Realität nicht einmal mit der Zulassung zur Bundestagswahl versucht hat, wäre ersatzweise ein Erdrutschsieg an den deutschen Kinokassen ja wohl das mindeste, was man nach all der PR-Arbeit erwarten könnte.
Die ersten Trends für die Kinocharts deuten allerdings wider Erwarten daraufhin, dass sich Quentin Tarantinos (wesentlich weniger umworbenes) mehrsprachiges Meisterwerk Inglourious Basterds die Spitzenposition an diesem Wochenende erkämpft. Und das durchaus mit Abstand.

Was ist los, Horst?

Möglicherweise war die Werbekampagne zu erfolgreich, zu omnipräsent. Vielleicht erschlug der fast schon penetrante Feldzug Horst Schlämmers durch die Medien das Publikum. Eventuell entwickelte die HSP durch die ungeahnte Reaktion auf Horsts Wahlversprechen, die den wahren politikern einen schmutzigen Spiegel vor's Gesicht hielt, ein Eigenleben, so dass sich das potentielle Publikum mehr auf das (scherzhafte) Fachsimpeln über die HSP und die zahlreichen viralen Interaktionsmöglichkeiten konzentrierte, statt sich den Kinostarttag rot im Kalender anzukreuzen.

Oder liegt es etwa daran, dass Horst Schlämmer - Isch kandidiere der ihm zu Grunde liegenden Idee und den begeisterten Reaktionen auf seine Werbemaßnahmen nicht standhalten kann?

Tatsächlich fühlt sich Hapes chaotische Kunstfigur im Kino leicht deplatziert, ebenso wie das gesamte Konzept (zumindest in der letztlich gewählten Ausführung). Als regelmäßige Rubrik in einer wöchentlichen Hape-Kerkeling-Fernsehshow würde Schlämmers Versuch das Kanzleramt zu stürmen optimal funktionieren. Im Kino dagegen fühlt sich die Geschichte von Horst Schlämmer, der das Leben als stellvertretender Chefredakteur des Grevenbroicher Tagblatts satt hat und um Macht zu demonstrieren und die machthungrige Schnepfe Alexandra Kamp (gespielt von Alexandra Kamp) zu umgarnen eine eigene Partei mit großen Ambitionen gründet, mitunter zerhackstückelt und holperig an.
In seinen besten Momenten erinnert Horst Schlämmer - Isch kandidiere an einen skandallosen deutschen Borat oder Brüno. Mehr noch als bei Sacha Baron Cohens "Dokusatiromödien" verwischen in Schlämmers Kinofilm außerhalb der offensichtlich geskripteten, den roten Faden vorantreibenden Sequenzen die Grenzen zwischen gestellt und real. Wenn Schlämmer zwischen zahllosen (Möchtegern-)Prominenten eine politische Diskussion organisiert sieht man schlecht agierende Fratzen, die eigentlich nur eingeweiht sein können, während gleichzeitig anderen, wie etwa Cherno Jobatey und Jürgen Drews, ins Gesicht geschrieben steht wie ertappt sie sich fühlen.
Auch die Politikerinterviews sind schwer einzuordnen. Ja, sie wissen, dass sie von einer Kunstfigur interviewt werden. Aber manche scheinen mehr über Horsts Vorhaben zu wissen als andere. Und wenn Schlämmer guerillaartig in fremde Fernsehsendungen platzt kann der Zuschauer nur noch rätseln, wer wieviel von diesem Vorhaben wusste.

Egal ob gestellt, mit wenigen Vorabinformationen abgesprochen oder komplett real (einige Zeitgenossen wirken sogar tatsächlich so, als wäre ihnen Horst Schlämmer und somit sein Status als Scherzfigur unbekannt), die Interaktionen mit "echten Menschen" sind die Höhepunkte von Horst Schlämmer - Isch kandidiere. Hier erfüllt die Figur ihre ursprüngliche Funktion, sie irritiert ihr Gegenüber und lockt aus ihnen miunter ganz erstaunliche, schlagfertige Antworten heraus. Oder peinliches (den Zuschauer erfreuendes) Gehaspel.
Da sind manche Politiker mit einem Schlag sterbensernst, wenn Schlämmer sie mit dem falschen Namen anspricht, während etwa NRWs Ministerpräsident Rüttgers und Cem Özdemir, der Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, den Spaß mit einer kindlichen Spielfreude mitmachen und so den Zuschauer zum Schmunzeln bringen.

Die zum roten Faden dazugehörigen Szenen, vor allem die im Grevenbroicher Tagblatt und so manche Wahlkampfsitzung in Horsts Stammkneipe, sind dagegen richtig hölzern und ohne wirklichen Flair. Und wenn Horst mitten in einer Dialogszene plötzlich "Isch kandidiere!" anstimmt und alle mitsingen, wirkt es richtig aufgesetzt. Tausendfach besser ist da Bushidos pointierter Wahlkampfsong für Horst Schlämmer - die Szene passt besser in den Lauf des Films und hat einen (wenn auch nicht gerade bissigen) satirisch-parodistischen Hintergrund, während Horsts Kneipensingerei einfach nur dazu da ist, Horst singen zu lassen.

Wirklich witzig sind auch Hapes Parodien einiger höhergestellter deutscher Politiker, die er nicht vor die Kamera zerren konnte. Besonders seine Merkelparodie trifft den Inhalt vieler Kanzleransprachen auf den Kern genau. Dass Kerkeling dabei trotz allem kein explizites politisches Statement abgibt, sondern eher die (oberflächlichen) Mängel in der deutschen Politik allgemein anspricht wird manchen Kinogänger stören, während andere es ganz erfrischend finden, dass alle ihre verdienten Sticheleien abkriegen.

Insgesamt ist Horst Schlämmer - Isch kandidiere, sobald er in Fahrt gekommen ist, eine amüsante und stellenweise richtig witzige Ansammlung von ungewöhnlichen Politikerinterviews und gelungenen TV-Sketchen im Kinoformat. Leider braucht der Film ziemlich lange um in Fahrt zu kommen und flaut auch in den letzten Minuten wieder zum öffentlich-rechtlich wirkenden Fernseh-Lustspiel ab. Dank der starken Mitte des Films mit vergleichsweise hohem Tempo rettet sich Horst Schlämmer - Isch kandidiere noch (für Leute, die der titelgebenden Kunstfigur nicht gänzlich abgeneigt sind) auf schwach gehobenes Mittelmaß. Und wer mit Hapes Gesamtwerk vertraut ist wird dank mancher Anspielungen noch den einen oder anderen Lacher mehr haben.

Fazit: Horst Schlämmer - Isch kandidiere bietet 96 recht amüsante (und in der goldenen Mitte herzlich witzige) Minuten mit einem von Deutschlands größten Unterhaltungskünstlern und eine hohe Zitierfähigkeit. Das ist besser als die meisten anderen Kinoausflüge von Fernsehkomikern, aber schlechter als von Kerkeling gewohnt. Für einen netten Kinonachmittag sollte es aber, wenn man seine Erwartungen von der Werbekampagne löst, aber reichen.

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