Dienstag, 5. Januar 2010

My Fair Lady

Obwohl ich dank Disney Musicals gegenüber sehr aufgeschlossen sozialisiert wurde und ich einige zu meinen Lieblingsfilmen zähle, haben solche Filme keinerlei Bewertungsbevorzugung bei mir zu erwarten. Tatsächlich bin ich einigen anerkannten Klassikern gegenüber ziemlich kritisch gegenüber: Der Zauberer von Oz, für manche sogar einer der besten Filme aller Zeiten, rasselte bei mir gnadenlos durch, weil mich kein einziges seiner Lieder ansprach, Sound of Music empfand ich lediglich als nett und Ein Amerikaner in Paris langweilte mich nach seinen, von mir für grandios befundenen, ersten knapp 45 Minuten zu Tode.

Entsprechend wuchsen in den vergangenen Monaten und Jahren meine Berührungsängste mit klassischen Filmmusicals und ich wurde vorsichtiger beim Versuch, meine letzten cineastischen Bildungslücken in diesem Bereich zu schließen. In Zweifelsfällen konsultierte ich Bekannte und Freunde mit vergleichbarem Geschmack in diesen Dingen, um unnötige Fehlkäufe zu vermeiden. Seit einer klaren Empfehlung steht My Fair Lady unentwegt auf meiner filmischen Warteliste - und endlich habe ich es geschafft, mich dazu zu überreden, ihn mir anzusehen. Passenderweise las ich parallel dazu Gottfried Kellers Novelle Regine, die zusammen mit Pygmalion, ebenfalls für Keller eine Inspiration, das dem Film zu Grunde liegende Bühnenstück beeinflusste. Ich liebe solche Zufälle.

My Fair Lady spielt in London zu einer nicht genauer bestimmten Zeit (ich würde auf das Zeitalter Eduards VII. tippen, maximal weniger Jahre später) und handelt von einem höchst interessanten soziolinguistischen Experiment: Der Sprachwissenschaftler Professor Henry Higgins (Rex Harrison) begegnet nach einem Opernbesuch einer auffälligen, jungen Blumenverkäuferin mit quäkiger, schluderiger Schnauze. Higgins, dessen überzeugt, dass die Sprache den Platz in der Gesellschaft bestimmt, den der Sprecher einzunehmen vermag, verteufelt ihre "Rinnsteinsprache" vor versammelter Gesellschaft und gibt großspurig bekannt, dass sein Sprachgenie das Mädchen nach einigen Wochen Unterricht auf einem vornehmen Ball als Adelige ausgeben könnte. Nach einiger Zeit gewöhnt sich das Blumenmädchen Eliza Doolittle (Audrey Hepburn) an diesen Gedanken und bittet den aufbrausenden, abschätzigen und selbstverliebten Professor um Sprachunterricht. Dieser ist jedoch zunächst wenig davon begeistert, tagtäglich mit jemandem Zeit zu verbringen, der eine so grässliche Aussprache hat. Erst als sein etwas zuvorkommender Freund Colonel Hugh Pickering (Wilfrid Hyde-White) wettet, dass Higgins es ihm nicht gelänge Eliza eine kultivierte Aussprache beizubringen, willigt der Frauen verachtende Sprachforscher Higgins ein.

Das Grundthema von My Fair Lady ist für mich als Germanistik-Studenten (was mich somit ebenfalls zu einem Sprachwissenschaftler - in Ausbildung - macht) natürlich etwas, das meine Aufmerksamkeit erhöht. Nötig hat das Musical von 1964 diese Sympathiepunkte bei mir allerdings nicht, denn anders als die eingangs genannten Beispiele konnte mich My Fair Lady unabhängig von seiner filmhistorischen Bedeutung oder der sprach- und sozialwissenschaftlichen These Higgins' von Anfang bis Ende begeistern. Die Lieder, um beim womöglich elementarsten Teil eines Musicals zu beginnen, sind geistreich, entstehen natürlich fließend aus den Dialogen und sind sehr gut komponiert, wenngleich sich kein einziger Song sich dazu anschickte so sehr aus dem Gesamtfilm herauszustechen, dass ich ihn nach dem Ansehen immer wieder gesummt hätte. Die dazugehörige Choerographie ist angenehm unaufwändig, sie setzt statt auf theatralischen Pomp auf darstellerische Wirksamkeit, was sich dem musikalischen Stil und der restlichen Inszenierung oder etwa den detailverliebten, aber nie in den Vordergrund rückenden Setbauten May Fair Ladys, sehr gut anpasst.

My Fair Lady lebt aber insbesondere von der wundervollen Besetzung. Die sprühenden Performances von Rex Harrison, der Higgins bei all seinen Widerlichkeiten Charisma ausstrahlen lässt, und die wundervolle, als schnodderige Blumenverkäuferin, verzweifelte Phonetikschülerin und wohlerzogene Dame gleichermaßen bezaubernde Audrey Hepburn lassen My Fair Lady zu einem filmischen Wohlgenuss werden. Die über 160 Minuten Laufzeit vergehen wie im Fluge und man kann nicht anders, als vergnügt die Hassliebe der beiden Hauptfiguren zu beobachten. Die intellektuelle Gewitztheit und der herzliche Charme von My Fair Lady wären bei trockeneren oder zu flapsigen Darstellern nahezu undenkbar, aber Harrison und Hepburn sowie White-Hyde und Stanley Holloway als Elizas Tunichtgut von Vater, treffen genau die richtigen Noten. Hollywood-Veteran George Cukor, dessen Karriere 34 Jahre vor My Fair Lady begann, schenkt während seiner innigen Kino-Inszenierung des Bühnenmusicals vor allem den kleinen Dingen Aufmerksamkeit und weiß zu stilisieren und zugleich auf überflüssigen Einsatz filmischer Mittel zu verzichten. Dadurch wird My Fair Lady zu einem vorzüglichen Genuss-Film, den man jederzeit einlegen kann. Einfach zurücklehnen und amüsieren lassen.

Die Disney-Fans unter euch werd an dieser Stelle sicherlich wissen wollen, wie My Fair Lady bei mir im Vergleich mit Mary Poppins abschneidet, insbesondere, da Julie Andrews Eliza doolittle am Broadway spielte und beide Filme im selben Jahr massenhaft Oscar-Nominierungen abstaubten. Wenngleich My Fair Lady sich auf Anhieb in die Gesellschaft meiner liebsten Non-Disneymusicals katapultiert hat, zöge ich in nahezu sämtlichen Kategorien das so gut wie vollkommene Kindermädchen vor, sollte man mich je mit einer Neuverteilung der Goldjungs beauftragen. An den Charme, die technische Raffinesse und die erstaunliche Schönheit von Mary Poppins reicht My Fair Lady meiner Meinung nach dann doch nicht heran, und auch dramaturgisch finde ich Mary Poppins trotz seiner Episodenhaftigkeit einen kleinen Tacken besser. Die Preis für die Kostüme und den besten Hauptdarsteller würde ich My Fair Lady allerdings lassen. Und da wir schon dabei sind, über die 37. Verleihung der Oscars zu reden: Dass Dick Van Dyke nicht als bester Nebendarsteller nominiert (oder gar ausgezeichnet) wurde, finde ich eine bodenlose Frechheit.
Aber: Der Vergleich mit Mary Poppins, einem der besten Disney-Filme aller Zeiten, ist egal wie naheliegend er schein mag, unfair und zudem weit hergeholt, da die beiden Filme nur wenig gemein haben. Und deshalb wollen wir diesen künstlich am Leben erhaltenden Zwist dieser zwei Filme nicht länger beachten.

Fazit: My Fair Lady ist ein verdienter Filmklassiker und eines der rundum gelungensten Musicals überhaupt. Jeder der Musicals mag sollte ihn sich seiner Sammlung einverleiben, sofern er es nicht längst getan hat.

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1 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Tja, ich bin noch immer dafür, dass man Juie Andrews nehmen hätte sollen, die hätte ihre Songst nämlich selbst vermutlich gut genug hinbekommen, so dass man sie nicht von Marni Nixon nachsynchronisieren hätte müssen.
Und was Ohrwürmer betrifft:"Ich hätt' getanzt heut Nacht..."

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