Dienstag, 2. März 2010

Neugierde

Spoiler für Fluch der Karibik 2 in Sicht! Elendige Landratten, die ihn noch immer nicht sahen, sollten fliehen, so lange sie können!

Übermäßige Neugierde ist eine allzu menschliche Schwäche, für die man zuweilen sogar über seinen eigenen Schatten springt und aus seinem Verhaltenshabitus ausbricht, nur um seine brennende Neugierde für einen kurzen Moment stillen zu können.
In Pirates of the Caribbean - Dead Man's Chest wird vermeintlich unstillbare Neugierde für zwei zentrale Figuren sogar zu einem kraftvoll pulsierenden Handlungsmotiv, welches konträr zu ihren vorrangigen Vorhaben verläuft und somit fleißig zur Konfliktsituation der erzählten Geschichte beiträgt.

In der Zeit, die zwischen Fluch der Karibik und Dead Man's Chest verstrich, wurde Captain Jack Sparrow nicht unbedingt von einer Glückssträhne verfolgt. Die See verschlang die Isla De Muerta mitsamt ihrem Schatz, die Crew wurde von Hurrikans geplagt, Davy Jones Schonfrist rückt ihrem Ende näher und Jacks legendärer Kompass, der seinen Träger zu dem führen kann, was er am meisten begehrt auf der Welt, funktioniert nicht weiter. Schuld daran ist das, was einem jeden Mann die größten Probleme bereitet. Eine Frau. Seit der zweisamen Nacht auf dem idyllischen, jedoch abgeschiedenen Eiland Black Sam's Spit kann Jack nicht anders, als seine Gedanken an die kecke und entschieden handelnde Elizabeth Swann denken, die trotz ihres blasphemischen Umgangs mit Rum attraktiv wirkt. Allerdings möchte der anständige Ehrenmann unter den Piraten sie nicht als sein Eigen anerkennen. Er ist lediglich... neugierig...

Inwiefern Elizabeth Swann Jacks Neugier erwidert steht derweil zur Diskussion. Liebe steht zweifelsohne nicht zwischen ihnen, ob eine grundlegende sexuelle Attraktion zwischen ihnen knistert, kann dagegen ausgelegt werden. Auf jeden Fall aber hat Elizabeth Swann, die Tochter des Gouverneurs von Port Royal, keine zeit- und standesgemäßen Ambitionen an einem gesitteten Leben, sondern übermäßiges Interesse an Abenteuern, einem freibeuterischen Dasein. Deswegen bleibt sie auch nicht ruhig auf ihrem Hintern sitzen, als ihr Verlobter Will Turner ihr verspricht, sich selbst und Elizabeth vor dem Galgen zu bewahren, indem er Lord Cutler Beckett den Kompass von Jack Sparrow besorgt. Stattdessen bricht sie auf, um die Angelegenheit selbst in ihre zarten, aber bestimmten Hände zu nehmen.

Mitten auf hoher See kommt es schließlich zur spielerischen Eskalation zwischen Jack und Elizabeth. Neckisch führt Jack Elizabeth vor Augen, dass sie wissen möchte, wie es ist die Anständigkeit bei Seite zu legen und selbstnützig zu handeln, das zu tun was sie will und wann immer es ihr danach gelüstet. Dabei legt er auch ein wenig sich selbst in die Waagschale und biedert sich selbst an, und zwar recht trampelig, schließlich ist's ein eher scherzhafter "mal sehen, wie weit ich komm"-Annäherungsversuch, (auf die eskalierende Szene zu sprechen kommen). Zugleich ist es eine Rache für den gemeinsamen Inselausflug in Fluch der Karibik, wo sie ihre Spielchen mit ihm spielte. Nun möchte er es ihr mit doppelter Münze heimzahlen und für ein schlechtes Gewissen bei ihr sorgen, denn er weiß ganz genau, dass Elizabeth ihn nicht mit vollkommen unschuldigen Augen ansieht. Elizabeth geht dieses Schauspiel ein, und treibt es auf die Spitze. Sie spricht davon, dass Jack wissen möchte, wie es ist ein Ehrenmann zu sein, anständig und selbstlos zu handeln, sie selbst verhält sich allerdings so, als würde sie Jack nicht von einem gesitteten Leben, sondern von sich selbst überzeugen wollen. Sie umschlingt ihn mit verhauchter Stimme, wirft ihm verzehrende Blicke entgegen und rückt ihm immer näher, während sie ihre Worte mit lüsternen Lippen sachte formt. Tief in Elizabeths Augen funkelt allerdings die spielerische Natur dieses Dialogs auf, dass sie mit ihrer und seiner Neugierde aufeinander und auf den Lebensweg des jeweils anderen perfide Spielchen treibt, und so überbetont sie ihre mehrdeutige Wortwahl mit besonderem Genuss.

Die beschriebene "Neugierde"-Sequenz gehört zu meinen liebsten Momenten in Dead Man's Chest, was weitestgehend in Keira Knightleys wunderbar doppelbödigem Spiel und den mindestens ebenso vielschichtigen (sich allerdings wolkig leicht anfühlenden) Dialogzeilen von Ted Elliott und Terry Rossio begründet liegt. Sie gibt in dieser Szene eine unwiderstehliche Verführerin, die einen mit Mimik und Stimme in ihren Bann zieht, und gleichermaßen sieht man in ihr die kühne Spielerin an, die es sich erlaubt Jack um den Finger zu wickeln, um ihre Neugierde nach dem piratigen Lebenswandel zu befriedigen, ohne ernsthaft ihre Bindung zu Will Turner zu hintergehen. Sie turtelt auf scherzhafte Weise, um die in ihr ernsthaft pochenden Gedanken ad absurdum zu führen. Und wenn man dabei den legendären Captain Sparrow ein wenig auf den Arm zu nehmen, um so besser. Allerdings gelingt es Elizabeth gänzlich, sich selbst reinzulegen. Und so muss sie am Ende des Films ihre Gier befriedigen und die Schuld daraufhin versenken. Es hätte zweifelsohne andere Wege gegeben, Sparrow an den Mast zu ketten, aber ihn durch einen Kuss abzulenken, war ihr der nähste.

Die Drehbuchautoren Ted Elliott und Terry Rossio machen keinen Hehl daraus, dass sie sich selbst untereinander uneinig sind, welcher Natur Elizabeths Gefühle für Sparrow sind. Jedoch lassen sie sich wohl am ehesten als eine körperlich bedingte, knisternde Teilzeitschwärmerei einordnen. Liebe, das schlossen sie rigoros aus, und wem dies nach Dead Man's Chest unklar war, führen sie es in der Fortsetzung Am Ende der Welt deutlicher vor Augen.
Bezüglich der Neugierde-Sequenz stehen für Ted und Terry zwei bislang ungenannte Motive im Fokus: Rechtfertigung vor sich selbst und das Aufstellen abstruser Bedingungen.
Einerseits rechtfertigen sich Jack Sparrow und Elizabeth durch ihre Behauptungen, ihr gegenüber wäre tief im innerne genau wie sie selbst ihr inneres Interesse am jeweils anderen. Eigentlich ist die anständige Elizabeth nichts für den mit der See verheirateten, mit Dirnen durch Tortuga stelzenden Sparrow, und dennoch bringt sie seinen Kompass durcheinander. Und der verruchte, chaotische Pirat würde Elizabeth nie zur Untreue Will gegnüber bringen, weshalb sie die in der Luft schwingende Anziehung damit zu rechtfertigen versucht, dass er immerhin ein anständiger Mann ist. Weshalb er sie auch nie in Verlegenheit bringen wird, so dass trotz der gemeinsamen Neugierde aufeinander nichts geschehen wird.

Zugleich stellen Jack und Elizabeth durch die Behauptungen, ihr Gegenüber sei einem gar nicht unähnlich, scheinbar unerfüllbare Bedingnungen für eine Beziehung auf. Jack Sparrow trägt Elizabeth gegenüber förmlich heraus "Ich will dich, aber nur unter meinen Bedingungen, du musst so jemand wie ich werden!", während Elizabeth Jack Sparrow nur als anständigen Ehrenmann akzeptieren könnte. Dadurch, dass sie beidseitig vermeintlich unerfüllbare Bedingungen aufstellen, setzen sie klar die Grenzen zwischen ihnen fest und wähnen sich in Sicherheit, dass der jeweils andere sie nicht überwinden kann. Ironischerweise sollten Elizabeth Swann und Jack Sparrow die aufgestellten Bedingungen sehr wohl noch erfüllen. Allerdings stirbt gerade dadurch jeglicher erotisierende Funken zwischen den beiden ab.

Und noch etwas fällt an dieser Sequenz auf, was in mir die Frage aufwirft, wie weit die Macher der Pirates of the Caribbean-Trilogie ihr Streben nach einem ausdifferenzierten Blockbuster denn wohl trieben. Während dieses durchtriebenden kleinen Flirts zwischen Jack und Elizabeth ertönt nämlich nichts geringeres als das "Drunken Jack Theme". Wählte Zimmer dieses musikalische Motiv eher intuitiv, da es in seiner benommen Qualität so gut zum tapsigen und kurzweiligen Versuch der beiden passt, ihre Neugierde zu befriedigen und gleichzeitig abzutöten? Oder war sich der meisterhafte Komponist dessen bewusst, welche Parallele er da zieht? Schließlich ist eine unverkennbare, körperliche Attraktivität zwischen zwei sich bekannten Menschen ähnlich, wie das Erlebnis, etwas zu viel intus zu haben. Man ist entrückt und kann sich lediglich auf eins (oder gar nur auf das Eine?) konzentrieren. Ob trunken vor Alkohol, oder berauscht von der Präsenz eines reizenden Vertreters des präferierten Geschlechts. Wo liegt da schon der Unterschied?

Und da sage nochmal jemand, Disney-Bruckheimer-Abenteuerblockbuster können nur laute, leichte Kost darstellen.

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3 Kommentare:

Sunshine hat gesagt…

Wahh, ausgerechnet jetzt kommst du mit einer tiefgründigen DMC-Abhandlung, wo doch Zeit grad so knapp ist. *grummel*

Im Grunde wird hier ja wieder Jacks feststellung aus Teil 1 aufgegriffen - die "Peas in a Pod"-Szene, die ja leider der Schere zum Opfer fiel. Wobei ich den Unterton da sogar negativ deuten würde - Jack ist bewusst, dass Elizabeth genauso egoistisch handeln kann und es auch tut wie er, wenn sie etwas bestimmtes erreichen will, und wen interessieren dann schon Anstand und gute Erziehung. Allerdings glaube ich, dass es ihr zu dem Zeitpunkt nicht bewusst ist (eine ganze Crew in Gefahr bringen, indem sie lebenswichtige Informationen vorenthält - okay, man weiß nicht, inwieweit Norrington die Story mit den Zombies geglaubt hätte, aber einen Versuch wäre es wert gewesen - ist schon verdammt krass, nur um einen Typen zu retten) - und Jack schien mir etwas angesäuert zu sein, dass sie ihn im Grunde beschuldigt, über die Sache zu schweigen, während sie selbst nicht besser ist.

In DMC ist sie schon ein gutes Stück weiter - in der "Neugierde"-Szenen tänzeln sie umeinander rum und sie sind sich wirklich verdammt ähnlich, auch wenn es bis zum Ende des Films dauert, bis beide sich das eingestehen.

Soweit meine absolut ungeordneten gedanken, die in Asnätzen zu deinem Text passen.^^

Sunshine hat gesagt…

Was ich letztes Mal vergessen hab: Die Sache mit dem Kompass sehe ich ein wenig anders. Für mich spielen einige Faktoren mehr rein als nur Elizabeth.

Sie ist sicherlich ein Teil davon, sie verwirrt ihn, macht ihn neugierig wie gesagt (und dass er weiß, welche Probleme Frauen verursachen können, zeigt sich ja in der ersten Szene bei Tia Dalma).

Allerdings denke ich, dass Jack außerdem ganz einfach wirklich nicht weiß, welchen Weg er einschlagen soll, um sich aus der misslichen Lage zu befreien. Die Truhe finden, das Herz durchstoßen, selbst Captain der Dutchman werden? Eine Möglichkeit. Hieße, sich von der Pearl zu trennen. Die hat er nun, also ein Ziel für seinen Kompass fällt weg, der Herzenswunsch 10 langer Jahre ist erfüllt.

Er könnte auch weiter weglaufen, vielleicht zu Elizabeth, vielleicht zur Schiffbruchinsel... alles, was wir wissen ist, dass der Kompass nicht anhält sondern ständig zwischen mehreren Möglichkeiten schwankt.
Als er dann am Ende endlich funktioniert, komtm glaube ich alles zusammen: Die Pearl, seine Freunde (jaa, auch Elizabeth^^), die Tatsache dass er eben doch ein guter Mann ist.

Falls du mir jetzt aber sagst, dass Ted'n'Terry sagen, dass es nur um Lizzie geht - ignoriere ich es. :P
(Ich kann mich dran erinnern, von ihnen mal recht vage Aussagen dazu gelesen zu haben, aber das war bevor DMC überhaupt rauskam, von daher wage ich nicht, irgendwas zu zitieren.)

Sir Donnerbold hat gesagt…

Mhhh, habe ich den explizit gesagt, dass Elizabeth ALLEIN für Jacks Verwirrung verantwortlich ist?

Natürlich reicht ein paar schöner Augen nicht, um Jack vom Kurs abzubringen. Jedoch denke ich schon, dass Ms. Swann dem guten Jack am schwersten zu schaffen machte. Aber gut, ich bin auch ein Mann. Würde es im Film heißen, dass Männer das Leben von Frauen in Schwierigkeiten stürzen, würde ich ähnlich wie du argumentieren.


(Scherz!)

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