Freitag, 5. März 2010

Tim Burtons "Alice im Wunderland"

Es ist der Stoff, aus dem Fan-Träume gewebt werden: Die Disney-Studios, verantwortlich für die wohl populärste Alice im Wunderland-Adaption, kündigten einen effektvollen, mit modernster Technik umgesetzten Realfilm an, der auf den berühmten Büchern Lewis Carrolls basiert. Die Regie übernahm der durchgeknallte Fantast Tim Burton, der das Wunderland mit äußerst namenhaften Leuten bevölkerte. Und selbstverständlich wurde Danny Elfman für die Musik engagiert. Im Lehrbuch "Wie heize ich schnell Vorfreude an?" findet man diese Kombination weit vorne unter den Paradebeispielen. Konnte sich Alice im Wunderland ebenso souverän zum Paradebeispiel für einen Tim-Burton-Film, ein fantasiereiches sowie düsteres Disney-Spektakel und/oder eine Alice-Verfilmung aufschwingen? Womöglich könnt ihr diese Frage schon beantworten, wenn ihr euch einen kleinen Einblick in die Handlung des Films gestattet:

Die 19-jährige Alice Kingsley soll den bornierten Lord Hamish ehelichen. Aber die seit Jahren von ein und dem selben Traum geplagte junge Frau möchte sich nicht in diese ungewollte Ehe zwängen lassen. Genauso wenig möchte sie wie ihre Tante, eine alte Jungfer die noch immer auf ihren Traumprinzen wartet, enden. Noch dazu erscheint ihr unentwegt ein weißes Kanninchen in einer Weste, das mit kritisch-prüfendem Blick auf seine Taschenuhr deutet. Von der Situation und der eine Entscheidung erwartenden aristokratischen Gesellschaft vollkommen überfordert entscheidet sich Alice für die Flucht und folgt dem Kanninchen in einen Bau zu Fuße eines verdörrten Baumes. Alice landet im Unterland (besser bekannt als Wunderland), einer abstrusen Welt voller wundersamer Gestalten, die sich darüber streiten, ob sie "die richtige" Alice sei oder nicht. Der verrückte Hutmacher zumindest ist sich dessen sicher und feiert Alices (vermeintliche?) Rückkehr. Die Zeit drängt aber. Der prophezeite Tag, an dem Alice dem grausamen Jabberwocky den Kopf abschlägt, um das Unterland so von der Tyrannerei der roten Königin zu befreien, damit die gütige weiße Königin wieder auf den Thron steigen kann, nähert unaufhaltsam. Und weiter besteht Unsicherheit, ob die richtige Alice ins Wunderland gebracht wurde. Alice selbst weiß indessen nicht, ob sie die Prophezeiung erfüllen möchte. Zumal sie das alles eh bloß für einen seltsamen, teils luziden, teils unbeeinflussbaren irren Traum hält.

Der essentielle Schlüssel, der zur Vorabbeantwortung der Frage "Werde ich Tim Burtons Alice im Wunderland mögen?" führt, ist der eigene Standpunkt zum Erzählstil der Vorlage von Lewis Carroll oder auch Disneys Zeichentrickadaption des Stoffs. All diejenigen, die mit der sprunghaften, episodischen und chaotischen Natur der meisten Wunderland-Verfilmungen wenig anfangen können, dürften sich erlöst fühlen, dass Drehbuchautorin Linda Woolverton (Die Schöne & das Biest) und Regisseur Tim Burton eine ziemlich stringente Narrative geschaffen haben. Wer jedoch den die Erzählstruktur übertünchenden Überschwang an Fantasie schätzte und es mochte, dass der Intellekt davon mehr gefordert wird, als das Spannungsgefühl oder das Herz, der dürfte von dieser Entscheidung enttäuscht werden.
Ich selbst zähle mich eher zur zweiten Kategorie von Zuschauern. Zwar sehe ich es nicht als Beinbruch, dass uns im Wunderland eine klassische (fast schon überreizte) Geschichte über den prophezeiten Erlöser einer von Despoten unterdrückten Gruppe begegnet, dessen ungeachtet hätte ich einen von Tim Burton inszenierten Trip im Stile des Disney-Zeichentrickfilms von 1951 bevorzugt. Meine Wünsche ausgeblendet, hätte die Handlung auch spannender erzählt werden können - Disneys Narnia-Filme haben das tatsächlich besser hingebogen.

Denn unter den gewählten Vorzeichen verliert Tim Burtons Wunderland vieles der für mich faszinierenden Kuriosität und der gezeigten Schrullenhaftigkeit. Die erzählte Geschichte ist normaler, so dass sich das Wunderland allein durch seine opulente und fantasievolle Gestaltung und das sonderliche Vokabular der Figuren von der Realität abgrenzt. Bedenkt man, dass träumerische Weltengestaltung zu den Grundvoraussetzungen eines Burton-Films gehört, mehr noch als das Mitwirken von Johnny Depp und Helena Bonham Carter, so kristallisiert sich das gelegentlich gesprochene, merkwürdige Kauderwelsch der Figuren zum Hauptunterscheidungsmerkmal des Wunderlands (beziehungsweise Unterlands) von Burtons anderen Filmwelten heraus. Sowie die Anwesenheit zahlreicher computeranimierter, sprechender Tiere. Motion Capturing wurde von Burton entgegen ursrünglicher Pläne mehr oder weniger verbannt.
Wie die Erzählhaltung zu werten ist, das ist allerdings (wie bereits gesagt) reine Auffassungssache. Zumindest ich habe das Wunderlandchaos vermisst und hätte es dem gezeigten chaotischen (im Sinne von heruntergekommenen) Wunderland vorgezogen.

Aber schieben wir diese persönliche Präferenz bei Seite: Tim Burtons Alice im Wunderland ist ein audiovisuelles Erlebnis und holt mit seiner filigranen Liebe zum Detail und seiner opulenten Musik- und Bildgestaltung sehr viel vom erzählerisch versäumten Fantasiereichtum wieder auf. Disney und Tim Burton schulden uns zwar die versprochene Zeichentricksequenz, dennoch weiß der zum Realfilmregisseur gewandelte Animator das Auge zu verwöhnen.
Das unter der Herrschaft der roten Königin zerrüttete Wunderland ist ein sinnliches Traumgebilde mit postapokalyptisch anmutenden Ruinen und verzauberten Orten voller Pracht. Eine wirklich reizvolle Mischung, die wunderbar umgesetzt wurde. Solch eine reiche und warme Fantasiewelt hat man schon länger nicht im Kino gesehen, und die desilluionierenden Ruinen sorgen für eine dramatische Verwurzelung. Zu diesem Eindruck tragen selbstverständlich auch die Bewohner des Wunderlands bei, die genau die richtige Note zwischen cartoonhafter Antropomorphität und erwachsen-illusionärem Realismus. Das Paradebeispiel dafür ist wohl die großartige Grinsekatze mit ihrem feisten Grinsen, den überdimensionalen, durchdringenden Augen und dem wunderschön glänzendem, wirklichkeitsgetreuem Fell.

Bezüglich der Darstellungen vermeidet Alice im Wunderland wiederum jegliche Enttäuschungen, kann aber dessen ungeachtet nicht durchgehend überzeugen. Helena Bonham Carter als Rote Königin ist durchaus in Ordnung, verschenkt mit ihrem endlosen Geschrei jedoch ihr Potential als ernstzunehmender und erschreckender Bösewicht. Über lange Strecken nervt sie sogar eher. Für die von ihr erhofften, schaurigen Einschläge sind nur etwaige, stimmungsvolle Landschaftsaufnahmen in Verbindung mit Elfmans wirkungsvollem Score oder der berüchtigte Jabberwooky zuständig. Und Johnny Depp als der verrückte Hutmacher liefert eine wirklich wechsellaunige Darbietung ab. Von maßlosem Übertreiben, charmanten Er-selbst-Sein und perfektem Treffen sämtlicher Noten und Schattierungen seiner Figur ist alles im Angebot. Glücklicherweise überwiegen bei seinem Schauspiel die positiven Momente, welche sich sogar zum emotionalen Anker des Films aufschwingen können. Wenn Depps pulsiver Hutmacher Alice verletztlich darüber ausfragt, was ihre Theorien, das Wunderland sei allein ein Produkt ihrer Fantasie, für ihn zu bedeuten hat, erzeugt der talentierte Schauspieler nicht nur Gänsehaut beim Publikum, dieser Moment hebt Alice im Wunderland auch intellektuell auf eine höhere Ebene, indem er den Spagat zwischen kindlich-fantastischer Familienunterhaltung und erwachsener Metafiktionalität überwindet.Wenngleich diese und ähnliche Sequenzen viel zu rar gesät sind. Stattdessen überwiegt Kauderwelsch.
Die reizende Mia Wasikowska gibt eine bodenständige und natürliche Alice ab, die zwischen frühreifer Frau, erwachsenem Mädchen, verträumter Fantastin und fortschrittlicher Rationalistin steht. Dadurch erleichtert sie es dem Zuschauer mitzufiebern und mitzufühlen, was bei all der optischen Opulenz und dem erzählerischen Einheitsbrei zwischenzeitlich recht schwer fällt.

Aus der restlichen Darstellerriege bleibt vor allem der witzige Matt Lucas als Tweedledum und Tweedledee in Erinnerung. Anne Hathaway als Weiße Königin spielt im Grunde nur eine überspitzte Version ihres einstigen Prinzessinnen-Images, Alan Rickman als Raupe ist einprägsam und mysteriös, aber zu knapp genutzt, und der Rest ist akzeptabel bis gut, nur fällt er neben all den optischen Verzückungen in der Erinnerung zurück.

Avril Lavignes Alice (Underground) katapultierte sich währenddessem zu einem der Anwärter für den Titel des unpassendsten und grauseligsten Disney-Abspannsongs. Bei den quäkenden hohen Tönen rollen sich mir wirklich die Zehennägel hoch, so dass ich mich sogar zum ebenfalls deplatzierten Never Know I Needed aus Küss den Frosch zurücksehnen könnte. Und dabei mag ich die auch als Songwriterin tätige Interpretin!

Fazit: Weniger abgedrehte Wunderland-Spirenzien, mehr altbackene Handlung. Alice im Wunderland ist nicht die Krone von Tim Burtons Schaffen und zumindest für mich auch nicht die beste Alice-Adaption (der Titel bleibt in den Händen des Disney-Meisterwerks von 1951). Doch erneut gelang es Burton, wenigstens Szenenweise ein schwelgendes Hohelied an die Fantasie zu zaubern, das voller sehenswerter Details und mit gutem Witz ausgestattet ist. Nur dominiert leider der von der schwachen Handlung erzeugte fade Beigeschmack und sonderlich erinnerungswürdig ist er als Gesamtwerk auch nicht. Wer mit "Narnia im Wunderland" leben kann, wird ihn sicher besser finden, für mich scheitert er aber schon daran, dass er den "falschen" Ansatz wählte.

3 Kommentare:

Sunshine hat gesagt…

Ich kann deine Kritik nachvollziehen, gerade wenn man den Disney-Zeichentrickfilm vor Augen hat; dagegen fällt die doch sehr konventionelle "Hero's Journey"-Handlung schon ab. Manchem mag das aber auch gelegen kommen; immerhin hat der Film eine leicht nachvollziehbare Handlung. *g*

Mir persönlich ist es relativ egal, ob die Handlung geradlienig ist oder nicht - solange der Film Spaß macht (und mir hat er definitiv Spaß gemacht), sehe ich gern über über manchen negativen Punkt hinweg; aber das ist natürlich auch immer ein bisschen durch die rosarote Brille schauen, ich weiß. ;)

Wenn Depps pulsiver Hutmacher Alice verletztlich darüber ausfragt, was ihre Theorien, das Wunderland sei allein ein Produkt ihrer Fantasie, für ihn zu bedeuten hat, erzeugt der talentierte Schauspieler nicht nur Gänsehaut beim Publikum,..
Nun ja, außer bei den Teenies hinter uns, die genau an dieser Stelle beschlossen, dass der Film echt blöd ist. Haben die Metaebene vielleicht nicht kapiert.

Anonym hat gesagt…

Ja, irgendwie hat man im Kino immer das Pech, dass hinter einem irgendwelche Gören rumgackern :)
Mal sehen, wie mein Fazit ausschauen wird, wenn ich den Film gesehen habe.

AlphaOrange hat gesagt…

Kritik kann ich so eigentlich unterschreiben. Fantastischer Film, aber weder episodisch genug, um das abwechslungsreiche Wunderland zu entfalten, noch ist die Handlung des Films komplex genug, um wirklich zu fesseln. Ein bisschen zwischen die Stühle geraten.

Kommentar veröffentlichen