Sonntag, 11. Juli 2010

Musikalisches Immergrün - Meine 333 liebsten Disney-Lieder (Teil L)

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Platz 37: Unter dem Meer bzw. Unten im Meer ("Under the Sea") aus Arielle, die Meerjungfrau
Musik von Alan Menken, Text von Howard Ashman (1. dt. Synchronfassung von Klaus-Peter Bauer, 2. dt. Synchronfassung von Frank Lenart)

Unter dem Meer ist geradezu eponym für die Gassenhauer, die während der Disney-Renaissance entstanden. Sebastians ansteckende Calypso-Nummer ist der Taufpate für all die Disneysongs, die in Dauerrotation abgespielt ungezählte Eltern in den Wahnsinn trieben und mit ihrem musikalischen Einfallsreichtum und der unwiderstehlichen Lebensfreude mehr als eine Dekade lang den Disney-Zauber repräsentierten. Ob Hakuna Matata (Platz 47) und Ich will jetzt gleich König sein (Platz 57), In Sekunden auf Hundert (Platz 49) oder Sei hier Gast (Platz 68), Unter dem Meer dürfte als indirekter Vorläufer des obligatorischen, fröhlich aufgelegten Disneymix aus kontemporären und stilistisch sehr deutlich (vorzugsweise folkloristisch) eingefärbten Showstoppern gelten. Unter dem Meer war der generationenübergreifende, Publikum und Kritiker einvernehmende musikalische Riesenerfolg, auf den Disney seinerzeit jahrzehntelang gewartet hatte. Mit einem Schlag war Disneymusik wieder zurück auf der Agenda, und mit was für einem Schlag! Das Geheimnis von Unter dem Meer ist seine perfekte Broadway-Struktur. Das Tempo, die Inszenierung der Filmsequenz das sich enorm aufbauschende Finale inklusive auf Applaus wartende Pause direkt nach dem Song - Unter dem Meer macht überdeutlich, dass seine Schöpfer Alan Menken und Howard Ashman aus dem Musiktheater stammen und im Animationsfilm ihre Gelegenheit sehen, die von ihnen todgeglaubte Tradition des großen Broadwaystücks fortzuführen (fast schon ulkig, dass der Animationsfilm mit Die Schöne und das Biest und Der König der Löwen später seine Auffassung eines Musicals auf den broadway übertragen sollte). Der Song zeigt auch, wie groß Menkens und insbesondere Ashmans Einfluss auf die Filmgestaltung war. Der begnadete Texter Ashman war eine treibende Kraft dahinter, aus der in frühen Entwürfen recht langweiligen und strikten Figur Sebastian einen mit jamaikanischen Akzent redenden Beschützer Arielles zu machen, der sehr musikalisch ist und seiner Aufgabe zum Trotz Spaß zu würdigen weiß. Dadurch wollte Ashman die Möglichkeit eröffnen, Calypso- und Reggaerhythmen in die Musik einfließen zu lassen und Arielle, die Meerjungfrau eine karibische Würze und einen Hauch moderner Sensibilität zu verleihen. Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte.
Im Original wurde Unter dem Meer von Samuel E. Wright gesungen, der sein Engagement als Disneysprecher als eine der wichtigsten Ereignisse seines Lebens bezeichnet und beim Einsingen angeblich vollkommen ausgeflippt sei und vollen Körpereinsatz zeigte. Trotz fehlendem jamaikanischem Akzent ist Joachim Kemmers deutsche Version dieses Songs der englischen Version ebenbürtig, da sie exakt diese Lebhaftigkeit Wrights einfing und wiedergab. Rein tonal kam Ron Williams' Unten im Meer in der Neusynchronisation natürlich näher an Wrights schwarz-karibischen Klang heran, allerdings geht ihm die Vitalität und Leidenschaft Kemmers ab. Dennoch ist die zweite deutsche Fassung nicht die schlechteste dieses Songs: Die französischen Versionen (auch die Franzosen verpassten Sebastian in ihrer Neusynchronisation einen zuvor weggebügelten Akzent) funktionieren für mein Gehör überhaupt nicht. Die Phonetik des Texts will für mich einfach nicht mit der Musik harmonieren. Da macht der Song auf Niederländisch, Italienisch oder Spanisch mehr Spaß. Dennoch hätte es keine dieser Versionen und auch keines der zahlreichen Cover (unter anderem von Mr. Boombastic himself: Shaggy) so weit nach oben in meiner Hitliste geschafft: Kemmer und Wright sind die einzigen, die dieses Lied für mich in Gold verwandeln.

Platz 36: It's Halloween-lo-ween aus Disneyland Park Paris
Musik von Vasile Sirli, Text von Jay Smith

Die Halloween-Festivitäten im Disneyland Paris wuchsen von beschaulicher Kostümisierung einer Nebensaison zu einer ausgewachsenen, den halben Disneylandpark auf den Kopf stellenden Hauptsaison. Nicht nur die Preise wuchsen um ein vielfaches an, auch die Menge der Halloween-Dekorationen und thematischen Aktionen. Ebenso erging es den Diskussionen rund um das europäische Disneyhalloween, denn mit der wachsenden Popularität wich die graue Schauerstimmung sukzessive einem bunten Gruselfestival mit Betonung auf "Festival". Auf eine jährlich wiederkehrende, klare Identität für ihr Halloweenfest konnten sich die Verantwortlichen nicht einigen. Kürbismonster übernahmen den Park, Kürbismonster streiten sich mit pinken Hexen um die Vorherrschaft im Park, im Halloweentrubel reißt Stitch das Szepter an sich (und die Disney-Bösewichter nutzen die von Stitch losgetretene Anarchie, um sich ebenfalls ins Scheinwerferlicht zu rücken), es ist halt einfach Halloween... Manche Parkfans begrüßen es, dass Jahr für Jahr die Karten neu gemischt werden, andere bevorzugen eine einheitliche Linie (mit dem generellen Unterton, dass diese einheitliche Linie nicht die Rückkehr der Hexen zu bedeuten habe). In all den Jahren gab es zur Halloween-Saison im Disneyland Park Paris wenigstens einen blutroten Faden: Die Halloweenfestival-Hymne It's Halloween-lo-ween, die 2003 das Erbe von Halloween-Halloween (Platz 84) als Gruselparaden-Titelthema antrat und sich flugs zum Kassenschlager in den Pariser Shops aufschwang. It's Halloween-lo-ween erreichte im Park schnell eine höhere Präsenz als sein Vorgänger und erreichte dank seiner zahlreichen Remixe letztlich eine allgegenwärtige Stellung als Halloween-Leitmotiv. Und wie ihr an der Position dieses Liedes ablesen könnt, ist der Song ganz klar eines der Elemente, die ich am größeren, knalligeren Halloween im Disneyland Paris begrüße. Während mir die schaurigere Dekoration und der simple Umstand, eine extra Halloweenparade statt einer saisonal umgestalteten Hauptparade zu haben wesentlich besser gefielen, als so manches, was derzeit im Oktober aufgefahren wird, so möchte ich dieses Lied einfach nicht missen. Ich bin unheimlich froh, dass Halloween-Halloween im Park weiterexistiert, als vielseitig verwendbares Saisonthema und Paradensong in Personalunion Kompositionsunion ist It's Halloween-lo-ween seinem Vorgänger jedoch deutlich überlegen.
Das alte, subtiler arbeitende und gruselige Halloweenlied musste seine Position abgeben, weil es einfach nicht zur großen Disney-Hauptparade gepasst hat, die ab 2003 mit umgestalteten Wagen (später mit einem extra Halloween-Zusatzwagen) als Halloweenparade fungierte. Die bombastischereKomposition It's Halloween-lo-ween kleidet sich als musikalische Begleitung der gewaltigeren Paradenwagen und mit ihrer größeren Launigkeit eignet sie sich auch eher als überpräsente Disney-Erkennungsmelodie. Das Duo Smith/Sirli packte in It's Halloween-lo-ween all jene Synthezizerpower, auf die sie bei der Entstehung von Halloween-Halloween verzichtet hatten. Wie es sich zudem für einen ordentlichen Paradensong auch eigentlich gehören müsste, beginnt dieses Lied sogar mit einer Fanfare, die während des Refrains als akzentuierende, rhythmische Untermalung wiederkehrt. Und was besonders clever ist: Die Deutlichkeit und Ausführlichkeit, mit der die Bläser (aus dem Computer?) während des Refrains zu hören sind, steigert sich von Refrain zu Refrain. Beim ersten Mal prusten sie nur kurz, bevor ihnen wieder, bildlich gesprochen, das Mikro abgedreht wird. Dadurch, dass sich die schwungvolle Fanfare erst später im Song wieder klar rausbildet, erhält der Schluss mehr Energie als der in seiner Stimmung eher noch an den Schluss von Halloween-Halloween erinnernde Anfang. Denn obwohl It's Halloween-lo-ween ein stimmungsvoller, poppiger Partykracher ist, verfügt er auch über Halloweenflair. Es sind nicht nur die eingespielten Schreie und das typische, schaurige Luftgeheule/Gläsersingen und die im Refrain bis zur Geisterhaftigkeit verzerrte Stimme der Sängerin, sondern auch eine überaus unterschwellige, unheilvolle Ausstrahlung in der Notenfolge. Das Lied treibt einen an, es hat mehr noch als alle anderen Disneyparadensongs seine Marschrichtung musikalisch verinnerlicht, es sorgt für Feierstimmung, es ist losgelöst, doch ganz vorsichtig erinnert einen die Melodie daran, dass dies ein Halloweensong ist. Besonders deutlich wird dies im "Dreamy Lounge Remix", der stilistisch an esoterische Wellnessmusik erinnert (um es perfekt zu machen, hätte man idealerweise statt einer instrumentalen Version eine mit Walgesang aufgenommen), aber wenn das (elektrische?) Piano den Refrain dahinklimpert, dann ist da tatsächlich so ein "Geschmäckle". Seine Halloween-Identität macht It's Halloween-lo-ween allerdings im "Rocky Feeling Remix" überdeutlich, eine Hard-Rock-Version inklusive wildem Gitarrengeschrammel und gelegentlich dämonischem Gekreische. Diese Version höre ich mir ab und zu sehr gerne an, aber an die ursprüngliche Fassung reicht keiner der Remixe heran. It's Halloween-lo-ween hat einfach irgendetwas an sich, dass mich unterwandert und dazu zwingt, dieses Lied zu verehren, völlig gleich, wie unverständlich meine Zuneigung sein mag. Es macht mir einfach... teuflischen Spaß.

Platz 35: Arabische Nächte ("Arabian Nights") aus Aladdin
Musik von Alan Menken, Text von Howard Ashman (dt. Fassung von Frank Lenart)

Die 90er Jahre bescherten dem Disney-Liebhaber eine wahre Fülle an großartigen Introliedern, darunter That Darn Cat! (Platz 131), Jedes Wort ist wahr (Platz 115), Belles Lied (Platz 80), Scrooge (Platz 78), Hier in Halloween (Platz 43) und Leinen los (Platz 39). Die Verantwortung, die auf einem solchen Eröffnungssong liegt ist schwer, da ein solcher Song nicht nur in die Geschichte einführt und die Stimmung und Gesetze der Filmwelt aufzeigt, in die sich der Zuschauer nun begibt, ein Introlied zieht zudem viel größere Nebenwirkungen nach sich, wenn es nicht zu unterhalten weiß. Ein schwaches Lied in Mitten eines Films, der den Zuschauer bereits gepackt hat, ist zwar ärgerlich, doch verzeihlich, weil sie vom Betrachter zu einer kurzen Atempause umfunktioniert werden können. Eine langweilige Ballade etwa kann man mit einem Schulternzucken abtun. Ein Openingsong hingegen, der seinen Zuhörer nicht auf Anhieb packen kann, gibt seinem angehörigen Film einen schlechten Start, er suggeriert Langeweile und erzeugt Desinteresse. Das begnadete Duo Ashman/Menken schuf mit Arabische Nächte allerdings den idealen Start für das Disney-Meisterwerk Aladdin. Die formidable Mischung aus exotischem Abenteuer, feiner Romantik und wildem Humor dürfte für viele Filmschaffende eine Herausforderung herausstellen. Wie beginnt man diesen atmosphärisch vielseitigen Film, ohne einer seiner Facetten Unrecht zu tun? Arabische Nächte trifft all die richtigen Noten: Direkt zu Beginn des Films schafft Menkens mysteriös-exotische Komposition die richtige Märchen-aus-tausendundeiner-Nacht-Romantik, der geistreiche und gewitzte Text lockt den Zuhörer verführerisch herbei und bereitet mit seinen salopp vorgetragenen Übertreibungen vorsichtig auf den Humor des Films vor. Man hört Arabische Nächte, und ist sofort gebannt, verspührt einen unbändigen Hunger darauf zu hören und zu sehen, was die Geschichte von Aladdin weiteres zu bieten hat. Anders als die meisten disney'schen Introsongs der 90er-Jahre ist Arabische Nächte weniger überwältigend, sondern sehr sachte gehalten, was allerdings kurioserweise perfekt zum Film passt, obwohl dieser mit dem Dschinni und einigen großen Actionszenen nicht gerade als zurückhaltendes Werk zu bezeichnen ist. Aladdin profitiert von seinem ruhigen, geheimnisvollen Start. Für die Fortsetzung Dschafars Rückkehr nahm man dann eine wildere, schnellere Version von Arabische Nächte auf, die auf einer für den ersten Teil nicht verwendeten Demofassung basiert. Das höhere Tempo passt zum weniger romantisch-dramatischen, kürzeren und frenetischeren zweiten Teil und wurde außerdem treffenderweise als perfekter Titelsong für die Aladdin-Fernsehserie verwendet. Um das Aladdin-Franchise perfekt abzurunden, griff man für das Finale von Aladdin und der König der Diebe auf die für Teil 1 eingesungene, jedoch nicht verwendete Reprise zurück.
Aufgrund von Protesten des arabisch-amerikanischen Antidiskriminierungskomitees wurde im englischen Original für Wiederveröffentlichungen von Aladdin die Zeile "Where they cut off your ear / if they don't like your face" durch "Where it's flat and immense / and the heat is intense" ersetzt. Auch die deutsche Synchronfassung wurde einer Änderung unterzogen, so dass aus "Du riskierst deinen Kopf / und sofort ist er weg" die Zeile "Und steckst Du mal im Sand / kommst Du dort nie mehr weg" wurde.

4 Kommentare:

Boris hat gesagt…

Wunderschöne Kritik zu Unter dem Meer und It's Halloween-lo-ween. Beide Lieder wären auch bei mir ganz vorne, würde ich eine solche Liste machen.

Sir Donnerbold hat gesagt…

Wow - ein Kenner und Freund von "It's Halloween-lo-ween"! Ich bin freudig erstaunt.

Clochette hat gesagt…

Und nicht der einzige - den ein oder anderen hast du ja selbst dazu erzogen ;)

Arabisches Meer Kreuzfahrten hat gesagt…

Hallo,

Einen schönen, stilvollen und informativen Blog hast du hier, der Inhalt ist ja wirklich umfangreich. Exemplarisch steht dafür dieser Artikel...
Eine Reise nach Arabien oder in den Orient würde mich persönlich ja auch sehr reizen..

Immer wieder schön zu sehen das sich Leute noch so viel Mühe machen.

Mfg
Arabien Fan

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