Samstag, 14. Mai 2011

Parlay

Welch' Überraschung, Spoiler erwarten euch auf dem Weg durch diesen Artikel... Selbst schuld, wer Am Ende der Welt noch nicht sah...

Es ist ein hübscher Running Gag seit dem Kinostart von Die Truhe des Todes: Wann immer jemand gegenüber den Autoren Ted Elliott und Terry Rossio erwähnt, dass die Pirates of the Caribbean-Reihe zu kompliziert und aufgeblasen wurde, und wie schade es sei, dass sie die Simplizität des so erfrischenden Fluch der Karibik verlor, weisen sie stets auf eine Sache hin. Nämlich, dass zu Folge der Kritiker schon Fluch der Karibik für simplen, spaßigen Piraten-Abenteuerfilm viel zu kompliziert gewesen sei - das Publikum aber verstand ihn, und kaum kam die Fortsetzung, erging es so auch den meisten Kritikern. Kaum kam Am Ende der Welt in die Kinos, verstanden natürlich alle die Handlung von Die Truhe des Todes, und es war auf einmal enttäuschend, dass ausgerechnet das Finale der Trilogie die Auflösung der spannenden Vorgänger in einem verwirrenden Haufen von Handlungsfäden versteckt. In Interviews wurde deswegen regelmäßig gescherzt, dass der beste Grund sei, einen vierten Teil zu drehen, dass danach jeder auch Am Ende der Welt leicht verständlich fände.

Da in wenigen Tagen mit Fremde Gezeiten auch endlich besagter vierter Teil in die Kinos kommt, läuft mir langsam die Zeit davon, mich als Wegweiser durch die grausamen Untiefen Am Ende der Welt zu profilieren, als jemand, der dem Irrsinn trotzt und sich in diesen Gewässern auskennt. In ein paar Wochen verstehen ja, sollte sich die Faustregel erneut bewahrheiten, ja auch der letzte Depp dieses epochale Abenteuer verstehen. Wen soll ich dann eigentlich hiermit beeindrucken?

Dabei ist es gar nicht so schwierig, sich durch das riesige Figuren-Repertoire und dem Wust an persönlichen Zielen, vorgetäuschten Interessen und heimlichen Plänen zu kämpfen. Man könnte es sich ja bereits allein dadurch einfach machen, dass man die irrationale Gier nach vollumpfänglichem Verständnis, den viele Erwachsene ausmacht, aufgibt, und nicht Szene um Szene, Dialogzeile um Dialogzeile mit einem inneren Notizblock jeder Figur hinterherrennt, um festzuhalten, was sie plant, welchen Ersatzplan sie in der Hinterhand hat, was sie vorgibt zu wollen, wann sie all diese Ideen austüftelte, warum sie will, was sie will, und wie sie sich wem gegenüber durchzusetzen versucht. Man kann sich ja bereits damit begnügen, zu verstehen, wer wichtig ist und welches Gesamtziel diese bedeutenden Personen aus Am Ende der Welt verfolgen. Die ganzen Zwischenschritte dienen der Überraschung, der Kreation einer komplexen fiktiven Welt und um beim wiederholten Anschauen weiter neue Dinge zu entdecken. Und sei es nur die erstaunte Erkenntnis: "Oh, hast du das gesehen, wie da bei ihm die Augen in die Ferne wandern? Da fasst er den Plan, dass er... also, wow, ha!"

Nun gut, nun gut... Versetzen wir uns trotzdem in jemanden, der sich völlig vom mit einer ausschweifenden Laufzeit, pompösen Produktionswerten und massenhaft piratigem Verrat gesegneten Am Ende der Welt überrannt fühlt. Es sei denn, ihr seid exakt so jemand; jemand, der auf diesem Artikel vor Anker gegangen ist, um sich nach all den Jahren vergebenen Nachgrübelns Am Ende der Welt erklären lassen wollte. Dann müsst ihr euch in niemanden hineinversetzen und könnt einfach so, ganz unvorbereitet, folgende Zeilen lesen:

Überall nur stinkige Piraten, jeder verfolgt sein eigenes Ziel. Ein Wahnsinniger löscht Heerscharen von Menschen aus, allein um den Gewinn zu maximieren. In eurer Nähe eine heidnische Göttin, die in menschliche Bande gefangen wurde und zwei aus dem Reich der Toten zurückgekehrte Piratenfürsten. Ein unmenschliches Wesen durchfährt die See, alles tötend, was seinen Weg kreuzt. Der Schmerz seiner verschmähten Liebe ließ ihn sein Herz rausschneiden und mit einem furchtbaren Fluch belegen, den bereits auf ihm liegendne Fluch verkomplizierend. Wer dieses Herz durchstößt, muss den Platz seines Besitzers einnehmen. In einer aus Schiffswracks gebauten Festung versuchten sich wilde Piraten in der Politik, viel Prügel und mindestens einen Toten später fanden sie ihren König in einer britischen Gouverneurstochter. In den Krieg wollen sie ziehen, nur unterschätzten sie die Anzahl ihrer Gegner. Euch schwirrt der Kopf, ihr werdet böse von euren Mitmenschen angestarrt, weil ihr ihnen nichts sagen könnt? Dann helft euch endlich aus dieser misslichen Lage, sprecht es aus... "Parlay!?"



Parlay, so schreibt sich im Pirates of the Caribbean-Universum das Parley-Recht, das im von Morgan und Bartholomew zusammengetragenen (zusammen getragenen?) Piratenkodex festgelegte Anrecht auf Verhandlungen unter Feinden. Dieses Verhandlungsrecht existierte wirklich unter den historischen Piraten, denn all dieses ruchlose Gesindel pochte tatsächlich auf so etwas wie eine Ganovenehre, gewisse Grundregeln für das gesetzlose Leben auf der hohen See. Parlay, das ist es, was Jack Sparrow vorschlägt, als den Piraten im Krieg zwischen der East India Trading Company und dem Hohen Rat der Bruderschaft das Wasser bis zum Halse steht. Sogar der gerissenste, trickendste und unberechenbarste aller Piraten muss diese letzte Karte ziehen, um Übersicht zu gewinnen und die verwirrende Situation neu zu überblicken. Doch vor allem, um sie neu zu gestalten. Parlay, das ist der Knotenpunkt Am Ende der Welt, die große Wende vor dem finalen Akt, dem alles entscheidenden Kampf in der ursprünglichen Pirates of the Caribbean-Trilogie. Parlay, das ist das letzte Rettungsseil für den verlorenen Zuschauer. Er mag nicht zwangsweise verstehen, wer wann wie beschlossen hat, was auf welche Weise zu erreichen, aber er sieht die handlungsrelevantesten Figuren, wie sie alle denken, ihrem Ziel einen Schritt näher gekommen zu sein. Parlay, das ist, wie Gore Verbinski, Ted Elliott, Terry Rossio und Hans Zimmer einen Spaghettiwestern auf hoher See veranstalten, um aus der Kombination von Handlungs-Bestandaufnahme und Mündeweg in ein megalomanisches Actionstück eine ultracoole Kinosequenz zu erschaffen.

Sobald die Sequenz anfängt, komme ich aus einem überglücklichen Grinsen nicht mehr heraus. Es beginnt schon alleine beim Schauplatz der Verhandlungen zwischen den involvierten Parteien: Mitten auf hoher See liegt eine schmale Sandbank, perfekt für dramatische Kriegsverhandlungen zwischen versoffenen Piraten, einem schmierigen Helferlein, einem machthungrigen Lord und dem monströsen Herrscher über die Meere. Dass im malerisch türkisenen Ozean, in praktikabler Reichweite unserer Helden und Schurken, so ein Fleckchen Sand liegt, vollkommen unkommentiert, das zeugt von dieser beeindruckenden Selbstverständlichkeit, die Am Ende der Welt auslebt. Das moderne Piratenspektakel von Gore Verbinski, Jerry Bruckheimer und Disney wuchs im Laufe dreier Filme vom mit postmoderner Ironie, horrormäßigem Seemannsgarn und klassischem Swashbuckler-Feeling ausgestatteten Abenteuer zum bombastischen Seefahrtskriegsdrama mit Fantasy-Action und abstrus-subversivem Humor heran, das zwischen den Zeilen einer gewissen Traumlogik folgt. Natürlich liegt just neben der Schiffbruch Bay eine Sandbank im Meer, die allein schon anhand ihrer Präsenz zu Verhandlungen mit Netz, doppeltem Boden und dreifacher Täuschung verführt.



Aus Zuschauer-Sicht nimmt das Piratenspektakel in diesem Moment eine genretechnische Auszeit, wildert in Spaghettiwestern-Gefilden. Großartig fotografierte, mit toller Musik unterlegte Sergio-Leone-Hommagen sind eh stets gerne gesehen, hier schaltet sich für den Pirates of the Caribbean-Fan aber noch die Meta-Ebene ein. Das man sich vor dem Western-Maestro verneigt, ist zugleich höchst selbstreferentiell. Die kreativen Köpfe hinter der Filmreihe waren sich nämlich höchst einig, dass sie nicht einfach ein paar Piraten-Filme drehten, sondern diese Abenteuer auch viel vom Geiste anderer Genres hatten. Hans Zimme erklärte, dass die Art, wie Rebellion und die Wertschätzung von Freiheit und stolzen Schiffen in den Pirates of the Caribbean-Filmen viel von Rockern aus Bikerfilmen hat. Die Piraten seien alles Rockerbanden, die auf ihren Motorrädern durch die Welt pflügen. Von diesem Eindruck beeinflusst schuf Zimmer das rockige Kraken-Thema in Teil 2 der Reihe. Ein weiteres Genre, mit dem man Vergleiche zog, waren (Spaghetti-)Western, von denen Zimmer, Verbinski und die Autoren allesamt große Fans sind. Diese Parallelen beziehen sich vor allem auf die Schlüsselrolle von Barbossa und Jack Sparrow in der Pirates of the Caribbean-Trilogie. Wie die Autoren erklärten, sehen sie die zwei glorreichen Piratenkapitäne wie solch überhöhten Westernhelden wie Clint Eastwoods Mann ohne Namen. Sie streifen, halbgottgleich und unveränderlich, durch die Weltgeschichte, wobei sie die Schicksale aller Normalsterblichen, denen sie begegnen, auf den Kopf stellen. Jack Sparrow ist allen anderen zwei Schritte voraus, wirbelt Staub auf, bleibt beharrlich auf seinem (selbst erschaffenen) Olymp, während durch ihn ein Waffenschmied den Respekt gewinnt, um die Gouverneurstochter heiraten zu dürfen. Sein Handeln ist es auch, der ihn mit seinem zweimal verfluchten Piratenvater bekannt macht und zum verdammten Kapitän der Flying Dutchman macht, er ist es, der besagte Gouverneurstochter Mitten in einen Krieg zwischen gierigen Wirtschaftsmächten und gröhlenden Piraten zieht, und, und, und... Aber Jack selbst, er will doch einfach nur seine Freiheit. Und Rum. In den Fortsetzungen hielt ein weiterer typischer Western-Aspekt Einzug: Die Betrachtungsweise, dass Modernisierung unseren famosen Abenteuerhelden die Existenzgrundlage entzieht. Der Kampf der Revolverhelden gegen das alltägliche, mit welchen Tricks die Filme den Betrachter in eine verbotene Welt entführen... So wie George Lucas einige Western-Gene in Star Wars sieht, sah Verbinski auch in Pirates of the Caribbean-Westernanteile.

Eben diese Westernanteile werden durch Parlay bis auf's äußerste ausgereizt, gleichzeitig augenzwinkernd, wie ernsthaftig verdeutlicht. Mit Parlay lädt die Mannschaft hinter Pirates of the Caribbean das Publikum dazu ein, diese Filme aus ihrer Perspektive zu bestaunen. Die lange Kamerafahrt längst der Sandbank, der Schnitt, wie die auf Will Turner, Beckett und Davy Jones zulaufende Partei um Jack Sparrow, Elizabeth und Barbossa durch den Sand schreitet, die ernsten Blicke in engen Closeups, die Farbsättigung... alles wie aus einem Sergio-Leone-Western. Der Gedanke hinter den Figuren und die tatsächliche Umsetzung nehmen eine einheitliche Form an, nun sind sie wirklich über dem Normalbürger stehende, in stolzen Schritten unbeirrbar ihren Weg gehende, gottesgleiche Westernhelden, die durch ihr Handeln das Schicksal verändern können.


Perfektioniert wird diese Verschmelzung von Piratenabenteuer und Western durch Hans Zimmers Begleitmusik. Die Instrumentierung stellt Parlay als offensichtliche Hommage an den begnadeten Filmkomponisten Ennio Morricone dar, speziell auf das legendäre Western-Thema Man with a Harmonica. Wer sich davon aber nicht beirren lässt, sondern auch auf die gespielten Melodien achtet, wird erkennen, dass die schneidende Mundharmonika und die dumpf dahinklampfende E-Gitarre (gespielt von niemand geringerem als Gore Verbinski) das Liebesthema aus Am Ende der Welt spielen. Die im Hintergrund der Western-Instrumente für ordentlich Dramatik sorgenden Streicher spielen indes mit beängstigender Präzision das Leitmotiv von Lord Cutler Beckett. Zwei aus dem Film bereits bestens bekannte Themen, jeweils stellvertretend für eine der beiden Seiten im anstehenden Konflikt, vereinen sich für die große Verhandlungssequenz zu einer Verneigung vor dem Genre des Spaghettiwesterns. Und da soll nochmal irgendein Banause daherkommen und Hans Zimmers Musik als anspruchslos beschimpfen...

Als Hans Zimmers Parlay langsam ausklingt, stehen sie sich dann endlich gegenüber, die sechs großen Handlungsträger von Am Ende der Welt. Diese Strippenzieher von variierender Expertise sind es, deren Ziele der Zuschauer zu verfolgen hat, ihre Entscheidungen sind es, von denen das weitere Schicksal des Pirates of the Caribbean-Universums abhängig sind. Sie sind die Könige in einem komplexen Schachspiel - nach außen hin lassen sie sich jeweils einer von zwei Parteien zuordnen, doch in Wahrheit verfolgen sie alle ihre eigene Intention. Parlay ist der Moment, in dem sich diese Handlungsfäden verknüpfen, in denen jede dieser Figuren für ihre eigenen Absicht kämpft und, sich als vermeintlichen Gewinner fühlend, ihren Handlungsfaden wieder getrennt ins große Finale der Trilogie trägt.



Schon in Die Truhe des Todes gab es einen Moment, in dem drei wichtige Handlungsfäden zusammentrafen. Auf der Isla Cruces übernahm der griechische Chor in Form von Pintel und Ragetti die Erklärungsfunktion - es war eine offensichtliche Hilfestellung an die verlorene Zuschauerschaft, jedoch in sich derart selbstironisch, dass ich sie äußerst vergnüglich statt penetrant fand. Parlay ist dennoch um einige Klassen besser: Parlay ist keine eingeschobene Erklärung, sondern eine dramaturgisch unvermeidliche Passage auf dem Weg zum kämpferischen Finale dieses Piratenepos. Parlay bietet naturgemäß eine Übersicht für den verworrenen Betrachter, zeigt noch mal auf, auf welche Figuren besonders geachtet werden muss, was ihre grundlegenden Vorhaben sind. Gleichzeitig bleibt Parlay für eine Sequenz eines Sommerblockbusters komplex, lässt Überlegungen der Figuren im halbdunkeln. Dies hebt Am Ende der Welt über den üblichen Big-Budget-Actioner hinaus, wo die Figuren so durchsichtig wie Klarsichtfolie sind - und es ist elementarer Teil der von Ted Elliott und Terry Rossio so häufig beschworenen „Weltenbildung“: Fans sollen diskutieren, wer wann genau wie seinen Plan geschmiedet hat. Parlay tänzelt auf dem schmalen Draht zwischen „der Handlung folgen können“ und „nicht alles komplett ohne Aufwand verstehen können“, der so reizvoll ist und den Zuschauer in seine kindliche Medienrezeption zurückführt, wo man nur verstehen wollte, was passiert. Und nicht sauer war, wenn ein halbes Dutzend irrelevanter (doch spannender) Fragen einen verführerisch anblicken.

Umso ärgerlicher, dass ausgerechnet die nach mehr Substanz in Sommerfilmen schreienden Kritiker Am Ende der Welt vorwarfen, er ist kein Stück weit nachvollziehbar. Wenn man wenigstens während Parlay aufhört darüber nachzugrübeln, ob es eine kluge Idee war, gesalzenes Popcorn zu bestellen, kann man sehr wohl den sechs Handlungssträngen problemlos folgen. Oder? Gehen wir einfach mal die sechs Verhandlungspartner durch und urteilen selbst:

Barbossa traf eine Vereinbarung mit der Göttin Calypso, sie von ihrem menschlichen Bande zu befreien. Dies kommt dem das Piratenleben wertschätzenden, aus dem Reich der Toten zurückgekehrten Piratenkapitän sehr recht, da er hofft, den machthungrigen Beckett und seine Mannen der East India Trading Company mit Calypsos Hilfe wieder in ihre Schranken zu weisen. Um diesen Plan zur Fruchtung zu bringen, benötigt Barbossa Jack Sparrow, dessen Realis-Silbermünze er noch nicht einsammeln konnte, welche für die Beschwörung Calypsos notwendig ist.

Will Turner trat die Reise auf den Grund des Meeres an, um nicht etwa Jack Sparrow von ihn erwartenden, ewigen Qualen zu erlösen, sondern um seine kostbare Black Pearl zu bergen. Er hoffte, dass er mit der Black Pearl Davy Jones bezwingen kann, um so seinen verfluchten Vater Stiefelriemen Bill von seinem Dienst an der Flying Dutchman zu befreien. Da allerdings derjenige, der Davy Jones' Herz durchsticht an seine Stelle treten muss, würde die Befreiung seines Vaters ihn von seiner Verlobten Elizabeth trennen. Deshalb machte er einen Deal mit Jack Sparrow, dass sie beide es so einfädeln, dass dieser für Will einen Dolch durch das Herz Davy Jones' treibt.

Elizabeths Mission war bereits erfüllt, als sie Jack (verhältnismäßig) wohlbehalten in Davy Jones verfluchtem Reich gegenüberstand und sie so ihr Gewissen von ihrem tödlichen Verrat reinwaschen konnte. Allerdings erfuhr sie noch bevor sie wieder ins Diesseits zurückkehren konnte, dass ihr Vater durch Becketts Machenschaften das zeitliche segnete. Seither sinnt sie nach Rache, und die erhält sie nur, wenn die Piraten sich gegen die East India Trading Company im Kampf vereinen. Während der Parlay-Verhandlungen möchte sie Will auch davon abhalten, sich selbst für die Befreiung seines Vaters einzusetzen, da sie von Stiefelriemen Bill erfuhr, welches Schicksal ihn erwarten würde. Außerdem ist sie das jüngste Mitglied in der Gesellschaft für ausgefallene Seefahrerhüte und möchte das allen Anwesenden demonstrieren.

Cutler Beckett ist davon besessen, die Piraterie komplett auszulöschen. Er behauptet, es ginge ihm dabei nur ums Geschäft, andere sehen in seinem Handeln eine manische Kompensierung körperlicher Makel oder auch schlicht die Gier nach Macht. Er ist im Besitz von Davy Jones' Herz und befehligt ihm deswegen, auf den sieben Weltmeeren ein Massaker anzurichten. Um seinem Ziel näher zu kommen, hat er des Weiteren ein Abkommen mit Jack Sparrow, der ihm den Hohen Rat der Bruderschaft ausliefern soll. Als Belohnung soll Jack Sparrow angeblich von Beckett verschont bleiben, jedoch steht Beckett den piratigsten Piraten in Sachen Hinterhältigkeit in Nichts nach. Er ist eigentlich sogar noch schlimmer, da für ihn der Piraten-Kodex nicht Gesetz ist.

Jack Sparrow hat offenbar irgendwas zwischen den Zähnen, was ihm vielleicht auch seinen üblen Mundgeruch verschafft, den er ja bekanntlich dann und wann als Waffe einsetzt. Bei den großen Parlay-Verhandlungen geht es ihm darum, irgendwie auf Davy Jones' Schiff zu kommen, um so den tentakligen Käpt'n der Flying Dutchman umzulegen. Danach wäre Wills Piratenvater von seiner Schuld an Jones befreit, der gute Welpe kann mit seiner Zuckerschnute herumhängen und Jack würde bekannt als "der unsterbliche Captain Jack Sparrow", auf ewig frei zu tun, was auch immer er zu tun gedenkt. Er lieferte Beckett den Hohen Rat der Bruderschaft aus, indem er Will als verräterisches Helferlein nutzte, dies jedoch nicht ohne Hintergedanken. Wie edel oder egoistisch diese sind, liegt wohl im Auge des Betrachters: Der torkelnde Strippenzieher konnte so seinen Austausch an Bord der Flying Dutchman in die Wege leiten, was vor allem ihm zu gute kommt. Jedoch zeigt Sparrow auch große Initiative, Beckett auszuschalten. Ob er das einfach so als kleines Geschenk hinnimmt oder es stets sein großer Plan war, das weiß vielleicht nicht einmal er selbst. Bedenkt man Jacks Persönlichkeit, ist wohl einzig und allein sicher, dass er den Deal mit Beckett garantiert nicht einging, um tatsächlich alle anderen Piraten auszulöschen.

Davy Jones, letztendlich, erfuhr, dass Jack Sparrow vom höllengleichen Grund des Meeres befreit wurde - und er somit, je nach Standpunkt, seine Schuld bei ihm nicht beglichen hat. Deswegen fordert er ein, dass Sparrow an Bord der Dutchman kommt, um so seinen Dienst anzutreten. Seine Knechtschaft als Becketts diabolische Promenadenmischung macht Jones zu schaffen, und er wartet sehnlich auf den rechten Augenblick, sich gegen seine Herren aufzulehnen. Ihm kam dank Will Turner zu Ohren, dass der Hohe Rat vorhat, seine einstige Geliebte Calypso zu befreien. Er reagierte geschockt auf diese Information, bezeichnete es als Fehler, die unberechenbare Meeresgöttin aus ihren menschlichen Banden zu lösen. Während der Tagung des Hohen Rats traf er sie wieder, und dieses Wiedersehen war ein Musterbeispiel für ambivalente Gefühlslagen. Dass sie ihn nicht so liebt, wie er es begehrt, erzürnte ihn, dennoch behauptet er, sie ewiglich zu lieben. Aber all dies ist nur von geringer Relevanz. Hauptsächlich geht es Davy Jones während der Parlay-Verhandlungen darum, möglichst viel Würde auszustrahlen, und über den peinlichen Wasserzuber hinwegzutäuschen, in dem er sich aufgrund seines Fluchs aufhalten muss.

Davy Jones ist von allen Parteien derjenige, der sein Hauptziel mit den geringsten Problemen erreicht. Wirklich niemand wagt es, den gedemütigten Meeresteufel auf seinen Zuber anzusprechen, noch immer verbreitet er Angst, Schrecken und Ehrfurcht. Aber auch alle anderen Verhandlungspartner sehen sich als Gewinner - und der Zuschauer weiß endlich, wer woran ist. Parlay ist ein Moment der Offensichtlichkeit, und dennoch voller Unklarheiten. Wieviel geplant ist, was glückliche Zufälle oder Improvisationen sind, darüber ist sich niemand im Klaren. Diese Ambiguität passt perfekt zu der Traumlogik von Am Ende der Welt, die den Film zwar nie in eine reine, surreale Bilderabfolge abrutschen lässt, dennoch etwas unwirkliches und extremes an sich hat. Am Ende der Welt ist in seiner Grundstimmung konkret, und dann doch irgendwie eben nicht.

Für manche ist exakt dies das Problem mit Am Ende der Welt, andere behaupten den Film auf eine Weise gesehen zu haben, die nicht ist und wieder andere... für die bedeutet Parlay schlicht einfach nur eine vor Atmosphäre und Intensität überquillende, saucoole Dialogsequenz. Es ist einer der Momente, auf denen die Autoren Ted Elliott und Terry Rossio besonders stolz sind, da ihrer Meinung nach während ihr spürbar wird, was alles an Kraft und Engagement in diesen sechs Schicksalen der teilhabenden Figuren liegt. Ich würde ihnen zustimmen - Gore Verbinskis atmosphärische Inszenierung, Hans Zimmers so simpel klingendes, in Wahrheit jedoch minutiös durchdachtes Musikstück und die vor Spielfreude überquillenden Darstellungen (vor allem von Johnny Depp und Bill Nighy) machen Parlay zu einer dieser Sequenzen, wegen derer ich Am Ende der Welt nicht oft genug sehen kann. Es ist eigentlich nur eine simple Dialogsequenz, in der Verhandlungen stattfinden. Keine von heutiger, gesellschaftspolitischer Relevanz, keine die eine Pointe nach der anderen nachlegen. Und dennoch, es ist so viel Schaffensfreude an ihr, so viel mehr Gehalt in ihr, als man von einem Abenteuerfilm erwarten dürfte, dass ich aus dem vergnügten Grinsen nicht herauskomme.

Und wenn Ted Elliott und Terry Rossio richtig liegen, dann werden mich und all jene, die Am Ende der Welt als ihren Lieblingsteil der PotC-Reihe bezeichnen, in den kommenden Tagen immer mehr Leute verstehen. Und wenn nicht... dann lenken wir uns halt mit Gesprächen über Fremde Gezeiten ab.

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8 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

wie kann man über diese 3 inhaltsarmen filmchen dermaßen epische, beinahe monumentale essyas schreiben. und da sis ja mittlerweile schon das etwa 30. seiner art

fandom ist schon was feines, er befähigt blogger zu großartigen leistungen die sonst niemand nachvollziehen kann

gelesen hab ichs aber trotzdem nicht. ich bezweifle das PARLAY (was immmer das sein soll) 20 minuten meiner lebenszeit wert ist

InvaderPhantom hat gesagt…

Du kannst also selber behaupten, dass die Pirates of the Carribean-Filme "inhaltsarm" seien - obwohl ein Hauptkritikpunkt an den PotC-Filmen ist, dass sie eben zu VIEL Handlungsfäden haben?

Und da du sie inhaltsarm nennst, müsstest du sie ja alle gesehen haben - du weißt aber trotzdem nicht, was ein Parlay ist?

Sunshine hat gesagt…

Unfair ist das - gerade im Moment, wo ich eher wenig Zeit habe, kommen überall schöne Beiträge zur PotC-Reihe! Deiner hier, drüben auf LJ fühlt eine sich so inspiriert, dass sie endlich ihre ausführliche (wirklich sehr ausführliche) AWE-Kritik weiterschreibt... und auch ansonsten sieht man überall vermehrt Meinungen zu den Filmen, Analysen etc. Feine Sache, gefällt mir. :)

Anonym hat gesagt…

@2

ich hab sie gesehen, aber ihnen nicht mehr beachung geschenkt als der durchschnittlichlen transformers-harrypotter-superhelden ware.

sehen und vergessen. und sehen ohne groß nachzudenken.

inhaltsarm war vielleicht das falsche wort. substanzarm.

naja verglichen mit transformers hingegen sind die PotC wiederrum die reinste Lynch-Kubrick Versuchung.

kommt eben auf den standpunkt an.

Sir Donnerbold hat gesagt…

"durchschnittlichlen transformers-harrypotter-superhelden ware"

Harry Potter mit den Transformers-Filmen von Bay zu vergleichen, finde selbst ich als Nicht-Potter-Leser wahlweise beleidigend, entlarvend uninformiert oder einfach nur lächerlich.

Anonym hat gesagt…

Und ich als Harry Potter Leserin UND Transformersfangirl für eine absolute Unverschämtheit!

Anonym hat gesagt…

lawl

und ich dachte ich als marvel nerd wäre schon peinlich

aber solang es leute gibt die transformers und harry potter gut finden kann ich wohl ruhig schlafen

Stefan Kraft hat gesagt…

Interessante Kommentare hier...

Hin und wieder veröffentlicht Sir Donnerbold Sachen wie den obigen Artikel. Wenn sie einem nicht gefallen, muss man als Blogleser halt damit leben, denn es geht eben um Sir Donnerbolds... Bagatellen.
Themenvorschläge machen und konstruktive Kritik üben (und den ersten Anonym-Kommentar ordne ich auch so ein!) ist natürlich trotzdem immer erlaubt.

Wogegen ich mich allerdings wehren möchte, ist als Harry-Potter-Fan implizit als peinlich eingestuft zu werden! Da hörts auch bei mir auf! Und DC ist eh besser als Marvel! ;-)

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