Samstag, 20. August 2011

Kokowääh


Manchmal wünsche ich mir, Keinohrhasen wäre an den Kinokassen katastrophal gescheitert. Vielleicht wäre uns so ein talentierter Regisseur erhalten geblieben, der es vermag, den Markt für große deutsche Produktionen weiter zu erneuern. Aber Keinohrhasen war bekanntlich ein großer Erfolg, genauso wie seine Fortsetzung, und so macht die Hoffnung auf Innovation im Bereich des deutschen Blockbusters getrost Urlaub. Und somit stand Til Schweiger Tür und Tor offen, zwischen Zweiohrküken und dessen Fortsetzung (ich sage die Kleinohrelefanten vorher) einen weiteren Film mit exakt der gleichen Formel zu drehen. Das ist bereits bedauerlich. Dass Kokowääh bezüglich der schweiger'schen Erfolgsformel nicht nur so erneuerungsfreudig ist wie ein erzkonservatives Mitglied der Partei erzkonservativer Sesselfurzer, sondern auch noch mit Abstand ihr schlechtestes Ergebnis, macht diesen unverdienten Publikumsmagneten für mich zu einem der unerträglichsten Filme dieses Kinojahres. Und wir sprechen hier immerhin von dem Jahr, das den deutschen Kinogängern I'm still here, Gullivers Reisen und Cars 2 brachte.

Solltet ihr zu eurem Glück nicht zu den 4,28 Millionen Kinogängern von Kokowääh gehören und sogar die Trailer versäumt haben, so benötigt ihr wohl eine kleine Erleuchtung, worum es in Schweigers neuster Romantikkomödie geht: Henry (Til Schweiger) ist Single, gefragter Weiberheld und an seinen einstigen Prinzipien gescheiteter Drehbuchautor. Während ihm die Frauen die Bude einrennen, muss er sich beruflich als Autor der erfolglosen Serie Der Förster vom Spreewald verdingen. Aber dann teilt ihm seine Agentin sensationelle Neuigkeiten mit: Die idealistische Erfolgsautorin und überzeugte Gegnerin von Romanverfilmungen Katharina (Jasmin Gerat) hat sich überzeugen lassen, von ihrem Roman Freiflug eine Kinoadaption zu genehmigen. Und ausgerechnet Henry soll mit ihr zusammen das Drehbuch verfassen.
Dieser kann sein Glück kaum fassen, nimmt sich aber vor, die Chance zu nutzen und sich verbissen auf die Arbeit zu konzentrieren. Doch da hat er die Rechnung ohne verantwortungslose Filmeltern gemacht: Vor seinem Apartement findet Henry nämlich die achtjährige Magdalena (Emma Tiger Schweiger) geparkt, die von einer Freundin ihrer Mutter Charlotte (Meret Becker) zu Henry gebracht wurde. Ein Brief offenbart Henry, dass Magdalena seine Tochter ist, um die er sich kümmern soll, während Charlotte in New York vor Gericht steht und ihr Ehemann, der Zahnarzt Tristan (Samuel Finzi), darüber schmollt, dass er erfahren musste, ein Kuckuckskind großgezogen zu haben. Der überzeugte Single muss sich nun ans Vatersein gewöhnen und Verantwortung lernen. Das raubt ihm natürlich Zeit, was seine Ex-Freundin und Nun-wieder-Schreibpartnerin Katharina gehörig gegen den Strich geht...

Es braucht nicht einmal eine der Dialogszenen mit Til Schweiger, um zu erraten, dass es sich bei Kokowääh um einen weiteren Film des sich gerne mit den Kinokritkern anlegenden Erfolgsregisseurs handelt. Ein paar Sekunden der Stadtaufnahmen genügen schon, um die Komödie als ein Werk Schweigers zu identifizieren. Wie seine letzten Regiearbeiten, ist auch Kokowääh in diesem speziellen grün-braunen Farbton getaucht, dem sich nur Schweiger bedient. Es ist eine ansprechende Farbästhetik, die Schweiger wählt, allerdings wird sie langsam öde. Seine romantische Tragikomödie barfuss hatte mit ihrem märchenhaften Charakter guten Grund, sich durch Farbfilter von wahrer deutscher Szenerie abzuheben. Die Keinohrhasen hebte Schweiger mit seine Kolorierung und aufwändige Szenerien auf Hollywood-Niveau, und somit über die starre deutsche Standard-Liebeskomödie. Doch in 1 ½ Ritter fing die Schweiger-Optik bereits an zu nerven. Nicht nur die Farben, sondern auch die Tiefenunschärfen sowie seine Angewohnheit, mitten in Szenen die Geräuschkulisse ab- und gleichzeitig die Musik aufzudrehen. Die Zweiohrküken hatten die Ausrede, als Fortsetzung der Keinohrhasen visuell an den Vorgänger anschließen zu wollen (obwohl es keine Pflicht wäre - Christopher Nolan ließ Gotham schließlich auch von Braun zu einem kühlen Blau wechseln), doch bei Kokowääh ist der Punkt erreicht, wo mir die Schweiger-Farbpalette zum Hals raushängt.

Und der Schweiger-Stil ist natürlich nicht komplett, ohne einen zu den Bildern passenden Soundtrack, der nichts weiteres als eine überaus vorsichtig gestaltete Kopie des Keinohrhasen-Soundtracks. Bloß keine Experimente wagen, lieber versuchen, mit neuen Songs in exakt dem selben Klangmuster genau das Musikbett des Megaerfolgs nachzuahmen. Natürlich darf das neuste Lied von OneRepublic die Ansammlung melancolisch-kitschiger, softer Poprockballaden anführen. Was denn auch sonst?

Die ausgetretenen audiovisuellen Pfade sind dabei das geringste Problem von Kokowääh. Sollte jemand weder barfuss noch Keinohrhasen oder Zweiohrküken kennen, so wären Klang und Gestalt dieses Films schließlich recht frisch, auch wenn Form und Inhalt bei den ersten beiden Fällen wesentlich wuchtiger zusammenwirkten. Die wahren Probleme von Kokowääh sind inhaltlicher Natur.

Es fängt ja bereits bei der haarsträubenden Begründung der "Plötzlich Vater"-Situation an. Die Mutter wurde also irgendwie nach New York vor's Gericht geschrieben (okaaaaaay...) und der sich als Ziehvater herausgestellte Papa ist von der Wahrheit über "sein" Kind so geschockt, dass er es nicht sehen will. Das ist zwar harter Tobak und hinsichtlich der späteren Charakterisierung Tristans absolut inkonsistent, aber für sich genommen noch halbwegs glaubwürdig. Dass Henry erstmal überhaupt keine Ahnung hat, wer dieses Balg vor seiner Tür ist, und obwohl er es unbedingt loswerden will nicht auf die Idee kommt, die Polizei zu rufen, ist schon was abstruser. Mit "das ist ein Film!"-Logik muss man mir auch nicht kommen, denn Schweiger hätte mit etwas Willen sicher eine seiner patentierten, saukomischen Dialogszenen einbauen können, in denen er sich mit einem Polizisten zankt. Wenn man allerdings tatsächlich so fahrlässig ist, eine Freundin der Mutter ins Drehbuch zu schreiben, und sie kommentarlos verschwinden lässt, dann ist das einfach saublöd. Dass ausgerechnet der Disney-Stinker Old Dogs die Kinder glaubwürdiger in die Obhut ihres zuvor ahnungslosen Vaters manövriert, ist ein echtes Armutszeugnis für Kokowääh.

Was mich bei Kokowääh aber so richtig an die Decke bringt, ist die Figur der achtjährigen Magdalena. Wie schon in Keinohrhasen und Zweiohrküken ließ Til Schweiger erneut seine kleine Tochter vor die Kamera. Hatte sie dort noch eine Nebenrolle, weshalb es relativ egal war, wie gut man sie denn nun versteht, hat sie als Unruhestifterin nun praktisch gesehen die weibliche Hauptrolle. Nun sagte Schweiger mal in einem Interview, er habe kein Problem mit negativen Kritiken (hmmmm...), doch er flippe aus, wenn jemand persönlich wird (verständlich), vor allem gegenüber seiner Tochter. Deshalb möchte ich, sollte Herr Schweiger eines Nachts aus Schlaflosigkeit sämtliche Artikel über Kokowääh weglesen, ganz explizit sagen: Ich habe nichts gegen Emma Tiger. Sie kommt nicht so affektiert rüber, wie manch andere Kinderdarsteller und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie ein liebes Mädel ist, das nie auf die Idee käme, in der Schule ihrem Sitznachbarn seinen Kakao zu klauen. Das könnte ich mit der gleichen Ehrlichkeit leider nicht über Will Smiths Kinder sagen, die mir doch sehr vom Starrummel beschädigt vorkommen. Aber: Die Kleine ist einfach keine gute Schauspielerin. Die Zeilen kommen so aufgesagt daher, manchmal sehe ich richtig, wie sie versucht, sich an den Rest ihres Textes zu erinnern. Die Gags liefert sie im Großteil der Fälle in einem grausigen Timing ab - und ich habe auch des öfteren herbe Probleme, überhaupt zu verstehen, was sie dahinbrabbelt. Es sei denn, sie schreit mal wieder in ohrenbetäubender Lautstärke...

Und das Drehbuch tut ihr wahrlich keinen Gefallen, denn ihre Rolle fällt mal wieder in das Schema dieser vorlauten, sich durch süßes Dreinblicken vor Sanktionen schützenden Blags, das ich viel lieber in einem gänzlich anderen Genre, als einer süßlichen Komödie sehen möchte. Sie nervt mit ihren doofen Sprüchen, ihrer Blödheit, mit der sie ein ganzes Haus in Brand steckt und dem ständigen neunmalklugen Rumgequäke. Da sehne ich mich richtig danach, dass jeden Moment Michael Myers aus der dunkelsten Ecke der Wohnung springt und der Qual ein Ende bereitet. Sieht man sich mal Henrys Wohnung an, ist die Horrorfilm-Assoziation gar nicht mal so weit hergeholt. Das Set sieht aus, als stünde es in einem zerfallenen Kellergewölbe, inklusive schwerer Brandschutztür und provisorisch reingeklatschten Luxusartikeln, die sich mit den maroden Storm- und Gasleitungen beißen. Ein interessantes Set, definitiv, aber man hätte da so viel schönere Horrorfilme drehen können...

Oh, und die Liebesgeschichte... Man muss Til Schweiger ja lassen, dass er eigentlich richtig gute Mainstream-Liebesgeschichten schreiben kann. Eigentlich. Aber in Kokowääh stimmt einfach gar nichts. In keinem Moment habe ich es Henry und Katharina abgekauft, dass sie sich wieder annähern. Also, wir haben eine herrische Erfolgsautorin, die Henry wegen seiner ständigen Mäkelei, dies sei zu Mainstream, jenes zu prätentiös, aufzieht. Sie selbst verriet aber ebenfalls ihre Ideale, um für eine Romanverfilmung ordentlich Kohle abzusahnen. Und dieser Erfolgsroman basiert auf einem Konzept Henrys, das sie während ihrer Trennung geklaut hat. Doch da zu Beginn des Films so schön ermahnend behauptet wird, Männer seien schwach, wenn sie erfolgreiche Frauen verabscheuen, wagen wir es uns nicht, diese Figur in Frage zu stellen... Ja, halleluja!

Der einzige Pluspunkt am Film ist, neben der wundervollen (wenn auch überreizten) Optik, die Figur des gehörnten Ziehvaters Tristan. Auf dem Papier ist diese Figur überaus sprunghaft geraten, aber der Schauspieler Samuel Finzi gibt sein bestes, seiner Rolle glaubwürdig darzustellen und sie zur dramatischen Fußnote von Kokowääh zu formen. Er hätte mehr Raum verdient - dafür hätte jedoch sehr viel Material rausfliegen müssen, denn Kokowääh ist sehr zähflüssig, und weitere Szenen wäre ein endgültiges Todesurteil für diesen Film. Einen Spannungsbogen gibt es nicht, und die Aneinanderreihung von Szenen kommt auch nie in einen so guten Rhythmus wie der ebenfalls tendentiell zu lange, aber wenigstens den Zuschauer einsaugenden Keinohrhasen. Wenn die Geschichte schön längst abgeschlossen sein könnte, kommen noch gefühlt zehn Minuten freudestrahlender Glücksbilder, die aus der Frühstücksflocken- oder Aufbackbrötchen-Werbung geklaut scheinen. Ätzend...

Und das führt mich zurück zu meiner anfänglichen Klage: Kokowääh war ein riesiger Erfolg, und so wird Til Schweiger gewiss den Teufel tun, um aus dieser Filmsparte auszubrechen. Doch das wäre das beste, was er machen könnte. Er ist ein sehr talentierter Regisseur, mit einem versierten Auge für eine Inszenierung auf international hohem Niveau. Er schafft es, modern zu wirken, aber eigentlich ziemlich zeitlos zu erzählen. Aber mit barfuss, bald drei Filmen der Keinohrhasen-Reihe und Kokowääh verkauft er sich deutlich unter Wert. Obwohl ich Zweiohrküken stärker finde als seinen Vorgänger, wäre es mir lieber, er hätte es beim tollen barfuss und dem unbeohrten Hasenphänomen belassen, um wieder neue Ufer anzusteuern. Eisbär war super, und durch seine gesteigerte Erfahrung könnte Schweiger jetzt gewiss eine erstaunliche Kriminalkomödie raushauen, die aufgrund seines kommerziell wertvollen Namens bestimmt auch überdurchschnittlichen Erfolg beim Publikum haben dürfte. Ich meine, in Schweiger auch einen guten Action-Regisseur zu erahnen, wenn die mitunter sehr rasanten und viel Material in Mitleidenschaft ziehenden Auto-Slapstickszenen in seinen Komödien als Referenz durchgehen. Vielleicht wird Schweiger kontern: "Ja, aber ein Michael Bay dreht auch nur Action-Filme, wieso sollte ich die Romantikkomödie aufgeben?" Fundierte Kritik. Oder? Ich finde, dass Bad Boys, The Rock, Armageddon, Die Insel und die Transformers-Filme eine größere Bandbreite abdecken, als Schweigers Post-Eisbär-Regiearbeiten. Und trotzdem ging mir auch Bays Karriere nach Die Insel gegen den Strich. Nun will er mit seinem kleinen Projekt, einer Art "Michael-Bay-Pulp Fiction" kontern.

Ich mein ja nur... Wenn Schweiger für immer und ewig das Keinohrhasen-Klientel bedienen möchte, so kann ich ihn nicht davon abhalten. Doch er könnte auch anders. Und wahrscheinlich auch besser. Ach was, er kann definitiv besser als Kokowääh. Schade nur, dass das Kinopublikum konsequent die schwächeren Schweiger-Filme besser besucht, als die guten. Bleibt nur zu hoffen, dass Schweiger seine Regiezukunft nicht von Zuschauerzahlen abhängig macht.

Siehe auch:

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Wie immer: eine gute Rezension. Aber Dieser Herr Schweiger ist ja (leider) nicht nur Regisseur, sondern auch Schauspieler und als solcher geht er mir mit seiner meist unverständlichen Nuschelei weit mehr auf die Nerven denn als Regisseur.
Das schreit eigentlich förmlich nach einem kompetenten Nachruf auf Friedrich Schoenfelder, dessen Sprachkultur nicht nur die Kinderherzen von mehreren Generationen berührte, sondern auch als Lehrbeispiel vieler der derzeit tätigen Schauspieler dienen sollte.
Also bitte - wer sonst als ein Disney-Fan Ihres Kalibers sollte einen Kommentar zu diesem Verlust abgeben, der uns alle wehmütig macht.

Dr-Lucius hat gesagt…

Apropos Nuschelei: Vielleicht ist ja hier die Stelle, um mal meinen Ärger über die deutsche Synchronisation von (amerik.) Animations-Filmen loszuwerden:
u.a. die Mariachi-Eulen in "Rango": übelstes schwerverständliches Pidgin-Deutsch;
der GRU in "Ich, einfach unverbesserlich": er radebricht, ja radekotzt geradezu erbärmlich und nun auch noch der "Gestiefelte Kater"! Spricht Banderas im Original ein durchaus gepflegtes Amerikanisch, so ist im deutschen Trailer schon wieder ein Gelispel und vermeintlich ausländische Sprachverhunzung zu hören. Das ist doch grundlos und rassistisch (n.B. Sir D. meine Katze ist Europäisch Kurzhaar-getigert) und erinnert an die ollen 60-er Jahre Western, wenn da Mexikaner synchronisiert wurden. Sind wohl noch dieselben Synchro-Studios von damals?

Kommentar posten