Mittwoch, 28. Dezember 2011

Der Gott des Gemetzels, Hans Zimmer und Theaterschluss

Ein Artikel, der nirgends hinführt
Enthält Spoiler zu Der Gott des Gemetzels und Sherlock Holmes 2: Spiel im Schatten
(sowie Einschätzungen der tonalen Natur der Schlussszenen von Fluch der Karibik 1 & 2, Inception und The Dark Knight, aber nichts von inhaltlicher Natur)

Ich habe letztens endlich Der Gott des Gemetzels sehen können, und ich sollte definitiv eine Filmkritik über Roman Polanskis herrlich irrwitziges Kammerstück verfassen. Da ich nun jedoch auch in den Genuss kam, Sherlock Holmes: Spiel im Schatten in einem sehr gut gefüllten Kinosaal zu genießen, brennt mir zunächst dieses Thema hier mehr auf den Nägeln ...

Die Theaterverfilmung Der Gott des Gemetzels, das möchte ich bereits meiner Kritik vorwegnehmen, hat mir sehr gut gefallen. Was mich jedoch ein wenig störte, oder besser gesagt meinem Genuss des Films einen holprigen Abbruch versetzte, war der Schluss. Nun, um jene einzuweihen, die Gott des Gemetzels nicht gesehen haben, und trotzdem meinen, diesen Artikel lesen zu müssen: Der Film handelt von zwei streitenden Ehepaaren. Anfangs kamen sie zusammen, um über eine Prügelei ihrer elfjährigen Söhne zu verhandeln, doch diese Diskussion ufert maßlos aus. Eine solche Geschichte, noch dazu wenn sie als Filmkomödie erzählt wird, bietet sich meiner Auffassung nach für folgende zwei Abschlüsse an: Entweder der Streit wird gelöst (was narrativ sicherlich schwer einzufädeln ist und vielleicht auch abgelutscht harmonisch sein könnte) oder als Autor/Regisseur endet man mit einem großen, knalligen Schlussgag. So kann man dem Kinopublikum Sand in die Augen streuen, es wohl unterhalten mit dem Abspann nach Hause schicken, bevor es merkt, dass der Konflikt noch immer nicht gelöst ist und es kein inhaltliches Ende erhalten hat.

Gott des Gemetzels macht keins von beidem, sondern wählt eine dritte Option: Mit einem sehr leisen Lacher plätschert er einfach in den Abspann hinein. Ein kleiner Gag (ein unerwartetes, verteufeltes Handyklingeln), Abblende, Schluss.
Vielleicht liegt es an mir, eventuell bin ich noch von meinem Germanistikstudium geschädigt, keine Ahnung. Jedenfalls war ich in der einen Sekunde noch voll im Film drin und grinste bis über beide Ohren, aber in der anderen Sekunde, in der das Bild zu Schwarz überging, sagte ich nur noch halblaut zu mir selbst: "Pfff ... Theaterende!"

Gut möglich, dass ich mir irgendetwas einbilde, oder einfach nur in die falschen Stücke ging. Aber ich finde durchaus, dass die Mehrheit moderner Theaterstücke (insbesondere moderner Komödien) exakt so enden. Das Stück ist mehr oder minder noch im vollen Gange, die Situation noch nicht vollends gelöst. Es folgt ein kleiner Gag und *wusch* der Vorhang fällt zu. Oder die Bühnenlichter gehen aus. Ende.

Ich kenne Gott des Gemetzels bisher nur als Kinofilm, und wenn ich mir jemals das Theaterstück ansehen sollte, kann ich meine These natürlich nicht überprüfen, da ich die Handlung ja bereits kenne. Trotzdem bin ich mir ziemlich sicher, dass mich dieses Ausplätschern am Schluss im Theater überhaupt nicht gestört hätte, während es einer der raren Kritikpunkte ist, die ich an der Filmversion habe.

Nun, wieso das denn? Ich vermute recht stark, dass es eine medial bedingte Sache ist. Denn auch wenn ein Kinofilm und ein Theaterstück rein strukturell und narrativ einiges gemeinsam haben können, so sind es noch immer unterschiedliche, narrative Kunstformen. Mit ihren eigenen Gepflogenheiten und Ansprüchen.
Ein Theaterstück verlangt üblicherweise von seinem Publikum wesentlich stärkere Eigenleistungen hinsichtlich der Kreierung der Illusion. Die Kinofassung von Gott des Gemetzels spielt in einem Wohnzimmer, das, so wie die Kamera es uns zeigt, auch vollständig zu sein scheint. Im Theater existieren maximal drei von vier Wänden, und auch dann sind wir nicht "mittendrin", sondern sitzen als Zuschauer in einem Saal, wo wir auf die Bühne herabblicken. Nun lässt sich natürlich argumentieren, dass der Film mit seiner Schnittarbeit und wechselnden Kamerawinkeln ja viel irrealer ist, bloß empfindet das Publikum dem nicht so, und aus dieser Perspektive heraus arbeiten viele Filme auch (es sei denn sie arbeiten mit Illusionsbrechungen).

Bevor ich mich nun völlig in meinen Argumenten stranguliere: Theaterstücke sind eher mit der Grundvoraussetzung im Hinterkopf geschrieben, dass das Publikum immer wieder Mal für einen kurzen Moment innerlich einen Schritt zurückgeht, um das Geschehen zu reflektieren. Und/oder sich der Künstlichkeit des Aufgeführten bewusst zu werden. Und letzten Endes ist auch, so banal das nun auch klingen mag, die Rezeptionssituation eine andere, als im Kino. Das drumherum, das Kernpublikum, und so weiter.

Nun möchte ich keineswegs sagen, dass das Theater die anspruchsvollere Kunstform ist. Selbst wenn es üblicherweise so gehandhabt wird, insbesondere in politischen Diskussionen. Ich bleibe fest bei meiner Meinung, dass Literatur, Theater und Kino einander ebenbürtig sind. Keine Kunst ist per se besser als die andere, und welche dieser Künste jemand als die ihm am nähsten liegende auserwählt, ist nicht vom Intellekt sondern vom persönlichen Gusto abhängig. Dass sich der Film eher um eine den Betrachter gänzlich aufsaugende Wirkung bemüht und den Denkprozess stärker als das Theater auf einen späteren Zeitpunkt verlagert, ist nicht "weniger wert", sondern einfach nur "anders". (Und natürlich muss ich gerade generalisieren ...)

Um aber zum Ende von Gott des Gemetzels zurückzukommen: Ich breche die ganze Theaterkunst zwar gerade auf wenige Sekunden herunter, doch ich muss ja irgendwie meinen Gedanken vermitteln, und ich ahne aus folgenden Gründen, wieso ein ins Nichts plätscherndes Ende im Theater fünktioniert. Da haben wir unsere vier Protagonisten und eine ausweglose Situation. Ein kleiner Gag, wahrlich kein Brüller, sorgt für amüsiertes Grinsen und etwaiges Gekicher, als die Lichter ausgehen. Das Kichern geht nahtlos in den Schlussapplaus über. Unser exemplarischer Theatergänger lehnt sich zu seiner Begleitung rüber: "Darsteller X war richtig toll, oder?", grübelt ein wenig über die Schlussaussage nach, applaudiert weiter, das Licht geht wieder an, das Ensemble verneigt sich, weiteres Getuschel mit der Begleitung, langsames Hinausschreiten gen Lobby. Gute Laune, man hat direkt ein Gesprächsthema, schlufft zur Garderobe ...

Ja, das ist eine generalisierte, vielleicht sogar romantisierte Darstellung des Theaterbesuchs. Aber ihr solltet meinen Gedanken fassen können. Hoffe ich zumindest. Ein echter Kracher zum Schluss, ein Mordsbrüller, würde hier stören. Wir befinden uns ja jetzt nicht in einem Musical wie Der König der Löwen, wo alles mit dem Crescendo von Der ewige Kreis in Gänsehaut und Emotionsüberschuss endet, sondern in einer modernen, satirischen Theaterkomödie. Ein richtig knalliger Schlussgag und dann plötzlich finito, das kann, wenn man es falsch schreibt oder nicht mit dem perfekten Timing spielt, irgendwie irritierend wirken. Findet ihr das nicht auch?

So, nun übertragen wir das 1:1 ins Kino, und durch die leicht veränderte Publikumssituation geht uns die rundum gelungene Wirkung des kleinlauten Schluss-Witzleins irgendwie verloren. Die Handlung steckt ausweglos fest, man hätte den Film entweder schon vor fünf Minuten enden lassen können oder ihn noch ewig weiterspinnen. Eine winzige Pointe, die ein paar, kurze, kaum hörbare Schmunzler rauskitzeln. Schwarzblende, Abspann. Jacken-Gekrame hier, ratloses auf die das Bild entlanglaufenden Namen Gestarre dort, ein flüsterndes Gespräch über den Filminhalt da. Hm ...

(Übrigens: Nicht, dass ich blind dem Theaterstück nun den Vorzug geben will, Polanski hat das filmische Medium gut genutzt und ich bin mir sicher, bei einem Vergleich genügend Punkte zu finden, wo ich die Leinwandadaption wieder gelungener finde. Und wenn der metzelnde Gott den Weg in meine Nähe findet, werd ich's bei Gelegenheit sicher gerne rausfinden. Aber das Artikelthema hier drängt mich halt gerade dazu, mich an dieser winzigen Kleinigkeit von

Gott des Gemetzels ist eine sehr unterhaltsame Komödie, ich habe sie wirklich genossen. Der Film (beziehungsweise seine Vorlage) enthält auch gesellschaftskritische, dramatische Untertöne, nichtsdestoweniger will er sein Publikum aber auch bei Laune halten. Ich sehe mich mit diesem Ende unterhalten aus dem Theater schreiten. So gings mir jedenfalls bereits oft genug. Der Kinofilm hat mich natürlich auch grandios unterhalten, ich bereue nicht einen Cent, den ich in die Kinokarte investiert habe. Allerdings war ich für ein paar Sekunden lang eben nicht auf höchstemn Niveau amüsiert, sondern fiel in meine Kritiker- oder Literaturwissenschaftsrolle und dachte mir halt "Mrmblpf! Also, dieses Ende ... Naja .... Pfff, passt schon!" Womöglich hätte es schon gereicht, das finale Handyklingeln mehr zu "zelebrieren", es also stärker in Szene zu setzen. Oder ein "Smash Cut" statt einer Abblende, dazu vielleicht ein dieses Klingeln als Schlussgag unterstreichender Soundeffekt ... Wäre das schon eine Verbesserung gewesen?

Tja, was hat das alles ausgerechnet mit Sherlock Holmes 2 zu tun?
Dazu muss ich Sachen vergleichen, die es eigentlich nicht zu vergleichen gilt.

Was mich am ersten Sherlock Holmes am meisten störte, war das Ende. Fall geklärt, in aller Gelassenheit die letzten Fäden zusammenbringen, gewissermaßen "die Tage danach" zeigen. Holmes arbeitet gedanklich bereits an seinem nächsten Fall, findet Anlass, sein Vorhaben nach außen zu tragen. Wir stecken praktisch schon in den ersten Minuten einer möglichen Fortsetzung, und mit einem Mal transformiert sich die Szene in den Bleistiftskizzen nachahmenden Abspann. Hans Zimmers Musik dreht langsam hoch, und ich sitze als Zuschauer ein wenig verworren vor dem Film: "Äh, ja, wie, und damit hörst du nun auf? Dir war einer der Gags vor drei Minuten nicht gut genug, und du willst auch nicht lieber noch zwei Minuten weiter gehen, um uns mit einem Pseudo-Plottwist oder Cliffhanger gespannt zurückzulassen? Du ... hörst einfach so auf?"

Für einen so in sich stimmigen und energetischen Film wie Guy Ritchies Sherlock Holmes ist das meiner Meinung nach ein ziemlich lahmer Schluss. Die Fortsetzung dagegen findet ein deutlich besseres, cineastischeres Ende. Oder sollte ich besser sagen "popcornigeres Ende", weil "cineastisch" ausschließlich für's Arthouse reserviert ist? Nun gut, nennen wir es ein "filmischeres Ende"!

Ein dramatischer Abschluss von Sherlock Holmes größten Fall. Still sehen wir "die Wochen danach". Dr. Watson findet die perfekten, alles abrundenden, auch rührenden letzten Worte. Ein mysteriöses Päckchen lässt vage eine Wende vermuten, als der Film clever und lebendig zu seiner Quirligkeit zurückfindet. Und mit einem perfekten Timing hämmert uns ein Fragezeichen einen cleveren Schlussgag entgegen. Exakt in der Sekunde, in der Hans Zimmers wuchtiger, exzentrisch-spaßiger Score den Abspann einleitet. Ein saftiges Grinsen erfüllt das Kinopublikum und flotte, die Atmosphäre des Films einfangende, allerdings etwas besser gelaunte, tänzelnde Musik erklingt. Welch ein Ende für einen gelungenen Kinogang.

Das haben Hans Zimmer (und seine Komponistenzöglinge) sowieso hervorragend drauf. Das Ende von Fluch der Karibik etwa: Es verleiht dem Film nicht noch zusätzliche Substanz oder schenkte der Filmgeschichte mit irgendeiner künstlerisch wertvollen, ästhetischen Breitbildaufnahme ein lyrisches Bild. Und trotzdem halte ich es aufgrund der Darstellung, der Regie und der Musik für eine der besten Schlusssequenzen. Punkt. Ich könnte nun mit Einschränkungen ankommen, etwa "seit der Jahrtausendwende" oder so. Aber nö: Eine letzte, geniale gesprochene Zeile von Johnny Depp, ein wenig Abenteuerlust schürender Singsang und mit dem Zuklappen eines Kompass und zeitlich perfekt abgestimmten Musikeinsatz geht der Film mit einem Hochgefühl in den Abspann hinüber. Auch Teil 2 hätte es nicht besser machen können. Hier gehen die Macher der Pirates of the Caribbean-Reihe die bewährte Cliffhanger-Route. Nun, ein Cliffhanger ist auch immer gut, um die Zuschauer an den Rand ihres Kinosessels zu locken, aber sie können auch frustrierend sein. Ein "Och, Möööööönsch, ich will wissen wie's weitergeht!" hervorrufen.

Die Truhe des Todes (ja, ich bleibe nun penetrant dabei, Fluch der Karibik 2 so zu nennen) endet mit einem dicken Cliffhanger, auf Papier mit einem richtig fiesen noch dazu. Darstellung und Gore Verbinskis atmosphärisch so herrlich wandelbare Inszenierung präsentieren den Cliffhanger allerdings so, dass er die Fans mit einem hämischen Grinsen zurücklässt. Während all dem schwillt die Musik an und genau im richtigen Bruchteil eines Moments kickt das imposante Stück He's a Pirate in den höchsten Gang. Natürlich inklusive Umschnitt zum Abspann. Einen Hauch früher, und man hätte sein eigenes Schlussgrinsen nicht vollauf genießen können, etwas länger, und es würde wie ein urtypischer Cliffhanger aussehen, den man fälschlischerweise angelacht hat.

Oh, und selbstredend sind auch die Schlusssequenzen von Inception und The Dark Knight über nahezu jeden Zweifel erhaben. Ebenfalls nicht zuletzt aufgrund von Hans Zimmers Musik. Zimmer und Christopher Nolan haben es bei Inception geschafft, das Publikum über seine eigene Erwartungshaltung lachen zu lassen (was wieder einmal für das Kino und gegen Heimkino oder gar illegale Alternativen spricht, denn nur in einem gut gefüllten Saal hat man den perfekten Klang der kollektiven Emotion). The Dark Knight hingegen bauscht und bauscht und bauscht dieses ambivaltene, tendentiös triumphale, aber definitiv ehrfürchtige Gefühl auf, und dann rauscht der Abspann herbei. Meine Reaktion bei den ersten paar Sichtungen: Ein von Gänsehaut begleitetes "Wow!"

Jetzt will ich natürlich keinesfalls sagen, dass jeder Film mit einer bombastischen Hans-Zimmer-Abspannsuite enden sollte. Wobei es wirklich einige Filme gibt, die schon allein dadurch einiges an Pluspunkte sammeln würden (etwa Tim Burtons Alice im Wunderland, Prince of Persia - Der Sand der Zeit, Küss den Frosch, Rapunzel oder Titanic). Und selbstredend gibt es Filme, in denen ein unkaschiertes, offenes Ende besser funktioniert, als ein Ende mit einem Knall. Sei es nun Schlussgag, Schlusstusch oder ein emotionales Schlusszitat.

Trotzdem wollte das einfach diskutiert sein.

*WUMMS*
*Laute Musik von Hans Zimmer spielt*
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2 Kommentare:

Clochette hat gesagt…

Sehr interessante Überlegung zu "Gott des Gemetzels". Beim ersten Sehen ging es mir exakt genauso; leicht ratloses Lächeln und Schulterzucken.

Allerdings hat sich diese Einschätzung bei mir geändert. Zum Einen durch einen Satz, den ich in irgendeiner Kritik gelesen habe: Der Film durchbreche die gewöhnliche Drei-Akt-Struktur und fixiere sich allein auf den zweiten Akt - ohne Anfang oder Schluss. Das ist jetzt keine "Entschuldigung", hat mich aber nachdenklich gemacht. Und als ich den Film zwei Wochen später dann nochmals gesehen habe, hat mich der Schluss (wohl vor allem durch das entsprechende Wissen) überhaupt nicht mehr gestört; ich hatte das Gefühl, dass alles passt.


Zum neuen Sherlock Holmes: Ich fand die vorletzte Minute (inklusive Päckchen) auch genial - die letzte hat mich allerdings so aufgeregt, dass ich das schöne Timing gar nicht mehr mitbekommen habe.

Sunshine hat gesagt…

Mich hat der Schluss von "Gott des Gemetzels" nicht gestört. Klar geht man da nicht mit diesem Hochgefühl aus, das bei den von dir genannten Beispielen entsteht, aber ich hab das hier auch nicht vermisst.

Eines der besten Enden ever ist natürlich PotC1, das ist einfach perfektes Timing. Auch "Inception" war großartig, weil ich noch nie das gesamte Publikum so auf der Sitzkante erlebt habe. *g*

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