Montag, 30. Juli 2012

Pirates of the Caribbean: Eine diagnostische Kritik


Im Kinosommer des Jahres 2003 staunte die Kinowelt nicht schlecht: Die hauptsächlich für Animationsfilme und Familienware bekannten Walt Disney Studios veröffentlichten in Zusammenarbeit mit Blockbuster-Produzent Jerry Bruckheimer (u.a. Bad Boys, Con Air, Armageddon und Pearl Harbor) einen hoch budgetierten Abenteuerfilm mit dem aus Tim Burtons verschrobenen Kultwerken berühmten Johnny Depp in der Hauptrolle.

Die Regie bei diesem Zusammenprall der Filmkulturen führte Gore Verbinski, der Kopf hinter dem US-amerikanischen Remake des Nippon-Horrors The Ring. Obendrein handelte es sich bei dieser Produktion um die Verfilmung einer Wasserbahn aus den Disney-Themenparks sowie um einen Piratenfilm. Das Genre des Piratenabenteuers war einst sehr beliebt in Hollywood, wurde im Laufe der 70er Jahre jedoch vom Western verdrängt und galt spätestens seit dem katastrophalen Flop von Die Piratenbraut im Jahre 1995 als Kassengift. Dies bekam auch Disney zu spüren, als im Vorjahr der als technische Zeichentrickrevolution anberaumte Der Schatzplanet zu einer der größten finanziellen Enttäuschungen in der Konzerngeschichte wurde.

Bekanntlich kam es anders, als die meisten Hollywood-Finanzexperten angesichts dieser massigen k.o.-Kriterien erwarteten: Fluch der Karibik (Originaltitel: Pirates of the Caribbean – The Curse of the Black Pearl) nahm allein in den USA über 305 Millionen Dollar ein, wurde somit zum dritterfolgreichsten Film des Jahres.

Was allerdings noch deutlicher den Erfolg dieses Films belegen sollte: Trotz seiner äußerst US-amerikanischen Wurzeln als Leinwandadaption eines Disneyland-Fahrtgeschäfts fand Fluch der Karibik international großen Anklang beim Publikum: Mehr als 650 Millionen Dollar wurden weltweit eingespielt, es folgten bis dato drei finanziell äußerst erfolgreiche Fortsetzungen (2006 übertrat der direkte Nachfolger Pirates of the Caribbean – Fluch der Karibik 2 die legendäre Milliarden-Dollar-Grenze) sowie unzählige Merchandising-Produkte. Entgegen sämtlichen Gewohnheiten, dass Action- und Abenteuerfilme in den wichtigsten Oscar-Kategorien keinerlei Chancen haben, wurde Johnny Depp in seiner Rolle als verwegener Piratenkapitän Jack Sparrow sogar für einen Academy Award als bester Hauptdarsteller nominiert.

Besondere Resonanz fand die Pirates of the Caribbean-Saga bei jugendlichen Kinogängern. Dies lässt sich unter anderem an den zahlreichen Nominierungen für den MTV-Movie-Award ablesen, die diese Filmreihe erhielt, sowie an den Marketingeinschätzungen des produzierenden Filmstudios: Die Kernzielgruppe der Kinofilme wird von Disney offiziell als 14- bis 39-jährig beschrieben.

Diesen Erfolg möchte ich in Rückbezug auf die Arbeitsmethodik von Douglas Kellner erklären, der popkulturelle Phänomene analysiert und Verbindungen zu gesellschaftlichen Stimmungen, Entwicklungen und Einstellungen herstellt. Meine diagnostische Kritik wird versuchen aufzuzeigen, welche Vergnügen jugendliche Filmkonsumenten aus den Pirates of the Caribbean-Filmen ziehen können und inwiefern diese Hollywood-Produktionen die Lebenssituation Jugendlicher widerspiegeln. Aufgrund des Umfangs des seit nunmehr neun Jahren laufenden Kinophänomens Pirates of the Caribbean kann diese diagnostische Kritik selbstredend keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, sondern soll als Denkanstoß verstanden werden.

„Ihr seid der schlechteste Pirat, von dem ich je gehört habe.“ -“Aber ... ihr habt von mir gehört!“

Ich möchte meine Analyse an der sprichwörtlichen Oberfläche beginnen und erläutern, welche ästhetischen Reize die Pirates of the Caribbean-Filme insbesondere auf das jugendliche Publikum ausüben. Als so genannte Big-Budget-Produktionen entsprechen diese kostspielig verwirklichten Filme der im alljährlichen Kinosommer vorhandenen Begier nach Schauwerten. Jahr um Jahr sind aufwändig produzierte Actionfilme in den Kino-Jahrescharts vertreten, und mit einem Budget von bis zu 300 Millionen Dollar (für Pirates of the Caribbean – Am Ende der Welt) schlagen die verfluchten Karibikpiraten exakt in diese Kerbe. Sie fallen nicht nur durch ihre opulenten, Oscar-prämierten Computereffekte auf, sondern auch durch imposante Setbauten sowie ausschweifende Make-Up- und Kostümarbeit. Dadurch bieten sie einen für das sommerliche Kinoerlebnis als so wichtig eingeschätzten, visuellen Reiz. Welchen Anklang der Look dieser Filme bei Jugendlichen findet, erkennt man außerdem daran, dass Repliken des Filmschmucks großen Absatz fanden und seit dem Kinostart von Fluch der Karibik zu Karneval Piratenkostüme einen regelrechten Boom erlebt haben.

Als besonders populär erwiesen sich die Soundtracks zur Filmreihe. Statt des schwülstigen Abenteuerkitschs alter Hollywood-Klassiker tritt in der Pirates of the Caribbean-Filmreihe ein äußerst modernes, dynamisches Klangbild. Der Komponist Hans Zimmer, der die Themen für Fluch der Karibik schrieb und sie von seinem Kollegen Klaus Badelt ausarbeiten ließ und später bei sämtlichen Fortsetzungen die Hauptverantwortung für die Filmmusik übernahm, bürstete die Erwartungen an Piratenmusik gegen den Strich und setzte auf treibende, an Action-Blockbuster wie The Rock erinnernde Synthesizer-Klänge, den Einsatz von E-Gitarren und forderte die klassische, Streicher-lastige Filmorchesterbesetzung heraus, indem er ihr stark von der Rockmusik beeinflusste Partituren vorsetzte. Diese energiereiche und vorantreibende Filmmusik bediente sich also einer Klangfarbe, die mit den üblichen Hörgewohnheiten eines jungen Publikums eher konform geht, als die konventionelle Filmmusik früherer Piraten-Abenteuerfilme. Einige der Musikthemen der Pirates of the Caribbean-Reihe, wie das fast schon omnipräsente Stück He's a Pirate, sind kaum noch aus der Medienkultur wegzudenken.

Vor allem ist die Filmmusik das auffälligste postmoderne Stilmittel dieser Kinoreihe. Der pompöse und moderne, selten aber anachronistisch klingende Soundtrack soll die Selbstironie der Filmreihe unterstützen, wird sogar als kompletter Unterbau der Filme angesehen. Gore Verbinski, der Regisseur der ersten drei Teile, wurde zitiert, dass er die Filme stets wie eine Rockoper inszenierte, für die Dramaturgie die Einbeziehung der üblicherweise als Hintergrundmusik zu betrachtenden Melodien also ebenso bedeutsam ist, wie die Actionsequenzen und Plotstruktur.

Die Musik selbst nimmt dabei die Perspektive der Figur des Captain Jack Sparrow ein: In Fluch der Karibik gibt es eine Szene, in der dieser skurrile Pirat mit selbstsicherem Abenteurerblick in einem sinkenden Beiboot im Hafen von Port Royal einfährt. Die mit wuchtigen Bläsern bestückte Filmmusik feiert diesen Moment nicht als eine blamable Situation, sondern als einen Triumph. Dies unterstützt hauptsächlich den selbstironischen Witz dieser Sequenz, wie Gore Verbinski und Hans Zimmer in einem Interview jedoch erklärten, sei das Musikthema The Medallion Calls auch die Musik, die der aus der eigentlichen Wirkung seines Einmarsches in Port Royal entrückte, in sein eigenes Image verliebte Jack Sparrow als innere Begleitmusik vernehme.

Ganz im Sinne des postmodernen Ästhetikverständnisses ist die Filmmusik der Pirates of the Caribbean-Reihe durchaus zitierfreudig: Im zweiten Teil werden Kampfszenen gegen einen Riesenkraken von einem Stück begleitet, das Komponist Hans Zimmer wie ein Hard-Rock-Stück schrieb, das für einen Biker-Film gedacht ist, ließ dies dann vom Orchester einspielen und modifizierte die Verstärker so, dass die Streicher in einigen Passagen letztlich wie E-Gitarren klangen. Dieses Stück kulminiert schlussendlich in einen Orgelpart, der unmissverständlich Johann Sebastian Bachs berühmtestem Orgelstück Toccata und Fuge in d-Moll Tribut zollt, während der Anfang des Musikstücks ans weltbekannte Hauptthema aus Steven Spielbergs Thriller über eine andere gefährliche Seekreatur angelehnt ist: Der weiße Hai. Im dritten Teil der Kinoreihe wiederum ahmt Hans Zimmer während einer Filmsequenz mit dunkel gestimmter, klampfender E-Gitarre und Mundharmonika Ennio Morricones Man with a harmonica aus dem Sergio-Leone-Spaghettiwestern Spiel mir das Lied vom Tod nach.

Auch die Filme selbst sind nicht scheu, auf andere Werke zu verweisen, ohne dabei derart Pastiche-gleich wie die Filme eines Quentin Tarantino zu werden und somit Teile des anvisierten Massenpublikums auszugrenzen: Besagtes Mundharmonika-Stück begleitet eine Filmsequenz, in der sich die sechs handlungsrelevantesten Figuren auf einer Sandbank entgegenlaufen, um letzte Verhandlungen vor einer bevorstehenden Seeschlacht abzuhalten. Die Farbsättigung, die gewählten Kamerawinkel und die Mimik der Schauspieler ist an ähnliche Situationen in Sergio-Leone-Western angelehnt. Immer wieder werden im Laufe der Filmreihe Szenen aus der ursprünglichen Inspiration, der Disneyland-Wasserbahn, nachgestellt und der aus diesem Fahrgeschäft stammende Song Yo-Ho, Yo-Ho (A Pirate's Life for Me), eröffnet die Filmreihe.

In zahlreichen Actionsequenzen gibt es immer wieder kurze Einstellungen, die an ikonische Momente des Piratenfilm-Genres erinnern, eine andere Pose zeigt, wie Elizabeth Swann im zweiten Teil zu Jack Sparrow aufblickt, dessen von einem Linsenlichtreflex umrahmte Pose an Comiccover des Zeichners Frank Frazetta erinnert, während das Orgelspiel des Filmschurken Davy Jones aus der Disney-Realfilmadaption des Jules-Vernes-Romans 20.000 Meilen unter dem Meer entnommen ist   um nur einige Beispiele zu nennen.

Solche Querverweise und andere postmoderne Stilmittel sind für das jugendliche Publikum der Pirates of the Caribbean-Filme reizvoll, da sie die Genrekonventionen durchbrechen und in einen modernen Abenteuerfilm münden, der auf die durch Internet und DVDs mit breiter gefächertem popkulturellen Wissen ausgestatteten Generationen zugeschnitten ist. Die Suche nach den Hommagen und Zitaten ermöglicht eine nahezu interaktive Filmrezeption, die über den bloßen Kinobesuch hinaus geht und Diskussionsansätze im Freundeskreis oder in Internetforen ermöglicht. Zugleich bleibt die Reihe noch konventionell genug, um simplen, hürdenloses Eskapismus zu bieten, der keinerlei „Fachwissen“ benötigt.

„Denkt Ihr, er hat das alles geplant, oder nimmt er es einfach so, wie es kommt?“

Den größten Reiz an den Pirates of the Caribbean-Filmen dürfte diese Möglichkeit zum Eskapismus darstellen. Als Action-Abenteuerfilme mit komödiantischer Komponente bieten sie leicht verdauliches Vergnügen und das Setting in der Urlaubssehnsüchte auslösenden, sonnigen Karibik ist ideal für eine Weltenflucht. Dadurch, dass die Filme nicht nur zu einer anderen Zeit, sondern aufgrund ihrer ausgeprägten Fantasy-Komponente auch in einer anderen Welt spielen, können Rezipienten ihre Alltagssorgen für die Dauer des Films außen vor lassen und sich Seemannsgarn erzählen lassen, der altbekannte und neue Erzählmotive, klassischen Abenteuerstoff und moderne Blockbuster-Ästhtetik vereint.

Zugleich enthält die Pirates of the Caribbean-Reihe Elemente, die sich auf die Lebenssituation Jugendlicher beziehen lassen, und so bewusst oder unterbewusst eben jene Zielgruppe stärker an sich binden, woraus eine gesteigerte Attraktivität des Filmgenusses resultiert. Als entscheidendstes Element ist zweifelsohne die Figur des Captain Jack Sparrow anzusehen, welche auch die populärste Gestalt dieser Kinoreihe ist und schnell zu einer Kino-Ikone aufstieg.

Der stets auf die Anrede als Captain bestehende Pirat ist eine postmoderne Abwandlung des Trickster-Archetyps. Jack Sparrow mogelt sich durch sein Leben, so dass sein klares Ziel nie vorherzusagen ist. Er ist kein talentierter Schwertkämpfer, und zu Beginn von Fluch der Karibik wird er von einem Mitglied der britischen Royal Navy ob seiner lächerlichen Ausrüstung (ein Schwert mit einer Klinge, die einen glauben lässt, es sei aus Holz, sowie eine Pistole mit nur einer Kugel) bloßgestellt. Diese nicht sonderlich idealen Startvoraussetzungen kompensiert Jack Sparrow mit einem erstaunlichen Improvisationstalent, einer guten Dosis Glück und auch jeder Menge Geduld. Jack Sparrows Vorgehen wird von den Drehbuchautoren Ted Elliott und Terry Rossio wie folgt erklärt: „Er streut allen Umstehenden so lange Sand ins Gesicht, bis sich die Situation zu seinem Gunsten dreht.“ In wie weit Jack Sparrow nun Ahnung von dem hat, was er tut, oder ob er sich einfach bloß Treiben lässt, bleibt größtenteils ein Mysterium der Filmreihe. Er selbst schweigt sich genüsslich darüber aus, in welchem Umfang alles nach seinem Plan verläuft und seine Widersacher und Weggefährten äußern, gleich dem Publikum, häufig genug ihre Verwunderung über die Komplexizität von Jack Sparrows Plänen aus.

Inwiefern räsoniert dies nun mit der Lebenssituation Jugendlicher? Wie schon Douglas Kellner in seinem Aufsatz über die Lebenssituation und den Medienkonsum Heranwachsender anschneidet, führen Jugendliche ein ständiges Leben auf Risiko. In einer großteils individualisierten Ellenbogengesellschaft mit wackligem Arbeitsmarkt müssen Jugendliche auf ihrem Weg zum Erwachsensein unaufhörlich einschneidende Entscheidungen mit unklarem, eventuell sogar existenzbedrohendem Ausgang fällen. Sei es, welche weiterführende Schule sie besuchen, welche Leistungskurse sie wählen, wie viele Praktika sie in ihrer Freizeit absolvieren, oder, oder, oder... Im Verlaufe der Pirates of the Caribbean-Filme muss sich Captain Jack Sparrow ebenfalls unentwegt entscheiden, und auch wenn der Kontext ein gänzlich anderer ist, so geht es auch für ihn regelmäßig um Leben und Tod – wenngleich weitaus weniger im metaphorischen Sinne. Ständig geht es um das eigene Wohlergehen, manchmal darüber hinaus auch das um seiner Mannschaft oder der Weggefährten Will Turner und Elizabeth Swann. Häufig verlaufen seine eigene Interessen konträr zu denen der anderen zentralen Figuren der Filmreihe. Es sind vergleichbare Probleme, wie die Jugendlicher, nur in einem fantastischen Abenteuer-Setting, statt der urbanen Realität.

Es ist allerdings nicht bloß diese Familiarität mit einem ständigen Leben auf der Kippe und dem Dilemma, zwischen Freiheit und Vernunft zu wählen, wodurch die Pirates of the Caribbean-Reihe einen Reiz auf ein jugendliches Publikum ausübt.

Dadurch, dass Jack Sparrow scheinbar ohne Mühen durch sein unstetes Leben navigiert, erfüllt er auf kuriose Art eine Vorbildfunktion, er ermöglicht ein mediales Ausleben der Sehnsucht nach einem sorgfreien Umgang mit den einen selbst erwartenden Herausforderungen. Im Gegensatz zu dem, was Jugendliche oftmals am eigenen Leib erfahren müssen, kann sich Jack Sparrow bei seinen ständigen Entscheidungen auch mehrfach verzocken – doch über lange Sicht geht es trotzdem noch gut für ihn aus, auch die schlechtesten Entschlüsse führen über einige Schicksalswendungen und mit tüchtiger Ausdauer zu einem versöhnlichen Ende. In der Zwischenzeit nimmt er seine missliche Lage locker – wie beispielsweise in der bereits erwähnten Sequenz, wo er in einem sinkenden Beiboot voller Stolz Port Royal anfährt. Dieses utopische Element macht Jack Sparrow zu einer beneidenswerten Filmfigur, die entgegen jeder in der Wirklichkeit angebrachten Vernunft über chancenreiche Momente grinsend sagen kann: „Ich liebe solche Momente. Ich winke ihnen gern zu, wenn sie vorbeiziehen!“. Insofern erfüllt sich für Jack Sparrow nicht nur die Sehnsucht, mit Leichtigkeit die steinigen Klippen des Erwachsenwerdens zu umschiffen, gleichzeitig lebt er auch den ewigen Traum eines Menschen, der nie so richtig erwachsen werden muss. Er schiebt endgültige Entscheidungen hinaus, verzichtet freiwillig auf Zuversichtlichkeit in seinem Leben und befindet sich stattdessen auf einer ewigen Erkundungstour.


Des Weiteren ermöglichen diese Filme also ein mediales Ausleben des zunehmend unterdrückten Ausbruchwunsches. In der rheingold-Jugendstudie 2010 wurde festgestellt, dass angesichts hoher Arbeitslosenzahlen, gekürzten Sozialhilfen und hart umkämpften Bildungsplätzen eine Generation von Biedermeiern herangewachsen ist, die sich nicht traut, Träume von Weltreisen und tagelangen Exzessen zu hegen. Stattdessen wird nur noch auf einen festen Arbeitsplatz und ein Eigentumshaus mit Familie hingearbeitet. Nicht nur, dass Jack Sparrows undurchschaubare Mischung aus weiser Voraussicht, Anpassungsfähigkeit und absurdem Dusel für die Filmdauer die Illusion vorlebt, dass eine Absturz-Panik unbegründet ist und sich auch große Unglücke noch zum Guten wenden werden, die Pirates of the Caribbean-Filme bieten die Möglichkeit, die unterdrückten, klassischen Jugendträume von Freiheit, einem unkontrolliertem Leben ohne soziale Ketten „und 'ner Buddel voll Rum!“ medial auszuleben und zumindest im Ansatz zu befriedigen. Wenn man nicht selbst wie Jack Sparrow mit seinem eigenen Schiff um die Welt segeln und in schäbigen Häfen aufgetackelte Dirnen abschleppen darf, oder wie die Figur der Elizabeth Swann das geordnete Leben als Tochter der gehobenen Klasse aufgibt, um den verführerischen Duft des Abenteuers zu schnuppern, dann sollen wenigstens diese Filmfiguren für einen dieses schwer erreichbare Leben genießen.

„Ich? Ich bin unehrlich! Und bei einem unehrlichen Mann kannst du darauf vertrauen, dass er unehrlich ist. Ehrlich! Die Ehrlichen, vor denen musst du dich in Acht nehmen. Weil du nie vorhersehen kannst, wann sie etwas wirklich unglaublich Blödes machen!“

Dass Jack Sparrow, ein verlogener Pirat, der seinen Widersachern gegenüber sogar voller Stolz mit seiner Unehrlichkeit angibt, dennoch über einen moralischen Horizont verfügt, und es die vermeintlichen Vertreter von Recht und Ordnung sowie wesentlich unbarmherzigere Piraten sind, die als Antagonisten gezeichnet werden, spielt dabei nicht von ungefähr in die Beliebtheit dieser Figur hinein.

Das für Actionfilme vergleichsweise komplexe Moralsystem der Pirates of the Caribbean-Filme spiegelt das in den westlichen Industriestaaten gesunkene Vertrauen in Wirtschaftsmächte und die Politik wider und treibt es auf die Spitze. In Pirates of the Caribbean – Am Ende der Welt sind nicht böse Seeräuber und nicht einmal der dämonische Davy Jones mit seiner Macht über die Meere die ärgsten Widersacher der zentralen Figuren Jack Sparrow, Elizabeth Swann und Will Turner, sondern die ihre gewonnene politische Macht missbrauchende East India Trading Company. Gerade die Jugendkultur rebelliert seit jeher gegen bestehende Mächte, und muss sich damit dem Vorurteil ausgesetzt sehen, ziellos und destruktiv zu sein. Glorifizierte Piraten wie Jack Sparrow, die in den Filmen von der Royal Navy als rechtlose Unholde missverstanden werden, stellen eine mediale Entsprechung der Jugendkultur dar. Dass sie in Opposition zu dem geordneten Leben stehen, relativiert sich insofern, als dass es in den Pirates of the Caribbean-Filmen auch ruchlosere Piraten, wie Käpt'n Barbossa und seine im ersten Teil der Reihe wütende, untote Crew gibt. Sie bieten einen moralischen Vergleich ins Schwarze an, der die freie, ungebundene und vielleicht nicht vorbildliche, aber längst nicht so destruktive Lebensweise der romantisierten Piraten rechtfertigt. Böse, aber nicht zu böse. Redlich, aber nicht langweilig. Exakt so, wie sich viele Jugendliche selbst sehen wollen.

Fazit:

Das jugendliche Vergnügen an den Pirates of the Caribbean-Filmen lässt sich anhand ihrer zwischen Zeitlosigkeit und Postmoderne wandelnden Ästhetik erklären, sowie an ihren zahlreichen Möglichkeiten, sich während einer eskapistischen Handlung unterbewusst medial mit eigenen Problemen, wie ständigem Entscheidungszwang und unerreichbaren Sehnsüchten nach einem von den durch das soziale Umfeld gesteckten Grenzen losgelösten Leben, zu beschäftigen.

Quellenhinweise:

1 Kommentare:

InvaderPhantom hat gesagt…

Aah, die alljährliche herrlich übertriebene Analyse der Fluch der Karibik-Filme. Da ich glücklicherweise auch Fanatiker dieser Filme bin, find ich es immer wieder faszinierend was du alles aus diesen Filmen raushole kannst. Da bekommt man ernsthaft Lust, sich die Filme noch ein zwanzigstes mal anzusehen, weil ich nach deinen Analysen die Filme in einem etwas anderem Licht sehe...

Tut mir übrigens leid wenn ich deine Analysen bei betrunkenen Filmeabenden Freunden wahrscheinlich absolut falsch wiedergebe. XD

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