Dienstag, 30. April 2013

Filmhistorische Fußspuren: Reale Sprechblasengeschichten

Comicverfilmungen sind mittlerweile nicht mehr aus dem Kinosommer wegzudenken. Seit 2008 eröffnen sie pünktlich wie ein Uhrwerk die US-Blockbustersaison und schon seit rund einem Jahrzehnt gehört auch regelmäßig mindestens eine Comicadaption zu den besten Spektakeln, die in den heißen Kinomonaten veröffentlicht werden. Aber bis es dazu kam, war es ein sehr langer Weg. Comicverfilmungen sind zwar seit vielen Jahrzehnten Bestandteil der Filmwelt, jedoch waren sie äußerst selten sowohl denkwürdige Publikums-, als auch Kritikerlieblinge. In Konsequenz dessen waren sie über einen Großteil ihrer Historie hinweg nur obskure Randnotizen der Kinogeschichte, und wenn sie einmal glückten, dann galten diese Fälle als rare Ausnahmen.

Anlässlich des Starts der zweiten Phase von Marvels vereinigtem Kinouniversum möchte ich mit euch den Pfad entlang wandern, der von den trashigen Anfängen hin zu The Avengers, The Dark Knight Rises und nun auch Iron Man 3 führte.

Der Beginn: Comic-Strips und kurze Filmchen
Bereits als der Film in seinen Kinderschuhen steckte, nutzten die Pioniere dieser Kunstform andere Medien als Inspiration. Oder es wurde umgekehrt ein Schuh daraus, und sie nutzten ihr Medium, um andere Kunstformen neu zu transportieren. Jedenfalls kamen mit dem Aufgang des Films bereits die ersten Adaptionen, und das nicht nur von Büchern und Theaterstücken, sondern auch von Zeitungscomics.

Einer der allerersten Zeitungscomics ist die vom in die USA immigrierten Deutschen erschaffene Reihe The Katzenjammer Kids über Streiche spielende Zwillingsbuben. 1898 wurden diese bebilderten Witzgeschichten in Form realer Stummfilme adaptiert, was man durchaus als Geburtsstunde der Comicverfilmung betrachten kann.


Die Wurzeln der Comicadaption sind zudem eng mit den Anfängen des Zeichentrickfilms verbunden. Der Cartoonist Winsor McCay erschuf 1905 den surrealen Comic-Strip Little Nemo, der zu den einflussreichsten und am höchsten angesehenen seiner Art gehört. Noch bevor McCay mit dem legendären Gertie the Dinosaur dem Zeichentrickfilm zum Durchbruch verhalf, adaptierte er im Jahre 1911 seinen eigenen Zeitungscomic in Form eines zehnminütigen Kurzfilms. Dieser bestand jedoch hauptsächlich aus einer Realfilmhandlung über McCay, der seine Kollegen von der Idee eines Little Nemo-Zeichentrickfilms überzeugen will und versucht, seinen Zeichnungen das Laufen zu lehren. Nur die letzten Minuten bestehen aus bewegten Zeichnungen der Little Nemo-Figuren, dennoch war es ein wichtiger Fortschritt im Bereich des Zeichentricks.

Nachdem der Zeichentrick aus seiner überaus kruden Form in Winsor McCay, the Famous Cartoonist of the N.Y. Herald and His Moving Comics herauswuchs, folgten gleich mehrere Stummfilm-Cartoonreihen auf Basis von Zeitungscomics. Die Katzenjammer-Kids fanden im Dezember 1916 in gezeichneter Form den Weg zurück in die Kinos, bis die Cartoons trotz hoher Beliebtheit im August 1918 eingestellt wurden. Die Produzenten spürten aufgrund des Ersten Weltkriegs in der Bevölkerung eine steigende Animosität gegenüber den Deutschen und befürchteten, sie könne auf die Cartoonfiguren überschwappen. Zur gleichen Zeit wurden auch animierte Kurzfilme des damals sehr beliebten Zeitungscomics Bringing Up Father veröffentlicht. Diesem gelang in den 20er-Jahren dann der Sprung ins Realfilmsegment: 1920 bis 1921 entstanden drei jeweils zwei Filmrollen umfassende Realkurzfilme und 1928 folgte ein abendfüllender Spielfilm über den neureichen, irischen Immigranten Jiggs, der seinen früheren Lebensstil nicht ablegen kann, während sich seine Frau Maggie anzupassen versucht. Der Stummfilmkomödie folgten 1939 eine Tonkomödie aus Finnland und 1946 eine rund einstündige US-Komödie des Studios Monogram Pictures, die aufgrund ihres kommerziellen Erfolgs vier Fortsetzungen spendiert bekam.

Weitere nennenswerte Zeitungsstrip-Adaptionen waren Ella Cinders von 1926, eine Komödie mit zahlreichen Gastauftritten der damaligen Stars des den Film vertreibenden Studios First National Pictures sowie des populären Komödianten Harry Langdon (seinerzeit galt er als ärgster Mitbewerber von Charlie Chaplin, Harold Lloyd und Buster Keaton), sowie Harold Teen und Little Annie Rooney.

Der Strip Harold Teen startete am 4. Mai 1919 in der Chicago Tribune und war der erste, in der es weder um Streiche spielende Kinder, noch um Erwachsenenproblemchen, sondern um das Leben als Jugendlicher ging. Autor und Zeichner Carl Ed erhielt große Anerkennung für seine treffende Darstellung des Jazz Ages, weshalb Harold Teen zu einer subkulturellen Ikone aufstieg. Der 1928 veröffentlichte Stummfilm, der sich der beliebten Figur annahm, gehört zu den allerersten von Filmkritikern enthusiastisch aufgenommenen Comicverfilmungen, Hauptdarsteller Arthur Lake (der später die männliche Hauptrolle in den zahlreichen Verfilmungen der Blondie-Comics übernahm) wurde für seine treffende, originalgetreue Darbietung der Titelfigur gefeiert und der Film selbst wurde dafür gelobt, alles zu beinhalten, was den Comic groß machte. 1934 folgte ein Filmmusical mit dem legendären Stepptänzer Hal Le Roy in der Titelrolle.

Zuvor wuchsen Comicverfilmungen mit Little Annie Rooney erstmals aus der reinen Comedysparte heraus: 1925 spielte Stummfilmlegende Mary Pickford, damals schon 32 Jahre alt, die zwölfjährige Waise in einer stummen Tragikomödie, die zu einem der kommerziell erfolgreichsten Filme ihrer Karriere werden sollte.

Obwohl die Adaptionen von Zeitungscomics also gewisse Erfolge verbuchen konnten, waren die Machtverhältnis zwischen den Medien Kurzfilm und Comicstrip spätestens ab dann klar verteilt, als mit Walt Disneys berühmtester Schöpfung der Zeichentrickfilm zu einem weltweiten Massenphänomen aufstieg: Am 13. Februar 1930 wurde der erste Teil einer ausführlichen Comic-Strip-Adaption des Micky-Maus-Cartoons Plane Crazy veröffentlicht, und dieses Modell machte schnell Schule. Von da an waren die Comicseiten der Zeitungen gefüllt mit gedruckten Varianten beliebter Cartoons sowie neuen Geschichten populärer Cartoonhelden (bevorzugt witzige, anthropomorphe Tiere wie Micky, Donald und Co.). Dabei gab generell das Kinogeschehen den Takt an, und die Comics zogen nach. Nur ab und an stießen die Zeitungscomics voran, so etwa mit der von Entenzeichner Al Taliaferro und Comicautor Ted Osborne vorgeschlagenen Einführung dreier Neffen in Donald Ducks Alltag. Ab dem 17. Oktober 1937 trieben Tick, Trick und Track in gedruckter Form ihren Schabernack, das Licht der Leinwandwelt erblickten sie erst am 15. April des Folgejahres.

Serials und die Geburt der Superhelden
Parallel dazu, wie die Cartoonproduktion das Gesicht der Zeitungscomics einhergehend veränderte, formierte sich auch eine gesonderte Form des filmischen Mediums neu. Serials, rund zwanzigminütige Fortsetzungsfilmchen, waren durch die zunehmende Verbreitung des Tonfilms auf Basis der bloßen Verleihgebühren nicht mehr so rasch profitabel, wie noch zu Stummfilmzeiten. Da jedoch Stummfilm-Serials neben den klingenden Abenteuerreihen der größeren Konkurrenz nicht bestehen konnten, gingen zahlreiche kleinere Studios in den früheren 30ern bankrott.

Die meisten frühen Serials waren aufgrund der niedrigen Kosten für Requisiten, Sets und Kostüme im Western-Genre angesiedelt, sie deckten allerdings eine weite Spanne an Genres und Settings ab – von Ganoven- und Detektivgeschichten über Dschungel- hin zu Agentenabenteuern. Auch die Inspirationsquellen waren breit gefächert, originale Ideen reihten sich an Adaptionen von Groschen-, Fortsetzungs- und Abenteuerromanen (unter anderem Tarzan und Die drei Musketiere) oder Radio-Hörspiele und gelegentlich auch Zeitungscomics. Rückblickend wirken Serials aufgrund ihrer episodenhaften, in jedem Kapitel nach einem Spannungshöhepunkt zusteuernden Erzählweise und der überholten Effektarbeit auf viele Betrachter unfreiwillig komisch. Doch für das zeitgenössische Publikum boten gelungene Serials schnelle, aufregende Abenteuer im Sinne vieler heutiger Popcorn-Blockbuster, weshalb Filmemacher wie Steven Spielberg in leichtfüßigen Abenteuerfilmen diesen Stil zu adaptieren versuchen.

Aber schon gegen Ende der Stummfilmzeit kam es zu ersten Abnutzungserscheinungen: Nachdem sich in den frühen bis mittleren 30ern insbesondere bei älteren Kinogängern aufgrund der Vorhersagbarkeit der sich erzählerisch und optisch immer stärker ähnelnden Serials ein sinkendes Publikumsinteresse abzeichnete, nahmen sich die finanzstarken Universal Studios im Jahr 1936 des Science-Fiction-Comicstrips Flash Gordon an, um ein Serial von Ausnahmegröße auf die Beine zu stellen und verlorene Konsumenten zurück zu gewinnen.

Kosteten Serials üblicherweise zwischen 100.000 und 150.000 Dollar, verschlang das aufwändige Sci-Fi-Abenteuer die damalige Unsumme von geschätzt 350.000 Dollar. Für den Kinobetrachter sah Flash Gordon aufgrund der ausschweifenden Ausstattung sogar noch teurer aus – die Verantwortlichen werteten ihre Produktion auf, indem sie großzügig in den Archiven Universals plünderten. Der Wachturm aus Frankenstein (1931) wurde ebenso wiederverwertet, wie das Labor aus Frankensteins Braut (1935), das ägyptische Götzenbild aus Die Mumie (1932), die Raumschiffe aus Just Imagine (1930) sowie Musik, Weltraum-, Tanz- und Effektaufnahmen aus älteren Produktionen und sogar aus alten Wochenschauen. Insofern war Flash Gordon Hollywoods erste Big-Budget-Comicverfilmung, inklusive enormer Promotionarbeit. In zahllosen Zeitungen, ganz gleich ob sie den Comicstrip regulär abdruckten oder nicht, schaltete Universal Anzeigen, die drei Viertel einer Zeitungsseite abdeckten. Diese beinhalteten Flash Gordon-Geschichten, Zeichnungen des originalen Comickünstlers Alex Raymond sowie Standbilder aus dem Serial.

Da sich die Vorlage, die ihre Leser in actionreichen Geschichten quer durch atemberaubende Welten voller kurioser Monster, romantisch-verführerischen Situationen und gigantischen, futuristischen Städten entführte, zu dieser Zeit auf der Höhe ihrer Popularität befand, hielten sich die Serial-Macher auch sehr nah am Tonfall und Inhalt der Zeitungscomics.

Während andere Serials oft nur den Titel und das Setting mit ihrer Vorlage gemein haben (ein Musketier-Serial verstieß sogar gegen letzteres und verlegte das Geschehen in den Wilden Westen), nahm Flash Gordon sein überdrehtes, fiktives Universum inklusive der handelnden Figuren ernst, inklusive ihrer erotischen Verwicklungen. Die Erzählform der Serials war mit einem Schlag wiedererstarkt, Universals Risikofreude machte sich bezahlt und es folgten zwei weitere Serials mit dem futuristischen Comichelden.

Einige kleinere Produktionsfirmen fusionierten derweil zu Republic Pictures, ein Unternehmen, welches daraufhin ebenfalls eine zentrale Rolle im Goldenen Zeitalter der Serials spielen sollte. Eine der ersten und erfolgreichsten Republic-Pictures-Serials war die 1937 veröffentlichte Adaption des Zeitungscomics Dick Tracy. Im fünfzehnteiligen Serial wurde aus dem Kriminalpolizisten des Mittleren Westens ein G-Man aus San Francisco, außerdem wurde die Comicgalerie an Helden und Schurken nahezu komplett gegen Originalfiguren für das Serial ausgetauscht. Comicschöpfer Chester Gould soll diese Änderungen jedoch abgesegnet haben, Kinopublikum sowie Kritiker waren sogar geradezu begeistert von Dick Tracys Kinoableger, da trotz neuer Figuren und leicht geändertem Setting der Tonfall des Zeitungscomics adäquat für die Kinoleinwand umgesetzt wurde.

Dick Tracy wurde zu jener Zeit von Lesern sehr wegen des kernigen Titelhelden, den knallharten Kriminalgeschichten mit hoher Spannung und ehrlichen, dramatischen Beziehungen zwischen den wichtigsten Figuren geachtet. Das Dick Tracy-Serial schließlich wurde in Sachen Action als unerreichbar beschrieen und zudem für den gelungenen Versuch gelobt, ehrliche zwischenmenschliche Emotionen in diese filmische Erzählform einzuarbeiten, wofür besonders Hauptdarsteller Ralph Byrd hervorgehoben wurde. 1938, 1939 und 1940 folgten drei weitere, ebenfalls hervorragende Zuschauerreaktionen erntende Serials mit Dick Tracy, die auch zu zusammenhängenden Kinofilmen umgeschnitten wurden. Republic Pictures positionierte sich mit weiteren immens gefragten Serials, unter anderem auf Basis des Groschenromanhelden Zorro und der Hörspielfigur Lone Ranger, endgültig als einer der bedeutendsten Produzenten von Serials. Während Flash Gordon eine der größten Inspirationsquellen für Star Wars war, gehört Dick Tracy zu den zahlreichen Serials, an denen sich die Indiana Jones-Filme orientieren.

Währenddessen nahm auch das Comic-Medium neue Gestalt an. Dienten diese anfangs vornehmlich, um Zeitungsstrips gebündelt nachzudrucken, führte National Allied Publications (später: DC Comics) am 18. April 1938 das Comicgenre der Superhelden ein: Superman hatte in Action Comics #1 seinen legendären ersten Auftritt und läutete schlagartig das Goldene Zeitalter des US-amerikanischen Comichefts ein. Kreiert wurde er von Jerry Siegel und Joe Shuster, die einen mythologischen Helden nach den Vorbildern Samsons oder Herkules erschaffen wollten, der es allerdings mit den Übeln der Gegenwart aufnimmt. Sein Aussehen wurde nach dem Vorbild der Hollywoodstars Douglas Fairbanks und Harold Llyod gestaltet, sein Kostüm nach denen der Figuren in den Flash Gordon-Strips sowie den typischen Anzügen von viktorianischen Zirkus-Muskelmännern, die üblicherweise eine enge, kurze Hose über in Kontrastfarben gehaltenen Strumpfhosen trugen. Das Cape wiederum ist dem aktuellen Stand der popkulturellen Forschung in dieser Verwendungsweise eine originale Idee von Shuster & Siegel, deren ursprünglicher Zeichenstil sehr stark von den Dick Tracy-Comics geprägt war, verlegt in eine Großstadt mit einer wie aus Fritz Langs Metropolis entsprungen Architektur.

Ein Jahr nach seinem ersten Comicauftritt erhielt Superman eine eigene, nach ihm benannte Heftreihe, ungefähr ein weiteres Jahr später feierte der stählerne Blitz auch sein Leinwanddebüt. Dem von den Fleischer Studios im Auftrag des Mutterkonzerns Paramount Pictures produzierte Superman-Cartoon ging eine ungewöhnliche Entstehungsgeschichte voraus: Nachdem Paramount im Frühjahr 1941 die Filmrechte an den Superman-Comics erwarb, konfrontierte die Studioleitung im Mai des selben Jahres Dave Fleischer mit dem Wunsch nach einer Kurzfilmreihe über den Superhelden, doch dieser stand dem Projekt sehr kritisch gegenüber. Bislang produzierten die Fleischer-Studios bloß in Schwarzweiß gehaltene, hauptsächlich komödiantische Cartoons mit Cartoontieren und karikierten Menschen. Eine sich ernst nehmende, actionreiche Cartoonreihe mit einem in eher realistischen Proportionen gehaltenen Titelhelden schreckte ihn aufgrund des erwarteten Aufwands ab, so dass er das bombastische Budget von 100.000 Dollar verlang – damit ließen sich sechs Popeye-Cartoons produzieren.

Wider Erwarten wurde Fleischer nicht achtkantig aus dem Büro geworfen, sondern bekam ein Budget von 50.000 für den ersten und 30.000 für jeden weiteren Superman-Cartoon gestattet. Mit seinen aufwändigen Schattierungen, einem selbstbewussten Einsatz von Technicolor, ikonischen Art-Deco-Hintergründen und mühevoller (teils rotoskopierter) Animation des Titelhelden erntete der im September 1941 veröffentlichte Superman eine Oscar-Nominierung als bester animierter Kurzfilm. Paramount ließ bis 1943 sechzehn weitere Cartoons mit Superman folgen, die spätere Generationen von Trickkünstlern zum Design der erfolgreichen 90er-TV-Cartoonserien rund um Superman und Batman inspirierten, sowie den Look von Brad Birds Der Gigant aus dem All und des effektlastigen Realfilms Sky Captain and the World of Tomorrow beeinflussten. Der zweite Superman-Cartoon, The Mechanical Monsters, bildete sogar die Vorlage zu einer Kernsequenz von Hayao Miyazakis Das Schloss im Himmel.

Die Figur des Superman war darüber hinaus auch in Radio-Hörspielen zugegen, trieb ein florierendes Merchandisinggeschäft an und darüber hinaus wurde er, als Motor der Comicheft-Branche, auch als Zeitungscomic adaptiert. Selbstredend herrschte auch reges Interesse seitens der Serial-Produzenten, sich Amerikas ersten und größten Superhelden anzunehmen. National Comics eröffnete Ende 1940 Gespräche mit dem Platzhirsch Republic Pictures, wo man sofort mit der Entwicklung eines Serials begann. Doch während der Geschäftsverhandlungen stieg der Comicverlag aus den Gesprächen aus (letztlich erteilte man Paramount Pictures die Exklusivrechte), weswegen das Drehbuch hastig umgeworfen werden musste- So entstand das keine offizielle Vorlage nennende Serial Mysterious Doctor Satan, welches von Filmhistorikern als ausschlaggebend dafür beschrieben wird, dass das beliebteste Serial-Setting von der Prärie in die Großstadt wanderte.

Diesem Lizenzpoker rund um Superman war es zu verdanken, dass sein damals populärster Mitbewerber im Comicmarkt sogar noch einige Monate vor ihm auf die Leinwand preschte: Im Frühjahr 1941 startete die Republic Pictures seine Reihe Adventures of Captain Marvel, wodurch dieser heutzutage vergleichsweise unbedeutend gewordenen Figur die Ehre zu Teil kam, der erste verfilmte Superheld zu sein.

Die Figur des Captain Marvel wurde vom Texter Bill Parker und Zeichner Charles Clarence Beck erschaffen und feierte ihre Premiere im Februar 1940 im Rahmen der Heftserie Whiz Comics. Die Comics rund um den Waisenjungen Billy Batson, der sich durch das magische Wort "Shazam" in den ausgewachsenen, starken Helden Captain Marvel verwandelt, erreichten in kürzester Zeit eine derartige Nachfrage, dass sie den Superheldencomic-Urvater Superman in Bedrängnis brachte. So sehr, dass die Superman-Herausgeber 1941 eine Plagiatsklage einreichten, um sich Captain Marvel vom Hals zu schaffen. Auch wenn das Grundkonzept etwas anders war, entschied das Gericht nach einem jahrelangen Rechtsstreit, dass die Geschichten tatsächlich eine große Ähnlichkeit aufweisen, weshalb der Klage stattgegeben wurde. Erfolglos blieben dagegen die Versuche des Comicverlags, gegen die Produktion des Serials zu klagen.

Und so baute die Superheldenfigur ihre Beliebtheit zunächst einmal enorm aus: Nach Start des zwölfteiligen Serials Adventures of Captain Marvel stiegen die Verkaufszahlen der Comicvorlage noch einmal stark an, so dass sie die von Superman sogar für einige Zeit überflügelten. Auch die Filmadaption selbst erwies sich als sehr beliebt und hinterließ bei ihrem Publikum einen bleibenden Eindruck. Filmhistoriker bezeichnen sie geschlossen als eines der gelungensten Exemplare ihres Mediums und bis in die 80er-Jahre hinein wurde Tom Tylers Darbietung in der Titelrolle als eine der besten Darstellungen eines Serial- oder Superhelden beschrieben. So reüssierte zum Beispiel Filmkritiker William Cline: "Tylers vorzügliche Performance [...] bleibt in den Köpfen die des bei Weitem denkwürdigsten Serialhelden".

Das Serial erzählt eine eigens entworfene Geschichte, in der Captain Marvel einen mysteriösen, maskierten Superschurken bekämpfen muss, der unter dem Namen The Scoripon eine magische, goldene Skorpion-Statuette an sich gerissen hat. Diese dient ihm als fürchterliche, tödliche Laserwaffe. Der Film dient zugleich als neue Originstory Captain Marvels, da Billy Batson von einem weisen Magier die Fähigkeit verliehen bekommt, sich in einen Superhelden zu verwandeln, damit er dessen Aufgabe übernehmen kann, die magische Statuette davor zu bewahren, von den falschen Händen missbraucht zu werden.

Die Flugszenen wurden mittels aufwändig hergestellter Puppen, die an Drähten entlang gezogen wurden, und schnellen Schnitten zu einem springenden oder landenden Stuntman umgesetzt. Es war für diese Zeit die gelungenste Illusion vom Fliegen, während andere Serials oft darauf zurückgriffen, Menschen im Flug als Zeichentrickfigur darzustellen.

Nachdem Adventures of Captain Marvel den Studios bewies, dass sich Superhelden im Kino rentieren, folgte ein Boom an Comicadaptionen. Und wie es sich in der Geschichte der Filmindustrie stets zeigen sollte, variierte die Qualität der kommerziellen Trittbrettfahrer enorm. 1943 veröffentlichte Columbia Pictures ein (auch für Serial-Verhältnisse) mit außerordentlich niedrigem Budget realisiertes Batman-Serial. Als Batmans erste Filmadaption, welche noch dazu von sehr vielen Menschen gesehen wurde, führte das Serial einige Elemente in die Batman-Mythologie ein, an der sich auch zukünftige Geschichten mit dem maskierten Helden orientieren sollten: Der in den Comics ursprünglich glatt rasierte, kleine und übergewichtige Alfred wurde zu einem großen, schlanken älteren Herr (meist mit Schnurrbart) und Batman erhielt sein legendäres Versteck, die Bat-Höhle.

Die Filmzensur forderte allerdings, dass aus dem maskierten Vigilanten der Comics auf der Leinwand ein vom Staat beauftragter Geheimagent wurde. Außerdem beeinflusste die während des Zweiten Weltkriegs herrschende, gesellschaftliche Stimmung den Filminhalt: Batman nutzt zahlreiche fremdenfeindliche Beschimpfungen, die vor allem Deutsche und Asiaten zur Zielscheibe hatten.


Auch davon abgesehen war Batman, trotz kommerziellen Erfolgs, ein qualitativer Abstieg gegenüber die zuvor genannten Comic-Serials: Die für Serials typischen Cliffhanger waren zumeist lächerlich überdramatisch und erhielten konsequent einfache Auflösungen. Ein Kapitel der Reihe endet mit einem Flugzeugabsturz, zu Beginn des nächsten Kapitels kraxelt Batman ohne den kleinsten Kratzer aus dem Wrack. Hauptdarsteller Lewis Wilson spielte den Part von Bruce Wayne zwar mit Würde und Ernsthaftigkeit, erwies sich in den Actionszenen allerdings als unkoordiniert sowie als schwer aus der Form für so eine Rolle. Auch den Stuntmännern lässt sich nur wenig Grazie attestieren, ebenso wie den Kostümen, in die das Ensemble gesteckt wurde.

Viele der Serials von Columbia Pictures boten qualitativ das, was der unbedarfte Filmkonsument heute einfach pro forma von allen Serials erwartet. Zu den wenigen Ausnahmen gehört die Verfilmung des Abenteuer-Zeitungscomics The Phantom, auf die zwar ebenfalls die sehr cartoonesquen Faustkämpfe und ulkigen Versuche zutreffen, das niedrige Budget zu vertuschen (so versucht man die Hollywood Hills als tiefsten Regenwald zu verkaufen). Doch Tom "Captain Marvel" Tyler nahm auch dieses Mal seine Rolle ernster und konnte sie besser ausfüllen, als sonstige Columbia-Serial-Hauptdarsteller und der Tonfall entsprach klar den Comics.

Republic Pictures widersetzte sich hingegen dem Spartrend bei der Serial-Produktion und veröffentlichte am 5. Februar 1944 mit dem ersten Teil seiner Captain America-Verfilmung das teuerste Serial seiner Studiogeschichte. Das anvisierte Budget von 182.623 Dollar wurde massiv überzogen, letztlich kostete das von Kinogängern enthusiastisch verschlungene, patriotische Serial 222.906 Dollar. Rückblickend betrachtet markiert dieses 15-teilige Superheldenabenteuer den Zenit des Goldenen Serial-Zeitalters, denn nach dem Zweiten Weltkrieg ließen sowohl Zuschauerakzeptanz als auch der Enthusiasmus der Produzenten (und somit die durchschnittliche Qualität) enorm nach.

Ursprünglich war das Drehbuch für eine andere Hauptfigur konzipiert, allerdings ist nicht weiter überliefert, wer sich mit den mysteriösen Mächten hinter einer Suizidwelle anlegen sollte. Die Filmhistoriker Jim Harmon und Don Glut mutmaßten, dass dieses Maya-Kinoabenteuer ursprünglich als Fortsetzung zu Mysterious Doctor Satan verfasst wurde, sich das Studio dann aber die zur Zeit boomende Captain America-Lizenz krallte. Das führte jedoch zu zahlreichen Abweichungen von der Comicvorlage: Captain Americas wahre Identität ist nicht die des U.S. Army Privates Steve Rogers, sondern die des Staatsanwalts Grant Gardner, der auch nicht erst durch ein Supersoldatenserum so stark wurde. Statt eines Schilds verwendet er eine handelsübliche Pistole, und weder kommen Nazis vor, noch Captain Americas bester Freund Bucky. Timley Comics, der damalige Rechteinhaber des Captain, legte während der Produktion erfolglos Beschwerde ein.

Wie bereits erwähnt, ging es nach Captain America mit dem Film-Serial als solchem bergab. Um Kosten zu sparen, wurden zum Beispiel auch wieder vermehrt Western-Reihen gedreht, außerdem wurden alte Serials neu zusammen geschnitten und wiederveröffentlicht oder mit einem Minimum an neu gedrehten Szenen als frische Ware verkauft. Unter der dadurch sinkenden Akzeptanz und somit auch Rentabilität von Serials litten selbst die Produktionswerte der weiterhin sehr erfolgreichen Superhelden-Serials: 1948 musste man selbst bei der lang erwarteten, ersten Realverfilmung des beliebten Superman auf Zeichentick-Flugeffekte zurückgreifen, außerdem mussten zahlreiche Aufnahmen mehrfach wieder verwendet werden. Dennoch buchten selbst angesehene Kinos das Serial, die sich sonst von dieser Filmform fernhielten. Batman and Robin von 1949 erfüllte letztlich mit zahllosen Logikfehlern, schlecht vertuschten Kostüm- und Budgetproblemen sowie sehr kindlicher, unaufregender Action sämtliche Klischeevorstellungen, die das moderne Publikum von Serials hat.

Werden sich Comicadaptionen von diesem qualitativen Absturz erholen? Wohin verschlägt es Superman und Batman als nächstes? Wie lange dauert es bis zur nächsten originalgetreuen Superheldenverfilmung? Erfahrt es in der nächsten Ausgabe von ... Filmhistorische Fußspuren!

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2 Kommentare:

Onkelosi hat gesagt…

Cooler und informativer Artikel. Zu Captian Marvel da gibt es sogar ein Serial mit den Three Stoages, da kann youtube angesehen werden. Sieht aber sehr albern aus.

corny hat gesagt…

Sehr gut gelungener Artikel, wie ich finde!
Freue mich schon auf die Fortsetzung!

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