Samstag, 6. April 2013

Die Quellen der Disneyfilme: Robin Hood

 
Von Legenden zu historischen Ereignissen, von Märchen bis zu klassischer Literatur - die Zauberkünstler von Disney haben sich der vielfältigsten Quellen bedient, um Stoff für ihre Filme zu finden. Gemein haben sie jedoch alle, dass das Ursprungsmaterial nicht ohne Veränderung in den Disney-Kanon eingeflossen ist.

 

Diese Reihe von Im Schatten der Maus befasst sich mit dem Entstehungsprozess einiger dieser Meisterwerke:
Die Quellen der Disneyfilme

Auch wenn sich die genaue Art seiner Darstellung stark gewandelt hat, stellt Robin Hood seit nunmehr über sechshundert Jahren eine denkwürdige Figur der englischen und später auch gesamteuropäischen Folklore dar.
Bereits in den ältesten überlieferten Berichten aus dem 14. Jahrhundert wird Robin Hood als im Sherwood Forest lebender Bandit und herausragender Bogenschütze gezeigt, der sich generell auf die Seite der unteren Klassen stellt. Auch Little John, Much, der Müllerssohn und Will Scarlet kommen hier bereits vor, so wie auch das allgegenwärtige Feindbild des Sheriffs von Nottingham.
Diese alten Erzählungen (in denen Robin generell als „Yeoman“, also wohl als Bürgerlicher, bezeichnet wird) sind durchaus realistisch gehalten, so dass es gut vorstellbar ist, dass sie ganz auf wahren Gegebenheiten fußen. Zwar sollen die Abenteuer in diesen Berichten zur Regierungszeit eines König Edwards spielen, was sie auf 1272 bis 1377 datieren würde, doch Erwähnungen in noch sehr viel älteren Dokumenten deuten an, dass Robin Hood (oder seine Legende) entweder doch schon aus der Zeit von Richard Löwenherz stammt, oder dass „Robin Hood“ damals eine Art traditionelle Bezeichnung für ähnliche Diebe oder Räuber war.

Auf jeden Fall haben sich die Erzählungen über den edelmütigen Gesetzesbrecher bald zu einer allgemein bekannten Volkssage entwickelt, die im 15. Jahrhundert in ganz England traditionell zu den Mai-Spielen aufgeführt wurde - aus dieser Zeit kommt auch die Ergänzung der Geschichten durch Maid Marian und Bruder Tuck. Ab dem 16. Jahrhundert wurden die Geschichten in die Zeit König Richards und der Kreuzzüge verlegt, und der „Earl von Huntington“ beziehungsweise „Loxley“ wurden zu zwei oft gebrauchten „wahren“ Namen für Robin Hood. Der Sänger Alan von Dale kam im 17. Jahrhundert zu den klassischen Gestalten hinzu, und aus dieser Zeit rührt auch der übergeordnete Grundsatz, „den Reichen zu nehmen und den Armen zu geben“, denn auch wenn Robin Hood von Anfang an als gütig und mitfühlend dargestellt wurde, kümmerte er sich zuvor doch vor allem um das Wohl von sich selbst und seinen Männern.
Ein bislang „endgültiges“ Bild von Robins Charakter, das seither alle Darstellungen des edlen Rebellen durchdringt, wurde 1820 in Sir Walter Scotts Roman Ivanhoe definiert. Robin Hood, der hier als Robin von Locksley eine wichtige Nebenrolle innehat, wird wie Ivanhoe als loyaler Anhänger des abwesenden Richard Löwenherz dargestellt und unter anderem der Robin-Hood-Schuss, bei dem Robin den Pfeil eines anderen mit seinem eigenen Pfeil spaltet, tritt hier zum ersten Mal in Erscheinung.


Dieses Bild des frohgemuten, durchweg königstreuen Geächteten ist es auch, das als Grundlage für Robin Hoods Charakter in der Disneyverfilmung von 1973 diente. Die für Disney-Meisterwerke eher ungewöhnliche Erzählweise der Geschichte mittels einer Welt von anthropomorphen Tieren ist vor allem darauf zurückzuführen, dass zur Planungszeit des Films eine Verfilmung von Reineke Fuchs im Gespräch stand; erst vergleichsweise spät in der Planungsphase wurde entschieden, dass der schlaue, aber hinterhältige und verlogene Reineke einen unpassenden Disney-Helden darstellen würde, so dass man stattdessen auf den legendären Sherwood-Forest-Banditen auswich. (Nebenbei bemerkt bei weitem nicht die einzige Wiederverwendung, die sich in dem eher kostensparend produzierten Film findet.)
Es ist wohl ein Erbe dieses ersten Anlaufes, dass auch in Robin Hood sich sämtliche Figuren vor allem durch die üblichen Charakteristika ihres jeweiligen Tieres definieren. Dazu kommt, dass die alten Robin-Hood-Sagen generell einen mittelalterlichen Charakter haben, der mehr auf Abenteuer und Kämpfe denn auf das Innenleben der Figuren ausgerichtet ist - so liegt es bei den moderneren Adaptionen der letzten zweihundert Jahre immer wieder stark am jeweiligen Autor, die Klischees zu durchbrechen und den klassischen Figuren echtes Leben einzuhauchen. Und ohne den Film zu beleidigen, kann man wohl sagen, dass sich Disney mit einer solchen Neu-Charakterisierung nicht allzu viel Mühe gegeben hat.
 


Robin Hood entspricht im Film ganz dem Bild des unbeschwert im Wald lebenden Geächteten, das seit der Errol-Flynn-Verfilmung und noch bis in die Neunziger Jahre im allgemeinen Bewusstsein der Zuschauer lebte. Natürlich wird er auch als idealistisch und hilfsbereit dargestellt, aber vor allem werden die lustigen und gewitzten Seiten des Fuchses betont, mit denen er Prinz John und dem Sheriff immer wieder ein Schnippchen schlägt.
Seine große Liebe, Maid Marian, hat daneben wirklich so gut wie keinerlei eigenen Charakter; sie ist der absolute Inbegriff der Prinzessin, die untätig auf ihren Liebsten wartet, der sie retten soll. Selbst als Robin vor ihren Augen hingerichtet werden soll, ist eine flehende Bitte um sein Leben alles, was sie zustande bringt, und als diese abgewiesen wird, gibt sie sich damit zufrieden, untätig zuzusehen. Zugegebenermaßen hätte eine frühere Version des Endes ihr noch eine gewisse Rolle im Finale zugedacht: In diesem alternativen Schluss sollte Marian den beinahe Ertrunkenen retten und vor dem drohenden Prinz John verteidigen - auch wenn es natürlich dennoch König Richard gewesen wäre, der beiden schließlich das Leben rettet.
Insgesamt ist es wohl ein Glück, dass Marian (die als Nichte des Königs, wenn auch nicht nach üblicher Disney-Logik, so doch reell mindestens eine Prinzessin sein muss) kein offizieller Teil von Disneys Princess-Line ist. Ihre Figur wäre Wasser auf die Mühlen all derer, die den Disney‘schen Prinzessinnen einen Mangel an Eigeninitiative und eine zu große Abhängigkeit von ihrem jeweiligen Helden vorwerfen.
Little John und Bruder Tuck sind ganz nach ihrem üblichen Klischee gestaltet und erfüllen ihren Zweck in der Geschichte; Alan von Dale nicht einmal das. Ähnliches gilt für den Sheriff von Nottingham und Sir Hiss, die ihre Rollen amüsant ausfüllen, aber neben einem generischen Antagonistentum kaum wirkliche Charakterzüge zeigen dürfen.

Die Figur, die - vielleicht abgesehen von Robin Hood selbst - am ehesten eine wirkliche Persönlichkeit aufweist, ist sicherlich Prinz John. Die Art und Weise, in der der „Königsclown von England“ von Szene zu Szene mühelos zwischen Habgier, erbarmungswürdiger Unfähigkeit und einer dennoch ernstzunehmenden Bedrohung wechselt, steht in Sachen Vielseitigkeit auf einer Stufe mit einigen der „großen“ Disney-Bösewichter wie Käpt‘n Hook oder auch Dschafar. Man könnte sagen, dass sich diese über das reine Klischee hinauswachsende Charakterisierung schon in Prinz Johns Darstellung als untypisch mähnenlosem Löwen widerspiegelt.
Es ist wohl zu einem großen Teil Sir Peter Ustinov zu verdanken, dass die Rolle des habgierigen Thronräubers zu einer so originellen Darbietung wurde, und dass es sogar gelingt, in die phantastische Tierwelt so reale Anspielungen wie die auf das Verhältnis von John zu seiner Mutter und auf König Richards Kreuzzüge komisch einzubinden.

Die Handlung des Films ist dagegen wieder so stereotyp wie der Großteil der Figuren. Statt sich auf die althergebrachten Abenteuer zu beziehen, oder selbst etwas wirklich Neues zu erfinden, bringt der Film nur eine nach der anderen all die Szenen, die in einer Robin-Hood-Verfilmung zu der Zeit erwartet wurden: pfiffige Diebstähle, das königliche Bogenturnier mit Robins Triumphschuss, und ein großes Finale inklusive Befreiungen und Verfolgungsjagd.

Wenn diese Zusammenfassung auch einigermaßen negativ klingt, so sollte man meiner Meinung nach etwas dennoch etwas weiter blicken, um die Qualität von Disneys Robin Hood zu beurteilen. Der Film entstand zu der Zeit kurz nach Walt Disneys Tod, als die Disney-Studios noch einigermaßen führungslos um eine neue (oder alte) Identität kämpften, und man sieht dem Ergebnis an, dass an keiner Stelle Risiken eingegangen wurden. Anders als die üblichen Disneyfilme hat er kaum den Anspruch, ein wirkliches Meisterwerk und ein „Film für die ganze Familie“ (also auch die Erwachsenen) zu sein - sieht man ihn dagegen als reinen Kinderfilm, so erfüllt er seine Rolle dagegen perfekt. Es ist eine Verarbeitung der klassischen Robin-Hood-Legenden, die dem Ursprungsmaterial kaum etwas Neues hinzufügt, aber gleichzeitig aus dem bereits Vorhandenen ein solides Stück Unterhaltung anfertigt. Den Film dafür anzugreifen, kommt in meinen Augen dem Versuch gleich, die Märchen der Gebrüder Grimm wegen mangelnder Charaktertiefe zu verdammen.
Und betrachtet man Robin Hood wirklich als an Kinder gerichtete Erzählung, so ist es wiederum höchst angenehm zu sehen, wie ernst der Film sein Zielpublikum doch zu nehmen wagt. Die Szene nach dem Bogenturnier, in der Robin Hoods Verkleidung gelüftet wird und er Prinz John für kurze Zeit hilflos ausgeliefert ist, bietet dafür ein wunderbares Beispiel.



Es ist nicht nur die Szene, in der sich Prinz John herausstellen darf und zum ersten Mal wirklich bedrohlich wirkt, sondern es ist gerade in Bezug auf Robin selbst ein aussagekräftiger Moment. Bislang hat der Zuschauer Robin nur in seiner üblichen, allen Gefahren überlegenen Rolle erlebt, und nun sitzt der sorglose Fuchs zum ersten Mal wirklich in der Klemme. Dabei könnte er sich aus seiner Lage höchstwahrscheinlich ohne größere Mühe herausreden; dass Prinz John für Schmeicheleien anfällig ist, wurde bereits klargestellt, und auch Marians Bitte gegenüber schien er beinahe schon nachzugeben. Aber stattdessen zieht Robin durch seine offene Treue zu Richard Löwenherz mutwillig noch weiteren Zorn auf sich; er hält zu seinen Idealen, auch wenn es ihn den Kopf kostet.
Bei dieser Szene handelt es sich um einen kurzen Augenblick, der auch durch die Erzählweise nicht weiter unterstrichen wird, doch es gelingt dadurch zweifellos, den Figuren und der Welt, in der sie leben, eine zusätzliche Tiefe zu verleihen. Natürlich ist Disneys Robin Hood kein großes Drama, das sich mit den epischeren Verfilmungen des Stoffes messen könnte - oder es auch nur versucht. Doch wenn man den Film wirklich als einen reinen Kinderfilm betrachtet und auch nach diesen Maßstäben wertet, so sehe ich in Momenten wie diesem einen Beweis dafür, dass es sich um einen guten und ja, einen tiefgreifenden Kinderfilm handelt, der sein Ziel voll und ganz erfüllt
.


Mehr von mir gibt es auf www.AnankeRo.com.

6 Kommentare:

DMJ hat gesagt…

Ein noch wichtigerer Grund, Maid Marian aus der Reihe der Disney-Prinzessinen herauszuhalten ist, dass sie sonst ein Einfalltor für die Furries sein könnte. ;)

Dass ich den Film gesehen habe, ist bei mir zu lange her, als dass ich ihn noch wirklich bewerten könnte, aber ich weiß noch, dass ich auch schon als Kind weniger vom Helden, als mehr von Prinz John fasziniert war.

Ananke Ro hat gesagt…

Ich muss zugeben, ich sehe das Problem nicht. Sollten dann nicht auch Schneewittchen und Dornröschen ausgeschlossen werden wegen Nekrophilie-Sorge, Cinderella, Arielle und Rapunzel wegen der Fuß-Fetischisten, Belle und Jasmin wegen BDSM-Anhängern, Mulan wegen Tansvestiten und Merida eventuell wegen der Lesben?
Bliebe, äh, Tiana - und die verbringt ihren Film größtenteils als Frosch. ;-)

Ich frage mich wirklich, was ich dem Artikel jetzt für Suchanfragen beschert habe ...

Sir Donnerbold hat gesagt…

Müsste Rapunzel demnach nicht doppelt ausgeschlossen werden, weil sie sowohl den Fußfetischisten etwas bietet als auch den Freunden des gepflegten Fesselns? Gut, wenn sie die dominierende Position einnimmt, nutzt sie Menschenhaar an Stelle von Seilen oder Ketten, aber dafür wird sie später im Film ganz klassisch in Ketten gelegt und geknebelt.

Hm, muss Rapunzel also nicht sogar dreifach ausgeschlossen werden, weil sie in Sachen BDSM gleich zwei Vorlieben bedient?

Und was ist eigentlich der Unterschied zwischen einfacher, zweifacher und dreifacher Ausschließung?

Michael Behr hat gesagt…

Seid ihr euch sicher, dass ihr hier immer noch über Disney-Filme redet!? ;-)

Ich persönlich habe so eine Art "guilty pleasure" für Robin Hood. Ich mag einfach das überzogene Zusammenspiel insbesondere von Sir Hiss und Prinz John. Auch wenn im Hinterkopf immer eine leise Stimme flüstert, dass er diese Figuren irgendwie schon mal besser im Dschungelbuch gesehen hat.

Ananke Ro hat gesagt…

Klar, insofern passt Blondie auch in die Riege - ich war in Gedanken nur mehr beim "DS" statt beim "BD"-Teil. Und dreifache Ausschließung bedeutet, dass sie weder als Kind, noch als erwachsene Blondine, noch als Brünette mit reindarf, einverstanden?

Und wenn das jetzt wirklich zu weit von Robin Hood entfernt ist, merke ich mal kurz an, dass bis auf gerade Marian in dem Film so gut wie jeder mal gefesselt gezeigt wird. ;-)

@Michael:
Die Meinung kann ich prinzipiell nachvollziehen, nur dass ich Prinz John eben in keiner Weise für einen Shir-Khan-Abklatsch halte - umso bemerkenswerter, als sie, wie du schon bemerkst, ansonsten nicht gezögert haben, Figuren aus dem Film zu importieren ...

DMJ hat gesagt…

Da wir im Internet sind, freut mich natürlich die Auflistung der Perversionen der anderen Disney-Damen, da wir aber im Internet sind, beharre ich auch auf der zielgerichteten Furry-Diskriminierung. ;)

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