Sonntag, 23. Juni 2013

DisneyWar – Teil 5: Der einsame König und sein Reich

Die ersten zehn Jahre unter der neuen Disney-Führungsriege liegen hinter uns, wir sind im Jahr 1994 angekommen. Das Studio ist mit Erfolgen wie „Der König der Löwen“ gekrönt, das Unternehmen macht Rekordgewinne. Hinter den Kulissen aber brodelt es: Unternehmenspräsident Frank Wells – ein loyaler Vertrauter Eisners – stirbt bei einem Hubschrauberunfall. Jeffrey Katzenberg, Vorsitzender der Walt Disney Studios und Hauptverantwortlicher für die erfolgreiche Renaissance der Animationsfilme, hofft auf die versprochene Beförderung zum Präsidenten, doch Eisner weigert sich. Die ohenhin gespannten Verhältnisse eskalieren, Katzenberg verlässt das Unternehmen im Streit.  Plötzlich ist vom einstigen Erfolgstrio, das Disney aus dem Dornröschenschlaf geweckt hat, nur noch einer übrig: Michael Eisner, der vor einem personellen Scherbenhaufen steht. In einem „entzauberten Königreich“, wie das Sachbuch „DisneyWar“ diese nun eintretende zweite Phase der Ära Michael Eisner überschreibt.

Im achten Kapitel zeichnet Autor James B. Stewart das charakterliche Bild von Eisner kohärent weiter: Generell erhält man als Leser den Eindruck eines Mannes, der nun – da er durch den Abgang von Katzenberg und den Tod von Wells sehr viel Macht auf sich vereint hat – nur ungern wieder Macht abgeben will. Und wenn, dann nur an jemanden, den Eisner auch zu kontrollieren fähig ist, der ihm selbst keine Konkurrenz machen kann und der sich ihm bedingungslos unterordnet. Dass die Suche nach solch geeigneten Nachfolgern für Katzenberg und Wells schwierig werden würde, ist ohnehin klar. Nebenbei müssen die Neuen ja auch noch das eigentliche Geschäft perfekt beherrschen, um bei ihrer Arbeit erfolgreich zu sein.

Das achte Kapitel beschreibt zu großen Teilen, wie sich die Nachfolgesuche von Eisner gestaltet. Er selbst sieht sich im Unternehmen Disney mittlerweile als völlig unverzichtbar an: Nach einer Herzoperation von Eisner stellte sich das Board zeitweise die Frage, wer Disney übernehmen könnte, würde der er selbst plötzlich sterben – nach dem Tod von Wells schien dieses Problem nicht mehr allzu abwegig. Doch Eisner kannte niemanden, der ihn ersetzen konnte, wie er in einem Brief an das Boardmitglied Ray Watson mitteilte: „Hier ist die traurige Wahrheit: Ich habe keinen [Nachfolger]. […] Wir haben eine Reihe fantastischer junger Manager, die Führungs-Erfahrung brauchen … aber im Moment kann ich nicht wirklich sagen, wer in die ‚Startlöcher‘ passt.“ (S. 295)

Ob Eisner zu diesem Zeitpunkt die Wahrheit sagte oder nur so tat, um sich selbst für die kommenden Jahre als alleinigen, unumstrittenen Chef darzustellen, ist an dieser Stelle nicht ersichtlich. Liest man aber zwischen den Zeilen, passt die Betonung auf [i]jungen[/i] Fachkräften zu dieser Interpretation: Zwar gibt es geeignete Kandidaten, aber erst, wenn sie (durch Eisner) jahrelang gefördert wurden und irgendwann einmal ‚reif‘ sind für seinen Chefsessel. Wolle man Eisner Narzissmus unterstellen, so fände sich hier ein gutes Argument dafür. Auch ein paar Seiten später, als Eisner über die Restrukturierung von Disney redet, dabei auch über die Durchwechslung von Managerposten – denn seiner Meinung nach könne jeder gute Manager auch jede Position in einem Unternehmen bekleiden. „Es geht dabei um die Gründung eines neuen Unternehmens nach den gleichen Prinzipien und der gleichen Unternehmenskultur. […] Auf mir lastet also ein großer Druck. Ich habe das Gefühl, jetzt würde ohne mich alles zusammenbrechen.“ (S. 297)

Dennis Hightower
Nun hat Eisner nicht unrecht damit, dass sich das Unternehmen zu diesem Zeitpunkt – 1995 – in einem Umbruch befand und es jemanden brauchte, der diesen Umbruch sorgfältig organisierte. Eisners Probleme, geeignete Leute für die vakanten Posten zu finden, blieben bestehen: Schwierig gestaltete sich vor allem die Position des Chefs der TV-Sparte, für die Eisner einen auf den ersten Blick völlig ungeeigneten Kandidaten auswählte, nämlich Dennis Hightower. Dieser hatte Disneys Merchandising-Geschäft in Europa und Asien erfolgreich gemacht, verstand aber von der Film- und Fernsehbranche nichts (was Eisner nicht hinderte, da ja seiner Meinung nach jeder gute Manager alles könne). Bill Mechanic, damals Studiochef der TV-Sparte des Konkurrenten FOX, konnte eine solche Personalentscheidung kaum fassen: „Nicht einmal Michael könnte so einen großen Fehler machen.“ (S. 299). Die Causa Hightower endete übrigens schon nach einem Jahr, sie ist beispielhaft für andere überraschende Personalentscheidungen zu dieser Zeit.

Zusätzlich zu den internen Problemen bemühte sich der Disney-Konzern um die Übernahme eines Fernseh-Networks, einer Senderkette mit nationalem Primetime- und lokalen Daytimesendungen. Damals, Mitte der 90er Jahre, war ganz Hollywood im Fusionsrausch, billige Kredite machten Übernahmen schmackhaft. Disney war quasi gezwungen, ebenfalls den Kauf eines Networks in Erwägung zu ziehen, auch wenn einige Führungskräfte dagegen waren. Die Synergien, schon lange übrigens von mittlerweile abgewanderten Jeffrey Katzenberg angepriesen, waren aber unverkennbar: Mit eigenen Fernsehsendern könne Disney seine Film- und Fernsehproduktionen über eigene Vertriebskanäle verwerten, außerdem könnten Produktionssparten zusammengelegt werden. Interessant in dieser Hinsicht: Das Network ABC, das letztlich von Disney gekauft wurde, war ursprünglich dritte, eigentlich sogar nur vierte Wahl bei den ersten Übernahmeplänen.

Michael Eisner hatte zu dieser Zeit keine Übernahme-Erfahrungen gemacht. Ein größerer Einkauf unter seiner Führung war bisher lediglich das Filmstudio Miramax gewesen; für diese höchst erfolgreiche Übernahme aber war fast ausschließlich Jeffrey Katzenberg verantwortlich. Eisner selbst hatte aber zumindest TV-Erfahrungen durch sein früheres Amt bei Paramount und glaubte zu erkennen, welches Unternehmen am besten zu Disney passe. Sein erster Favorit war das Network NBC, das damals in einer Krise steckte – für Eisner war interessant, es wieder zur Nummer eins zu machen. Hier lässt sich einmal mehr der ureigene Charakterzug Eisners erkennen, den Reiz in der Herausforderung zu suchen.

Normalerweise zieht Eisner seine Ideen auch durch, wenn er sie sich einmal in den Kopf gesetzt hat – zumindest bisher. Nach den Ereignissen des Jahres 1994 aber wandelt sich das Handen des impulsiven Dickkopfs: Schnell wird die Übernahme von NBC als zu teuer abgehandelt, Eisner selbst soll laut „DisneyWar“ dennoch eine gewisse Enttäuschung über das geplatzte Geschäft empfunden haben. Einen ähnlich überraschenden Rückzug machte er auch beim Themenpark-Projekt „Disney’s America“, dessen Planungen von Bürgerprotesten begleitet wurden. Nach neuen Kostentschätzungen und dem finanziellen Fiasko von Disneyland Paris traute sich Eisner auch hier nichts mehr und stellte das Projekt ein. Vielleicht war Eisner nach seinem Größenwahn, in Paris seine eigenen architektonischen Träume zu verwirklichen und kein bisschen zu sparen, auf den Boden der rechnerischen Tatsachen zurückgeholt worden.

Weitere Übernahmekandidaten im TV-Bereich waren nun noch CBS und ABC, zeitweise plante man sogar den Kauf des damaligen Entertainment-Riesen TimeWarner. Eisner wollte dieses Risiko allerdings nicht eingehen, plädierte zunächst für eine Übernahme eines einzelnen Networks: „Ich bin immer noch für CBS“, sagte er Mitte 1995 zu seinen Finanzmanagern. Im Laufe der nächsten Wochen klopfte er die Chancen sowohl bei CBS als auch bei ABC ab, letzteres Network erschien generell günstig und beinhaltete noch ESPN, einen aufstrebenden Sportsender, der immer bessere Zahlen vorweisen konnte. Eisners Vertrauter Sid Bass riet ihm letztlich zum Kauf von ABC; die Übernahme wurde im August 1995 besiegelt. Öffentlich hatte Eisner einen großen Sieg errungen, viele betrachteten den Deal als äußerst sinnvoll. Im New Yorker überschrieb Ken Auletta seinen Übernahmebericht mit der Schlagzeile „Awesome“ und schrieb: „Eisners Triumph verwandelt ihn erneut; aus dem Frosch wird wieder ein Prinz.“

Ungeklärt war zu diesem Zeitpunkt noch immer die Besetzung des Präsidentenpostens. Als natürlicher Nachfolger von Frank Wells kam dabei Robert ‚Bob‘ Iger ins Spiel, der damals Präsident von ABC war, das Disney ja nun übernommen hatte. In der Branche ist es nicht unüblich, dass der Chef bei einer Fusion dann einen noch höheren Posten bekleidet, in diesem Fall jenen des Disney-Präsidentenpostens. Eisner aber reagierte ambivalent auf den neuen Mann Iger: „DisneyWar“ beschreibt, dass Eisner von ihm zwar in gewisser Weise beeindruckt sei, dass er ihn allerdings intern auch schlecht gemacht habe. Für den Präsidentenposten sei Iger zu weich und zu gut aussehend, zu wenig kreativ (S. 319), letztlich noch nicht reif für diese Position. Eisner soll sogar mit dem Gedanken gespielt haben, Iger bei ABC zu feuern und durch den bereits bekannten Dennis Hightower zu ersetzen – unvorstellbar, wenn man in Gedanken ruft, wie erfolgreich Iger seit Jahren an der Spitze von Disney und als Eisners Nachfolger mittlerweile ist.


Michael Ovitz
Vielleicht, dies geht aber aus „DisneyWar“ nicht hervor, hat Eisner in Iger damals bereits einen Konkurrenten gesehen, der ihm gefährlich werden könnte (eine nicht unbegründete Prognose). Anders ist kaum zu erklären, dass er Iger selbst in seinem alten Job bei ABC feuern wollte, wo dieser dort nachweislich gute Arbeit geleistet hatte und durch seine Erfahrung die Integration von ABC bei Disney vorantreiben konnte. Michael Ovitz, Eisners Vertrauter, riet ihm daher auch von einem solchen Schritt ab: Es wäre ein Desaster, Iger so früh zu ersetzen, er habe eine Chance verdient. Letztlich wurde Ovitz selbst umworben, neuer Präsident bei Disney zu werden – Eisner sah in ihm einen fähigen Mann, den er offenbar kontrollieren konnte (beide kannten sich bereits 30 Jahre) und der ihm kaum in Konkurrenz treten könnte. Das Board war von der Personalie kaum überzeugt, doch Eisner kontrollierte es damals quasi und bewegte die Mitglieder letztlich zu einer Entscheidung pro Ovitz. Dieser war von der neuen Partnerschaft auch nicht wirklich überzeugt, fürchtete um die private Freundschaft mit Eisner, sollte die Geschäftsbeziehung nicht klappen. Als Hollywood-Agent war Ovitz in der Branche ein berüchtigter Mann, von Zeitungen sogar als der „mächtigste Mann Hollywoods“ beschrieben – Erfahrungen im Geschäft eines Entertainment-Imperiums hatte er bisher trotzdem keine.

Für Eisner war diese „private“ Lösung wahrscheinlich die einfachste, weil am einfachsten zu händelnde und für ihn offensichtlich die risikoloseste – auch in Bezug auf seinen eigenen CEO-Posten, der durch Michael Ovitz kaum gefährdet schien. Ob diese Lösung aber auch für das Unternehmen das Beste war, schien – wie so oft bei Eisners Entscheidungen – nur zweitrangig, wie sich später auch herausstellen sollte. Nachdem Ovitz den Job bei Disney angenommen hatte, rief er einen Vertrauten an und sagte: „Ich glaube, ich habe den größten Fehler in meiner gesamten Laufbahn begangen.“ (S. 323)

Über die Krise, die mit Michael Ovitz zu Disney kam, und über schwindende Unterstützung zu Michael Eisner berichtet der nächste Teil des Lesetagebuchs.
 
 
Bei Recherchen zu diesem Artikel bin ich auf ein sehr interessantes Videodokument gestoßen, das zwar nicht zum Inhalt passt, ich euch aber nicht vorenthalten will: eine Diskussion zwischen Bob Iger und Jeffrey Katzenberg über Entwicklungen im TV
 

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