Montag, 18. August 2014

Planes


Seit der von John Lasseter mitinszenierte Animationsstreifen Cars 2 in die Kinos düste, haben zahllose Pixar-Fans (und einige, die es einst waren) ein filmisches Lieblingsopfer. Die Agenten-Actionkomödie war visuell zwar ein Prachtwerk mit Hintergründen, die eine feine Balance zwischen Realismus und Imagination hielten, inhaltlich erstickt das wilde Treiben des Abschleppwagens Hook dagegen in Kritikpunkten. Anstrengende Gags, eine dümmliche Figurenzeichnung und die wohl giftigste Moral, die je vom Walt-Disney-Pictures-Markenlogo begleitet in die Lichtspielhäuser kam, machen Cars 2 zur Antithese solcher Meisterwerke wie Toy Story 3.

Als würde Pixar nicht schon im Alleingang eifrig an seinem Thron in der Welt der Computertrickfilme sägen, erhielt die Produktionsschmiede aus Emeryville bald darauf tatkräftige Unterstützung von den DisneyToon Studios. Mit Planes startete das Produktionshaus, das auch die TinkerBell-Filme verantwortet, sein eigenes, kleines Franchise im Cars-Look. Nicht nur, dass die sprechenden Flugzeuge aus Planes ein ähnliches Charakterdesign aufweisen wie die Pixar-Karren: Eine Einblendung im Film sowie ein penetrant im Marketing verwendeter Claim besagen, dass Planes in, Verzeihung, ÜBER der Welt von Cars spielt. Das Problem daran? Gelegenheitszuschauer können selbst nach jahrelangen Versuchen der Marvel Studios, sich als eigenständige Marke zu etablieren, nicht den Unterschied zwischen einer Marvel-Eigenproduktion wie Iron Man 3 und einem Marvel-Lizenzfilm wie X-Men – Zukunft ist Vergangenheit erklären. Wenn also zwei inhaltlich strikt voneinander getrennte Filmuniversen in den Augen vieler Kinogänger verschmelzen, wie soll ein unbescholtenes Publikum auseinanderhalten können, wo in, über und unter der Welt von Cars die Pixar-Künstler mitmischten und was von Disneys Merchandisingmaschinerie angeleiert wurde?

Es wäre kein so drastisches Problem, hätte Planes den Anspruch, der alten Disney-Maxime gerecht zu werden, gute, herzliche Geschichten für ein generationenübergreifendes Publikum zu erzählen. Aber schon die Erfahrung lehrte, dass die DisneyToon Studios nur selten nach diesen Sternen greifen. Da aber mit dem ersten TinkerBell-Film bereits ein anderer Startschuss für eine lang angelegte Reihe zu diesen Ausnahmen zählt, ist es niemandem zu verübeln, wenn er allen Warnungen zum Trotz mit einem Funken der Hoffnung an Planes herantritt.

Ob Planes eine optimistische Sichtweise verdient hat, hängt von der Erwartungshaltung ab. Wer befürchtet, dass die ursprünglich als DVD-Premiere geplante Produktion schlimmer ist als Cars 2, wird die austauschbaren Seichtheit von Klay Halls Regiearbeit wohlig in Empfang nehmen. Wer selbst von den DisneyToon Studios einen kleinen Funken der Disneymagie einfordert, könnte mit Planes so seine Probleme haben.

Die Geschichte eines Niemands, der für seinen großen Traum kämpft und ihn sich schlussendlich erfüllt, ist eine der großen Standarderzählungen des Familienfilms, und selbst wenn diese Narrative kaum noch für Überraschungen gut ist, kann sie noch immer unterhalten. Zuletzt machte etwa Turbo aus dem Hause DreamWorks Animation so mancher Mängel zum Trotz Spaß. Und gerade mit Blick auf die Kernzielgruppe, die längst nicht so viele Filme kennt und die sich daher an ausgelutschten Storylines längst nicht so sehr stört wie erwachsene Fans, sei hier dem Kernplot von Planes kein Haar gekrümmt. Dusty Crophoppers Wunsch, von der Landwirtschaft in den Rennsport zu wechseln, ist nachvollziehbar und unschuldig genug, um der Figur ein Minimum an Sympathie zukommen zu lassen.

Die Mängel von Planes liegen woanders. So begnügten sich die Autoren nicht damit, aus dem Protagonisten ein Sprühflugzeug zu machen, das sich zu höherem berufen fühlt. Der orange bemalte Flieger muss auch noch Höhenangst haben. Und das macht aus dem knuffigen Träumer Dusty eine kleine Lachnummer. Ein schnelles Flugzeug, das im Laufe seines Abenteuers Ängste überwinden muss? Fein. Ein langsames Flugzeug, das über seine Grenzen hinausgeht? Gut. Aber beides auf einmal? Das ist für diesen seichten, kantenlosen Film zu viel, da es je nach Betrachtungsart Dustys gigantische Probleme zu simpel darstellt oder aber Dusty wie einen absolut verblendeten Naivling zeichnet.

Ist dies noch zu verzeihen, machen die Nebenfiguren Planes durchaus schwerer verdaulich. Abgesehen von Jedermann Dusty sind sämtliche Teilnehmer am weltumspannenden Flugwettbewerb übertriebene Karikaturen ihrer Nationen: Der prahlerische mexikanische Wrestler, die philosophisch-geistliche Inderin, der versnobte Brite … Über ihre stereotype Oberfläche reichen diese Randcharacktere nie hinaus, während Dusty Freunde aus seiner Heimat über eine burschikose Mechanikerin hin zu einem Furzwitze machenden, dümmlichen Hook-Abklatsch reichen. Die Krönung des Ganzen ist aber Dustys Mentor Skipper Riley, ein knallharter Kriegsveteran mit dunklem Geheimnis. Da Skipper nicht nur eine raue Schale hat, sondern auch einen verlogenen Kern, wäre diese Figur eine willkommene Abwechslung von den restlichen, einschläfernd flachen Figuren in dieser Geschichte. Doch dann kommt die große Enthüllung, dass die Figur eine reale Schlacht im Zweiten Weltkrieg geschlagen und seine Division an Soldaten ins Verderben manövriert hat. Und an dieser Stelle hört der Spaß auf.

Elemente der Düsternis gehören zu Disney wie gute Musik. Aber während Meisterwerke wie Schneewittchen und die sieben Zwerge mit einem schaurigen Wald, Pinocchio mit einer erschreckenden Transformation oder Aladdin mit einem riesig-schlangenhaften Schurken eigene Schauermomente erschaffen, bedient sich Planes bequem an einer wahren, dunklen Stunde der Menschheitsgeschichte. Da der Zweite Weltkrieg sonst nichts mit den Themen des Films zu tun hat, ist dies nicht nur unangebracht und aus erzählerischer Sicht faul, es wirft auch massenhaft Fragen über die fiktive Welt von Planes und Cars aus. Gab es also ein Hitler-Vehikel, das jüdische Fahrzeuge vergasen ließ? Japanische Flugzeuge, die einen amerikanischen Flugzeugträger bombardierten? Ein Auto des Typs Ente namens Donald, das in einem Film gegen die Naziautos wetterte?!

Nicht nur das Drehbuch schludert dann und wann, auch visuell ist Planes nicht ganz ausgegoren. Teilweise sind die Hintergründe fast auf Cars-Niveau: Voller Details, die teils fantasievoll sind, teils für einen erhöhten Realismus sorgen. Andere Schauplätze sind allerdings auffallend-weitläufig leer, wieder andere sehen zwar gut aus, sind aber inkonsequent gestaltet: Sind in Cars 2 alle Gebäude so geformt, dass Autos und Flugzeuge in ihnen Leben können, sind in Planes manche Bauten in Menschenproportionen gehalten. Ist dies ein Makel für das geübte Auge, sorgt die Inszenierung einiger Dialogszenen bei Animationskennern wie auch beim Durchschnittszuschauer für einen Mangel an Engagement: Oft stehen die Figuren in einer Halbtotalen regungslos nebeneinander, wenn sich allein ihre Münder und Augen bewegen. Das ist visuell nicht sonderlich aufregend und macht bemerkbar, für welchen Markt und welches Budget der Film verwirklicht wurde.


Immerhin ist Planes aber kurz und auch relativ schnörkellos erzählt, so dass die Längen ausbleiben, die den ursprünglichen Cars-Teil plagten. Und da auch die gewaltigen moralischen Fehltritte von Cars 2 ausbleiben, ebenso wie solch nervenden komödiantischen Einlagen wie die vom rostigen Abschlepper Hook, ist Planes immerhin harmlose Unterhaltung für die ganz kleinen. Und große Animationsfans werden in den seltensten Fällen in Planes eine gute Investition sehen – aber wenigstens schmerzt diese Produktion nicht.

1 Kommentare:

corny hat gesagt…

Da bin ich jetzt aber Mal auf deinen Kommentar zu Planes 2 gespannt ^^

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