Montag, 23. März 2015

Kreativer Bankkrott und einträgliche Risiken: Von böser und guter Marken-Vitalisierung


oder: Weshalb Tron 3 aller Voraussicht nach die bessere Fortsetzung wird als Die Eiskönigin 2

Ich möchte etwaigen Unkenrufen direkt vorbeugen: Ja! Im Gegensatz zur breiten Mehrheit habe ich sonderlich wenig Freude an Disneys Milliardenerfolg Die Eiskönigin – Völlig unverfroren, was ich auch in vergleichsweise hoher Frequenz der Welt mitteile. Dass mich ein Sequel zu diesem Animationsfilm nicht zu Jubelschreien verleitet, ist daher keine Überraschung. Im Gegenzug dazu gefällt mir das audiovisuelle Erlebnis Tron: Legacy ausgesprochen gut, so dass ich einer Fortsetzung aufgeschlossen gegenüberstehe. Trotzdem wage ich zu behaupten, dass es nicht allein meine persönlichen Präferenzen sind, die mich einen neuen Ausflug aufs Raster in eine andere Schublade stecken lassen als eine weitere Reise nach Arendelle .

Blicken wir zunächst auf Tron: Legacy: Die 170 Millionen Dollar teure Weitererzählung des Kultfilms Tron fällt genau auf die Grenze zwischen finanzieller Enttäuschung und kleinem Erfolg. Nach gewaltigem Vorabhype, angetrieben von passioniertem viralen Marketing sowie engagierter Präsenz auf mehreren San Diego Comic Cons, generierte das Regiedebüt des ehemaligen Architekten Joseph Kosinski weltweit ein Einspiel von 400 Millionen. Dies machte das Projekt zwar einträglich, jedoch platzierten diese Werte den Streifen auch klar unter Disneys erhofften Zahlen. Auch das Merchandising zum Film erwies sich eher als Strohfeuer – abgesehen vom extrem populären Soundtrack. Ebenso übertrafen die imDisney California Adventure abgehaltenen Tron-Partyevents mühelos sämtliche Erwartungen, weshalb sie deutlich länger Teil des Resort-Veranstaltungskalenders blieben als geplant.

Dafür endete die von Kritikern sehr positiv besprochene Tron-Trickserie nach nur einer Staffel. Die einst prognostizierte Dominanz des Franchises in der Videospielwelt traf ebenfalls nicht ein (Sam Flynn und Quorra erscheinen daher bei Disney Infinity nur als PC-exklusive Figuren und nicht etwa als 'echte' Figuren), und der dritte Part der Tron-Saga drehte bald fünf Jahre lang Runden in der Development Hell. Erst jetzt, diverse Drehbuchrevisionen später, scheint das Projekt bei Disney ein Standing zu haben – und das, obwohl es für Cast und Crew von Tron: Legacy stets eine hohe Priorität einnahm. Gewiss, vorzeitige Diskussionen einer potentiellen Fortsetzung sind bei hoch budgetierten Hollywood-Filmen längst Teil der PR-Maschiene geworden, Schauspieler sprechen sich in Promo-Interviews zum 'Original' längst nahezu reflexartig für ein Sequel aus. Bei Tron: Legacy aber ist eine ehrliche Hingabe spürbar, egal ob bei Olivia Wilde, die in Interviews häufiger sagt, einen neuen Tron drehen zu wollen. Oder bei Bruce Boxleitner, der Tron schlichtweg nicht aufgeben will. Oder bei Joseph Kosinski, der verlässlich wie ein Uhrwerk alle paar Monate Tron zurück in die Filmpresse zerrt.

Der dritte Tron-Film kann also mit ziemlicher Sicherheit als ein Vorhaben bezeichnet werden, das von künstlerischer Seite angetrieben wird – und von wirtschaftlichen Interessen einfach nur nicht total ausgebremst wird. Immerhin erhält Shanghai Disneyland eine Tron-Attraktion, deren Existenz garantiert, dass der Disney-Konzern nicht völlig daran desinteressiert ist, die stylische Welt des Rasters auch außerhalb der Parkgrenzen in den Köpfen der Menschen zu verankern. Ohne das Tron-Fahrgeschäft hätten Kosinski und Co. es noch schwerer, grünes Licht für den Film zu erkämpfen. Aber machen wir uns nichts vor: Wäre Tron 3 aus reinem Konzernkalkül entstanden, wäre er schon längst im Kasten.

Bei Die Eiskönigin – Völlig unverfroren verlief es dagegen nahezu entgegengesetzt. Nachdem sich die lose Hans-Christian-Andersen-Verfilmung als überwältigender Kassenschlager entpuppte, der obendrein Unmengen an Merchandise losschlug, gab es von Cast und Crew in Sachen Fortsetzung solche Sachen zu hören: "Ich glaube, weil der Film so erfolgreich war, wird es wohl eine Fortsetzung geben." Es ist allein der Erfolg, der die Debatte über weitere Eiskönigin-Projekte dominiert. Bob Iger feierte Frozen als eine von Disneys Topmarken – und betrachtete den Film somit von der Disney-Princess-Linie losgelöst, eine Ehre, die Rapunzel beispielsweise nicht zuteil wurde. Eiligst wurde ein Kurzfilm inAuftrag gegeben, den sich die Regisseure entsprechend rasch aus den Haaren zogen. Und nun ist also auch eine Fortsetzung in Arbeit. In dieser Form unerhört für Disney. Die einzigen Filme, die innerhalb des sogenannten Meisterwerke-Kanons ein Sequel erhielten, sind Fantasia, Bernard & Bianca, Die vielen Abenteuer von Winnie Puuh und je nachdem, wie man den Fall betrachtet auch Saludos Amigos. Alle anderen Disney-Trickfilme, die fortgeführt wurden, fanden ihren Nachfolger bloß durch eine Produktion der zweitrangigen DisneyToon Studios.

Der Abstand zwischen Original und Fortsetzung beläuft sich bei den drei „echten“ Fortsetzungen auf 59, 13 und 34 Jahre. Nur zwischen Saludos Amigos und Drei Cablleros ging es einem Jahr zügig voran. Dass die Walt Disney Animation Studios so selten Fortsetzungen produzieren, hat auch guten Grund: Sie sind der traditionsreiche Kern des Disney-Konzerns, gewissermaßen das Herz und die Seele dieses Entertainmentgigantens. Man könnte sagen, dass allein schon diese kulturelle Verantwortung die Disney-Trickleute anstrebt, sich nicht unnötig vom Fortsetzungswahn mitreißen zu lassen. Erst recht nicht, weil Walt Disney ein ausgesprochener Gegner (animierter) Fortsetzungsgeschichten war. Vor allem aber arbeitet das Disney Trickstudio mit begrenzten Ressourcen. Während der Disney-Konzern es theoretisch vermag, bis zu zwei Dutzend Realfilme im Jahr zu veröffentlichen, kommt die kleine, doch feine Belegschaft der Walt Disney Animation Studios auf höchstens zwei Langfilme im Jahr. Seit 1937 kamen gerade einmal 54 offizielle Langfilme aus dem Trickhaus – bei dieser Schlagzahl zahlreiche talentierte Animationskünstler für eine Fortsetzung in Beschlag zu nehmen, muss wohl überlegt sein. Zumindest, sofern Disney sein Flagschiffstudio nicht schlagartig massiv vergrößert.

Während Fantasia 2000, egal wie gut oder schlecht manche Disney-Liebhaber ihn nun halten mögen, wohl kaum eine Produktion ist, die man als Verschwendung menschlicher Ressourcen bezeichnen würde, ist Die Eiskönigin – Völlig unverfroren ein ganz anderer Fall. Selbst ich, der diesem Märchenmusical kaum etwas abgewinnen konnte, möchte sehen, wozu Regisseurin Jennifer Lee noch imstande ist. Was sie mit einem anderen Setting, anderen Figuren, ja, vielleicht auch einem anderen Genre anzustellen weiß. Die Eiskönigin – Jetzt friert's richtig!, Die Eiskönigin – Saukalt abgezockt oder wie auch immer das Sequel heißen wird, verhindert für viele Jahre, dass die Animationswelt etwas Frisches von ihr zu Gesicht bekommt. Es beansprucht einen der raren Slots im Produktionsapparat der Walt Disney Animation Studios. Und ist dann noch obendrein dermaßen offensichtlich ein von oben gesteuertes Unterfangen, ein Konzernmandat. Die Einspielergebnisse und Merchandisingverkäufe waren umwerfend – mehr davon! Während Joseph-Kosinsi-Interviews jahrelang sinngemäß aussagten „Ich habe eine richtig tolle Idee und hoffe so sehr, dass Disney mich sie umsetzen lässt“, lesen sich Interviews der kreativen Verantwortlichen hinter Die Eiskönigin – Völlig unverfroren ungefähr so: Wir haben absolut keine Story, aber die Ankündigung macht was her.


Selbstredend: Es bestehen allerhand Parallelen zwischen Die Eiskönigin – Verfroren und zugeschneit und Tron 3. Es sind Disney-Filme, die Produktionen fortsetzen, die an den Kinokassen schwarze Zahlen geschrieben haben und die sich in den Spielzeugregalen dieser Welt sowie in den Disney-Parks mannigfaltig auswerten lassen. Anders etwa als solche Filme wie Die Coopers – Schlimmer geht’s immer. Beide Projekte dienen in den Augen der Disney-Geschäftsführung als lebenserhaltende Mittel einer bereits etablierten Marke – beziehungsweise gleich zweier Marken, nämlich der Muttermarke Disney sowie dann der Submarke Frozen respektive Tron. Jedoch hat der Sci-Fi-Film über User, Programme und audiovisuelle Wagnisse einen schon jetzt hörbaren künstlerischen Herzschlag. Während ausgerechnet der Film der Traumfabrik namens Walt Disney Animation Studios bislang daran zweifeln lässt, dass er eine Seele aufweist.

Und obwohl Die Eiskönigin – Annas frühlingshafte Abenteuer im pinkfarbenen Glitzerwald basierend auf den bislang bekannten Fakten einer künstlerischen Bankkrotterklärung gleichkommt, ganz im Gegensatz zum durchaus risikoreichen Tron 3, ist dieses Schreckensprojekt nicht der Tiefpunkt. Disney kann noch viel schlimmer: Wenn eines Tages herauskommt, dass die Idee, Dumbo wäre für ein Realfilmremake prädestiniert, mittels eines Dartpfeilwurfs beschlossen wurde … Also, ich wäre nicht überrascht. Ein am Broadwaymusical angelehnter Die Schöne & das Biest-Realfilm mit alten wie neuen Liedern ergibt ja noch Sinn. Er wird zwar die Adaption einer Adaption einer Adaption, jedoch leuchtet es ein, weshalb jemand denken könnte, dass die Filmwelt eine solche Ergänzung benötigt. Es lässt sich jetzt schon ausmalen, dass bei entsprechender Lesitung der Verantwortlichen der benötigte Balanceakt aus Eigenständigkeit und Vorlagennähe geleistet werden kann, um das Publikum nicht zu verprellen. Dass Tim Burton eine Horde CG-Elefanten und vereinzelte reale Schauspieler zu einem ansehnlichen Gesamtwerk orchestrieren kann, ist hingegen nahezu unvorstellbar.

Da lobe ich es mir, wann immer Disney neben seinen potentiell sehenswerten sowie seinen voraussichtlich grauenvollen Markenfilmen auch gänzlich anders tickende Filme herausbringt. Wie etwa The Finest Hours, ein Katastrophendrama mit Chris Pine, Eric Bana und Casey Affleck über schiffbrüchige Arbeiter einer Ölplattform. Denn auch solche Werke sind wichtig für das Disney-Image. Sie halten die Flagge der kleinen, herzlich-inspirierenden Disney-Filme am Leben. Dave Hollis, ausführender Vizepräsident des Vertriebsarms der Walt Disney Studios, hat dies erkannt. Auf dass sein Vertrauen in solche Filme wächst und gedeiht. Denn ein Disney, das alles kann, große wie kleine Filme, Markenprojekte wie Einzelproduktionen, ist ein besonders starkes Disney!

6 Kommentare:

Ann-Kathrin Rohrschneider hat gesagt…

Gab es nicht die gleichen Infos schon zu Ralph reicht's 2?
Ich bin da optimistisch, und gehe davon aus, dass nichts so heiß gegessen wie gekocht wird.

Nebenbei bemerkt ist die bisherige Rate an "offiziellen" Disney-Meisterwerk-Fortsetzungen wirklich beeindruckend niedrig. Das sollte man sich mimer wieder ins Gedächtnis rufen, wenn Disney für seine Sequelitis verschrien wird.

Sir Donnerbold hat gesagt…

Ich glaube, der wesentliche Unterschied ist, dass es bei der Ralph-Fortsetzung nur auf hohem Niveau rumorte: Rich Moore sprach in Interviews sehr zuversichtlich über das Sequel aus, sagte, dass er Ideen hätte (unter anderem, wie man Mario einbauen könnte), und auch Komponist Henry Jackman wurde bezüglich der Pläne zitiert. Meiner Erinnerung nach blieb aber so etwas wie die von John Lasseter auf einem offiziellen Anlass getätigte, geschäftlich-förmliche Ankündigung aus. Daher erscheint mir "Frozen 2" konkreter, näher, wahrscheinlicher als Neues von Ralph. Und somit auch "bedrohlicher".

Einer Ralph-Fortsetzung hätte ich ebenfalls zweifelnd gegenüber gestanden, aus dem genannten Grund, dass WDAS sich auf Neues stürzen sollte. Wobei mir zugegebenermaßen die vorsichtigen Andeutungen eines neuen Films über den randalierenden Videospiel-Hünen etwas sympathischer erschienen. Da der Regisseur die Debatte loslöste, indem er von neuen Storyimpulsen sprach, ist "Wreck-it Ralph 2" näher an "Tron 3" als an "Frozen 2", wo meiner Wahrnehmung nach erst die Logik "Einen Erfolg sollte man melken!" im Raum stand, und danach die Suche nach dem geeigneten Inhalt losging. Klar, auch solche Fortsetzungen können funktionieren, aber im Meisterwerke-Kanon ist die Fallhöhe einfach zu groß.

Und, ja, wann immer filmjournalistische Artikel andeuten, dass ja eh ein "Baymax 2" kommen wird und auch "Frozen 2" unvermeidlich war, stutze ich ein wenig. Drei bis vier Fortsetzungen im Kanon sind wenig, zumal nur eine einzige dieser Produktionen eine durchgehende Handlung aufweist und somit ein konventionelles Sequel ist. Ansonsten führte Disney schlicht Anthologien / Package Movies fort, was ja auch nochmal eine ganz andere konzeptuelle Kiste ist.

Anonym hat gesagt…

Eine Fortsetzung zu "Ralph reicht's" wurde ja auch nie offiziell bestätigt. Es wurde lediglich berichtet, dass Ideen vorhanden sind, die durchaus eine neue Geschichte erzählen könnten.
Im Falle "Frozen" ist es nun aber offiziell, dass ein zweiter Teil in Produktion geht. Die Gründe waren bisher aber nur sowas wie "Wir wollen einfach noch viel mehr von Anna und Elsa zeigen." Sprich: "Wir wollen einfach noch viel mehr Annas und Elsas ins Merchandise-Regal stellen." Dies fing mit dem Kurzfilm ja nun schon an: Die Geschichte ist so unglaublich banal, die Charaktere sind weit von der Tiefe aus dem Originalfilm entfernt, aber: es gab neue Outfits!

Ich finde es traurig, dass Disney nun doch weitere Fortsetzungen für Meisterwerke produziert. Vor allem, wenn sie tatsächlich im Kanon entstehen. Denn "Frozen 2" wird ohne Frage ein finanzieller Erfolg, egal, wie schlecht oder gut er sein wird. Und dann werden sicherlich die Filme der letzten fünf Jahre rausgekramt und erhalten ebenfalls eine Fortsetzung. Und neue Produktionen mit neuen Ideen werden weniger, verschoben oder verworfen... Pixar lässt grüßen... -.-

Anonym hat gesagt…

Ich muss sagen mir hat die "Frozen"-Storyline in der Serie "Once Upon A Time" wesentlich besser gefallen als der originale Film!

Anonym hat gesagt…

"Alice" wird ja auch eine Fortsetzung bekommen ... Hhmm.

Anonym hat gesagt…

"Alice" bekommt auch eine Fortsetzung ... Hhmm.

Kommentar veröffentlichen