Sonntag, 2. August 2015

Thor


Das Comicuniversum Marvels war über Jahrzehnte hinweg am besten für seine diversen mutierten Superhelden bekannt. Seien es die freundliche Spinne von nebenan, die Mutantenschüler von Professor X oder, wenn man auch ihn als Mutanten auffassen will, der grüne Wutriese Hulk. Während der Comicgigant ab 2008 bei der eigenständigen Produktion von Kinofilmen zwar auf letzteren zurückgreifen durfte, lagen durch zuvor geschlossene Lizenzvereinbarungen zahlreiche weitere populäre Figuren außer Reichweite. So beschloss das Team rund um Kevin Feige, sich innerhalb des riesigen Marvel-Archivs gezielt auf die noch vorhandene B-Riege zu stürzen. Wichtige Figuren, die ein unerlässlicher Bestandteil des Avengers-Teams sind, aber zuvor nicht solch eine breite Berühmtheit erlangt haben wie Spider-Man oder die X-Men. Schon Iron Man war vor seinem eigenen Realfilm zwar dank seiner eigenen Trickserie auch manchen Nicht-Comiclesern ein Begriff, jedoch längst nicht die Ikone, zu der er daraufhin aufstieg. Mit Thor gingen die Marvel Studios noch einen Schritt weiter und ließen einen Superhelden auf die Leinwand, dem "nur" ein 13-teiliges Segment innerhalb der spärlich budgetierten Trickserie The Marvel Super Heroes und diverse Gastauftritte in anderen Serien aufzuweisen hatte.

Mit seiner mythologischen Unterfütterung stellte Thor aber eine gute Wahl für den vierten Eintrag ins 'Marvel Cinematic Universe' dar, immerhin ließen sich so auch Kinomärkte ansprechen, die in Sachen Superhelden weniger experimentierfreudig sind als im Bereich der Fantasy. Denn nach einem kurzen, irdisch verorteten Prolog mit guter Humordosis eröffnet Thor erst einmal so wie ein schwelgerischer Fantasy-Film (bevor wir uns einer "Fish out of the water"-Storyline nähern, die viel Spaß auf unserem blauen Planeten mit sich bringt): Göttervater Odin (Anthony Hopkins) hat seine kriegerischen Tage hinter sich gelassen. Einst führte er einen erbitterten Kampf gegen die seinem Königreich Asgard feindlich gesinnten Eisriesen, nunmehr zeigt er sich als besonnener Herrscher, dem heißblütige Rachemanöver zuwider sind. Odins Erstgeborener Thor (Chris Hemsworth) hingegen ist ein Krieger, wie er im Buche steht. Als eine Gruppe Eisriesen in die Waffenkammer eindringt, beschließt er, Rache zu nehmen. Gegen Vaters Rat zieht er mit seinen Freunden in das feindliche Reich, um den Eisriesen seine Macht zu demonstrieren. Dies erzürnt Odin derart, dass er dem blonden Recken seine Kräfte raubt und ihn auf die Erde verbannt – sehr zur Freude von Thors eifersüchtigen Bruder Loki (Tom Hiddleston), der somit in der Thronfolge nach vorne rückt.

Auf der Erde rennt Thor geradewegs in den Wagen der Forscherin Jane Foster (Natalie Portman), die mit ihrem Team unerklärliche Wetterphänomene untersucht. Die unsanfte Begegnung endet zwar glimpflich genug, aber Thor verwirrtes Gerede beschert ihm trotz körperlicher Unversehrtheit einen Krankenhausaufenthalt. Während Janes Kollegen die ganze Geschichte damit als beendet betrachten wollen, glaubt sie, durch ihre Zufallsbekanntschaft Antworten auf brennende Forschungsfragen zu erhalten ...

Obschon die Szenen in der weit entfernten Welt Asgards Thor fast sowas wie ein Alleinstellungsmerkmal innerhalb des Superheldengenres verleihen, so sind sie gleichzeitig das schwache Glied im Kettenhemd dieses Marvel-Abenteuers. Shakespeare-Experte Kenneth Branagh bemüht sich redlich, dem Göttertreiben gediegene Theatralik zu verleihen, indem er die Gespräche zwischen den Asen bevorzugt in weite Räume verlegt, die er wiederum in weiten Winkeln einfangen lässt. Hinzu kommen eine vom britischen Barden inspirierte Sprache sowie Akzente setzende, mittellange Pausen in den Dialogen - allerdings verfehlen diese Elemente teils ihre Wirkung. Denn das Komplott von Thors intrigantem Bruder hat rein konzeptuell vielleicht das Zeug, aus dem Shakespeare-Dramen sind, in der Umsetzung ist Lokis leicht weinerliches, opportunistisches Vorgehen zu seicht, um dieser 'Verpackung' gerecht zu werden. Das Design Asgards ist zwar prächtig und treffend überbordend, allerdings leuchtet Kameramann Haris Zambarloukos die realen Sets zu häufig in einem so grellen Licht aus, dass sie künstlich wirken. Im Zusammenspiel mit den sterilen CG-Ergänzungen wecken Kamerafahrten durch Asgard daher öfters Erinnerungen an MMORPG-Trailer als an waschechte Kinoware.

Wie aus einem Fantasy-Rollenspiel von der Stange mutet auch die erste Actionsequenz von Thor an: Der Feldzug des Donnergotts und seiner Anvertrauten gegen die Eisriesen ist unrhythmisch geschnitten, ohne dramaturgischen Unterbau und leidet zudem an durchwachsenen Digitaltricks, deren visuelle Gestaltung zusammen mit den (ebenfalls weitestgehend digitalen) Hintergründen der Eiswelt einen grau-grau-eisblauen Matsch ergibt. Nicht zuletzt wegen dieser unkoordinierten Schlacht gerät der anfängliche Asgard-Part zäh und trocken, so dass nur die humorvollen Aspekte rund um Thors Hammer-Kampfstil für einen Hauch Esprit sorgen. Sobald der rebellische Thronanwärter aber auf die Erde verbannt wird, nimmt Branaghs Superhelden-Actionkomödie ordentlich an Fahrt auf.

Denn das Drehbuchteam Ashley Edward Miller, Zack Stentz und Don Payne hat es tatsächlich vollbracht, die selten ansprechende Grundidee, eine Figur mit fantastischem Hintergrund in unsere urbane Realität zu versetzen (siehe etwa Beastmaster II – Der Zeitspringer und Masters of the Universe) stimmig umzusetzen. Anders als viele verwandte Filme blickt Thor in seinem Culture-Clash-Aspekt weder auf unseren Alltag herab, noch auf den verständlicherweise verwirrten, mit unseren Gepflogenheiten aneckenden Thor. Beiden Parteien wird Sympathie abgerungen, der Witz generiert sich nicht aus Abfälligkeiten, sondern aus gewitzt eingefangenen Diskrepanzen zwischen dem, wie Thor sich zu verhalten hat und wie er sich verhalten möchte. Dass dieser Balanceakt funktioniert und das Gag nicht nach wenigen Minuten ausgelutscht ist, ist dabei zu großen Teilen der Performance von Chris Hemsworth zu verdanken. Durchtrainiert und mit dem spitzbübischen Lächeln eines rebellischen Sohnes, der es eigentlich nur gut meint, hat er die Sympathien schnell auf seiner Seite. Der Australier verschwindet entsprechend schnell in seiner Rolle des gleichermaßen charismatischen wie ungestümen Donnergottes. Zwar ist es möglich, Haare zu spalten und einige Ungereimtheiten in der Charakterzeichnung finden (Thors saubeutelnde Wikinger-Mentalität mutiert innerhalb eines Wimpernschlags zu durchgehend ritterlicher Höflichkeit). Allerdings ist Hemsworths Leinwandpräsenz derart übermächtig und sein komödiantisches Timing so punktgenau, dass diese schwankende Persönlichkeit nur auffällt, wenn man mit Adleraugen nach Makeln im Film sucht.

Unterstützt wird der Witz, der Hemsworths trotz aller Spaßigkeit nie lächerlich wirkenden Rolle innewohnt, dadurch, dass auch sein unmittelbares irdisches Umfeld deutlich lockerer auftritt als die Bewohner Asgards. Durch die flockige, sich selten um einen leichtgängigen Spruch drückende Art von Natalie Portman, Kat Dennings sowie Stellan Skarsgård erhöht sich auch die Glaubwürdigkeit des Plots: Figuren, die eh nicht alles bierernst nehmen, kauft man einfach viel problemloser ab, wenn sie das strenge, logische Denken, Aliens könne es nicht geben, hinterfragen und dann auch mal nach kurzen Zweifeln direkt glauben, eben diese Aliens könnten die Vorlage für altnordische Religionen sein. Dahingehend erweist sich auch das Casting Portmans als Glücksgriff: Während das Skript ihrer Rolle der Jane Foster nur die allernötigsten Konturen verleiht, hebt die Mimin die Figur mit einer grundsympathischen Heiterkeit und zurückhaltend-romantischer Ader auf ein überzeugenderes Niveau. Dennings derweil bekommt die besten Einzeiler und Skarsgård tänzelt zwischen stiller Erhabenheit und trockener Kauzigkeit. Tom Hiddleston indes bemüht sich redlich, Loki Tiefe zu verleihen, und wann immer er sich auf der Gewinnerseite wähnt, blitzt das auf, was seine Rolle später in Avengers und dem Thor-Sequel zum Publikumsliebling machen wird. Aber die Versuche, Loki hier eine innere Zerrissenheit zu verleihen, scheitern schlicht am Skript.

Ein Aspekt, in dem Thor dafür meilenweit an Iron Man 2 vorbeidüst, ist die Verwebung dieses Soloabenteuers in das riesige Marvel-Filmuniversum. Kam der zweite Einsatz des Mannes in der fliegenden Eisenrüstung zwischendurch wie eine penetrante Avengers-Promo rüber, arbeitet Thor seine Referenzen viel flüssiger ein. Neben einigen in Pointen verorteten Anspielungen auf andere Comichelden kommt auch hier die obligatorisch gewordene Organisation S.H.I.E.L.D. vor, deren Auftauchen allerdings eher als Bonus für Marvel-Kenner angelegt ist. Die Geschichte würde ähnlich verlaufen, hätte man irgendeinen anderen Geheimdienst abkommandiert, Thors Hammer zu untersuchen, bloß wäre das für Insider dann nicht ganz so unterhaltsam. Vor allem, weil man dann auf den köstlichen Clark Gregg in seiner Rolle als S.H.I.E.L.D.-Agent Phil Coulson verzichten müsste.

Worauf Branagh, vor dem unter anderem Sam Raimi (Spider-Man) und Matthew Vaughn (Kick-Ass) als Regisseur im Gespräch waren, derweil sehr wohl verzichtet: Es mangelt Thor an einem wikingerstarken Soundtrack. Patrick Doyles Kompositionen sind zwar gefällig, jedoch wecken sie nicht gerade Assoziationen mit nordischen Göttern und passionierten Kriegern. Mit ihrer passablen Qualität befindet sich die Originalmusik von Thor also ungefähr auf einem Niveau mit der 3D-Konvertierung dieses Superheldenfilms: Der Effekt wird nur selten ausgereizt, jedoch ist die Tiefenwirkung, wenn sie zur Geltung kommt, grundsolide und das Bild ist zudem nahezu frei von Irrbildern.

Unterm Strich ist Thor viel unterhaltsamer, als man nach so vielen negativen Aspekten annehmen müsste. Die unaufregenden Actionsequenzen sind ähnlich schnell verziehen, wie die Unfähigkeit des Drehbuchs, Lokis Komplott fesselnd vor einem auszubreiten. Denn die Sequenzen im staubigen US-Provinzkaff sind zu kurzweilig geschrieben und die Darsteller zu charmant, als dass Thor hinter dem Comicfilm-Durchschnitt zurückfällt. Längen gibt es durchaus, der spaßige Kern dieses Films wird dafür mit jedem Ansehen charmanter. Kein Hammer von einem Film, doch grundsolide!

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