Samstag, 15. Oktober 2016

Blair Witch


Ganz gleich, wie sehr manche 1999 vom Hype mitgenommen wurden und sich andere entnervt abgewendet haben: Es steht wohl außer Frage, dass Blair Witch Project nicht nur ein ungeheuerlich einträglicher, sondern auch immens einflussreicher Horrorfilm ist, der einen zu seiner Zeit recht originellen Ansatz verfolgt hat. Die in grobkörnigen Bildern eingefangene, als in der Wildnis entdecktes Film-Rohmaterial ausgegebene Geschichte über Studenten, die sich in einem schaurigen Wald verlaufen haben, arbeitet primär durch psychologische Tricks: Man sieht überhaupt nichts, das in einem anderen Kontext angsteinflößend wäre. Es gibt zwar eine Tonspur mit rätselhaften Klängen, aber keine unentwegten Lautstärkesprünge, die als Schreckmomente dienen sollen. Durch Assoziation, Andeutungen und dichtes Storytelling weiß Blair Witch Project in seinen Bann zu ziehen und zu beklemmen - so lange man sich auf die Handlung einlässt. Anderweitig ist es ein keinerlei Schrecken zeigender Wust aus wackligen Bildern. Anders gesagt: Blair Witch Project ist ein Beispiel von Horrorerzählkunst, die auf aufschreckende Ton- und eklige Bildeffekte verzichtet.

Bereits ein Jahr nach dem Sensationserfolg von Blair Witch Project kam mit Book of Shadows: Blair Witch 2 ein nicht als Found-Footage-Film gehaltenes, gemeinhin verrissenes Sequel in die Kinos, das hauptsächlich daher nennenswert ist, weil es eine Zeitkapsel der frühen 2000er darstellt. Als Sehvergnügen würde diesen wirren Film kaum jemand bezeichnen. Nun, 16 Jahre später, geht die Geschichte weiter. Book of Shadows wird von Drehbuchautor Simon Barrett und Regisseur Adam Wingard geflissentlich ignoriert, stattdessen versteht sich ihr Blair Witch als inhaltlich direkte, zeitlich aber in Echtzeit fortgeschrittene Weitererzählung des Originals. Klingt verwirrend? Ist es aber nicht - verwirrend wird Blair Witch erst gegen Ende.

James Donahue (James Allen McCune), der jüngere Bruder der Blair Witch Project-Protagonistin Heather, ist felsenfest davon überzeugt, dass seine Schwester noch immer lebt und irgendwo im Wald nahe Burkittsville, Maryland umherirrt. Eine im Internet aufgetauchte Videoaufnahme, die dort entstanden sein soll und eine verletzte, panische Frau zeigt, bestärkt ihn in seinem Glauben. Zusammen mit seinen Bekannten Peter Jones (Brandon Scott), Ashley Bennett (Corbin Reid) und Lisa Arlington (Callie Hernandez) beschließt er daher, sich nach Burkittsville aufzumachen und Heather zu suchen. Filmstudentin Lisa stattet sich selbst und die drei weiteren Mitglieder dieser Reisegruppe mit modernem Kameraequipment aus, so dass sie die Ereignisse rund um James' Suche nach Heather in einer Dokumentation festhalten zu können. Weitere Unterstützung erhalten sie durch die Teenager Talia (Valorie Curry) und Lane (Wes Robinson), die behaupten, das Internetvideo, das möglicherweise Heather zeigt, entdeckt zu haben. Doch mitten im angeblich verwunschenen Wald angelangt, kommt es nicht nur zu schaurigen Situationen, sondern auch zum Streit innerhalb der Gruppe ... 

Blair Witch hat mit Book of Shadows gemeinsam, dass beiden Filmen ein nahe liegendes Storykonzept zugrunde liegt: Der Misserfolg aus dem Jahr 2000 handelte davon, dass die Protagonisten beweisen wollen, dass der sich als real ausgebende, doch letztlich fiktionale Blair Witch Project sehr wohl wahr ist. Ein angesichts des im Vorjahr gegebenen Hypes cleverer Schachzug, aus dem nur leider nichts von Wert gemacht wurde. Blair Witch wiederum geht die ebenfalls plausible Route, davon zu erzählen, dass Hinterbliebene nach den verschollenen Personen aus dem Erstling suchen. Und anders als das Book of Shadows-Autorenquartett Dick Beebe, Joe Berlinger, Daniel Myrick & Eduardo Sánchez weiß Drehbuchautor Simon Barrett (The Guest) seine Idee wenigstens über weite Strecken stringent auszuarbeiten.

Die Figuren sind zwar längst nicht so klipp und klar skizziert wie die aus jüngeren Genreerfolgen wie Don't Breathe oder den Conjuring-Filmen, allerdings auch längst nicht solche Nervensägen wie die Helden aus solchen Found-Footage-Kinostarts der jüngeren Vergangenheit wie The Pyramid oder The Gallows. Stattdessen finden sie sich auf einem mittleren Horrorprotagonisten-Level wieder: Sympathisch genug, dass der Filmeinstieg, bevor für die Helden alles den Bach runter geht, angenehm gerät, aber nicht so markant, dass sie in Erinnerung bleiben würden. Leider ist vor allem James Allen McCunes Figur schwach charakterisiert, obwohl seine Rolle der Handlungsmotor ist. Brandon Scott wiederum ist als Angsthase Peter zwar szenenweise nah am Horrorklischee des verschreckten Schwarzen, doch durch einen natürlich wirkenden, statt slapstickhaften Humor gewinnt Peter genügend an Kontur, um nicht völlig Stereotyp zu sein. Corbin Reids Ashley indes bleibt weniger ob ihrer Persönlichkeit in Erinnerung, sondern eher aufgrund der nie überbordenden, und daher erst recht so unter die Haut gehenden Widerlichkeiten, die sich die Filmemacher für diese Figur haben einfallen lassen.

Callie Hernandez (Nebendarstellerin in diversen Robert-Rodriguez-Projekten) alias Lisa dagegen erweist sich als Besitzerin solider Schultern, auf denen diese gruselige Waldwanderung ruht. Sie darf zwar kaum mehr machen als sich mit Weggefährten zanken, Panik schieben und verängstigt durchs Bild rennen, wie aber unzählige andere Horrorfilme vorführten, können Mimen auch diese Aufgabe verhauen. Hernandez dagegen wirkt stets so, als würde sie die Schrecken ihrer Figur tatsächlich durchmachen. Auch Valorie Curry und Wes Robinson überzeugen als Geheimnisse mit sich bringendes, streitbares Paar: Robinson kommt ebenso jämmerlich wie potentiell gefährlich rüber, während Curry mit dezentem Goth-Chic und kleinlautem Auftreten die Dynamik der Gruppe reizvoll ändert.

Eingefangen wird das Geschehen in einer gelungenen Aktualisierung des Stils im Original: Wingard setzt auf einen eklektischen Mix aus modernen Mini-Digitalkameras, Dronenaufnahmen und altmodischen Camcordern. Durch die verschiedenen Blickwinkel und Bildauflösungen, die diese Kameras ermöglichen, bleibt Blair Witch durchweg der Found-Footage-Prämisse treu, erreicht dennoch eine hohe visuelle Vielfalt, was auch der Spannung entgegenwirkt: Eine ans Ohr geclippte Kamera lässt das Publikum Dinge sehen (und eben nicht sehen, da sie außerhalb des Sichtbereichs sind) als etwa eine von Hand geführte Digitalkamera. Lästig ist derweil, dass Wingard die angespannte Atmosphäre des Films forciert und ungalant dadurch intensiviert, dass das Rauschen, Rascheln und Gegen-das-Mikrofon-Klopfen, das beim Ein- und Ausschalten sowie Abnehmen und Aufsetzen der Kameras entsteht, in einer das Trommelfell attackierenden Lautstärke abgespielt wird. Das sind zwar keine akustischen Jump Scares im klassischen Sinne, trotzdem ist es ein schäbiger inszenatorischer Trick, wenn alle paar Minuten durch solche Knistersounds an den Nerven der Zuschauer gespielt wird. Zumal die Tonspur von Blair Witch eh schon aufregend genug ist: Im Blair-Witch-Wald warten andauernd plötzliche Lärmattacken, unmöglich zuzuordnendes Geraschel und ein stetes Knacksen im herbstlichen Geäst.

Wingard orchestriert diese bedrohliche Geräuschkulisse und die rasch eskalierenden, seltsamen Ereignisse im Wald ohne große Innovation, aber mit routiniert-fähiger Hand. Anders als Blair Witch Project verzichtet Blair Witch darauf, vage zu bleiben: Lassen sich die Vorkommnisse im Original sowohl weltlich als auch übernatürlich erklären, geht die Fortsetzung ab einem erschütternden Todesfall, den Wingard raffiniert und ohne CG-Effekt in Szene setzt, großen und eiligen Schrittes ins Land des Unerklärlichen. Dies steigert sich in eine die Fähigkeiten der Blair Witch völlig neu darstellende Wendung, die jedoch auch zahlreiche Logikfragen aufwirft, die sich mit allerlei Kopfzerbrechen vielleicht schlüssig beantworten lassen. Da aber Wingard und Barrett das Publikum 1:1 in die Lage der vier zu Beginn eingeführten Figuren versetzen, und diese niemals mit Erklärungen konfrontiert werden, sind alle etwaigen runden Erklärungen reine Mutmaßungen. Genauso gut lässt sich Blair Witch also auch als Logikchaos abstempeln - je nachdem, wie viel Wohlwollen man so mitbringt.

Ein kleiner Bonus existiert in Blair Witch zudem in Form zahlreicher Der Zauberer von Oz-Referenzen, etwa in Form von Schildern und Plakaten im Bildhintergrund. Darüber hinaus erschaffen Kostümdetails Parallelen zwischen den Figuren beider Geschichten - diese Rückverweise sind aber nur Easter Eggs, es gelingt ihnen also nicht, Blair Witch neuen Sinn zu verleihen. Alles in allem ist Blair Witch ein sehr traditioneller Found-Footage-Horror mit einigen packenden Setpieces und soliden Figuren, der aber durch seinen durchwachsenen Twist und ein Übermaß an schalen Ton-Schreckeffekten lange nicht an den Erstling heranreicht.

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