Donnerstag, 24. Januar 2008

Das Vermächtnis des geheimen Buches


Das Vermächtnis der Tempelritter aus dem Jahr 2004 wäre sicherlich Thema des großen Abschlusstests im großen Anfänger-Handbuch für Action- und Abenteuer-Kinofilme.
"Entdecken Sie sämtliche Stilrichtungen und Genretrends des Action- und Abenteuerkinos, die ihren Weg in Das Vermächtnis der Tempelritter gefunden haben."

Es gäbe keinen geeigneteren Kandidaten für ein solches Suchspiel als gerade diesen Film. Denn in dieser Jerry-Bruckheimer-Produktion finden sich dutzende von Strömungen wieder, die das Action- und Abenteuergenre in den letzten Jahrzehnten durchgemacht haben. Das tolle an Das Vermächtnis der Tempelritter ist, dass er die einzelnen Stilrichtungen und Subgenres zu einem großen Ganzen vereint. Der Film ist eine Einheit, ein großes Ganzes und fühlt sich zu keiner Zeit aus Versatzstücken zusammengesetzt an und man merkt noch nicht einmal, wie die einzelnen Strömungen ineinander übergehen - sie sind einfach eins. So bewahrt sich der Film eine eigene Identität und kann auf eigenen Beinen stehen, um einen sehr unterhaltsamen Streifen abzugeben. Doch zugleich kann man den zu prüfenden Filmfan spielen und nachsehen, was Regisseur Jon Turteltaub da so alles miteinander vereinte.

Auch wenn wohl kaum ein Kinozuschauer genau dies gemacht hat, und sich mit Notizblock und Bleistift in den Kinosessel gestürzt hat, um mitzuschreiben, so wird der heitere Subgenre-Mix in Das Vermächtnis der Tempelritter zu einem Großteil am Erfolg des Films Mitschuld tragen - dieser locker-heitere Fun-Ride durch die amerikanische Geschichte und die Action-Abenteuer-Kultur mit witzigen Charakteren war nun mal unwiderstehlich. Und so kam es, dass der einst für Touchstone Pictures geplante, aber dank seiner milden PG-Freigabe nun letztlich bei Walt Disney Pictures veröffentlichte Film zu einem Überraschungshit des Jahres 2004 wurde. Mit fast 350 Millionen Dollar weltweit zeigten sich auch Disney und Bruckheimer vom Erfolg überrascht. Und da Regisseur Jon Turteltaub, die Hauptdarsteller (allen voran Nicolas Cage) und auch die Autoren Spaß an der Produktion hatten, konnten sie den Lockruf des nach weiteren Dollars schielenden Studios nicht verneinen.

Teil 1 gehört zu meinen liebsten Bruckheimer-Filmen und da bei der Fortsetzung zu großen Teilen auch wieder das selbe Team vor und hinter der Kamera Platz nahm, war meine Vorfreude auf Das Vermächtnis des geheimen Buches auch entsprechend groß.

Aber konnte die mittlerweile fünfte Zusammenarbeit zwischen Nicolas Cage und Jerry Bruckheimer dem Druck standhalten?

Nun, diese Frage wollte ich mir gestern selber beantworten. Mit vier Freunden im Schlepptau enterte ich das nächstgelegene Kino, das ein Double-Feature der Vermächtnis-Double-Feature anzubieten hatte. Es ist wirklich erstaunlich, wie sich in den letzten Jahren die gute alte Tradition der "Doppelvorstellung" wieder durchsetzen konnte. Waren diese lange Zeit in normalen Kinos bloß besonders großen Kassenschlagern vorbehalten, gibt es mittlerweile bei nahezu jeder sich anbietenden Gelegenheit ein solches Double Feature. Wenn man bedenkt, dass ich seinerzeit noch Probleme hatte irgendwo ein Kill Bill-Double Feature ausfindig zu machen...

Im Double-Feature liefen (genau wie seinerzeit beim Pirates-Triple, das wir im selben Kino verfolgten) keinerlei Trailer. Auch der Goofy-Cartoon lief nicht, aber das scheint auch daran zu liegen, dass der Film aller Wahrscheinlichkeit überhaupt nicht in Deutschland vor dem neuen Vermächtnis läuft. Sehr schade.

Dafür gab es aber eine andere, positive Überraschung nach der kurzen Pause zwischen den beiden Filmen: Das Vermächtnis des geheimen Buches beginnt mit einer neuen Musik, die über das Disney-Logo gelegt wurde. Die Musik ist ein netter Action-Thriller-Cue, die sozusagen noch während des Disney-Logos bereits das nächste Logo ankündigt, nämlich das von Blockbuster-Gott Jerry Bruckheimer.
Es ist nur eine winzige Kleinigkeit, aber dennoch finde ich es cool, dass man sich dazu hat hinreißen lassen, eine Melodie, die so 1:1 aus einem der 90er-Jahre-Bruckheimer-Kracher stammen könnte über die zwei Studio-Logos zu legen. Es stimmt gut auf den Film ein und passt auch gut zur Vermächtnis-Reihe, die ja den tollen Look der auf Hochglanz polierten Bruckheimer-Actionstreifen problemlos zu einem Teil des "Walt Disney Pictures"-Filmkanons macht.

Nun aber zur Handlung des Films selbst:

Benjamin Franklin Gates (Nicolas Cage) ist endlich ein anerkannter Historiker und wird sogar eingeladen, wissenschaftliche Vorlesungen zu halten. Diese sind gut besucht und hoch angesehen. Unterstützt wird Ben bei seinen Vorträgen von seinem Vater (Jon Voight), der sich nun mit seinem Sohn blendend versteht.

Doch die perfekte Welt endet hier. Ben hatte großen Streit mit Abigail Chase (Diane Krueger), sie lebt weiterhin im gemeinsamen Haus, Ben dagegen wurde bei seinem Vater einquartiert. Riley Poole (der großartig aufgelegte Justin Bartha als die heimliche Stimme des Publikums) versucht sich währenddessen erfolglos als Buchautor und hat schwer mit Steuerproblemen zu kämpfen.

Die Probleme eskalieren, als aus dem Nirgendwo ein gewisser Mitch Wilkinson (Ed Harris) auftaucht und behauptet anhand einer wiedergefundenen Seite aus dem Tagebuch des Lincoln-Attentäters John Wilkes Booth beweisen zu können, dass Gates' Ururgroßvater am Attentat beteiligt gewesen sei. Ben und sein Vater können diese Anschuldigung nicht weiter auf ihrer Familie ruhen lassen und machen sich auf die Suche nach Gegenbeweisen. Eine Reise durch die USA, Paris und London beginnt, die letztlich über das Titel gebende geheime Buch des Präsidenten hin zu einer erhofften Lösung des Rätsels führen. Und zu einem unglaublichen Schatz...

Es gibt einige Argumente die für, und auch einige die gegen eine Fortsetzung des ersten Vermächtnis-Filmes gesprochen haben. Klares Pro-Argument war, dass der Film ein toller Unterhaltungsfilm mit gutem Konzept war. Ein Abenteurer, der seine Probleme mit Köpfchen löst und in Wahrheit nur für die Ehre handelte, und nicht für das Materielle. Hinzu kam die gute Atmosphäre und das perfekte Vereinen so vieler Subgenres des Abenteuer- und Action-Kinos. Klar, dass man gern noch mehr solcher anspruchloser, aber nicht hirnrissiger Spaßfilme haben möchte. Da es dreist wäre, die selbe Mischung nun für einen weiteren, selbstständigen Film zu verwenden und zu befürchten wäre, dass beim Austausch der Figuren und Macher auch das Flair verloren geht, ist an dieser Stelle klar eine Fortsetzung zu befürworten.

Das Problem einer Fortsetzung ist jedoch die Glaubwürdigkeit. Sicherlich war schon Teil 1 mit seiner historischen Schnitzeljagd und den uralten, ausgeklügelten Gerätschaften bereits in einer problematischen Zone, doch die Genrekonvention und vor allem der aus den selbstironischen Actionern der späten 80er und vor allem der heutigen Action-Ära importierte Riley Poole retteten die Handlung vor'm Abrutschen ins seltsame. Riley fungierte als die ungläubige Stimme des Publikums und hinterfragte, was zu hinterfragen war.

Doch wenn ein Mann, der bereits einen großen Schatz fand, um den Namen seiner Familie zu retten nun einen noch größeren Schatz findet, indem er noch größere Verschwörungen durchstöbert, nur damit er die Ehre seiner Familie retten kann, dann kann auch Riley nicht mehr viel retten.

Und dies ist auch die einzige größere Schwäche des neuen Vermächtnis-Filmes: In Teil 1 war es eine Herzensangelegenheit von Ben Gates, diesen Schatz zu finden. Und man hat seine Arbeit gut getan, es war nachvollziehbar, warum er all dies durchmacht und es wirkte plausibel. Für die Spitzen der unglaublichen Szenen hatte man dann ja Rileys Kommentare.
In Das Vermächtnis des geheimen Buches wirkten die Umstände dagegen arg konstruiert: Natürlich kann Ben den Namen seiner Familie nur reinwaschen, wenn er noch einen Schatz findet, und natürlich kann man den nur finden, wenn man eine weitere Schnitzeljagd an historischen Rätseln abarbeitet, die an weiteren Verschwörungstheorien vorbeifindet...

Doch dies stört eigentlich nur beim direkten Vergleich der beiden Filme. Den Genuss mindert dieser Kritikpunkt, wenn überhaupt, nur minimal. Denn Das Vermächtnis des geheimen Buches ist so unterhaltsam und sehenswert inszeniert, dass es überhaupt nicht kümmert, wie unwahrscheinlich die Handlung im Gesamtkontext ist. Von Szene zu Szene betrachtet ist das alles eh auf üblichem Hollywood-Glaubwürdigkeits-Level...

Hinzu kommt, dass die hanebüschene Natur der großen Zusammenhänge des Hauptplots durch glaubwürdigere Charakterdarstellung ausgewogen wird. Hier merkt man bereits, dass die Pirates-Autoren Elliott und Rossio mehr Einfluss auf den neuen Teil der Reihe hatten. Zwischen den Action-, Comedy- und Abenteuerszenen gibt es die eine oder andere herrlich anzusehende Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen Figuren. Allen voran Jon Voight und Helen Mirren machen als die zerstrittenen Eltern von Ben Gates und absolut unfreiwillige Schatzjäger eine wunderbare Figur und fügen dem Film eine unerwartete Note hinzu.

Aber auch Abigail und Ben gehen glaubwürdiger (und witziger!) miteinander um. Ich möchte nicht spoilern, aber man achte auf die Szenen im weißen Haus und vor allem in London.

Im Gegensatz zu den meisten Kritikern muss ich außerdem sagen, dass sich die Fortsetzung angenehm vom Original entfernt hat (die meisten fanden ja, die Filme seien stilistisch zu ähnlich). Man spürt eine gewisse “Familienähnlichkeit”, aber dennoch wurde viel abgeändert - gerade im Hinblick auf das eingangs erwähnte Subgenre-Erkennungsspielchen. Entgegen den Vermutungen, die die Trailer aufkommen lassen, verschwindet in Teil 2 zum Beispiel gänzlich jeglicher Einfluss der klassischen Räuberpossen und Heist- bzw. Caper-Movies. Wo Teil 1 noch viel Zeit für den Raub der Unabhängigkeitserklärung verwendete und sich in diesem Part zu einer spannenden Gangsterposse verwandelte, bleiben in Teil 2 die kleinen kriminellen Aufgaben [SPOILER!]wie der Einbruch in den Buckingham-Palast und die Entführung des Präsidenten der Vereinigten Staaten [/SPOILER] eher kleinere Episoden im großen Abenteuer.

Auch sonst beschränkt sich die Fortsetzung auf weniger genreinterne Strömungen, die dafür aber ausführlicher ausgelebt werden. Im Grunde ist der neue Vermächtnis-Film eine wunderbare Mischung aus 90er-Jahre-Bruckheimer, 30er-Jahre-Abenteuer-Serial und eine 80er-Jahre Spaß-Abenteuer mit skurrilen Situationen in abenteuerlichem Setting.

[SPOILER!]
Die von einem deutschen Cartoon inspirierte Szene auf einer wackelnden Plattform tief in den Katakomben hinter dem Mt. Rushmore ist ein echtes Guilty Pleasure. In dieser Szene stehen die Hauptfiguren auf einer steinernen Insel, die droht jeden Moment in die tödliche Tiefe zu stürzen. Das alles erinnert stark an die sehr cartoonigen Abenteuerchen der 80er Jahre und hätte so nie in den ersten Teil gepasst, macht in der Fortsetzung aber ungeheuren Spaß und erweist sich als extrem spannend. [/SPOILER]

Insgesamt wird der Fokus mehr auf die abenteuerliche Seite des Schatzsuchens gelegt. Die Verfolgungsjagden sind kürzer und weniger als noch in Teil 1 und dafür gibt es mehr Geheimnisse zu entdecken und Fallen zu überwinden. So erhalten die zwei Filme der Reihe ihre eigene Identität.
Das Vermächtnis des geheimen Buches ist zudem abgefahrener im Humor. Der Dialogwitz des ersten Teils wird durch einige Portionen gut dosierten Wahnwitz bereichert. Vor allem die Verfolgungsjagd durch London hat viel Humor zu bieten.

Im Vergleich zu Teil 1 braucht dafür die packende Atmosphäre eine längere Vorlaufzeit - der Beginn des zweiten Vermächtnis-Streifens ist ein klein wenig gehetzt und lässt leider auch keine Zeit zum Miträtseln und Mitfiebern, wo denn der nächste Hinweis sein könnte. Auch der Bösewicht wird nicht völlig ausgeschöpft. Zwar steckt in Ed Harris’ Figur viel mehr Potential als noch in Sean Beans’ Bösewicht des Vorgängers, doch dafür kommt dessen Figur viel schneller in Fahrt.

Gelobt werden muss dafür noch Bruce Greenwoods Darstellung des US-Präsidenten, der eine gute Figur abgibt und dem man den Spaß am Film ansieht. Überhaupt scheinen die Männer im Film alle nur kleine Kinder zu sein, die unbedingt geheime Dinge entdecken wollen. Das macht Spaß beim Zusehen und zaubert ein unerklärliches Lächeln auf das Gesicht des Zuschauers.

Alles in allem ist Das Vermächtnis des geheimen Buches eine würdige Fortsetzung auf vergleichbarem Niveau. Der Witz und die abenteuerlichen Elemente sind ausgebaut worden, die Verfolgungsjagden sind weniger, aber dafür außergewöhnlicher, wenn auch nicht unbedingt spannender. Die Charaktere haben an Profil gewonnen, dafür der Gesamtplot an Plausibilität verloren. Dies ergibt einen herrlichen Popcorn-Streifen, der für etwas mehr als 2 Stunden hervorragend unterhält, beweist, dass der “alte”, “Pre-Pirates” Jerry Bruckheimer auch noch lebt und außerdem die Tür für einen dritten Teil offen lässt.

Reines Unterhaltungskino mit Hochglanzoptik und guten Ideen, aber dafür nun völlig ohne Anspruch. Die paar Subgenres sind doch viel zu schnell gefunden. ;-)

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