Dienstag, 24. August 2010

Die geflügelte Witzfigur der Disneykultur

Als der Disney-Konzern Ende der 70er und zu Beginn der 80er sein verstaubtes Image durch kantigere Kinofilme aufbessern und seinen Marktwert bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen aufbessern wollte, entstanden zahlreiche Filme, die sich nicht an den studiointernen Erwartungen messen konnten. Manche dieser Filme wurden im Laufe der Jahrzehnte zu Kultklassikern und somit letztlich doch noch zu ansehnlichen Gewinnbringern (bestes Beispiel ist an dieser Stelle der Sci-Fi-Film Tron), andere gerieten dagegen in Vergessenheit.

Und dann wäre da noch ein Film, der sich zum gesammelten Gespött der (us-amerikanischen) Disneyfangemeinde mauserte. Im August 1981 als humoristische Antwort auf das James Bond-Franchise gestartet, ging er wie fast alle anderen Disney-Spielfilme seiner Zeit sang- und klanglos an den Kinokassen unter, die Kritiken bewegten sich von müde bis mäßig. Mittlerweile jedoch erlebt dieser Streifen eine Renaissance als Running Gag: Die Pixar-Köpfe Pete Docter und Julian Rivera nannten ihn frech grinsend neben 20.000 Meilen unter dem Meer und Mary Poppins den einzigen konkurrenzfähigen Kandidaten um den Titel des besten Disney-Realfilms aller Zeiten. Auf zahlreichen US-Webseiten wird er augenzwinkernd als Must See tituliert. Und selbst bei einer der ersten D23-Veranstaltungen stach er obskur hervor, als Kostüme und Requisiten aus den wichtigsten Disney-Realfilmen ausgestellt wurden. Und halt ein Kostüm aus dieser Produktion, die den wenigsten Leuten etwas sagen dürfte.

Nun, zumindest gerät diese Actionkomödie mit Michael Crawford (Hello, Dolly!) somit nicht in Vergessenheit. Allerdings läuft sie Gefahr durch all diese ironischen Lobpreisungen bei Nichtkennern irgendwann automatisch als einer der schlechtesten Disney-Realfilme aller Zeiten abgestempelt zu werden. Denn warum sonst sollte dieser stilistische Ausrutscher der Disney-80er immer gepiesackt werden? Zumindest ich finde, dass es sich dabei um einen ganz ansehnlichen Film handelt, der eher liebevoll hochgenommen wird. Bloß muss man seine Qualitäten auch Mal ernsthaft begutachten, außerhalb der Behandlung dieses Films als Steilvorlage für kecke Seitenhiebe. Und wenn es schon irgendjemand machen muss, wieso nicht ich?

Also, es wird Zeit, dass die geflügelte Witzfigur der Disneykultur wenigstens für einen Moment lang aus ihrem Status als Insidergag herauswächst und wir sie als das betrachten, was sie ist.

Meine Damen und Herren, ich erbitte mir mehr Respekt für...

Condorman

Basierend auf dem Roman Spaghetti mit blauen Bohnen des mit komödiantischer Feder schreibenden Sci-Fi-Autors Robert Sheckley, erzählt Condorman den abenteuerlichen, haarsträubenden Agenten-Werdegang des Comiczeichners und -autors Woody. Sich derzeit in Paris aufhaltend versucht der aufstrebende Comickünstler seinem an sich selbst gestellten Anspruch gerecht zu werden, ein ungewohnt realistisches Superheldenheft zu verfassen. Er möchte, dass sein Protagonist Condorman nur Dinge tut, die im wirklichen Leben funktionieren. Deshalb baut Woody selbst Flugapperate, um auszutesten, ob man als Normalsterblicher mit einem entsprechenden Superheldenkostüm wirklich vom Eiffelturm aus über Paris fliegen kann. Woodys bester Freund Harry findet dieses Vorhaben ziemlich albern, hält sich mit seiner Kritik allerdings so gut es geht zurück. Kurz nach Woodys misslungenem Flugversuch kommt Harry, der bei der CIA arbeitet, in die Verlegenheit einen Auftrag an einen unbedarft aussehenden, amerikanischen Zivilisten weiterzuleiten. In seinem besten Freund sieht er die ideale Zielperson, und so schickt er den abenteuerlustigen Woody mit geheimen Papieren mit dem Zug quer durch Europa, um in Istanbul mit einer sowjetischen Spionin einen Austausch abzuhalten. Aufgrund Woodys aufgesetztem Selbstbewusstsein kommt es jedoch zu Komplikationen: Er und die Agentin Natalia entkommen nur knapp und mit sehr viel Dusel feindlichen Auftragnehmern eines türkischen Geheimdienstes. In Natalias Augen aber erschienen Woodys chaotischen Selbstwehrmaßnahmen besonders kühn, aalglatt und stahlhart, weshalb sie dem CIA explizit ihn als persönliche Wunscheskorte für ihren kurz nach dieser Mission geplanten Überlauf angibt. Da Natalia für den amerikanischen Geheimdienst von großem Wert ist, sieht man sich gezwungen Woody auch für diese Mission anzuheuern. Woody sieht seinen großen Moment gekommen und wünscht sich für seinen Auftrag eine auf seinen Comics basierende, absurd kostspielige Ausrüstung - die er tatsächlich erhält. Und wie es der Zufall so will, erweisen sich seine technischen Spielzeuge sehr nützlich, denn der simple Überlauf Natalias entwickelt sich aufgrund des hartknäckigen Einschreitens ihres ehemaligen Bosses Krokov zu einer halsbrecherischen Mission, wie sie die CIA noch nie gesehen hat.

Weshalb von allen Disney-Realfilmen ausgerechnet Condorman zum Spielball der Disneyfankultur wurde, ist ein kleines Rätsel. Dass es einen Film aus den 80er Jahren erwischte ist durchaus nachvollziehbar, da die meisten Produktionen aus den "Dark Ages" aus einem sachlichen Blickwinkel betrachtet mit ihrer naiven Vorstellung der Bedürfnisse eines jugendlichen Publikums und dem unsicheren Versuch eines Balanceakt zwischen "Modern" und "Klassisch Disney" eine leichte Zielscheibe sind. Zugleich versprühen sie genau deswegen auch einen gewissen Charme, weshalb man diesen Filmen nicht böse sein kann, so dass man bei leicht ernst gemeinten, leicht spaßigen Seitenhieben endet. Weshalb aber Condorman als das spöttische Hauptziel, nicht etwa Schreie der Verlorenen?

Mein Erklärungsversuch: Condorman fällt selbst für einen Film dieser Phase der Disney-Geschichte besonders harsch zwischen den Stühlen. Als "kantiger, harter" Disneyfilm für die 80er-Offensive ist er zu albern und leichtherzig (er ist zum Beispiel auch deutlich knalliger als die ähnlich gelagerte Krimikomödie Trenchcoat), für einen vor den 00ern erschienenen Disneyfilm ist er aber auffällig actionreich. Somit sticht Condorman ins Auge. Zudem ist Condorman kein "tragisches" Beispiel für die frühen 80er Jahre der Disney-Studios. Hinsichtlich Schreie der Verlorenen beispielsweise ist bekannt, wie ambitioniert und tough der Film hätte werden können, weshalb sein scheitern betrüblicher ist. Über Condorman dagegen kann man ohne Gram scherzen.

Doch wieso sollte man über Condorman nicht verächtlich die Nase rümpfen? Weshalb sollte man über die Reputation dieser Actionkomödie hinaus gehen und ihr auch ein Stück weit Respekt entgegenbringen? Nun, was Condorman ausmacht, ist der feine Spagat zwischen James Bond-Parodie und erfrischend familientauglichem Agentenabenteuer, den Regisseur Charles Jarrott mir diesem Film auftischt. Einerseits ist Condorman eine für Kinder aufregende und spaßige Einstiegsdrogen in die Welt der Agentenaction, andererseits kann man sich sehr gut über die comichaften Geschehnisse des Films amüsieren. Michael Crawfords Spiel als versehentlich talentierter Agent und in seinen Illusionen vertiefter Comicschöpfer erinnert ein wenig an den Humor eines Leslie Nielsen, der ähnlich trocken und augenscheinlich bierernst durch absoluten Irrsinn stapft. Der Unterschied ist, dass Crawford weniger knalligen Slapstick hinlegt, dafür glaubwürdiger die glatt-verführerische Seite des Bond-esquen Agententums zu verkörpern weiß.

Zugegeben, fesselnde Spannung kommt in Condorman nicht auf, aber dennoch sind die Actionszenen für einen Familien-Agentenfilm sehr gut gemacht, insbesondere die explosive Autoverfolgungsjagd quer durch ein jugoslawisches Dorf ist gut choreographiert. Überhaupt sind die ganzen Gadgets von Condorman ein filmgewordener Jungstraum: Laserknarren, Autos mit Flammenwerfer und knallige Flugapperate zeichnen hier einen etwas bunteren Agentenalltag als beim an ein wenig ältere Zuschauer gerichteten Vorzeigeagenten. Das Spiel mit Klischees ist in seiner teils gespielten, teils authentischen Blauäugigkeit herzerfrischend und der von Pink Panther-Komponist Henry Mancini geschriebene, extra dick auftragende Filmmusik weiß mich ebenfalls zu überzeugen.

Die vergnügliche, quer durch Europa führende Hatz ist zu blutleer, um dem von der damaligen Geschäftsführung Disneys gesetzten Ziel der Kantigkeit gerecht zu werden oder heutzutage als Disney untypischer Geheimtipp zu gelten, aber werden an Condorman dennoch ungebrochene Freunde haben. Und für ältere Zuschauer bietet Condorman außerdem eine hübsche Prise Charme, weshalb Condorman irgendwo zwischen einem sündigen Vergnügen und einem schlichten, einfach gestrickten und sympatischen (sowie undschuldigem) Vergnügen steht. Crawford und Barbara Carrera sind ein nettes Protagonistenpärchen und die Handlung hat eine reizende sowie entwaffnende 80er-Familienaction-Ausstrahlung. Condorman ist sicherlich kein Glanzstück der Disney-Filmgeschichte, aber es ist ein unterhaltsamer und schmerzfreier Spaß für Kinder (fast) jeden Alters, dem man einfach nicht böse sein kann. Und ja, manche Szenen sind sogar durchaus denkwürdig, so dass Condorman im Gegensatz zu vielen vergleichbaren Produktionen nicht nach einmaligem Sehen für immer und ewig vergessen ist.

Und deshalb hat Condorman mehr Respekt verdient.

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1 Kommentare:

milan8888 hat gesagt…

Ich war von dem Film in den 80ern schwer beeindruckt. Ich hatte ihn allerdings überhaupt nicht als Disney Film wahrgenommen

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