Freitag, 12. August 2011

Resturlaub


Vor vier Jahren hampelte Oliver Pocher über die Kinoleinwände. Er war der treffende Hauptdarsteller der Verfilmung des Tommy-Jaud-Bestsellers Vollidiot, eines Films, der von den Kritikern verrissen und vom Publikum in annehmbaren Massen besucht wurde. Ich fand Vollidiot sehr, sehr gut, und so hatte ich auch gehofft, dass Jauds Resturlaub zu überzeugen weiß. Und ohne den polarisierenden Pocher wäre dem Film dann vielleicht auch ein größerer kommerzieller Erfolg einzurechnen.

Pitschi Greulich hat sein Leben satt. Er ist der Marketingmanager in einer urigen Brauerei - und so überflüssig wie ein Kropf. All seine Erneuerungsideen werden als dämlicher Schmarrn abgeschmettert (was zu einer Szene führt, bei der ich in meiner Vorführung als einziger laut lachte). Seine Kumpel sind allesamt träge geworden: Statt für den Junggesellenabschied von Arne nach Nürnberg zu fahren und die Sau rauszulassen, deppern sie alle wieder einmal in ihren Stamm-Biergarten. Und Pitschis Freundin Sabine ist eine ihn bemutternde Langweilerin, die allen ernstes ein Haus und Kinder will, um die Beziehung zu retten. Dabei hat ein Baby noch nie einer Beziehung geholfen. Als Pitschi und seine Freunde (inklusive Sabine) zum gefühlt hundertsten Mal in den Urlaub nach Mallorca fliegen wollen, hält Pitschi es nicht mehr länger aus. Er beschließt sein bisheriges Leben abzubrechen, nach Argentinien zu fliehen und ein neuer Mann zu werden...

Auf dem Weg vom Buch ins Kino ist die Charakterisierung Pitschis ziemlich verbockt worden. Im "Zweitbuch" des einstigen Chefautoren der Wochenshow war er ein ausdifferenzierter Jedermann mit nachfühlbaren Ängsten. Mitzuerleben, wie er diese spontane Auslandsflucht abzieht, war amüsant, man gönnte ihm den Ausbruch und gleichzeitig war man froh, wenn er dazulernte. Im Film ist Pitschi nur ein Schatten seines literarischen Selbst. Hauptdarsteller Maximilian Brückner ist zwar längst kein charakterloser Darsteller, doch ihm wird wenig Möglichkeit gegeben, seine Figur nicht zum totalen Arsch verkommen zu lassen. Wer mich nun an meinem Lob auf Vollidiot festnageln möchte: Ja, Pocher war in der ersten Jaud-Adaption ganz er selbst. Doch er spielte darin einen Single, der sich so daneben benimmt, dass er kaum eine Chance hat, etwas daran zu ändern. Man konnte also mit ihm lachen (wenn er ähnlich großen Idioten das ins Gesicht sagte, was man sich aufgrund seines Benimms nicht zu sagen traut), als auch über ihn (wenn er für seine Idiotie bestraft wird). Und zum Schluss hin gab es meiner Meinung nach auch einen schlüssigen emotionalen "Payoff".

Pitschi aus Resturlaub ist aber kein Arsch, der eine Beziehung will und keine bekommt, sondern ein im Leben stehender Mann, der sich darüber beschwert, dass seine Eisüberraschung keine Maraschino-Kirsche auf der Schokosahnehauben zu bieten hat. Nun, das ist an und für sich nicht so schlimm, der "ausbrechen aus dem geregelten Alltag"-Plot ist ja durchaus altbewährt. Im Buch klappte es auch. Im Kino hingegen ist sowohl Pitschi, als auch sein Alltagsleben so verwässert, dass es keinen Grund zum Ausbruch gibt. Seine Freundin benutzt halt Filz-Eierwärmer und möchte ein Baby. Das war's, das genügt Pitschi schon, und der Film möchte uns dazu anleiten, ihn für den Rest des Films anzufeuern. Erkenntisse kommen in der Kinofassung nicht peu a peu, sondern so, wie die Drehbuchfee es sich wünscht, und wann immer Pitschi im letzten Drittel bekommt, was er angeblich verdient hat, soll das Publikum vor Freude jauchzen. Ich muss aber zugeben: Cars 2 hatte die pervertiertere Aussage.

Nun, ich will nicht dauernd wie der böse Moralpeter rüberkommen. Aber wenn in der Mittwochs-Vorpremiere mehrere Kinobesucher ein genervtes "Echt?!" rausposaunen und sich das Paar neben mir darüber unterhält, wie wenig sie mit jemandem wie Pitschi zusammenseinwollen, dann ist etwas schief gelaufen. Und so gehen die "Haha, wie toll, Pitschi hat gerade Glück"-Lacher baden. Genauso wie die "Höhö, das hat er verdient!"-Schadenfreude-Momente, denn die werden von der Inszenierung an der kurzen Leine gehalten.

Resturlaub wird durch solche Schnitzer nicht wirklich schlecht. Im Gegensatz zu versaubeutelten Held-Publikum-Beziehungen wie die in Cars 2 oder den tonal mit Resturlaub recht verwandten Kindsköpfe ist dieser Film nie schlecht oder nervenzerfetzend. Das genannte Problem drosselt schlicht die meisten Lacher in der zweiten Hälfte sehr, sehr stark, so dass sie nur zu seichten Schmunzlern werden. Hinzu kommt, dass Resturlaub im Vergleich zum Buch (oder zu Vollidiot) weniger einfallsreich ist. Die meisten Gags kennt man schon, und die originelleren Passagen werden durch die Besetzung schnell anstrengend (Dave Davis als Priester) und muten eh mehr nach einem guten TV-Sketch, als nach Kinomaterial an. Das beste an Resturlaub ist deshalb der Slapstick mit Maximilian Brückner. Wenn er sich selbst zum Affen macht, und der Film uns kurz mit dem Moment alleine lässt, statt uns irgendwie eine Wertung Pitschis Verhalten (oder dem Verhalten seiner Freunde) unterzujubeln, ist er sehr anspruchslos... aber auch, sehr, sehr komisch.

Drei, vier richtige Highlight-Momente, ein verkorkste Schluss und dazwischen sehr viel mittelmäßiges TV-Material, das halbherzig in eine Kinohandlung gepresst wurde: Resturlaub ist kein echter Stinker, doch auch keine empfehlenswerte Sommerkomödie. Wer die Vorlage liebt und unbedingt im Kino sehen möchte, wird gewiss nicht vollkommen enttäuscht, aber an und für sich reicht es auch für einen gemütlichen Fernsehabend.

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