Samstag, 1. Oktober 2011

Kay Kamen

Another Nine widmet sich, in Anlehnung an Walt Disneys Nine Old Men, den über viele Jahrzehnte prägenden Trickfilmern des Studios, neun großartigen Künstlern, deren Einfluss bisher nur unzureichend erkannt und gewürdigt wurde. Vorgestellt werden Menschen, die ihre kreative Arbeit in völlig verschiedenen Bereichen verrichtet haben – Im Schatten der Maus.


Der zweite Teil dieser Serie widmet sich einem Mann, dem vor 80 Jahre gelang, was bis heute Bestand hat – Walt Disney zum weltweit bedeutendsten Hersteller von Merchandising zu machen: Kay Kamen


Tumbusch, T. (1990): Disneyana Catalog & Price Guide, Tomart, S. 282

Walt Disneys Weg zur Symbolfigur des amerikanischen Traums war gespickt mit Stolpersteinen. Nicht nur visionäre Ideen und ein unbändiger Wille, sondern auch – vielleicht auch insbesondere – Glück zur richtigen Zeit und das Vertrauen in gute Freunde verhinderten, dass Walt Disneys Traum frühzeitig der Realität weichen musste. Zweifelsohne war er immer von Künstlern umgeben, die seine Hingebung teilten. Doch was wäre aus ihm geworden, wenn nicht Roy Disney ganz hinter und oftmals schützend vor ihm gestanden wäre und einen drohenden Ruin mehr als einmal verhindert hätte? Ein Walt Disney, mit den Gedanken der Gegenwart stets einen Schritt voraus, ohne das Verständnis, die Klugheit und Vernunft seiner Frau Lillian – kaum vorstellbar. Oder Gunther Lessing, für die einen diabolischer Arbeitgeberanwalt, für die anderen ein Genie, das schon für Pancho Villa Papierschlachten schlug, pflasterte, bei allen moralischen Verfehlungen, zuverlässig den Boulevard, den die Übergestalt Disney gehen sollte.

Diese Aufzählung ließe sich fortsetzen. In seinen Visionen bestätigt, in seinem Wahnsinn noch angetrieben, das wurde der aufstrebende Walt Disney vor allem von einem Mann, der ihm de facto gar vertraglich gleichgestellt war: Kay Kamen, seines Zeichens Spielzeugfreund und selbsternannter, größter Micky-Maus-Fan aller Zeiten. Walt Disney brachte seine Filme ins Kino – Kay Kamen in die Wohn- und Kinderzimmer, den Vorratsschrank und die Garage.

Kay Kamen 1931 mit den Darstellern der Kleinen Strolche (Quelle: diamondgalleries.com)

Was Kay Kamen, eigentlich Herman Samuel Kamen, geboren 1892 in Baltimore, tat, bevor er sich 1928 mit Hal Roach zusammenschloss, liegt weitestgehend im Dunkel der Geschichte – auch wenn die ersten 35 Lebensjahre dieses Mannes interessant gewesen sein müssen, wenn sie denn nur halb so interessant gewesen sind, wie die folgenden zwanzig. Für Hal Roach, der vor allem als Produzent von Laurel und Hardy bekannt ist, arbeitete er an der Serie Die kleinen Strolche – im übrigen die Hollywoodproduktion, in der erstmals gleichgestellte, schwarze Schauspieler beschäftigt wurden – und kurbelte den Ruhm der Serienhelden an, indem er Lizenzverträge für Bücher, Geschirr und diverses Kinderspielzeug vergab. Gleichzeitig begann er, eine eigenständige Marke zu entwickeln und vertrieb unter dem Namen The Boys Outfitter, alles, was das Herz eines all-american boy begehrte. Neben Kleidung wurde dem jungen, männlichen Zielpublikum auch die Möglichkeit geboten, ein kostenloses Handbuch zu erhalten, in dem beschrieben wurde, wie man sich zu geben und verhalten habe – ganz im Sinne der Gesellschaft und Kay Kamens.

Walt Disney, Gunther Lessing, Kay Kamen und Roy Disney 1933 (v.l., Quelle: diamondgalleries.com)

Die Zusammenarbeit zwischen Kay Kamen und Walt Disney begann mit einem selbstbewussten Telefonanruf. Der Geschäftsmann aus Kansas hatte Kontakt zu den Disney-Studios aufgenommen und witterte in der Inexistenz einer großflächigen Präsenz der Marke seine Chance. Die Brüder an der Spitze Disneys waren von seinen Ideen angetan und vereinbarten, bereits 48 Stunden später für ein persönliches Gespräch bereit zu stehen. Die Ergebnisse der zahlreichen darauf folgenden Treffen lassen sich schnell zusammenfassen: Kay Kamen wurde zum alleinigen Lizenzverwalter des Studios ernannt und sollte 40 Prozent der ersten erwirtschafteten 100.000 US-Dollar erhalten, darüber hinaus gehende Einnahmen würden zu gleichen Teilen in die Taschen der Geschäftspartner fließen. 1933 war der erste Vertrag unterschrieben.

Als ersten Schritt kündigte Kamen alle bestehenden Lizenzverträge Disneys, die oft nur Kleinstsummen in die Studiokassen spülten. Er ersetzte den Lizenzbeauftragten für das wichtige Überseegeschäft in London durch seinen Neffen George Kamen und begann, Fakten zu schaffen. Die ursprünglich kalkulierten 100.000 US-Dollar waren bereits wenige Monate nach Vertragsunterzeichnung mehrfach übertroffen und bescherten beiden Partnern einen unverhofften Geldsegen. Tatsächlich zahlte General Foods nur ein Jahr nach dem Beginn von Kay Kamens Engagement für Disney die bis dato unvorstellbare hohe Summe von 1,5 Millionen US-Dollar, um Disney-Figuren auf Cornflakes-Packungen drucken zu dürfen – inflationsbereinigt rund 25 Millionen US-Dollar. Diese Vereinbarung bedeutete nicht nur, dass Disney augenblicklich das Grundkapital für seinen ersten abendfüllenden Zeichentrickfilm zur Verfügung stand, sondern auch, dass seine Figuren auch die Kinderzimmer derer Familien bevölkerten, die durch die Wirtschaftskrise gezwungen waren, auf den Besuch im Kino und den Kauf von teurem Spielzeug zu verzichten.

Damit begann Kay Kamens Konzept aufzugehen. Sein Ziel war die Entstehung eines erdrutschartigen Effekts, der dafür sorgen sollte, dass Disney im ganzen Land und allen gesellschaftlichen Schichten Fuß fassen konnte. Neu war der Gedanke, die Figuren rund um Micky Maus im Alltag der Menschen zu platzieren und hiervon ausgehend auf andere Bereiche zu expandieren – den allgemeinen Spielzeug- und Bekleidungsmarkt, das Weihnachtsgeschäft (das zu dieser Zeit eine noch weitaus größere Rolle im Einzelhandel spielte als in der Gegenwart) und die Filme Walt Disneys. Insbesondere die Idee, neue Produktionen über bereits vorhandene Vertriebswege zu bewerben und mit ihnen zusätzliche Einnahmen zu generieren anstatt für teure Werbung zu bezahlen, sorgte für großen Erfolg – und ist heute zum gängigen Standard geworden.

Micky-Maus-Uhr von Ingersoll-Waterbury (Quelle: serioustoyz.com)


Mickey Mouse Hand Car von Lionel (Quelle: Lionel)

Der Anschein, Kay Kamens Antrieb sei alleine der wirtschaftliche Erfolg gewesen, trügt. So vergab er bewusst günstige Verträge an Unternehmen, die faktisch bereits bankrott waren. Dazu zählte auch der Uhrenhersteller Ingersoll-Waterbury, heute bekannt als Timex, dessen Ruin nur dadurch verhindert wurde, weil ab 1933 Micky-Maus-Uhren produziert wurden, die reißenden Absatz fanden – an einem einzigen Tag vor Weihnachten gelang es der Kaufhauskette Macy's, 11.000 Uhren zu verkaufen.

Noch dramatischer war die Situation des Modelleisenbahnherstellers Lionel, der durch die Depression scheinbar irreparabel in finanzielle Schieflage geraten war. Einzelne Lokomotiven aus Lionels Produktpalette, die sich nur noch wenige leisten konnte, wurden zu Preisen eines gebrauchten Ford T-Modells verkauft. Als Folge dessen übernahm im Mai 1934 ein Konkursverwalter die Geschäftsleitung, im Monat darauf schlug Kay Kamen einen Vertrag vor, auf den die verantwortliche Bank einging. Lionel sollte letztmalig 350.000 US-Dollar erhalten um ein neues Modell herzustellen, unter der Bedingung, die Summe bis Januar des nächsten Jahres zu tilgen. Unter dem Namen Mickey Mouse Hand Car entstand eine Aufziehlokomotive, die speziell für die leeren Haushaltskassen ihrer Zeit konstruiert worden war und für 1 US-Dollar verkauft wurde. Sie verkaufte sich innerhalb der ersten vier Monate rund 250.000 mal, im November schließlich konnte der gesamte Kredit zurückgezahlt werden. Nach Weihnachten war Lionel in der Lage, auch die restlichen Schulden auszuzahlen und damit gerettet.

1935 zählten neben Ingersoll-Waterbury und Lionel rund 80 andere Unternehmen in den USA zu den Herstellern von Micky-Maus-Spielzeug, alle großen Kaufhäuser in den USA führten eine Vielzahl an Disney-Produkten. Der Erfolg der Artikel wurde noch befeuert durch erstmals eingesetzte, elektrische Diaromen, die in den Schaufenstern der Geschäfte standen. Ein weiterer Anreiz, Micky und seine Gefährten in das Sortiment mit aufzunehmen, stellten die zahlreichen Werbeaktionen dar, die Kay Kamen initiierte. Diese reichten von Anzeigen in Zeitungen und Zeitschriften, über Werbung im Radio, bis hin zu kostenlosen Broschüren und Beigaben, die der Einzelhandel an seine Kunden weiterreichen konnte. Besuchte Kay Kamen zu Beginn seiner Arbeit für Disney tatsächlich noch selbst viele Kaufhäuser, begann er bald, aufwändig hergestellte Kataloge zu vertreiben, die meist jährlich erschienen.

Spätestens zu Weihnachten 1935 waren die Spielzeuge Walt Disneys die beliebtesten und meistverkauftesten im ganze Land – innerhalb von nur drei Jahren hatte Kay Kamen es geschafft, aus einem kleinen Zubrot eine der Hauptfinanzquellen des Trickfilmstudios zu machen. Der Höhepunkt war Mitte der 1930er Jahre noch lange nicht erreicht. So bezahlten die Bürger der Vereinigten Staaten alleine 1948 mehr als 100 Millionen US-Dollar für mehr als 2.000 angebotene Lizenzprodukte, darunter die insgesamt fünfmillionste Uhr mit Disney-Motiv – inflationsbereinigt entspricht das einer Summe von über einer Milliarde US-Dollar. Mit verkauften Merchandisingprodukten im jährlichen Wert von etwa 30 Milliarden Dollar ist Walt Disney noch heute der bedeutendste Lizenzgeber der Welt.

Kay Kamen (2. v. l.) bei einem Besuch in den Disney-Studios (Quelle: Disney)

Hinter der Fassade des peniblen Geschäftsmanns war Kay Kamen, zusammen mit seiner Frau Katie, ein schillernders Unternehmerehepaar in New York City. Dorthin war die Kay Kamen Ltd. gezogen, nachdem sich der dauerhafte Erfolg als Lizenzverwalter Disneys abgezeichnet hatte. Seine Begeisterung für Micky Maus war nicht nur geschäftlicher Natur – er bezeichnete sich selbst nicht grundlos als „größter Disney-Fan der Welt“.

So sicherte sich Kay Kamen auch frühzeitig die Telegrammadresse Mickmouse. Seine Mitarbeiterinnen waren angewiesen, sich am Telefon piepsstimmig als „Mickey Mouse“ zu melden – Micky Maus sei einfach viel bekannter als er selbst, begründete Kamen diese Idee. Zeitweise stellte sich die Begrüßung der Gesprächspartner am Telefon sogar als hinderlich für den reibungslosen Betriebsablauf dar. Nach dem öffentlichen Bekanntwerden von Kamens Order wurde sein Unternehmen von den vielen Neugierigen überrascht, die sich mit einem Anruf einzig und allein davon überzeugen wollten, dass sie am anderen Ende der Leitung tatsächlich von Micky begrüßt werden würden.

Das Ehepaar, das keine eigenen Kinder hatte, gehörte zum engsten Freundeskreis Disneys und insbesondere Katie Kamen pflegte ein liebevolles Verhältnis zu den Kindern Diane und Sharon. Den regelmäßigen Weg nach Kalifornien nahm das Ehepaar nicht etwa in einem Flugzeug auf sich – aufgrund Kay Kamens panischer Flugangst vermied er es, ein solches zu benutzen und besaß stattdessen einen luxuriös ausgestatten, privaten Eisenbahnwagon. Nur wenn eine Reise nach Europa anstand, verzichtete er darauf.


Die Tragik dieses Umstands zeigt sich im Unfalltod des Ehepaars Kamen. Zusammen mit 46 anderen Menschen starben sie am 28. Oktober 1949, als ihr Rückflug von Paris nach New York kurz vor einer Zwischenlandung auf den Azoren am Monte Redondo auf der Insel São Miguel zerschellte. Unter den Passagieren waren auch der ehemalige Weltmeister im Mittelschwergewichtsboxen und Liebhaber Èdith Piafs, Marcel Cerdan, Ginette Neveu, eine der bekanntesten Violinistinnen ihrer Zeit, der Maler Bernard Boutet de Monvel und die Patentochter Antoine de Saint-Èxuperys. Noch am Tag zuvor hatte er einen Brief an die Vizepräsidentin seines Unternehmens geschickt, in dem er von seiner Angst vor dem Flug berichtete.

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