Freitag, 4. November 2011

Die Abenteuer von Tim und Struppi: Das Geheimnis der Einhorn


Steven Spielberg und Peter Jackson haben es getan: Sie haben Hergés abenteuerliche Comic-Klassiker rund um Tim & Struppi nach Hollywood geholt, und das via Motion Capturing. Während Motion Capturing als Effektarbeit im Kino ungebrochene Anerkennung genießt (siehe Avatar oder Planet der Affen - Prevolution), geriet die Technik als Mittel zur Umsetzung ganzer Filme angesichts des Totalflops Milo und Mars in eine große Bedrouille. Die Disney-Studios, die sich Jahre zuvor noch vornahmen, Marktführer in dieser Filmsparte zu werden, brachen sämtliche Motion-Capturing-Zelte ab. Kann Tim & Struppi eine Kehrtwende einleiten?

Die Handlung wurde von den Drehbuchautoren Steven Moffat, Edgar Wright und Joe Cornish aus drei Tim & Struppi-Comics zusammengesetzt, wobei der im Titel genannte Comic rund um das stolze Schiff Einhorn das Fundament des Filmabenteuers darstellt. Allein schon diese Entscheidung bietet sich für Diskussionen unter Kinogängern an: War es wirklich klug, gleich drei Comics zu verwerten, statt sich allein auf Das Geheimnis der Einhorn zu stützen? Da Spielberg & Jackson eh bloß eine Trilogie planen, ist es meiner Ansicht nach ein angemessener Weg, um sich aus dem Geschichtenfundus die für die Filmemacher aufregendsten Elemente zusammenzusuchen. Und die Autoren haben ihre Arbeit diesbezüglich recht gut gemacht. Selbstredend werden eingeschworene Tim & Struppi-Fans merken, welches Element aus welchem Comic entnommen wurde, doch ich erlebte den Film mit meinen stark eingerosteten Tim & Struppi-Kenntnissen nicht als Stückwerk, sondern als zusammenhängendes Abenteuer. Insofern ist die Zusammenmischung ein guter Ansatz, zumal Hergé testamentarisch verfügte, dass niemand seine Reihe fortsetzen darf. Eine komplett neue Geschichte zu erfinden ist deswegen von vornherein ausgeschlossen.

Also lässt Spielberg "seinen" Tim auf einem Trödelmarkt ein stattliches Modellschiff entdecken. Kaum ist die Einhorn erworben, drängen sich weitere Interessierte auf. Einer von ihnen warnt Tim: Jemand gefährliches sei hinter dem Schiff her, und er wird es noch bereuen, die Einhorn nicht weiterverkauft zu haben. Bald darauf wird in Tims Wohnung eingebrochen und vor der Haustür ein Mann erschossen. So wird unmissverständlich klar, dass im Modellschiff etwas wertvolles versteckt sein muss. Kaum stellt Tim nähere Nachforschungen an, wird er von den Handlangern des ominösen Edelmanns Sakharin niedergeschlagen und auf ein rostiges Frachtschiff verschleppt. Dort tut sich Tim mit dem dauerbetrunkenen Käpt'n Haddock zusammen, der sich als unwissender Schlüssel im Rätsel um die sagenumwobene Einhorn herausstellt...

Das oberflächlichste zuerst: Die Optik. Ich komme ja schnell als erklärter Gegner von Motion-Capturing-Filmen rüber, den Schuh muss ich mir wohl ansehen. Dabei finde ich die Idee im Prinzip nicht dämlich - theoretisch ist toll, dass man Jim Carrey in skurrileren Figuren wie dem Geist der vergangenen Weihnacht (siehe Eine Weihnachtsgeschichte) erkennen kann, oder dass ein eher schmächtiger Andy Serkis den raubeinigen Käpt'n Haddock mimen kann. Nur die Umsetzung besorgt mir regelmäßig Kopfschmerzen. So finde ich es schon rein kategorisch ziemlich dumm, was Spielberg und Jackson mit Tim und Struppi versucht haben: Sie wollten die Formen und Konturen der Hergé-Schöpfungen beibehalten, aber mit realistischen Oberflächen und Details ausstatten. Anders gesagt: Karikatureske Wesen mit menschlicher Haut. Dass das eine Schnapsidee ist, zeigen Beispiele wie der realistische Homer oder der realistische Mario. Und auch in Stillbildern sieht diese Variante von Tim & Struppi längst nicht so ansprechend aus, wie eine hübsche Zeichnung. Hergé und Realismus passen visuell nunmal nicht wie die Faust aufs Auge. Der Zeichenstil ist sehr grafisch, die Figuren sind sehr flächig gestaltet, mit geometrischen Formen wie kreisrunden Köpfen und kugelförmigen Knollennasen. Das mit zu viel Realismus zu paaren wirkt bestenfalls befremdlich, schlimmstenfalls grauenhaft.

Glücklicherweise scheinen Jackson und Spielberg ein besseres Auge für solche Gratwanderungen zu haben, als etwa Robert Zemeckis. Sahen in Eine Weihnachtsgeschichte manche Figuren wie Mutationsunfälle oder reanimierte Leichen aus (was die Arbeit an gelungenen Figuren leicht in den Schatten drängte), gibt es in Tim & Struppi keine Totalausfälle. Das liegt unter anderem daran, dass die Detailfülle gegenüber den jüngeren Zemeckis-Filmen runtergedreht wurde. Tim wirkt mit seinem Kugelkopf seltsam, es scheint einfach etwas nicht mit dem Design zu stimmen, aber es ist eher eine unterbewusste Entfremdung, als ein bewusstes Zurückschrecken vor ihm. In Bewegung wirkt Käpt'n Haddock wiederum sogar recht gut, während er in Standbildern mir die Zehennägel hochrollen lässt. Insgesamt gefiel mir die visuelle Figurendarstellung deutlich besser als bei Beowulf oder Eine Weihnachtsgeschichte - ich wurde zwar nie wirklich warm mit den Figuren, aber ich fühlte mich auch nicht sonderlich von ihnen gestört. Eine comichaftere Umsetzung mit Computeranimation oder noch besser ein Zeichentrickfilm wären mir dennoch lieber. Ja, Hergé soll die Zeichentrickserie zu Tim & Struppi ja verabscheut haben - aber glaubt ihr wirklich, dass er diesen Stil geliebt hätte? Er raubt den Schauspieleraufnahmen das Reale und der Animation das Kunstvolle sowie ihren Schwung - eine schlechte Wahl, selbst wenn diese noch im Rahmen ihrer Möglichkeiten annehmbar umgesetzt wurde.


Wie dem auch sei, Tim & Struppi ist ja mehr, als nur Spielbergs Eintrag in die noch beschauliche Liste der reinen Motion-Capturing-Produktionen. Schade nur, dass der Aspekt des gewählten Mediums das interessanteste, gesprächsanregendste Element des Films ist.

Dafür, dass Tim & Struppi bloß knapp über 100 Minuten dauert, wirkt das Abenteuer nämlich erstaunlich lang. Die Geschichte ist nie ärgerlich dämlich oder wirkt unnötig gestreckt, so dass Tim & Struppi keinesfalls ein schlechter Film ist, aber er "passiert" einfach. Er fängt an, braucht etwas, um aus der geschwätzigen Exposition in die adrenalinreicheren Passagen zu kommen, mittendrin wundert man sich, weshalb er nie einen Hauch des Geheimnisvollen entwickelt, und dann kommt er langsam zum Schluss. Dass die Spannungskurve so geradlinig wirkt, ist einerseits Schuld der Charakterzeichnung: Tim kann alles, weiß alles, schafft alles. Und obendrein spricht er auch andauernd, so dass er zumindest mir als Zuschauer irgendwann auf die Nerven fiel. Wenn Tim in seine verwüstete Wohnung tritt, sagt er sinngemäß so etwas wie: "Oh, hier wurde eingebrochen. Sieht so aus, als hätten die Einbrecher die Wohnung durchsucht!" Ach, neee? Und solche an B-Movies erinnernde Bildbeschreibungen sind leider eher die Regel, als die Ausnahme.

Hinzu kommt, dass der Betrachter den Figuren andauernd zwei, drei Schritte voraus ist. Lange vor Tim wissen wir, dass sich im Modellschiff etwas verbirgt, und wir sehen sogar, wie es hinter Tims Schrank rollt. Lange, lange vor den Figuren kennen wir den fiesen Strippenzieher und seine Motivation. Käpt'n Haddocks Erkenntnis, was es mit der Einhorn auf sich hat, und wie der Fiesling Sakharin dort hineingehört, wird sogar so inszeniert, als müsse sie das Publikum schocken. Auf Dauer ist dies einfach ermüdend. Generell scheint Spielberg nach einiger Zeit wieder auf die jüngsten seiner Fans abzuzielen - auf die Kosten der Aufnahmefähigkeit der älteren Zuschauer.

Tim & Struppi ist obendrein recht spröde geworden. Wenn Spielberg sich mal an einer Pointe versucht, sitzt sie ein ums andere Mal perfekt, doch weshalb macht er dann einen so offensichtlich auf ein Familienpublikum ausgerichtetes Abenteuer derart trocken? Ich hätte mir etwas mehr Humor gewünscht, so wie in den guten Teilen der Indiana Jones-Reihe.

Die Action, zu guter Letzt, wird anfangs sehr spärlich eingesetzt, um daraufhin mit jeder Verfolgungsjagd immer weiter zu eskalieren. Sie ist nie langweilig, doch aus den bereits genannten Gründen fühlte ich mich auch nie emotional involviert. Käpt'n Haddocks Wahnvorstellung einer spektakulären Piraten-Seeschlacht beispielsweise hat großartige Einfälle zu bieten, so verhaken sich die Masten zweier Schiffe, die aufgrund des Wellengangs beinahe im 90°-Winkel zueinander stehen - doch da dem Ergebnis dieser Sequenz bereits vorgegriffen wurde, ist die Länge dieses Duells schlicht zu überbordend.

Am besten gefielen mir deswegen folgende zwei Action-Sequenzen: Einmal die aus Struppis Perspektive gezeigte Hatz auf Tims Entführer. Durch den originellen Blickwinkel, Struppis putziges Äußeres (*haaach*), einen guten Schuss Slapstick und einen schnellen, trotzdem Übersicht gewährenden Schnitt ist diese Szene wirklich sehenswert. Und dann gibt es noch Tim, Struppis und Haddocks Verfolgungsjagd per Motorrad, quer durch die an Marokko erinnernde Stadt Bagghar. Diese wird völlig auf den Kopf gestellt - Häuser rutschen Hügel hinunter, altertümliche Türme stürzen zur Hälfte ein, Dämme brechen, Kopfsteinpflaster platzt auf... Das Ergebnis ist eine wilde 3D-Achterbahnfahrt quer durch ein Chaos ästhetischer Zerwüstung.

Ihr bemerkt es sicher schon: Diese beiden Szenen hätte man kaum als Realfilm umsetzen können. Einem echten Hund kann man die Tricks des animierten Struppis kaum abverlangen, und die Bagghar-Sequenz wäre ein so enormes Effektgewitter, dass man eh direkt alles am Computer entwerfen kann. Aber wieso dann nicht eh gleich ein reiner CGI-Film? Anders als bei Eine Weihnachtsgeschichte erkenne ich in diesem Film die Schauspieler eh kaum noch heraus...

Mein Fazit: Für absolute 3D-Jünger, die wieder Lust auf einen Abenteuerfilm haben, der nicht in Schnittgewitter untergeht, sowie für Fans der Vorlage, die mit der Adaption mehrere Geschichten auf einen Schlag leben können, ist Tim & Struppi einen Blick am vergünstigten Kinotag wert. Ansonsten... spart euch Geld und Zeit, es sei denn, ihr sterbt vor Neugier.

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