Dienstag, 10. Juli 2012

Immer Drama um Tamara


Immer Drama um Tamara ist Stephen Frears' Adaption eines als Graphic Novel wiederveröffentlichten, britischen Zeitungscomics, welcher wiederum eine moderne Neuerzählung des 1874 erstmals veröffentlichten Liebesdramas Am Rand der grünen Welt des Schriftstellers Thomas Hardy darstellt. Frears, der unter anderem mit Mein wunderbarer WaschsalonGefährliche Liebschaften, High Fidelity und Kleine schmutzige Tricks bewies, welch unterschiedliche Formen von Liebesgeschichten er zu erzählen vermag, liefert mit dem flapsig betitelten Immer Drama um Tamara seinen wohl bislang urbritischsten Film ab, Die Queen einmal ausgeklammert: Im saftigen Grün der Landschaft Südenglands erzählt diese charmante, kleine Produktion von Liebes-Irrungen und -Wirrungen exzentrischer, sich zumeist hinter einer spießigen Oberfläche versteckenden Dorfbewohnern. Der Humor ist bissig und sehr verschroben, zugleich aber auch sehr zurückhaltend inszeniert und bei aller vermeintlichen Belanglosigkeit der Handlung zuweilen unerwartet hintersinnig. In welchen Filmen lernt man sonst vom diebischen Naturell erfolgreicher Schriftsteller, der Kunst des inszenierten Zweifels an ehelicher Treue oder von der fatalen Bedrohung, die ängstliche Kühe darstellen?

Ewedown ist Südenglands beschaulicher, um nicht zu sagen sterbenslangweiliger, Rückzugsort für jeden, der sich Schriftsteller schimpft. Der ungekrönte Herrscher dieses ländlichen Autorenparadieses ist Nicholas Hardiment (Roger Allam), populärer Schöpfer einer langlebigen Reihe von Kriminalromanen. Nicht nur viele Einheimische eifern ihm nach, mit Glen McCreavy (Bill Camp) zieht es auch einen bislang glücklosen US-Autoren in Hardiments Heimatdorf. Seine Popularität ist jedoch auch sein Fluch, hält er es mit der ehelichen Treue doch ziemlich locker, so dass er jüngeren Frauen wie einer Londoner Reporterin verfällt. Als seine Frau davon Wind bekommt, ist es zunächst aus mit der ländlichen Idylle. Noch turbulenter geht es in Ewedown jedoch zu, als Tamara Drewe (Gemma Arterton) heimkehrt. War sie zu Jugendzeiten noch als hässliches Entlein verschrieen, ist sie nun eine junge, attraktive und vor allem selbstbewusste Frau, der die Männerwelt zu Füßen liegt. Was so eine Nasenoperation alles ändern kann ...
Tamara findet eigentlich bloß nach Ewedown zurück, um das Haus ihrer verstorbenen Mutter zu verkaufen, aber als sie die Gelegenheit nutzt, um während eines in der Nähe stattfindenden Rockfestivals den berühmten Drummer Ben Sergeant (Dominic Cooper) zu interviewen, funkt es zwischen den beiden und sie nisten sich in Tamaras Elternhaus ein. Während Tamara ein Enthüllungsbuch über ihre Jugend als großnasige Außenseiterin auf dem Land verfasst, zieht sie unwissentlich die Eifersucht ihres Jugendfreunds Andy (Luke Evans) auf sich. Was aber viel schwerwiegender ist: Sie wird auch zum Hassobjekt der vom Landleben angeödeten Teenies Jody & Casey (Jessica Barden & Charlotte Christie), die alles dafür tun würden, an Tamaras Stelle zu sein. Als ihnen das ewige Lästern zu eintönig wird, greifen sie in die Liebesgeschicke Ewedowns ein. Mit turbulenten Konsequenzen.

Man mag angesichts des Posters und des Titels denken, dass sich in Immer Drama um Tamara alles um die titelgebende Dame dreht, tatsächlich aber ist sie nur eine von vielen Seelen, deren Schicksal durch den modernen und alles andere als passiven griechischen Chor in Form von Jody & Casey auf den Kopf gestellt wird. Dieses britisch-clevere Lustspiel lässt sich deswegen in zwei Teile spalten: Eingangs zeigt Frears das vermeintlich ordinäre Leben seiner gar nicht so unschuldigen Dorfmenschen, was mit allerhand staubtrockenen Dialogwitz gewürzt wird. Interesse daran, das Publikum emotional in die Liebesintrigen und -dramen seiner Figuren zu involvieren, hat Frears nicht, was Immer Drama um Tamara davor bewahrt, in die Schublade eines Landliebe-Melodramas abzurutschen.
Stattdessen gibt es spritzige Kommentare über die Eigenheiten von Schriftstellern und wenngleich nicht sehr einfallsreiche, so dennoch bissige (und wahre) Beobachtungen bezüglich der verräterischen Ader, die hinter der Fassade so vieler langweilig-heiteren Dorfmenschen verborgen liegt. Gemma Arterton hat als lebensfroher, aber bodenständiger Schwan, der seine erblühte Ausstrahlung mit keckem Selbstbewusstsein den Bewohnern ihres alten Heimatdorfs unter die Nase reibt, trotz charakterlicher Unebenheiten schnell die Zuschauersympathien auf ihrer Seite, alle anderen Figuren sind vergnügliche, nicht zu schrille Karikaturen, deren Zusammenspiel toll unterhält.

Sobald die Teenie-Mädels es satt haben, auf "Plastic" mit ihrer falschen Nase und ihrem unverschämt tollen Leben neidisch zu sein, enden die bösen Kommentare dieses lästernden griechischen Chors, und sie machen aus der vergnüglichen, inhaltlich aber dahinplätschernden Komödie ein kunterbuntes Liebes-Verwirrspiel mit zwar glaubwürdigen, vor allem jedoch herrlich schrägen Wenden. Eine kurze E-Mail kann heutzutage nunmal die Beziehungen zahlreicher Menschen neu durchmischen. Das Einschreiten von Jody & Casey bringt Schwung in die Handlung und treibt die Schlagzahl an unterkühlt-stocksteif vermittelten, exzentrischen Einfällen rasant nach oben. Zugleich wirken die karikaturhaften Landbewohner beim Versuch, mit dem neu entstandenen Liebestrubel umzugehen, kurioserweise immer menschlicher: In den humoristischen Spitzen reden und handeln sie pointiert comichaft, die dahinter stehenden Beweggründe sind allerdings menschlich und authentisch. Diese Dualität gehört zusammen mit den sehr findig vorbereiteten Running Gags und Schlusspointen zum schwer widerstehlichen Feinschliff von Immer Drama um Tamara, der diese britische Landkomödie zu einem klaren Geheimtipp macht.

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