Donnerstag, 9. August 2012

Cosmopolis


Er wollte sich doch nur die Haare schneiden lassen: Der achtundzwanzigjährige, lächerliche Geldsummen auf seinen Konten parkende und hyperintelligente Hedefonds-Manager Erik Packer kennt keine Widersprüche, wenn es um seine Wünsche geht, und so kann der Besuch beim Friseur seines Vertrauens durchaus zur langgezogenen Odyssee verkommen. Inklusive schleichend-destruktiver Selbsterkenntnis.

Don DeLillos Roman Comopolis zeichnete 2003 in stilisierter, bildreicher und hypotaktischen Sätzen die Reise eines die Fäden der Weltwirtschaft in den Händen haltenden, jungen Burschen, der in einer sperrigen Stretchlimo von der einen Ecke New York Citys in die nächste gefahren werden möchte. Allen Widrigkeiten zum Trotz, denn ausgerechnet an diesem Tag bricht im Big Apple aufgrund zahlreicher Ereignisse ein Verkehrsirrsinn aus, der Packers Security jegliche Nerven kostet. Aber wenn die mächtigen, beinahe phlegmatischen Schattenmänner der freien Marktwirtschaft ihren Wünschen folgen wollen, werden die kleinen und absurd großen Hürden ihrer Umwelt einfach umgefahren. Selbst wenn es seine Zeit beansprucht. Wenigstens lässt sich so im futuristisch-gefühlskalten Inneren der gepanzerten Limousine mit diversen Fachspezialisten, Beratern und Spekulanten unaufgeregt über Transaktionen, Wirtschaftsphilosophie und Prostatauntersuchungen schwadronieren.

DeLillo sah mit Cosmopolis die Weltwirtschaftskrise und die daraus folgernde Occupy-Bewegung voraus, ebenso wie das nunmehr in unser aller Köpfen eingeprägte Bild der weltentrückten Finanzheuschrecke, der es an der schrullig-spleenigen Exzentrik oder der boshaften Gier klassischer Reichenbilder mangelt. Erik Packer, in der polarisierenden Kinoadaption des Stoffes von Meisterregisseur David Cronenberg wohl kaum ohne jeglichen ironischen Hintergedanken mit dem unterkühlten Twilight-Vampir Rober Pattinson besetzt, vertritt eine neue Form der Oberen Zehntausend, des kaufkrafthabenden einen Prozents: Wenn Packer ein Gemälde will, schnappt er sich sogleich auch die das Kunstwerk umgebende, nicht zum Verkauf stehende Kapelle. Nicht als Statussymbol, nicht aus Wetteifer mit anderen Reichen, und noch viel weniger, weil sie ihm gefällt. Packer ist kein Dagobert Duck, kein Mister Burns, kein Charles Foster Kane. Er muss die Kapelle haben, weil er denkt, es würde ihm eine Reaktion entlocken, doch letztendlich ist es nur eine Transaktion unter mehreren Millionen, die er im globalen Zockspiel gegen die Finanzentwicklungen tätigt. Gefühle? Charakter? Weltzerstörerische Tendenzen? Nein, Packer ist nur eine leere Hülse - wessen er sich am in Cosmopolis geschilderten Tag zwischen Aufbruch mit der Limousine, sprachlich verschwurbelten Meetings, beiläufigem Sex und Zusammenstößen mit Protestlern tief in seinen hintersten Gedankenwirrungen bewusst wird.

Pattinson lässt mit ruhiger Miene tief in die verlorene Seele des kapitalistischen Gefühlstoten blicken und istdamit die größte Stütze des visuell aussagekräftigen, doch kargen Films, der die verschachtelten Satzkonstruktionen des Romans nahezu unverändert überträgt. Den Großteil der Laufzeit über gewinnen dadurch der Sprachrhythmus und die Klangästhetik der Dialoge an größerer Bedeutung als die exakte Bedeutung eines jeden Wortes, was durch Cronenbergs Inszenierung und das Spiel der meisten vor der Kamera versammelten Darsteller die aspetische Atmosphäre von Cosmopolis fördert und eine einvernehmende Wirkung hat. Wenn in der Mitte des Films vorrübergehend jeder Hauch einer zentralen Handlung hinter den Monologgebilden verschwindet, wird dies allerdings leicht ermüdend und man wundert sich, ob Cronenberg nicht doch die Sprache der Romanfiguren hätte umstrukutrieren können, denn das Lesen eines eloquenten Romans gestaltet sich doch etwas einfacher, als das genaue Folgen schnell gesprochener, vertrackter Gespräche voller Fachausdrücke.

Neben Pattinson überzeugen Samantha Morton als Finanztheoretikerin, Juliette Binoche als Geliebte und Sarah Gordon als Packers lieblich aussehendes, ideologisches Gegenstück und frisch vermählte Ehefrau, welche jedoch ebenfalls eine Eiseskälte auszustrahlen vermag. Lost-Miesling Kevin Durand wird als Securitychef wenig gefordert, bringt aber kernig-schroffen Charme mit, während Jay Baruchel kurz nach der Einstiegsszene vor einem miesen Greenscreen-Effekt verloren seine Zeilen runterrätselt.

Höhepunkt von Cosmopolis ist jedoch Pattinsons Begegnung mit einem Unbekannten, hervorragend schmierig-manisch gespielt von Paul Giamatti. Nach den sprunghaft aneinandergereihten, asymmetrisch geschnittenen Dialogsequenzen aus den ersten drei Filmvierteln ist das psychologische Duell eines schwachen Kapitalistenfeindes und eines harten, desorientierten Selbthassers der sorgsam aufgabaute Payoff, in dem sich beide Schauspieler gegenseitig zu Spitzenleistungen herausfordern. Hinzu kann sich Cronenberg im Finale zahlreicher schwarzhumoriger Kleinigkeiten nicht verwehren, wodurch er vermeidet, Cosmopolis all zu selbstverliebt auf die Zielgerade zu schicken. Und wem Giamattis Figur zu verschroben, die letzte Botschaft des Films zu kompromisslos ist, wurde bereits wenige Minuten zuvor mit einem Rededuell zwischen den zwei simpelsten, bodenständigen Menschen dieser Gegenwartsdystopie auf die so simple wie entscheidende Erkenntnis vorbereitet, dass das wahre Leben eben nicht auf dem Finanzmarkt oder in abgeschotteten Luxuskarren stattfindet.

Cosmopolis zeichnet in beeindruckenden Wortkonstrukten und mit einem Sandkorn von Handlung ein schonungsloses, in zahlreichen kalten, leblosen Farben getöntes Bild dessen, wie sich die 99 % die oberen 1 % vorstellen. Ob dies authentisch ist, ist dabei bloß zweitrangig, entscheidend ist, mit welchem Nachhall Cosmopolis sein Publikum erreicht, wenn es nur mit der richtigen Sichtweise an diese gekonnt sperrige Romanverfilmung herangeht.

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