Samstag, 8. September 2012

ParaNorman


Dank Tim Burton und Henry Selick ist Stop Motion zu einer Nische für familientaugliche Animationsfilme mit Gruselelementen geworden. Ob Nightmare before Christmas, der Mischfilm James und der Riesenpfirsich oder die etwas jüngeren Werke Corpse Bride und Coraline sowie der anstehende Frankenweenie: Irgendwie scheint sich diese besondere Form des Trickfilms für schaurig-kantige Bilder und Geschichten anzubieten. Eventuell liegt es nur daran, dass diese Filme fernab vom direkten, mainstreambedachten Studioeinfluss entstehen, womöglich liegt es daran, dass diese Animationsfilme zwar plastisch, dennoch aber auch klar irreal sind – perfekt für Familiengrusel.

Weshalb auch immer sich diese Kombination aus Medienform und Inhalt durchsetzte, die Laika-Studios scheinen sich auf sie spezialisiert zu haben: Nach Henry Selicks makaber-melancholischem Coraline setzt nun dessen Storyboard-Supervisor Chris Butler mit inszenatorischer Hilfe von Sam Fell (Despereaux) eine Filmidee um, die er rund ein Jahrzehnt mit sich herumtrug und ebenfalls ein introvertiertes Kind zeigt, dass eine übernatürlich-schaurige Folge von Ereignissen zu überstehen hat.

Es ist die Geschichte des Horrorfilmbegeisterten Jungen Norman, der die Gabe besitzt, Geister zu sehen und mit ihnen zu kommunizieren. Sie kann ein Segen sein, zum Beispiel pflegt Norman dadurch weiter die Beziehung zu seiner geliebten Großmutter, einer herzlichen alten Dame, die auch zu Lebzeiten als einzige volles Verständnis für den Heranwachsenden hatte, vor allem jedoch ist diese Gabe ein Fluch. Auf dem Schulweg Tag für Tag verstorbene Seelen zu sehen und die moralische Pflicht zu verspüren, sich mit den einsamen Geistern zu unterhalten – so etwas garantiert einem einen Platz am unteren Ende der sozialen Nahrungskette in einer beschaulichen Kleinstadt. Der in sich gekehrte Norman ist das Lieblingsopfer der Schulhofschläger, wodurch er sich ein so dickes Fell zuzulegen versuchte, dass er sogar die Versuche anderer Außenseiter ignoriert, mit ihm Freundschaft zu knüpfen. Der übergewichtige Allergiker Neil lässt aber nicht locker und zwängt sich Norman geradezu als Kumpel auf – was nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen sogar aufgeht. Besserung ist Norman dennoch nicht gegönnt: Während der Proben für ein Schultheaterstück sucht ihn eine ausführliche Schreckensvision heim, laut der demnächst die Toten auferstehen und die Stadt heimsuchen werden. Ein Verstoßener bestätigt Norman, dass dies tatsächlich eintreffen wird, und dass er seine Gabe einsetzen muss, um das drohende Übel abzuwenden. Leichter gesagt als getan, schließlich glaubt Norman bis auf Neil niemand. Und was kann ein kleiner, schüchterner Junge schon groß bewegen?

Ein prepubertärer Außenseiter gegen die Zombieapokalypse – ein Stoff, den man sich in vielen Variationen vorstellen kann. ParaNorman bietet seinem erlesenen Randpublikum (ältere Kinder und Horrofans, die gewillt sind, sich verzaubern zu lassen) eine toll ausbalancierte Mischung aus mehreren, dieser möglichen Herangehensweisen. Gleich zu Beginn begeistert ParaNorman den geneigten Zuschauer bereits mit einer liebevollen B-Movie-Hommage, die sich ein wenig aus dem Grindhouse-Lehrbuch bedient und schäbige Zombiefilme durch den Kakao zieht, sie aber mit der Klasse eines John Carpenters behandelt (inklusive wummerndem 80er-Soundtrack). Im weiteren Verlauf gibt es kleine Randverweise auf diverse Horrorikonen und auch die melancholisch-gefühlvolle Stimmung früherer Gruselfilme, aus einer Zeit, als Horrorregisseur noch dunkelromantische Tragödien inszenierten und keine Schlachtplatten, wird zelebriert.

Es ist auch diese gefühlvolle, menschliche Seite, die ParaNorman zu so einem besonderen Film macht, schließlich ist man dies von Horrorhommagen nicht gerade gewöhnt. Butler und Fell jedoch thematisieren mit ihrer Gruselgeschichte auch das Außenseitertum und den gefährlichen Teufelskreis, den Ausgrenzung und durch Unverständnis erzeugter Hass umschreiben. Dieses Thema betrifft nicht nur die liebenswerten Hauptfiguren Norman und Neil, sondern zieht sich auch durch das (etwas zu lang gezogene) berührende und mit fantastischen Stop-Motion-Trickeffekten erstaunende Finale.

Zwischen Horror-Verneigung und süß-nachdenklicher Dramatik gibt es in ParaNorman zudem sehr viel zu schmunzeln und zu lachen: Jede der Figuren ist eine eigenwillige Spielart eines klassischen Horror- oder Familienkomödienklischees, vom begriffsstutzigen Schulhofprügler zum dümmlichen Sportler hin zur zickigen großen Schwester, und sie alle bringen ihre pointierten Macken mit in das Zombieabenteuer, welches obendrein mit einigen feisteren Dialogwitzen für das ältere Publikum aufwarten kann. Dennoch bleibt ParaNorman, dank seiner herzigen Gruselgeschichte und den sympathisch-karikierten Figuren, durchweg charmant und familientauglich. Aufgrund seine hohe Spannung im Mittelteil und etwas Stop-Motion-Horror ergatterte ParaNorman zwar eine FSK-Freigabe ab 12 Jahren, doch in Begleitung der Eltern sollte dieser freundliche Schreckspaß auch schon Achtjährigen zuzutrauen sein. Nicht zuletzt, weil die umherwandernden Zombies keine anonymen Monster sind und auch in erfrischenden Slapstick verwickelt werden.

Animationstechnisch ist ParaNorman, trotz fortgeschrittener Technik (dem Team stand ein 3D-Farbdrucker zur Verfügung, wodurch zahllose, detaillierte Gesichter für die Trickpuppen erstellt werden konnten), nicht so beeindruckend wie der morbid-poetische Coraline, dennoch haben die Laika-Studios mit ParaNorman einen sehr witzigen und charakterstarken Zweitfilm auf die Beine gestellt, der Lust auf mehr Nachschub aus der ungewöhnlichen Trickschmiede macht.

1 Kommentare:

Cooper hat gesagt…

@Sir D.:
Du schriebst bereits "ältere Kinder und Horrofans, die gewillt sind, sich verzaubern zu lassen". Das Kind im Manne, der erwachsene Animationsfilm-Anhänger und auch der Horrorfreund in mir sind seit den ersten Filmprojektinfos schon voller Erwartungen.

Nach deinem, wie gewohnt, informativem Blogeintrag wünschte ich mir "ParaNorman" in einem guten KIno ansehen. Da daraus (mal wieder x( ) nichts werden wird, freue ich mich immerhin auf die DVD! ^_^

Dein BLgeintrag verknüpft wieder einmal sehr unterhaltsam Infos zum Studio, den Machern selbst und vergisst darüber hinaus nicht, sich an den geneigten Leser und potentiellen Filmanschauenden zu richten.

Wieder einmal ein gelungener und facettenreicher Artikel über einen Film, der wöhl mehr zu bieten hat als bloßen Stop-Motion Grusel.

Solche Beiträge wecken oder steigern meine Freude auf die darin kommentierten Werke. WNeben anderem ist daseiner der Gründe, dir - wenn möglich - ein treuer Leser zu sein!

Weiter so!

Mit freundlichem Gruß und meinem Dank für´s Unterhalten sowie Näherbringen,

Cooper.


PS
Wenn schon kein "Goon" in Sicht ist, sind Filme wie "ParaNorman", der kommende "Frankenweenie" aber auch "Hotel Transylvania" u.a. hoffentlich gutes "Futter" für Menschen wie mich. xD

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