Donnerstag, 25. Juli 2013

James Bond 007 – Der Spion, der mich liebte


Nach dem verpeilten, so viel Potential aufweisenden Ausrutscher Der Mann mit dem goldenen Colt fand Roger Moores Inkarnation von James Bond nach dreijähriger Pause nicht nur zu alter Form zurück, nein, das Kinopublikum wurde zugleich mit dem besten 007-Einsatz seit Im Geheimdienst Ihrer Majestät belohnt. Lewis Gilbert, der Regisseur des unfreiwillig komischen und daher so kultigen Man lebt nur zweimal, setzte sich zum zweiten Mal auf den Bond-Regiestuhl und schmiss dieses Mal die Romanvorlage von Ian Fleming in noch höherem Bogen aus dem Fenster heraus als bei Sean Connerys erstem 007-Abgesang. Eine gute Entscheidung, wie sich herausstellte: Der Spion, der mich liebte sackte drei Oscar-Nominierungen ein, erhielt gute Kritiken und wurde sogar zu geachtetem Ergebnis als Roman adaptiert, womit der Kino-Bond seiner literarischen Vorlage auf ihrem eigenem Gebiet Konkurrenz machte.

Dabei sah es eingangs gar nicht so rosig aus für Moores dritten Film als Agent mit der Lizenz zum Töten: Produzent Harry Saltzman musste seine Anteile am Franchise aufgeben und wurde von zahlreichen persönlichen Schicksalsschlägen heimgesucht, während sein nun alleinig produzierender Partner Albert R. Broccoli damit haderte, einen Regisseur zu finden. Außerdem musste das Drehbuch mehrfach umgeschrieben werden, unter anderem da Kevin McClory die Verwendung Blofelds untersagte. Und so wurde ein nah an Blofeld angelegter Ersatz erschaffen, den Curd Jürgens mit großem Engagement spielte und den Lewis Gilbert denkwürdig in Szene setzte. Doch nicht nur der Oberschurke war ein gelungener Aufguss bereits bekannter Ideen, generell ist Der Spion, der mich liebte ein kleines Sammelsurium an nahtlos zusammengefügter, ansprechend umgesetzter Versatzstücke aus der Bond-Geschichte:

James Bond wird vom MI6 mit der Aufgabe betreut, das Verschwinden eines britischen und eines sowjetischen Atomwaffen-U-Boots aufzuklären. Als sich der Spitzenagent auf den Weg macht, gerät er in eine Falle der Sowjets, der er nur knapp entkommen kann, wobei er einen Agenten der Gegenseite tötet. Dessen Lebensgefährtin, Agentin Major Anya Amasova, macht sich nicht nur auf die Suche nach dem Mörder ihres Liebhabers, sondern folgt auch der Spur der Verschwundenen U-Boote. In Kairo kreuzen sich die Wege Bonds und Amasovas, die zunächst in Konkurrenz miteinander treten, sich dann aber gezwungen sehen, zusammenzuarbeiten. Damit machen sie sich jedoch zur Zielscheibe der Schurkenhandlangers Beißer (aka Jaws), dem sie immer wieder nur knapp entkommen können. Wie die Agenten herausfinden, handelt der Beißer im Auftrag des größenwahnsinnigen Reeders Karl Stromberg, der sich von den Menschen abgewendet hat, um sich in seiner Unterwasserfestung Atlantis den ästhetischen und intellektuellen Dingen des Lebens zu widmen. Zudem heckt er den Plan aus, mittels Atomwaffen ein nautisches Utopia zu schaffen, das an Stelle der dekadenten modernen Gesellschaft aufkeimen soll ...

Ein Bond-Schurke, der in einem originellen Versteck lebt und die Welt unterjochen möchte, indem er mit Zerstörung droht. Bond bändelt mit einer gegnerischen Agentin an. Es gibt eine ausgedehnte Zugfahrt-Sequenz inklusive Flirtereien zwischen Bond und seiner Ostblock-Kollegin und feindlichen Attacken aus dem Nichts. Der Spion, der mich liebte bietet ein buntes Best-of aus Goldfinger, Man lebt nur zweimal (ohne die peinlichen Szenen mit Bond in vermeintlich perfekter Verkleidung als Japaner) und Liebesgrüße aus Moskau, womit 007 sich bereits bei seinem zehnten offiziellen Leinwandeinsatz mit beiden Händen in seiner eigenen Vergangenheit bedient und kaum einen Funken inhaltlicher Originalität zulässt. Doch bei einem Bond-Film geht es primär eh nicht um das inhaltliche "Was?", sondern das inszenatorische sowie stilistische "Wie?". Und dank eines galanten, sich die Rolle nach Der Mann mit dem goldenen Colt wieder zu eigen machenden Roger Moore sowie einem das ihm zur Verfügung stehende Budget genüsslich für tolle Sequenzen ausgebenden Lewis Gilbert sowie einem glatten, dramaturgisch gut geschliffenen Storyablauf ist Der Spion, der mich liebte ein sehr vergnügliches Agenten-Abenteuer.

Bereits die Vorspannsequenz berauscht mit einer aufregenden Skiverfolgungsjagd, die mit einem der spektakulärsten Stunts der James-Bond-Filmgeschichte endet und beim Dreh beinahe tödlich schiefgelaufen wäre. Im weiteren Verlauf des Films wechseln sich gut choreographierte, kurze Faustkämpfe mit aufwändigeren Gadgetspielereien ab, deren Höhepunkt ein flotter Wagen mit U-Boot-Funktion darstellt. Gelungen ist, dass Gilbert in diesem Film, anders als bei Man lebt nur zweimal, trotz einzelner übertriebener Momente die Stimmung des Agentenabenteuers fest in der Hand hat und nie die "Suspension of Disbelive" überstrapaziert. Der Spion, der mich liebte ist purer Popcorn-Eskapismus, jedoch geraten dank der beiläufigen Einarbeitung verrückter Momente und der in diesem Film relativ geerdeten Heldenfiguren solche Ausflüge ins Fantastische nie zu lachhaften Ausrutschern wie noch bei Man lebt nur zweimal. Moores Bond ist ein selbstbewusster, rauer Kavalier, dessen beste Waffe sein Humor ist, mit dem er sich von seinem Umfeld distanziert. Die Selbstverständlichkeit, mit der Moore Doppeldeutigkeiten ausspricht, passt perfekt in den Film und seine Darstellung der Rolle und unterscheidet ihn auch vom "Bin ich nicht ein toller Liebhaber"-Bond Connerys, auch M und Barbara Bachs Agentin sind keine albernen Abziehbilder. Allerdings spricht Bach im Original sehr trocken, weshalb ihre Figur in der Synchrofassung besser, runder und tougher wirkt (womit der Zuschauer leider die besten Doppeldeutigkeiten des Streifens verliert, da diese im Original besser sitzen).

Curd Jürgens' Stromberg ist ein angemessener Blofeld-Ersatz, der zwar keinen denkwürdigen Monolog hat, jedoch mehr böse Ausstrahlung als die letzten Blofelds und zudem dank Gilberts Regie allerhand einprägsame Taten vollbringen kann. Ein Beispiel: Von klassischer Musik und in hypnotisch-albtraumhaften Bildern gefilmt schaltet er gleich zu Beginn eine Verräterin aus, indem er sie an die Haie verfüttert. Großartige Sequenz!

Die Musik ist dennoch der unbeständigste Aspekt von Der Spion, der mich liebte: Regisseur Gilbert und Komponist Marvin Hamlisch weben gekonnt klassische Musik und filmische Verweise ein und auch zahlreiche der dunkleren Kompositionen sind gelungen, sitzen perfekt auf den Actionbeats. Schlecht gealtert sind derweil die Versuche, das Bond-Thema den 70ern anzupassen. Der von den Bee Gees inspirierte Track Bond' 77 sticht besonders hervor und würde wesentlich besser zu einem stark in seiner Zeit verwurzelten Film wie die ersten beiden Moore-Filme passen als zu diesem.

Dennoch ist Der Spion, der mich liebte alles in allem toll gealtert und macht nahezu alles richtig, was sich Freunde des leichtfüßigen Agenten-Actioners von ihrem Leinwandidol wünschen können. Inhaltlich unambitioniert, aber super umgesetzt.

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