Freitag, 20. September 2013

James Bond – In tödlicher Mission


Ich kann der James Bond-Reihe vieles vorwerfen. Sie ist reine Popcorn-Unterhaltung, die sich selten weitreichendere Ambitionen macht. Ihr Frauenbild ist mitunter fragwürdig. Obwohl Bond-Filme selten über zwei Stunden dauern, sind sie ebenfalls nur in raren Fällen knackig erzählt, sondern all zu gern verschnörkelt. Und fast schon mit verlässlicher Regelmäßigkeit rutscht 007 nach einigen gelungenen Filmen in eine "Ich verlasse mich auf meine bewährte Formel und mehr muss ich ja wohl nicht machen"-Phase ab. Doch eines muss ich den Produzenten lassen: Wann immer sie sich einen völligen Ausrutscher erlauben, raufen sie sich beim nächsten Film wieder zusammen. Auf Man lebt nur zweimal folgte Im Geheimdienst Ihrer Majestät, auf Der Mann mit dem goldenen Colt folgte Der Spion, der mich liebte und nach dem abgehobenen Moonraker fand 007 mit In tödlicher Mission wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.

Dieser Richtungswechsel kommt umso überraschender, nachdem Moonraker der bis dahin erfolgreichste Bond-Film aller Zeiten wurde und zumindest seinerzeit noch vom durchschnittlichen Kinogänger auch relativ warm aufgenommen wurde. Die übliche Produzentenreaktion wäre, noch weiter zu gehen und noch abgedrehtere Bond-Abenteuer zu spinnen. Aber so sehr das Bond-Franchise auch reinen Eskapismus darstellt, einen gewissen Selbstanspruch scheinen die Produzenten dieser Reihe dann doch zu haben. Wobei die Bond-Sekundärliteratur suggeriert, dass der Wille zum Richtungswechsel vor allem durch Michael G. Wilson aufkam. Dieser begleitete die Bond-Reihe schon länger und stieg bei Moonraker zum ausführenden Produzenten auf, woraufhin er zu Broccolis neuem Vertrauten in allen 007-Fragen wurde. Wilson nutzte seine neue Stimmgewalt, um ein Umdenken in Bewegung zu setzen. Er fand, dass Bond seine Überdrehtheit ausgereizt habe, noch ausladender könne es nicht mehr werden. Daher sollte sich die Filmreihe auf ihre Wurzeln und den Tonfall der Werke Ian Flemmings zurückbesinnen, zugleich wäre dies die Gelegenheit, Bond wieder zu einem eigenständigere Helden aufzubauen, statt ihn weiterhin von Gadgets abhängig zu machen.

Hinzu kam, dass Roger Moore der Rolle überdrüssig wurde und mit einem Ausstieg liebäugelte, wodurch sich ein Wechsel des Tonfalls noch mehr anbot. Timothy Dalton, mit dem frühe Gespräche geführt wurden, hatte Interesse an einem kernigeren Bond, der sich mit der Rachethematik auseinandersetzte. Damit lag er auf einer Wellenlänge mit Bond-Veteran Richard Maibaum, der gemeinsam mit Wilson ein Drehbuch entwickelte, das sich von den verspielteren Storys Christopher Woods distanzierte. In der Prologsequenz knüpften die Autoren zudem Rückgriffe auf frühere Bond-Elemente, um so dem neuen Darsteller eine rasche Verbindung mit dem 007-Mythos zu ermöglichen. Da Moore schlussendlich doch noch zusagte, weiterhin den Spitzenagenten zu verkörpern, hat der Prolog eine leicht andere Wirkung, er bleibt aber ein aussagekräftiger Start eines guten Agentenfilms.

Bond besucht das Grab seiner Ehefrau Tracy, als er zu einem dringenden Einsatz gerufen wird. Dieser stellt sich als Falle seines lang verschwundenen Erzfeinds Blofeld heraus, der Bond mittels eines ferngesteuerten Hubschraubers zu töten gedenkt. 007 kann den Spieß jedoch umdrehen und sich ein für alle Mal des (wieder) glatzköpfigen Schurkengenies entledigen. Der Tonfall dieser Sequenz ist eine konstante Mischung aus ernsthaftem Spektakel mit großem Schauwert und einer emotionalen Fallhöhe für Bond und leichtfüßiger Übertreibung. Blofelds Plan ist abstrus und seine Versuche, Bond davon abzuhalten, ihn kalt zu machen, sind mit spitzer Feder geschrieben. Doch anders als bei Moonraker, wo sich die verschiedenen Tonarten gegenseitig behinderte, präsentiert sich hier dieser atmosphärische Balanceakt als wohlchoreographiert, zudem dient sie als (vorläufiger) Abschied vom "Größer, schneller, weiter, irrsinniger"-Bond sowie gleichzeitig auch als Etablierung der im Kernplot relevanten Rachethematik.

Die eigentliche Filmhandlung beginnt kurz nachdem Schiff der britischen Marine im Ionischen Meer versunken ist. Das auf dem Schiff befindliche Steuersystem ATAC konnte nicht aufgefunden werden, weswegen der Geheimdienst vermutet, dass es politische Gegner auf das Gerät abgesehen haben. Bond bekommt den Auftrag, ATAC wiederzubeschaffen und hängt sich daher an den Killer Gonzalez, der kürzlich de Archäologen Havelock ermordete, welcher ebenfalls auf der Suche nach dem ATAC-System war. Noch ehe Bond sich dem Schurken nähern kann, wird dieser jedoch durch die Bogenschützin Melina (Carole Bouquet) , Havelocks Tochter, liquidiert. So bleibt es Bond nur, mittels der Personenerkennungssoftware von Q einen der Geschäftspartner Gonzalez' zu identifizieren und diesen zu suchen. Zunächst führt die Spur nach Italien, wo Bond dem zwielichtigen Reeder Kritatos begegnet. Dieser gibt Bond den Tipp, dass der bekannte Schmuggler Columbo in die Sache verwickelt sei. Eine vertrackte Jagd nach dem ATAC beginnt, die Bond zwingt, ein Netz aus falschen Fährten zu durchschauen. Zudem muss er sich nicht nur die blutjunge Eistänzerin Bibi vom Hals halten, während er Melina abzuhalten versucht, ihm mit ihrem Rachekomplott die Suche nach ATAC weiter zu erschweren ...

Nicht nur der bodenständigere Tonfall von In tödlicher Mission und der unerwartete Rückgriff auf Motive und Inhalte früherer Bond-Filme hebt den zwölften offiziellen 007-Streifen von seinem direkten Vorgänger ab. Auch musikalisch geht er in neue Richtungen. Rückblickend mag es kurios sein, dass In tödlicher Mission und nicht der Vorgänger Moonraker verstärkt elektronische Elemente in den Score einfließen lässt, dennoch erweist sich Bill Conti als erfrischender Vertreter für John Barry. Contis Score ist vom Tempo und Rhythmus sowie auch den Arrangements her an Disco und Funk orientiert, allerdings bedient er sich nicht derart stark an diesen Genres wie Marvin Hamlisch in Der Spion, der mich liebte. Cues, die mir besonders zusagen, sind die umarrangierte "Gunbarrel"-Sequenz sowie die elegant treibenden Klänge während der aufwändigen, packend inszenierten und herausragend geschnittenen Ski- und Bob-Verfolgungsjagd, bei der sich Willy Bogner selbst übertraf und sogar seine dramatischere, aber insgesamt weniger Energie aufweisende Ski-Sequenz aus Im Geheimdienst Ihrer Majestät in den Schatten stellte

Noch vor der Skisequenz kommt es aber zu einer ähnlich starken Auto-Verfolgungsjagd durch Spaniens saftig grünem Gebirge, in der Stuntfahrer-Legende Rémy Julienne (später der kreative Kopf hinter der Stuntshow im Walt Disney Studios Park) aus einer gelben Ente (gemeint ist natürlich der Wagen, nicht das Tierchen!) ein erstaunlich agiles Agentengefährt macht. Diese Sequenz ist ein Testament, wie zielsicher John Glen (Cutter mehrerer Bond-Filme und Regisseur der Prologsequenzen von Der Spion, der mich liebte und Moonraker) bei seinem Regiedebüt den Humor der Moore-Filme mit dem ursprünglichen Bond-Spannungselement ausbalanciert. Unter Lewis Gilbert wäre Bonds Flucht in diesem ulkigen Gefährt sicherlich zu einer übertriebenen Farce im Stil der Venedig-Gondelsequenz Moonraker geworden. Glen hingegen nimmt das humorige Flair, 007 in einer brenzligen Situation in ein ihm vermeintlich unwürdiges Gefährt zu setzen, und lässt dann die Autostunts und den flotten, Thrill erzeugenden Schnitt dagegen ankämpfen.

Da sich die Action wieder realer und (selbstredend an einem Popcorn-Niveau gemessen) ernsthafter anfühlt, kippt dieser Bond-Film auch nicht um, wenn Moores Bond mit Q in überaus comcihaftes Geplänkel ausbricht. Dank der kumpelhaften Chemie zwischen Moore und Desmond Llewelyn sowie der wie ich finde äußerst kreativen Idee mit dem Identigraphen, mittels dessen Bond Gonzalez' Auftraggeber ausfindig macht, sind diese Comedy-Momente nun wieder erfrischend und spaßig, während sie in Monraker eher lästig waren. Auch das Geplänkel mit Moneypenny sitzt wieder. Generell finde ich die weiblichen Figuren in diesem Film gut eingesetzt. Bibi Dahl, eine eher verhasste Figur im Bond-Fandom, empfinde ich als kurzweiligen Comic Relief, goldig von Lynn-Holly Johnson gespielt, und Carole Bouquets Melina ist eine der raren, überzeugenden toughen Frauen im Bond-Pantheon.

Zu den Schwächen von In tödlicher Film würde ich dafür das dramaturgisch ausgereifte Skript zählen. Dafür, dass dies wieder ein kleinerer Agentenactioner ist, der sich handlungstechnisch auf der zu entwirrenden Tätersuche verlässt, gerät der eigentliche Plot zu oft in den Hintergrund oder ist wahlweise einfach zu ausgedehnt. So gut die Actionszenen sein mögen, sackt der Film dafür zwischen ihnen zu oft ein. Auch wird Bonds Doppelmoral in Sachen Rache (er belehrt Melina, dass Rache nichts wert sei, bringt anfangs aber Blofeld um) nicht kommentiert, was einem "smarteren" Bond-Film nicht passieren sollte.

Dennoch ist In tödlicher Mission, dessen Titelsong angenehm, aber unspektakulär ist, ein sehr vergnüglicher und spannender Eintrag in die unsterbliche Kinoreihe. Das Gesamtbild ist so umwerfend nicht, dafür wirkt er einfach nicht rund genug, doch die Einzelteile des Films wissen sehr gut zu unterhalten.

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