Montag, 21. Oktober 2013

Turbo


Wie ambitioniert und durchdacht muss die Geschichte eines Animationsfilms sein, der für die ganze Familie gedacht ist? Gewiss keine weltbewegende Frage, doch es ist eine, die sich mir beim Gedanken an das aktuelle Produkt der DreamWorks Animation Studios aufdrängt. Der farbenfrohe Trickspaß Turbo erzählt nämlich eine Story, deren Moral sich wohl nur zu gerne auf eine Stufe mit der Aussage des Pixar-Kunstwerkes Ratatouille stellen würde. In Brad Birds Oscar-prämierter Erzählung über eine Ratte, die Koch werden möchte, hallt es mehrmals ehrfürchtig "Jeder kann kochen!", was schlussendlich etwas exakter ausformuliert wird. So muss eine zentrale Figur dieser pittoresker Weise in Paris angesiedelten Geschichte erkennen, dass nicht jeder Einzelne des Kochens befähigt ist, gute Köche jedoch von überall her stammen können. Das Kochen, dies wird durch die liebevolle Erzählweise deutlich, steht in Ratatouille selbstredend für sämtliche Künste, denen sich jemand hingeben kann.

DreamWorks Animation erzählt mit Turbo die nicht minder kuriose Geschichte eines Träumers, der sich in ein Tätigkeitsfeld hineinwünscht, das seiner Natur nicht stärker entgegengesetzt sein könnte. Im Zentrum dieses Animationsfilmes steht statt einer Ratte nun eine Schnecke, und diese wünscht sich nicht etwa, Koch zu sein, sondern an einem Autorennen teilzunehmen. Der Leitspruch, der den Protagonisten mit Inspiration füllt, stammt wie bei Ratatouille aus Fernsehsendungen über das Idol des Helden und lautet hier stark generalisierend: "Kein Traum ist zu groß und kein Träumer ist zu klein."

Ob nun eine kochende Ratte oder eine Schnecke mit Sehnsucht nach Hochgeschwindigkeitsrennen, ob nun exemplarischer Leitspruch oder offen ausformulierte Moral: Beide Produktionen setzen es sich nicht bloß zum Ziel, ein breites Publikum mit sympathischen Figuren und wohl dosiertem Slapstick sowie gesundem Wortwitz zu unterhalten, sondern auch, eine anspornende Botschaft zu verbreiten.

Dessen ungeachtet beweisen Pixars Langfilm des Jahres 2007 und der zweite DreamWorks-Animationsfilm des Jahres 2013 auf der Ebene des Storytellings einen gänzlich unterschiedlich ausgeprägten Ehrgeiz. Und dahingehend meine ich sogar weniger die Dialoge, welche in Ratatouille ausgefeilt und vielschichtig sind, während in Turbo zwar eine spritzig-witzige Sprache vorherrscht, jedoch auch penibel darauf geachtet wird, bloß nicht die jüngsten Kinogänger zu überfordern. Ich möchte an dieser Stelle auch das Ende außer Acht lassen, das Brad Bird mit fast poetischer Passion ausbreitete und auf berührende Weise lebensnah geriet, und bei dem Große Haie - kleine Fische-Autor David Soren in Turbo auf schnell wirkenden Eskapismus und eine lautere, frohgemutere Schlussnote setzt. Im Mittelpunkt meiner Überlegungen steht eher der Pfad, den die Autoren dieser Streifen einschlagen, um ihren jeweiligen Helden in die Nähe seines Traums zu manövrieren.

In Ratatouille hat Remy von Beginn an eine besondere Gabe, die zudem mit seinen persönlichen Interessen zusammenfällt und auch gut zu seinem Charakter passt. Er kann diese Gabe jedoch aus zweierlei Gründen nicht nutzen: Sein soziales Umfeld respektiert sein Talent nicht und das Umfeld, dass sein Können zu schätzen wissen würde, würde es ihm niemals gestatten, es umzusetzen. Also muss sich Remy mit Hilfe der richtigen Person und viel Durchsetzungsvermögen sowie großer Passion behaupten. Und am Schluss erwartet ihn ein Teilsieg. In Turbo wiederum wünscht sich die Hauptfigur Theo (von sich selbst nur "Turbo" genannt), ein Talent zu haben, das ihm nicht gegeben ist, auch wenn es zu ihm passen würde. Er als Schnecke hat zwar eigentlich langsam zu sein, doch als Rennsportfan und aufgewecktes Kerlchen hat Theo nunmal Benzin ... naja, nicht wirklich im Blut (zumindest anfangs), aber in der Seele. Eines Tages geschieht jedoch ein sonderbarer Unfall und Theo landet im Motor eines mit Nitro-Power aufgebauschten Straßenflitzers. Der kleine Träumer wird geradezu in dem Zeug ertränkt, überlebt aber auf wundersame Weise und hat nun gewissermaßen Superkräfte. Er verfügt über Superschnelligkeit und hat auch sonst einige Fähigkeiten, die an aufgemotzte Autos erinnern.

Deutlicher gesagt: Während Remy etwas kann und dafür kämpft, es einsetzen zu können, ersehnt sich Theo ein Können und bekommt es eines Tages durch Zufall geschenkt. Nach der wunderlichen Fügung ist für ihn schon nahezu die halbe Miete gemacht. Er hat endlich seine ersehnte, rasante Geschwindigkeit, und er erkämpft sich die Teilnahme am Indy-500-Rennen gewissermaßen als Krönung des Ganzen. Und auch wenn David Soren seine Underdog-Story sehr gutherzig und liebenswert erzählt, ohne die einst so typische DreamWorks-Gehässigkeiten und nur mit einer kleinen, gesunden Dosis Popkulturhumor, so fehlt die inspirierende und kunstvolle Note von Pixars Rattenfilm. All die "Auch eine Schnecke kann schnell sein. Sie kann sich diesen Traum erkämpfen, wenn sie nur fest an sich glaubt!"-Parolen von Turbo haben zwar dank der starken Inszenierung eine kurzweilige Wirkung als Eskapismus, doch streng betrachtet sind die leere Hülsen, da sich Theos Wandlung zur Turboschnecke nicht aufs Publikum und dessen Sehnsüchte übertragen lässt.

Es gibt natürlich sehr viele Filme, in denen eine höhere Macht die Heldin oder den Helden auf den Erfolgspfad geleitet. Doch Märchen wie Cinderella oder Dornröschen erzählen eine andere Form von Wunscherfüllung, weshalb sie auf einer anderen Ebene funktionieren. Ratatouille und Turbo befassen sich mit Figuren, die Talente (oder Interessen) abseits der für sie geltenden Normen haben und die sich gewissermaßen unter karikierten, im Kern aber lebensnahen gesellschaftlichen Regeln durchsetzen wollen. Märchen hingegen erzählen vom Guten, das durch das unmenschlich Böse in seinem Glück behindert wird. Mit ihren magischen Wunscherfüllungen bestätigen sie den Glauben an das Gute und höhere Kräfte, die wieder die korrekte Ordnung herstellen. Turbo nutzt einen märchenhaften Plotpunkt in einer "weltlichen" Geschichte, die mit ihren gelegentlichen Seitenhieben auf Popkultur und Alltagsprobleme in dieser Realität verwurzelt ist. Bloß dass Schnecken bunter sind, miteinander coole Gespräche führen und durch Superturbobenzin schneller werden.

Allerdings stellt sich die Frage, wie sehr diese Umstände Turbo zurückhalten. Denn mit dem imposanten Look (die Hintergründe sind lebensecht, aber vitaler und bunter, die Figuren sind sich gut einfügende Karikaturen), der ausdrucksstarken sowie im Falle der Schnecken-Mimik und Gestik auch einfallsreichen Figurenanimation sowie der zwar nicht denkwürdigen, aber effektiven Musikuntermalung ist Turbo ein sehr gut gemachter Eintrag in die DreamWorks-Animation-Vita. Zudem sind sämtliche Figuren spaßig, die Stimmenauswahl im Original wie in der deutschen Fassung superb und das Tempo des Films ist genau richtig. Er wirkt nicht abgehetzt, überreizt aber auch nicht seine Wirkung. Dank einiger sehr amüsanter Momente, vom Schneckenalltag hin zu Turbos verrückten Kumpels, macht der Film allerhand Spaß, auch wenn er sich auf zahlreichen Klischees verlässt und seiner eigenen Botschaft nicht gerecht wird. Es fehlen allerhand der Pluspunkte, die Ratatouille dank seiner Selbstansprüche einheimst, doch muss dies gleich ein Negativpunkt sein, erst recht, da der Rest ja ansprechenden Zeitvertreib garantiert ..?

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1 Kommentare:

maloney hat gesagt…

Recht löbliche Worte für einen Film, der dies eigentlich gar nicht verdient hat

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