Sonntag, 8. Juni 2014

Marvel und die Yes Men


Im englischen Sprachgebrauch nennen sie Filmkenner "Yes Men" oder "Journeymen Directors": Regisseure, die ohne erkennbare Markenzeichen arbeiten, die Filme im Sinne des Auftraggebers (also des Studios) abliefern. Erstere Bezeichnung hat zweifelsfrei einen abschätzigen Beigeschmack, beruht sie doch auf der Vorstellung, dass diese Regisseure zu jedem Studio-Memo Ja sagen. Letztere Bezeichnung ist schon eher wertneutral: Es sind (Wander-)Gesellen, also handwerklich ausgereifte Regisseure, die aber noch nicht Meister ihres Fachs sind und somit eher für Auftragsarbeiten zu haben sind.

Marvels Ant-Man sollte ursprünglich von einem solchen Meister stammen. Mehr noch: Von einem exzentrischen Meister, dessen eigener Stil sich längst weit herumgesprochen hat. Bekanntlich kam es aber zwischen eben diesem Meister, Edgar Wright, und Marvel zum Clinch, woraufhin zahlreiche andere Komödienfilmer angefragt wurden, die aber allesamt ablehnten. Nun, mit dem geplanten Drehstart direkt vor der Tür, sagte einer dieser Yes Men oder Journeymen zu: Peyton Reed, den Regisseur des Disney-Channel-Films Ein toller Käfer kehrt zurück sowie der Kinokomödien Girls United, Down with Love, Trennung mit Hindernissen und ... Der Ja-Sager (im Original ... Yes Man).

Im ersten Moment ist diese Meldung zweifelsohne ein herber, herber Schlag. Schließlich freuten sich die meisten Marvel-Anhänger nicht auf den ersten Kinoeinsatz der Figur Ant-Man, sondern auf Marvels Kooperation mit einem so eigenwilligen Regisseur wie Edgar Wright. Nun einen umso unauffälligeren Regisseur auf den Posten zu setzen, wirkt fast schon lächerlich.

Auf den zweiten Blick ... naja, ist diese Nachricht noch immer enttäuschend. Aber betrachten wir es nüchtern: Marvel will den Drehplan einhalten. Es gibt kaum Zeit für einschneidende, neue kreative Entscheidungen. Einen Menschen wie, sagen wir Mal, James Cameron, anzusetzen, wäre Talentverschwendung. Besonders schlimm wäre es, würde Marvel einen schnell arbeitenden Regisseur anzusetzen, der dennoch sogar einen eigenen Stil mitbringt, wodurch ein wilder Mischmasch aus Wrights Vorarbeit, Marvels Memos und dem neuen Regisseur entstünde. "Robert Rodriguez' Marvels Ant-Man, inspired by Edgar Wright"? Das kann nur ein mieses Chaos geben. Es sei denn, wir reden von Ausnahmefällen wie Brad Bird und Ratatouille, wo viel kreativer Geist und wenig Zeit ein Meisterwerk ergeben haben.

So traurig es ist: Ohne Ant-Man zu verschieben, kann nur ein Regiegeselle das Ding schaukeln, einer, der das Ding nicht mangels handwerklicher Erfahrung oder Geschmack gegen die Wand fährt, sondern sich strikt an den Plan hält. Das wird mit Sicherheit schlechter als alles, was Wright gemacht hätte. Aber es wird, wenn das Drehbuch stimmt, besser als ein von vielen Köchen verdorbener Brei. Wie es beispielsweise bei Pixar und Merida geschah.

Da Adam McKay (Anchorman) das Drehbuch überarbeitet, dürfte Ant-Man kein all zu verwässertes Irgendwas werden. Ja, Wrights Ant-Man wäre vorab um ein Vielfaches reizvoller. Doch das Kind fiel in den Brunnen. Es geht nicht mehr um "Wie genial wird es?", sondern um "Wie wenig wird der Film enttäuschen?". Und da macht mir der unauffällige Niemand Peyton Reed weniger Angst als Unsympath Brett Ratner oder die besser nochmal in die Lehre gehenden Gesellen John Moore und Shawn Levy.

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