Donnerstag, 21. August 2014

Jungle Town


Der italienische Disney-Starzeichner Giorgio Cavazzano prägte das Aussehen zahlreicher denkwürdiger Comicfiguren. So formte er das Antlitz des mäßig begabten Detektiven Hubert Bogart oder des Außerirdischen Quacky vom Planeten Ducky, dessen Raumschiff verlorenging und dummerweise zuletzt die Gestalt eines Kreuzers annahm und daher schwer aufzufinden ist. Zudem zeichnete er den bis heute kontrovers diskutierten Mehrteiler Die Drachenritter. Und dann wären da noch zwei der atypischsten Schöpfungen des erweiterten Disney-Comicuniversums: Die Detectives Adam und Rollo.

Noch nie von ihnen gehört? Dies könnte daran liegen, dass sie nicht in Entenhausen zuhause sind. Oder überhaupt im klassischen Disney-Gefilde. Sie leben in der Stadt Jungle Town, die interessierten Lesern einmalig in einer Graphic Novel von Cavazzano und Texter Tito Faraci vorgestellt wurde. Dieses einmalige Comicalbum wurde in Italien vom kaum genutzten Disney-Sublabel Buena Vista Lab
veröffentlicht, in Deutschland brachte die Ehapa Comic Collection die Geschichte auf den Markt. Den Disney-Schriftzug sucht der geneigte Comicfreund im Jungle Town-Band vergeblich, doch im Impressum steht es ganz unauffällig: Copyright Disney Enterprises. Sprechen wir hier von einer Comicgeschichte, die unter dem Disney-Markennamen läuft, damit aber nicht prahlt – ähnlich wie der erste Fluch der Karibik-Film? Oder sprechen wir hier eher von einer Situation, in welcher zwar der Disney-Konzern das Projekt verwirklichte, aber seinen Markennamen am liebsten ganz vertuschen würde – wie bei den Touchstone-Pictures-Filmen?

Die Grenzen sind beim Comic Jungle Town schwammig, ebenso wie die Klassengrenzen in der farbenprächtigen, doch abgründigen Stadt, von der die zwei Disney-Comickünstler in ihm erzählen. Die Metropole wird (wie auch Entenhausen) von anthropomorphen Tieren verschiedenster Arten bewohnt – im Gegensatz zu den Entenhausenern sind sich die Bewohner von Jungle Town ihrer Diversität aber bewusst. Die meisten Einwohner von Jungle Town sind Nachkommen der Hunde, die dieses Gebiet vor vielen Jahrhunderten erstmals besiedelten. Darüber hinaus leben aber auch unterschiedlichste Vögel in der Großstadt, ebenso wie Nashörner, Schweine, Katzen und, und, und … Zwischen Hunden und Katzen kam es vor wenigen Jahrzehnten zu großen Rassenunruhen, die zumindest auf dem großen politischen Parkett überwunden wurden. Hunde und Katzen arbeiten in allen nur denkbaren Berufen, besuchen die gleichen Schulen und artübergreifende Ehen sind zwar selten, aber legal und toleriert. Und dennoch ist der Schmelztiegel Jungle Town kein Paradies, insbesondere nicht für Ratten – nur wenige der Nager haben es bis in die höheren Kreise der Gesellschaft gebracht, die meisten leben noch immer in Armut und werden von den wohlhabendsten Bürgern verachtet.

Als eines Morgens zwei Katzen auf einem noblen Golfplatz die Leiche einer Ratte vorfinden, schickt die Polizei von Jungle Town ihre zwei besten Schnüffler los – Adam und Rollo, die beide hinter diesem Mord eine Provokation wittern und daher recht rüde die Medien abzuschütteln versuchen, die sich auf den Vorfall stürzen. Der Vorgesetzte des Duos ist mit dem Fernsehauftritt seiner Männer ausgesprochen unglücklich und fürchtet, dass sie die Lage nur verschlimmert haben. Schließlich kochen die Differenzen zwischen den Arten unter der Oberfläche seit Jahren weiter hoch – und nun könnte alles explodieren. Zur Strafe nimmt der Polizeichef Adam und Rollo den Fall jedoch nicht weg, sondern verdonnert sie dazu, ihren Job schnell und ohne weiteres Aufsehen zu erregen zu Ende zu bringen.

Das eingespielte Team Cavazzano/Faraci schalten zwischen Adams und Rollos Ermittlungen einen zweiten Handlungsfaden, der dem Leser Adams Familie und somit den Alltag der Bevölkerung Jungle Towns näher bringt. So wird Adams als Friseurin arbeitende Katzen-Frau Marla von ihren Kundinnen voller Neugierde gefragt, wie glücklich eine Mischehe sein kann. Derweil nerven sich Adams und Marlas Kinder gegenseitig: Die jüngere Tochter fliegt auf einen Freund und Bandkollegen ihres Bruders, was das Geschwisterduo zu allerlei Wortgefechten anstiftet.

Analog zu manchen TV-Krimiserien legt Jungle Town seinen Fokus zu gleichen Teilen auf den Kriminalfall und das Privatleben seiner Figuren – diese Graphic Novel möchte kein in bunten, strahlenden Farben kolorierter und in klaren Konturen gezeichneter „Whodunnit“ sein, sondern die Gesellschaftsstudie eines fiktiven Ortes. Dessen soziologische und kulturelle Konstellation ist selbstredend voller Parallelen zur Realität. Bissige Zungen würden Jungle Town womöglich vorwerfen, mit den Beziehungen zwischen den Tierarten eine leicht zu durchschauende Analogie auf Integrationsdebatten zu wählen. Jedoch ist die künstlerische und intellektuelle Leistung dieses Bandes nicht, ein cleveres Rätsel zu entwerfen. Jungle Town will nicht mühevoll entschlüsselt werden, sondern geht den Weg eines guten Fernsehkrimis und nennt die Probleme bei ihrem Namen – niemand muss bei einem gelungenen Tatort (und ja, die gibt es ab und zu!) über die Stigmatisierung von Migranten grübeln, was wohl gemeint sein könnte.

Die Intention von Jungle Town ist es, für jeden halbwegs aufgeweckten Comicleser auf einem etwas farbenfroheren, verspielten Wege exakt das zu leisten, was eine im Kriminalgenre verortete Reflexion über Standesgrenzen, Vorurteile und Migration beabsichtigt: Diese Mixtur aus Spannungsstück und Gesellschaftsdrama stellt Fragen darüber, wie weit wir als Gesellschaft in Toleranzdiskursen gekommen sind. Und diesbezüglich ist Jungle Town deutlich cleverer als es auf dem ersten Blick scheint. Die Dialoge sind mit flotter Feder geschrieben und leicht verdaulich, hallen allerdings lange nach, da sie genau den richtigen Nerv treffen. Und auch wenn nur Adam und seine Familie charakterlich genauer ins Auge genommen werden, gelingt es Cavazzano und Faraci innerhalb weniger Seiten, eine denkwürdige Fabelwelt zu erschaffen – es ist echt bedauerlich, dass es nur diese eine Jungle Town-Story gibt.

Visuell ähnelt der Band durchaus Paperinik New Adventures, als dass er eine ungewöhnliche, aber intuitive Ehe aus dem graphischen, schmucken Look moderner, italienischer Disney-Comics und der Dynamik großer US-Superheldencomics eingeht. Dass die Sprache des Comics zuweilen etwas aggressiv verdeutlicht, dass wir uns hier nicht in Entenhausen befinden, aber noch immer in einer Welt, die sich nicht alle Vulgaritäten erlauben will, ist zwar etwas irritierend – dafür sind die Gewaltspitzen und Andeutungen von Sexualität gekonnt eingearbeitet und verkommen nie zum Selbstzweck. Die Auflösung des Mordfalls wiederum geschieht zwar so rasch, dass es bei aller Simplizität dennoch verwirrend gerät, dafür macht das unforcierte, brillante Schlusspanel einiges wieder wett.


Jedem Fan italienischer Comickünstler generell und Cavazzano/Faraci im Speziellen sei Jungle Town nur ans Herz gelegt. Ebenso wie jedem Disney-Comicliebhaber, der sich nach unkonventionellem Material sehnt, das aber dennoch einen leichten, angenehmen Disney-Beigeschmack hat.

4 Kommentare:

corny hat gesagt…

Vielen Dank für das fantastische Review!!

corny hat gesagt…

Sodala dank deines Reviews hab ich mir das Comic jetzt bei Ebay ersteigert (für harte 2,50 € incl. Versand ;-)

Wenn Du noch weitere solche Comicperlen kennst, lass mich es wissen :-)

Lg
Corny

Sir Donnerbold hat gesagt…

Schon gelesen? Wie hat der Comic dir gefallen?

corny hat gesagt…

Nein, leider noch nicht :-(
Hab das Heft erst gestern gekauft und es ist noch auf dem Postweg.

Aber ich mag ja eh total den italienischen Disney Style - so wie bei "Monster Allergy" von Dani Books oder dem fantastischen Phantomias PK!

Doch Jungle Town ist mir tatsächlich bisher irgendwie komplett durch die Sammlerhände geflutscht und ist somit eine echte & tolle Entdeckung für mich :-)

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