Samstag, 18. Juli 2015

Manolo und das Buch des Lebens


Wohl kein Film der vergangenen zehn Jahre beäugte unterhaltsamer und vortrefflicher, was es bedeutet, einen künstlerischen Schaffensdrang in sich zu tragen, als Brad Birds farbenprächtiges, eloquentes Meisterwerk Ratatouille. Der feinsinnige Animationsfilm aus den Pixar-Studios beinhaltet darüber hinaus eine ungenügend beachtete Erkenntnis darüber, woher erstaunliche Leistungen rühren können. Der Restaurantkritiker Anton Ego fasst es vorbildhaft zusammen: „Nicht jeder ist zum großen Künstler geboren, aber große Künstler werden überall geboren.“ Ebenso gut ließe sich festhalten, dass vielleicht nicht überall rühmenswerte Kunst erschaffen wird, rühmenswerte Kunst sehr wohl aber überall erschaffen werden kann.

Selten zuvor ließ sich mit den geistreichen Worten eines Trickfilms die formidable Leistung eines anderen besser beschreiben, als im Fall von Manolo und das Buch des Lebens. Denn eine bescheidenere Herkunft ist schwer vorstellbar, als die eben dieses entzückenden Geniestreiches, der quer durch ein quirliges Mexiko und ein in dieser Form bislang ungesehenes Reich der Toten führt. Hauptverantwortlich sind nämlich die Reel FX Creative Studios, die sich bislang keineswegs mit Ruhm bekleckerten. So wirkten sie unter anderem an den mechanisch animierten Jagdfieber-Fortsetzungen, dem viel gescholtenen 3D-Kuriosum Cirque Du Soleil: Traumwelten und der unausgereiften Trickkomödie Free Birds – Esst uns an einem anderen Tag mit.

Doch nun ist es an der Zeit, die Entdeckung unverhoffter Welten zu vermelden – genauer gesagt die Entdeckung bezaubernder Welten, geschaffen von den zuvor enttäuschenden Reel FX Creative Studios. Es gilt lediglich, einen Prolog hinzunehmen: Unbändige Kinder erhalten eine private Museumsführung und werden in mexikanische Mythen eingeweiht. Diese Rahmenhandlung ist pointiert erzählt und stimmt das junge Publikum sachte auf die folgende, fantasievolle Geschichte ein – ist aber aufgrund der undetaillierten Figuren und klinischen Lichtgebung visuell unbeeindruckend. Aber dies macht die Kernhandlung mühelos wett:

Tourguide Mary Beth erzählt den lärmenden Teenies die Geschichte dreier junger Freunde – Manolo, María und Joaquín, die im mexikanischen Dorf San Angel leben und den ständig streitenden Göttern La Muerte und Xibalba ins Auge stechen. Xibalba, davon gelangweilt über das Reich der Vergessenen zu herrschen, geht mit La Muerte eine Wette über das zukünftige Liebesleben des Trios ein. Sollte La Muerte diese verlieren, muss sie ihren Thron im glückseligen Reich der weiterhin erinnerten Toten für ihren garstigen Wettpartner räumen. Und so erhält das Leben von Manolo, María und Joaquín eine neue, unfassbare Bedeutung. Dabei sind ihre Lebenswege auch so schon aufreibend genug …

Dargestellt wird das bunte Treiben Manolos, Marías und Joaquíns, das sich nicht lang auf das Reich der Lebenden beschränkt, in einer hinreißenden Optik, die sich an mexikanischer Handwerkskunst orientiert. Die Lebenden sind gestaltet und animiert, als seien sie liebevoll bearbeitete Marionetten, die liebreizende La Muerte dagegen scheint eine zerbrechliche Zuckerpuppe zu sein. Die Hintergründe derweil wirken, als seien sie mit Hingabe aus Holzschnitzereien, kraftvoll gefärbten Stoffen und sonstigen Fundstücken folkloristischem Handwerk erbaut. Regisseur Jorge Gutierrez und seine Crew haben – bildlich gesprochen – einen provinziell-traditionellen Kunstmarkt geplündert und ihre Beute mit kindlicher Freude neu zusammengesteckt: Dies führt zu einer andersartigen, impulsiven und überbordenden Ästhetik. Es wäre nur zu leicht, Manolo und das Buch des Lebens für seine stürmische Kreativität zu kritisieren, sie als cineastischen Tumult abzutun.

In Wahrheit jedoch ist der Look dieser Guillermo-del-Toro-Produktion etwas Neues, etwas Mutiges, etwas, das tief in einem Begeisterung weckt, wenn man dieser einzigartigen Kreation nur die Chance dazu gibt. Das Neue braucht Freunde! Und gerade hier hat es sich auch redlich Freunde verdient; Manolo und das Buch des Lebens ist mehr als bloß style over substance. Stilistik und Substanz bilden eine prächtige Einheit, schließlich versteht sich dieses rund 95-minütige Trickspektakel als reines Fest. Als Feier der mexikanischen Mythologie, als Lobeshymne auf individuelle Träume und unerschütterlichen Optimismus. Der energetische Soundtrack unterstreicht dies kongenial, indem er die weltenverbindende Handlung mit neuen Liedern und für den Film wieder ganz neu erfundenen Pop- und Rockklassikern bespickt. Zeitweise verschwimmen die Grenzen zwischen Liedern aus 'unserer' Welt und den Originalsongs sogar vollends, so findig sind die Neuarrangements der vermeintlich altbekannten Musikbeiträge!

Zweifelsfrei: Nicht jede Einzelheit ist rundum gelungen. Obwohl es sich bei Manolo und das Buch des Lebens um ein warmherziges Gagfeuerwerk handelt und die Figuren durch die Bank weg liebenswürdig sind, verpuffen manche Pointen auf Anhieb ins Nichts. Und bei allem bildlichen sowie klanglichen Innovationsdrang führt der Handlungslauf gelegentlich durch ausgetretenes Territorium. Nur wieso sollte dies den Gesamteindruck schmälern, wenn die Grundstimmung dieses feurigen Fantasy-Trips ebenso mitreißend wie außergewöhnlich ist? Die Reel FX Creative Studios haben durch dieses Abenteuer den Weg aus dem Reich der Vergessenswerten gefunden – und jeder Trickfilmliebhaber sollte ihnen daher Aufmerksamkeit schenken. Aber Vorsicht: Nach Manolo und das Buch des Lebens ist man womöglich mit einer zerreißenden Vorfreude erfüllt. Mit Freude auf Mehr!


Fazit: Ein Fest von einem Film! Der Trickspaß Manolo und das Buch des Lebens sorgt mit einzigartiger Optik, feuriger Musik und sympathischen Figuren für mehr Farbe im Kinoalltag.

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