Montag, 19. Oktober 2015

Ant-Man


Er ist die wandelnde Gegenthese zum 'Marvel Cinematic Universe': Während das Besondere am immens einträglichen Superhelden-Kinofranchise ist, dass es unentwegt wächst, zeichnet sich Ant-Man durch seine Fähigkeit zum Schrumpfen aus. In den Comics ist er eines der Gründungsmitglieder der Avengers, während er in der Marvel-Filmwelt erst zum muntern Abschluss der sogenannten zweiten Phase des Studio-Masterplans endlich in Aktion tritt. Mit der Solo-Herkunftsgeschichte Ant-Man sorgen die Marvel Studios zudem wieder für ein originäres Flair in ihrer Filmreihe. Schließlich wurde diese nun vier Jahre lang von Teamabenteuern und Fortsetzungsgeschichten dominiert. Eine Erzählung darüber, wie ein einzelner Niemand zum Helden wird, hat die Produktionsschmiede dagegen seit Captain America – The First Avenger nicht mehr zum Besten gegeben. Und während Joe Johnstons Comicadaption von 2011 ein buntes, bewusst überzeichnetes Soldatenabenteuer im Stile von Schundheftchen und spaßigen Retro-Blockbustern ist, leiht sich Ant-Man nun einige Seiten aus dem Lehrbuch für Heist Movies.

Wie schon einige Gangsterpossen rund um Diebstahl und listige Coups nimmt auch diese Story (vom das Marvel-Universum ausarbeitenden Prolog abgesehen) ihren Anfang, als unser Protagonist aus dem Gefängnis entlassen wird. Scott Lang (Paul Rudd) musste mehrere Jahre für Einbruch und Diebstahl sitzen und verlor durch seine Gesetzeskonflikte alles, was ihm lieb ist. Seine Frau (Judy Greer) ließ sich scheiden und ist nun mit einem Polizisten (Bobby Cannavale) verlobt, der eifrig versucht, Scotts Tochter vor ihrem Halunkenvater fern zu halten. Und gute Referenzen hin oder her: Einen ansehnlichen neuen Job kann sich Scott angesichts seiner früheren Taten in die Haare schmieren. Einzig sein früherer Gefängniskumpel Luis (Michael Peña) hält ihm die Treue und holt ihn für einen neuen Feldzug mit ins Team. Derweil plagen den smarten, einzelgängerischen Erfinder und Firmenboss Hank Pym (Michael Douglas) ganz andere Sorgen: Sein früherer, emotional instabiler Protégé Darren Cross (Corey Stoll) steht kurz davor, die gefährliche Ant-Man-Technologie zu rekreieren, die Pym seit über zwei Jahrzehnten vor der Welt geheimzuhalten versucht. Da sich Hank und seine von ihm distanzierende Tochter Hope van Dyne (Evangeline Lilly) nicht einig werden, wie sie Darren aufhalten sollen, muss ein Plan B her. Klar, dass sich über kurz oder lang Hanks und Scotts Wege kreuzen werden …

Wer die Produktionsgeschichten der Marvel-Filme genau verfolgt, dürfte zwangsweise davon Wind bekommen haben: Nachdem Edgar Wright (Hot Fuzz) rund eine Dekade lang gemeinsam mit Schreibpartner Joe Cornish am Drehbuch zu Ant-Man werkelte, verließ er nur wenige Wochen vor dem geplanten Drehstart die Produktion. Als Grund wurden die stets gern zitierten kreativen Differenzen zwischen Regisseur und Studio angegeben. Daraufhin heuerte Marvel eilig Anchorman-Macher Adam McKay und Hauptdarsteller Paul Rudd an, um das Drehbuch zu überarbeiten, für den Regieposten konnte letztlich Peyton Reed (Der Ja-Sager) gewonnen werden. Wie sehr sich das ins Kino entlassene Endergebnis nun von Wrights ursprünglicher Vision unterscheidet, können wohl nur Beteiligte sagen. Doch ganz gleich, ob es nun an den turbulenten Wochen vor Drehstart liegt oder womöglich schon das Skript von Wright und Cornish Schuld hat: Die am flüssigsten erzählte Marvel-Mission ist Ant-Man wahrlich nicht. Hier und da reißen Halbsätze Storylines an, die sich nie voll entfalten (Stichwort: Beeinflussung der Hirnwellen). Und auch wenn der eigentliche Plot recht zügig und ohne jegliche Verschnörkelung vonstattengeht, werden vor einzelnen Actionpassagen sehr wohl einige Erklärungen nachgeschoben. Ob sie nun die Figuren mit einem Schlag ausdifferenzieren oder den Ant-Man-Anzug näher erläutern – Marvel bewies in Vergangenheit durchaus, solche Expositionen beiläufiger und eleganter vermitteln zu können. Ohne wie bei Ant-Man die Dynamik der Geschichte ein klein wenig aus dem Takt zu bringen.

Ein weiteres, wenngleich vernachlässigbares, Drehbuchproblem betrifft die ruhigeren Aspekte der 130-Millionen-Dollar-Produktion. So plausibel Scotts Sorgen auch sind, dass seine Tochter ihn nie als den Mann ansehen wird, der er in seinem tiefsten Inneren ist: Rührung mag wegen der Zurückhaltung dieser Szenen nur in sehr geringen Dosen aufkommen. Da erwiesen sich etwa die ersten beiden Spider-Man-Filme von Sam Raimi in der Umsetzung der charaktergetragenen Emotionalität in Mitten der Action- und Comedy-Einlagen eine Spur effektiver. Trotzdem wissen die Familiengeschichten Scotts und Hanks, Ant-Man nach all den (teils im wahrsten Sinne des Wortes) andersweltlichen Marvel-Produktionen eine etwas bodenständigere, alltäglichere Motivation für seinen Titelhelden zu präsentieren. Wohl auch daher versprüht Peyton Reeds Regiearbeit öfters die Atmosphäre jener Superheldenfilme, wie sie Anfang der 2000er in die Kinos gelangten, ehe Iron Man (und The Dark Knight) alles veränderte(n).

Wobei Ant-Man allem zum Trotz sehr deutlich die Attitüde eines Edgar Wright anzumerken ist – und da ist nicht wichtig, ob es sich dabei um Überbleibsel seines Drehbuchentwurfs handelt oder um Ideen, die McKay & Rudd in seinem Stil verfasst haben. Besonders auffällig ist der Wright-Geist in den äußerst kreativ-gewitzten Actionszenen. Dass der Träger des Ant-Man-Anzugs auf Knopfdruck winzig klein werden kann, dabei aber zugleich die Schlagkraft eines Geschosses erhält, wird auf vielfältige Weise in Szene gesetzt – und bleibt dabei stets humorvoll. Die Filmemacher wissen, wie albern die Fähigkeiten Ant-Mans sind (wobei das Schrumpfen im Vergleich zu seinem Können, mit Ameisen zu kommunizieren, noch alltäglich scheint), und nutzen dies zu ihrem Vorteil. Wiederholt werden die Unterschiede aufgezeigt, wie wild, rasend und chaotisch Kämpfe aus der Ameisenperspektive aussehen, während sie für Beobachter in Menschengröße unscheinbar sind. Und spätestens wenn Scott mit einer Horde von Ameisen eine hoch gesicherte Anlage infiltriert und Reed dies in haarsträubend-verrückten Bildern illustriert, dürfte kein Auge trocken bleiben. Aber auch die Dialogpassagen machen großen Spaß. Insbesondere die verschwurbelten Erzählungen von Peñas Kleinganoven Luis sowie eben dessen naiven Einfälle sorgen für gut sitzende Lacher. Wenig überraschend ist ebenso der perfekt gecastete Paul Rudd mit seinem trockenem Witz ein wichtiger Grundpfeiler dieser schmissigen Marvel-Komödie. Auch Michael Douglas, der die Mentorrolle mit Charme und Würde gibt, kann sich einige feine Pointen sichern, während Evangeline Lilly in Sachen Humor leider etwas kürzer treten muss – dafür gelingt es der Lost-Frontfrau, ihrer Standardrolle willkommene kantige Facetten zu verleihen.

House of Cards-Nebendarsteller Corey Stoll indes kann als verbissener Forscher nicht ganz im Alleingang Marvels Schurkenproblem lösen. Wie viele Fieslinge vor ihm, hat auch Darren Cross keine Vielzahl an intensiv ausgearbeiteten Szenen zu bieten, die sein Handeln vollauf nachvollziehbar und unvergleichlich machen. Dennoch zählt Cross zu den unterhaltsameren Widersachern innerhalb des 'Marvel Cinematic Universe', was unmissverständlich der Verdienst Stolls ist. Mit unbändiger Energie, unverschämtem Genuss an Fatalismus und rauem Charisma kann der Mime die skripttechnischen Schwächen seiner Figur zwar nicht vergessen machen, sie aber sehr wohl vehement übertönen. Hinzu kommt, dass er sehr einschüchternd aufzutreten weiß, was ebenfalls nur wenige Marvel-Schurken vor ihm erreichten. Dass sein Superanzug ein markantes, düsteres Design hat, das allein mittels Computeranimation verwirklicht werden konnte, kommt der Ausstrahlung seiner Figur da nur zugute – und dass dieser rein digitale Anzug neben dem praktischen (und saucoolen) Ant-Man-Outfit nicht als Effekt zu erkennen ist, zeigt auf, wie ausgefeilt die CG-Tricks in Ant-Man sind. Die Verschmelzung aus realem Filmmaterial und Computereffekten sowie Trickaufnahmen ist es auch, dank denen die Schrumpfszenen durchweg so gut funktionieren. Die knalligen Ideen von Reed und den Drehbuch-Autoren werden ausnahmslos in überzeugender Optik umgesetzt, die obendrein dank wohlüberlegter Kameraplatzierung sowie wirkungsvoller Weitwinkelaufnahmen in der empfehlenswerten 3D-Version noch beeindruckender gerät.

Wenn Ant-Man im Menschenmaßstab abläuft, ist die Optik des Films derweil austauschbar. Russell Carpenter (Titanic) zwängt dieses Abenteuer zwar in das für Marvel ungewohnt schmale Bildformat 1.85:1, trotzdem ist der 'große' Teil des Films nur solide gefilmt, ohne eigenen Charakter. Umso besser ist dafür der Schnitt: Dan Lebental und Colby Parker, Jr. bewerben sich förmlich dafür, den nächsten Edgar-Wright-Film zu schneiden und holen nicht nur aus praktisch jeder humorvollen Einlage das Optimum, sondern sorgen zudem für zügige Action, die trotz ständiger Eskalation nie ermüdet oder durch die regelmäßigen Maßstabwechsel verwirrt. Dafür enttäuscht Ant-Man auf musikalischer Ebene: Die Eiskönigin – Völlig unverfroren-Komponist Christophe Beck liefert den womöglich schwächsten Score des 'Marvel Cinematic Universe' ab, mit schalen Verschränkungen aus Orchester- und Elektroklängen sowie handzahmen, schnell vergessenen Melodien, die eher zu einer Fernsehkomödie passen als zu einem feschen Marvel-Kinofilm. Wenigstens weiß Peyton Reeds Gespür für pointierten Einsatz von Archivmusik von Becks magerer Instrumentalmusik abzulenken.

Alles in allem ist Ant-Man weit, weit davon entfernt, die Schlappe darzustellen, die einige Fans angesichts der tumultartigen Produktionsgeschichte befürchteten. Das Geschehen dürfte zwar stellenweise flüssiger ablaufen, die emotionalen Intermezzi könnten gern authentischer sein. Allerdings lassen sich die Schwächen dank der hohen Gagrate und der löblichen Trefferquote sowie dem gebotenen Action-Einfallsreichtum weitestgehend verzeihen. Ant-Man ist nicht ganz so verrückt wie Guardians of the Galaxy, nicht ganz so fesselnd wie The Return of the First Avenger, aber er ist deutlich spritziger als Thor – The Dark Kingdom. Hinzu kommen unaufdringliche, spaßige Verknüpfungen mit dem restlichen Marvel-Universum, und fertig ist einer der größten Heist Movies aller Zeiten. Beziehungsweise einer der kleinsten Marvel-Filme. Und wie Ant-Man so schön lehrt: Größe ist nicht alles, denn die Kleinen sind mitunter findiger als ihre monumentalen Kollegen.


Fazit: Erzählerisch nicht ganz rund, aber extrem witzig und in Sachen Action mal was Neues: Mit Ant-Man ist es den Marvel Studios auf unterhaltsame Weise gelungen, einen Helden auf die Leinwand zu holen, dem zuvor nur wenige Fans Kinotauglichkeit zugesprochen haben.  

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