Samstag, 17. Oktober 2015

Guardians of the Galaxy


Das Staffelfinale steht kurz bevor. Doch ehe die Helden aufeinandertreffen, um sich einer neuen, ungeahnt starken Gefahr zu stellen, schlagen die Showrunner eine völlig ungeahnte Richtung ein. Ein anderer Tonfall, ein anderer Look, ja, sogar andere Hauptfiguren. Eine Dosis Abwechslung vor dem großen Knall. Wenn Fernsehserien so vorgehen, kann dies in arge Fanrevolten münden. Oder aber die andersartige, aus dem Nichts geschossene Episode wird vom Publikum mit offenen Armen empfangen und zu einer der besten in der Seriengeschichte ernannt. Ersteres stand 2014 im Kino zu befürchten, doch letztgenannte Option traf tatsächlich ein. Das 'Marvel Cinematic Universe' funktioniert ähnlich wie eine immens kostspielige Serie, statt Jahresstaffeln gibt es sogenannte Phasen. Phase eins handelte von der Entstehung einer heroischen Gruppe und endete mit Marvel's The Avengers, Phase zwei weitet das fiktionale Marvel-Universum aus und findet ihren bombastischen Abschluss mit Avengers: Age of Ultron, ehe Ant-Man als Epilog fungiert. Statt aber das immer näher rückende Finale mit aller Kraft vorzubereiten, widmet sich Phase zwei des 'Marvel Cinematic Universe' in ihrem drittletzten Film einer komplett neuen Truppe von Losern, die heldenhaftes Potential aufweisen.

Nicht allein deswegen galt Guardians of the Galaxy vorab als gewaltiges Risiko für die Marvel Studios. Hinzu kam, dass die Storys um die galaktischen Heroen die bis dahin unbekanntesten Comics darstellten, die als Vorlage für einen Marvel-Kinofilm dienten. Und dann war da noch der Faktor X in Form des Regisseurs James Gunn, der bislang nur durch die Horrortrash-Hommage Slither, die rabenschwarze Selbstjustiz-Komödie Super und das Drehbuch zur sehr freien, sündigen Shakespeare-Adaption Tromeo & Julia auffiel. Bekanntlich zahlte sich die Risikofreudigkeit des Marvel-Filmchefs Kevin Feige aus: Liebenswert obskure Figuren, ein wunderbar eigensinniger Regisseur und eine perfekt abgestimmte Auszeit vom üblichen Avengers-Tonfall mündeten in den USA in ein fantastisches Startwochenende mit einem Gewicht von 94 Millionen Dollar.

Auch im Rest der Welt steuerte Guardians of the Galaxy einen Erfolgskurs an: Unterm Strich standen schlussendlich mehr als 774,17 Millionen Dollar Einspielergebnis. Und dies völlig verdient, denn Exzentriker James Gunn gelang mit diesem Space-Abenteuer ein flotter, spaßiger Superheldenfilm in außergewöhnlicher Optik. Der Frontmann von Marvels Wächtern der skurril gestalteten Galaxis ist Peter Quill, gespielt von einem vor Energie platzenden Chris Pratt. Peter stammt von der Erde, wurde 1988 jedoch von Außerirdischen entführt. Das Leben am anderen Ende des Universums bekam Peter aber recht gut: Er wuchs zu einer gerissenen Kombination aus Indiana-Jones-Abenteuerdrang und Han-Solo-Coolness heran und macht als Artefakte sammelnder Outlaw diverse Winkel des Weltalls unsicher. Als er eines Tages aber seinen launenhaften Ziehvater / Auftraggeber Yondu (spaßig-schroff: Michael Rooker) übervorteilt, setzt dieser ein Kopfgeld auf ihn aus. Derweil macht sich zudem die Kriegsprinzessin Gamora (knallhart: Zoe Saldana) auf die Jagd nach Peter, um das von ihm gestohlene Artefakt an sich zu reißen. Gamoras Attacke auf Peter wird aber jäh von zwei ungleichen Kopfgeldjägern unterbrochen: Dem wandelnden, kräftigen Baum Groot und dem jähzornigen, frechen Waschbär Rocket (im Original gesprochen von Bradley Cooper, im Deutschen von Fahri Yardim).

Wie es der Zufall so will, kann die intergalaktische Polizeiorganisation Nova Corps die vier Gelegenheitshalunken während ihrer Kabbelei dingfest machen. In einem Space-Gefängnis schließt das Quartett zwar nicht gleich Freundschaft, dennoch können es sich angesichts der Macht, die sich hinter Peters jüngstem Diebesgut verbirgt, auf eine Zweckgemeinschaft einigen. Auch der eloquente, alles wortwörtlich nehmende Krieger Drax (erstaunlich humorvoll: Dave Bautista) klinkt sich in die Gruppe ein. Um ihre Haut zu retten und ganz nebenher dem faschistischen Schurken Ronan (kaum wiederzuerkennen und vom Skript im Stich gelassen: Lee Pace) ein Schnippchen zu schlagen, gilt es aber zuallererst, aus diesem vermaledeiten Hochsicherheitsgefängnis auszubrechen …

Bereits ein grober Umriss des Plots dieser 170-Millionen-Dollar-Produktion zeigt auf, dass James Gunn sein Publikum in eine völlig fremde Welt voller neuer Vokabeln und nur dem comicerfahrenen Publikum bekannten Planeten, Zivilisationen und Allianzen stürzt. Im Gegensatz zu vielen neuen Sci-Fi- und Fantasy-Filmen (wie etwa Marvels Thor – The Dark Kingdom) schaltet Guardians of the Galaxy jedoch keinen trägen Prolog vor die eigentliche Handlung. Statt dem Zuschauer haarklein erst alle bedeutsamen Aspekte ihrer fiktiven Welt zu erläutern, schmeißen die Autoren Gunn und Nicole Perlman den Betrachter in bester Manier des originalen Star Wars-Films ins kalte Wasser. Es wird ohne weitere Erläuterungen von der kultischen Alienrasse Kree gesprochen, die mit dem technisierten Planeten Xandar verfeindet sind. Und dann wäre da noch der exzentrische Collector (macht Lust auf mehr: Benicio del Toro) … Wie dies mit den titelgebenden Anti-Helden in Verbindung steht, was die Nova Corps leisten und was der schon in Marvel's The Avengers aufgetretene Thanos (Josh Brolin in einem genüsslichen Miniauftritt) damit zu tun hat, all das und vieles mehr erklärt sich im Laufe des Films oder muss zum Teil aus dem Kontext erschlossen werden.

Somit mag Guardians of the Galaxy das weniger genreaffine Publikum eingangs vielleicht mehrmals verwirren oder gar etwas überfordern. Trotzdem ist es eine sich bezahlt machende narrative Entscheidung, denn dadurch sowie mittels des originellen Produktionsdesigns von Charles Wood baut James Gunn eine einnehmende, in sich geschlossene Filmwelt auf. Die teils absonderlichen, teils verspielten Sets, Kostüme und Requisiten fügen sich zu einem kohärenten Ganzen und machen diese Marvel-Galaxie zu einem der faszinierendsten Sci-Fi-Schauplätze neben George Lucas' umfangreichem Star Wars-Universum und James Camerons Pandora. An das 3D von Avatar reicht die zehnte Marvel-Eigenproduktion zwar nicht heran, Freunde des 3D-Formats bekommen aber genug für ihr Geld geboten.

Zudem hat die Methode „Lieber dreimal das Publikum verwirren als es einmal langweilen“ den bestechenden Vorteil, dass Guardians of the Galaxy innerhalb von gerade einmal zwei Stunden Laufzeit eine überwältigende Anzahl an denkwürdigen, zitierfähigen Momenten unterbringt – dem Mangel an trägem Expositionsmaterial sei dank. Am stärksten sind jene Phasen, in denen Gunn seine fünf Anti-Helden einfach nur interagieren lässt: Der Humor der Figuren ergänzt sich perfekt und egal, ob sie sich gegenseitig auf den Arm nehmen, sie über Widrigkeiten lachen oder aber James Gunn diese unangepassten Charaktere nutzt, um über Blockbusterkonventionen herzuziehen – Guardians of the Galaxy ist ganz klar Marvels bislang humorvollster Film! Aber auch die Kampfsequenzen wissen zu überzeugen, wobei der in Sachen Big-Budget-Action noch unerfahrene Gunn bei den kleineren, unkonventionelleren Szenen eher besticht als bei den wirklich großen Aufeinandertreffen zwischen Gut und Böse.

Während der finale Showdown seine Sache einfach nur adäquat erledigt, zählen Szenen wie der ungeheuerlich lustige Gefängnisausbruch der Guardians zu den unterhaltsamsten Actioneinlagen des Filmjahres 2014. Dies ist auch Mitverdienst des für den Schnitt verantwortlichen Dreigestirns Craig Wood, Fred Raskin und Hughes Winborne, die bei Actionszenen mit beschwingtem Timing zwischen mehreren Kampfschauplätzen hin und her wechseln, ohne dabei zu sehr zu hetzen. Dadurch lassen sich auch die preisverdächtigen Computereffekte besser bestaunen, die sich makellos in die vielen praktischen Sets des Films einfügen.

Trotz des atypischen Looks und des kantigen Gebärdens der Hauptfiguren kann sich aber selbst Guardians of the Galaxy so mancher strikt ausgespielter Blockbuster-Konvention nicht verwehren. So entsteht ein leicht ernüchternder Beigeschmack, dass diese irre Welt und diese kauzigen Figuren nur an der mittellangen Leine gehalten werden, weil die Macher Angst hatten, sonst den Zuschauer zu verschrecken. Nicht zuletzt aufgrund des liebenswerten Groot und seines schroffen, aber auch verletzlichen Gefährten Rocket ist dieses schelmische Spaceabenteuer jedoch so spritzig, dass über diese Schwächen oder den austauschbaren Originalsoundtrack von Komponist Tyler Bates zu großen Teilen hinweg gesehen werden kann. Zu den Klängen treffend ausgewählter Retro-Popsongs rocken Peter Quill und Konsorten eh viel besser!

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