Montag, 23. November 2015

Shaun das Schaf – Der Film


Wohl kaum jemand käme auf den Gedanken, sämtliche Realfilme über einen Kamm zu scheren. Animationsfilme dagegen müssen dies leider gelegentlich über sich ergehen lassen, und erst recht die diversen Subkategorien dieses Mediums. Noch immer glauben zahlreiche Gelegenheitszuschauer, Zeichentrickfilm sei nahezu ausschließlich für Märchenmusicals da, während Computeranimationsfilme gleichbedeutend mit familientauglichen Komödien seien. Diese ignorante Haltung nimmt jedoch glücklicherweise kontinuierlich ab, so dass sich diese Formen des Trickfilms vielleicht eines Tages gänzlich von der ungerechtfertigten Schubladisierung befreien können. Eine andere Gattung animierter Produktionen wiederum muss sich wohl gar nicht aus einem engen Image-Gehege befreien, da es schon seit einiger Zeit tonal sehr widersprüchliche Paradebeispiele aufweist: Der Stop-Motion-Trickfilm.

Auf der einen Seite halten groteske, finstere Stopptrickwelten wie jene aus Nightmare before Christmas, Coraline und Corpse Bride diese cineastische Erscheinungsform am Leben, auf der anderen Seite aber gibt es freundlichere Produktionen wie Rudolph mit der roten Nase oder die gesittet-verschrobenen Wallace & Gromit-Geschichten. In einem der Kurzfilme über das außergewöhnliche Hund-und-Herrchen-Gespann aus dem Hause Aardman Animation trat auch erstmals das knuffige Schaf Shaun auf, welches seit 2007 weltweit mit einer eigenen Serie die Herzen von Kindern, Junggebliebenen und Trickbegeisterten erobert. Nach 130 offiziellen Kurzepisoden von maximal sieben Minuten Laufzeit erhält das Blöktier nun seinen eigenen Kino-Langfilm. Und auch wenn voreingenommene Seelen Shaun das Schaf – Der Film voreilig als reinen Kinderkram abtun werden, beweist die britisch-französische Koproduktion gleich mehrere Dinge auf einmal: Kino-Trickfilme müssen auch im Jahr 2015 nicht zappelig sein. Die Kinoversion einer im Kinderfernsehen versendeten Serie kann auch Erwachsenen herzlichen Spaß bereiten. Und: Dialoge sind überbewertet!

Denn wie schon die Serie kommt auch Shaun das Schaf – Der Film komplett ohne Worte aus – gelegentliches Kauderwelsch und Tiergeräusche natürlich mal ausgenommen. Die Regisseure Mark Burton und Richard Starzak lassen jedoch nie einen Moment aufkommen, in dem es in Ermangelung des gesprochenen Wortes langweilig wird. Denn bei Shaun, seiner Herde, dem Hütehund Bitzer und dem namenlosen Bauern ist wieder einmal ordentlich was los: Von dem fest eingefahrenen Tagesablauf auf der Farm entnervt, zetteln Shaun und seine Mitschafe eine kleine Revolution an, so dass der Bauer und seine hündische rechte Hand ihrem Tagwerk nicht weiter nachgehen können. Doch was die es sich im Haus gut gehen lassenden Schafe nicht auf Anhieb bemerken, ist dass der Farmer durch ein Versehen in die Großstadt verfrachtet wird. Ohne ihn nimmt das Chaos auf der Mossy Bottom Farm schnell überhand, weswegen Shaun beschließt, wieder den Status quo herzustellen …

Das 85-minütige Abenteuer der liebenswerten Knettierchen ist eine hinreißende Rarität in der modernen Filmlandschaft, und darüber hinaus ein mühelos funktionierendes Paradoxon: Ständig passiert etwas, es gibt also praktisch gar keinen narrativen Leerlauf, und trotzdem wirkt Shaun das Schaf – Der Film nicht einmal im Ansatz hektisch oder sprunghaft. Es ist ein gemütliches Sehvergnügen, das Burton und Starzak hier mit ihren grundsympathischen Figuren erschaffen, und dennoch vergeht bei dieser Parade an witzigen Ideen die Zeit wie im Fluge. Wie man dieses Aufeinanderprallen von Erzähltempo und Filmwirkung nennen soll, darf nun jeder für sich selbst entscheiden. Wie wäre es mit 'flinkem Flanieren'?

Aber ganz gleich, welches Etikett man diesem mittels Plastilin erschaffenen Land- und Stadtausflug nun aufkleben will, was die 17 Animatoren innerhalb von 10 Monaten hier geschaffen haben, bleibt erstaunlich: Während die altbekannte Mossy Bottom Farm auf der Leinwand in neuer Bandbreite begutachtet werden darf, strotzt die an London angelehnte Großstadt nur so vor Feinheiten, die das junge Publikum Staunen lassen dürften, während das ältere Publikum zur amüsanten Suche nach überraschenden Details eingeladen wird.

Entscheidender als die Hintergründe sind aber noch immer die Figuren, und die haben nichts von ihrem Charme und ihrer Ausdrucksstäre verloren. Egal, ob in Slapstickszenen oder in Passagen, die durch eine gewinnende Mischung aus Einfallsreichtum und Niedlichkeit das Publikum für sich einnehmen: Stets lauert ein weiterer perfekt getimter Lacher, ein goldiger Schmunzler oder eine lustig-clevere Popkulturreferenz um die Ecke. Neben den bekannten Serienhelden sorgen im Film auch ein an ALF erinnernder Hund und ein wahnwitziger Tierfänger dafür, dass die Lachmuskeln keine Ruhepause erhalten – sofern man als Zuschauer denn die Geduld für ein dialogfreies, actionarmes Stopptickabenteuer aufbringt. Verbissene Zyniker und (Möchtegern-)Pubertierende, die alles, was familienfreundlich ist, direkt als dumm und öde abtun, werden an Shaun das Schaf – Der Film nämlich wenig überraschend keinen Gefallen finden.

Da aber die Integration der neuen Figuren gelungen ist und der neue Schauplatz nichts an der gewohnten Dynamik ändert, werden Liebhaber des Wolltiers geballte Freude an diesem Film haben. Erst recht, weil Story und Inszenierung dafür sorgen, dass sich Shaun zwar treu bleibt, aber zugleich genügend Ungewöhnliches erlebt, um den Sprung von TV-Kurzfilmen zu abendfüllender Kinoproduktion zu rechtfertigen. Und nach dem Abspann bleibt einem aufgrund des dargebotenen, mustergültigen Zusammenspiels zwischen possierlicher Animation und munterer Tonkulisse nur eins: Der dringende Wunsch nach „Mäh“-er.

Fazit: Liebenswert, supersüß und saukomisch, ähhh, schafkomisch! Shaun macht es sich nun auf der großen Leinwand bequem und beschert seinen großen und kleinen Fans ein erfrischendes, gewitztes Abenteuer, das gerne fortgesetzt werden darf.

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